Wirtschaft

Energiesparlampen

Deutsche Firma will Kenianer erleuchten

Kenia baut sein Stromnetz kräftig aus - und schafft einen attraktiven Markt für deutsche Lampenhersteller. Branchenriese Osram will in dem ostafrikanischen Land nun massenhaft Energiesparlampen absetzen. Doch bei der umweltgerechten Entsorgung könnte es Probleme geben.

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Von Laura Koch, Nairobi
Sonntag, 13.03.2011   12:21 Uhr

Später Samstagabend im "Skylux", einer der beliebtesten Diskotheken Nairobis: HipHop wummert aus den Boxen, der Schweiß läuft, das Bier auch. Die Tanzfläche ist brechend voll. Plötzlich wird es stockdunkel, die Musik erstirbt, und durch die Fenster schimmert der afrikanische Nachthimmel herein.

In Kenias Hauptstadt ist der Strom ausgefallen. Nichts besonderes in Nairobi: Vor allem abends bricht das Netz in der größten Stadt Ostafrikas häufig zusammen. Weil KenGen, der staatliche Energieversorger, seit Jahren an seinen Kapazitätsgrenzen arbeitet, weil abends die Nachfrage nach Strom besonders hoch ist und weil das kenianische Stromnetz generell fragil ist. Die Wirtschaft im Land wächst, die Bevölkerung auch, die Ansprüche steigen, nur die Stromproduktion und technischer Standard halten damit kaum Schritt.

So gehören freiwillige und unfreiwillige Stromabschaltungen zu Nairobi wie der chaotische Verkehr. Kenias Hauptstadt steht damit nicht allein da. Ganz Afrika leidet unter seiner mangelhaften Energieversorgung. und wollen ihre Stromproduktion in den kommenden Jahren verdoppeln, Kenia träumt gar von einer Verzehnfachung der Strommengen in den nächsten 20 Jahren. Im Wesentlichen sollen und dazu beitragen - und doch werden auch CO2-Emissionen und Treibhausgase weiter steigen.

Weil fast 20 Prozent der globalen Energie für die Herstellung von Licht benötigt werden, wollen sich nun auch die großen Lampenhersteller am Sparen beteiligen - und gleichzeitig neue Märkte erschließen. Rund 25 Milliarden Euro setzen sie jährlich weltweit um. Es ist ein umkämpfter Markt, und Afrika gehört zu den Regionen mit den größten Wachstumspotentialen. "Wenn wir über CO2-Emissionen und Energieeinsparung sprechen, liegt beim Licht immer noch einer der größten Hebel", sagt Wolfgang Gregor vom Branchenriesen Osram. Im Klartext: Kaum irgendwo lässt sich mit ähnlich geringem Aufwand soviel Energie einsparen wie bei der Erzeugung von Licht.

Bislang gibt es kaum Energiesparlampen

Allein für 50 Milliarden Dollar, so belegen Osram-Zahlen, wird jährlich weltweit Kerosin verbrannt, um damit Licht zu produzieren. Würden weltweit nur noch eingesetzt, sagt das Uno-Umweltprogramm UNEP, könnten die Treibhausgase, die allein für die Erzeugung von Licht ausgepustet werden, halbiert werden.

Standard auf dem afrikanischen Kontinent ist die chinesische Glühbirne. Sie ist billig in der Anschaffung und vergleichsweise kurz in der Lebensdauer. Energiesparlampen etwa, innerhalb der EU inzwischen gesetzlich vorgeschrieben und bis zu 80 Prozent sparsamer im Verbrauch, sind in Afrika noch wenig verbreitet. Sie sind vergleichsweise teuer, und die längere Haltbarkeit ist für die große Mehrzahl der Afrikaner kein Kauf-Kriterium. Wer nicht weiß, was morgen kommt, verschwendet schon gar keinen Gedanken an das Übermorgen.

Das wollen große Licht-Hersteller jetzt ändern: Osram und der holländische Konkurrent Philips haben sich zusammen getan, um das Projekt gemeinsam voranzutreiben - und nebenbei den afrikanischen Markt zu erobern.

"Enlighten" nennt sich das Projekt, das sparsame und umweltfreundlichere Licht-Technologien in Schwellen- und Entwicklungsländern propagieren soll. Schwerpunkt ist der massenhafte Absatz von Energiesparlampen. Das Konzept hat Chancen, nicht nur weil es in den kommenden vier Jahren mit rund 20 Millionen Dollar befeuert wird. Die Marktführer Osram und Philips verkaufen weltweit rund 45 Prozent aller Leuchtmittel, zudem koordiniert die UNEP unter der Leitung des Deutschen Achim Steiner die Sache.

Bei der Entsorgung drohen Probleme

"Uns sind zwei Dinge wichtig", sagt der Spanier Manez Gomis, UNEP-Programm- und "Enlighten"-Projektleiter. "Wir wollen den CO2-Ausstoß reduzieren und die Kosten für den Stromverbrauch senken." Wenn Unternehmen davon profitieren, indem sie neue Märkte erschließen, "habe ich nichts dagegen", sagt Gomis.

Zunächst wurden über 100 Länder auf ihre Sparpotentiale untersucht, 28 davon in Afrika. Demnach könnte jährlich 27 Millionen Dollar einsparen, Kenia 45 Millionen und Südafrika sogar 270 Millionen, wenn ausschließlich Energiesparlampen zum Einsatz kämen.

Das klingt hoffnungsvoll, doch zugleich sind auch ein paar Probleme zu lösen.

In Afrika wird Müll üblicherweise verbrannt, wild abgekippt, und umfassende Recyclingsysteme, zumal für ausgediente Sparlampen, fehlen nahezu völlig.

Die gibt es zwar in Europa, aber auch dort, insbesondere in Südeuropa, arbeiten sie eher unzureichend. Wenn die quecksilberhaltigen Sparlampen jedoch auf der Müllkippe landen, gibt es ein echtes Umweltproblem.

"In Kenia würden sich Pfandsysteme anbieten"

Die "Enlighten"-Protagonisten sind mit einer Reihe nationaler Regierungen im Gespräch. Sie erwarten politische Unterstützung, denn ohne flankierende Gesetze, neue Sammelstrukturen und eine Kommunikation, die das Sammeln und Wiederverwerten populär macht, funktioniert kein Recycling-System.

Was also tun? Ein System zur Wiederverwertung von Leuchtmitteln nach deutschem Muster müsste erst geschaffen werden, es wäre aufwendig und teuer - und es würde nicht funktionieren.

"In Kenia etwa würden sich Pfandsysteme anbieten", sagt Gregor. "Nur so schafft man Anreize zur Rückgabe ausgedienter Lampen." Das würde den Preis leicht erhöhen, und müsste von Herstellern, Handel und Verbrauchern gemeinsam getragen werden. "Ich bin dennoch überzeugt, dass es funktionieren würde", sagt Gregor - vorausgesetzt, die kenianische Regierung kommt zum selben Schluss.

Klar ist: Leuchtmittel-Produzenten wie Osram haben ein großes Interesse an hohen Recyclingquoten. Sie sind auf die High-Tech-Metalle Seltene Erden angewiesen, die in den Lampen enthalten sind. Seitdem China seine Exporte der Seltenen Erden drastisch gekürzt hat und die Preise explodieren, müssen die Sparlampen-Hersteller über neue Methoden der Rohstoff-Gewinnung nachdenken - und sei es über die Wiederverwertung.

80 Prozent der Kenianer haben keinen Strom

Auch an anderer Stelle versucht Osram derzeit, neue Märkte zu erschließen: Nur ein kleiner Teil der afrikanischen Verbraucher ist an das Stromnetz angeschlossen. Batteriebetriebene Lampen wären ein Ausweg. Seit zwei Jahren betreibt der Konzern deshalb ein Projekt am Victoriasee, bei dem Fischer statt mit Kerosinlampen mit akkubetriebenen Sparlampen auf Fischfang gehen. Für rund 15 Euro Pfand können sich die Fischer einen Akku leihen, für etwa einen Euro die Batterie wieder aufladen. Die Nachfrage ist hoch, Osram plant inzwischen weitere Ladestationen.

Nicht nur die Fischer am Victoriasee sind auf netzunabhängiges Licht angewiesen: Rund 80 Prozent der Kenianer haben keinen Zugang zum allgemeinen Stromnetz. "Wir wollen unsere Idee weiter ausbauen", sagt deshalb Gregor. "In Zukunft gehen wir auch in die Slums, wo die Menschen vom Stromnetz nahezu vollständig abgeschnitten sind." Auch Osram habe bisher gerne in großen Dimensionen gedacht und "nicht gelernt, von kleinen Leuten kleines Geld zu nehmen".

Es geht dabei nicht um Hilfe für die Armen oder eine besonders menschenfreundliche Kampagne des Konzerns. Die Industrie müsse umdenken, sagt Gregor. Und er ist ehrlich genug, die Philosophie seines Unternehmens offen zu legen: "Nur Altruismus funktioniert nicht für ein Unternehmen. Was wir hier ausprobieren, ist für uns ein zukünftiges Geschäftsmodell."

insgesamt 33 Beiträge
Emmi 13.03.2011
1. Doch bei der umweltgerechten Entsorgung könnte es Probleme geben - auch in D!
Wie sieht es denn in D aus? Wo landen denn kaputte "Energiespar"-Lampen!? Richtig, im Hausmüll... Oder fährt deswegen jemand zur Deponie, um sie als Sondermüll zu entsorgen?
Zitat von sysopKenia*baut sein Stromnetz*kräftig aus - und schafft einen attraktiven Markt für deutsche Lampenhersteller. Branchenriese Osram will in dem ostafrikanischen Land nun massenhaft Energiesparlampen absetzen. Doch bei der umweltgerechten Entsorgung könnte es Probleme geben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,749996,00.html
Wie sieht es denn in D aus? Wo landen denn kaputte "Energiespar"-Lampen!? Richtig, im Hausmüll... Oder fährt deswegen jemand zur Deponie, um sie als Sondermüll zu entsorgen?
yankees 13.03.2011
2. Sondermüll...
... in Lampenform und Pfandsystem. Endlich wächst zusammen,was zusammen gehört. PS: Seit wann gehört Quecksilber zu den "Seltenen Erden"?
... in Lampenform und Pfandsystem. Endlich wächst zusammen,was zusammen gehört. PS: Seit wann gehört Quecksilber zu den "Seltenen Erden"?
redl 13.03.2011
3. Glasperlen für Afrika
Da will wohl jemand seine Alt-Technologie kolonialistisch günstig entsorgen. Hierzulande sind LEDs auf dem Sprung in die breite Anwendung, auch wenn deren Preise noch künstlich hochgehalten werden. Und das wäre natürlich auch [...]
Da will wohl jemand seine Alt-Technologie kolonialistisch günstig entsorgen. Hierzulande sind LEDs auf dem Sprung in die breite Anwendung, auch wenn deren Preise noch künstlich hochgehalten werden. Und das wäre natürlich auch dort das Richtige.
bairchen 13.03.2011
4. in deutschland
hier werden energiesparlampen nicht recycled. sie landen im hausmüll oder (falls sie zur deponie gebracht werden) unter der erde. http://www.spiegel.de/video/video-1112211.html
hier werden energiesparlampen nicht recycled. sie landen im hausmüll oder (falls sie zur deponie gebracht werden) unter der erde. http://www.spiegel.de/video/video-1112211.html
nöli 13.03.2011
5. Es geht nicht um Energieeinsparungen sondern Profit
... und Energiesparlampen werden in D nicht wirklich recycelt. Falls die Lampe tatsächlich den Weg bis zu einem verantwortlichen Entsorger findet, landet der Inhalt des Leuchtkörpers als Sondermüll Untertage. Die [...]
... und Energiesparlampen werden in D nicht wirklich recycelt. Falls die Lampe tatsächlich den Weg bis zu einem verantwortlichen Entsorger findet, landet der Inhalt des Leuchtkörpers als Sondermüll Untertage. Die Wiederverwendung ist zu aufwendig und damit zu teuer. Frohes Sparen!

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Vor-/Nachteile der Energieträger

Die Energiewirtschaft befindet sich im Umbruch - SPIEGEL ONLINE zeigt die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Energieträger.
Erdöl
Plus: Erdöl ist der Schmierstoff industrieller Volkswirtschaften. In Deutschland deckt Öl rund 35 Prozent des Energiebedarfs - so viel wie kein anderer Rohstoff. Im Verkehrssektor gibt es momentan kaum Alternativen zu Öl: Das bestehende Tankstellennetz ist auf Benzin und Diesel ausgerichtet, die heute gängigen Motoren fahren fast nur mit diesen beiden Treibstoffen.

Minus: Der Ölpreis ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen - und mit ihm der Spritpreis. Autofahrer mussten zeitweise mehr als 1,50 Euro für Benzin zahlen. Die deutsche Volkswirtschaft verliert dadurch Milliardenbeträge, denn das Land ist fast völlig von Importen abhängig. Weltweit liegen die meisten Ölvorkommen in politisch heiklen Regionen wie dem Nahen Osten, Russland, Venezuela oder Nigeria. Versorgungskrisen kann man daher nicht ausschließen. Darüber hinaus ist Erdöl ein endlicher Rohstoff: Die bekannten Vorkommen gehen langsam zur Neige. Große neue Felder wurden in den vergangenen Jahren kaum entdeckt - und wenn, dann nur in schwierig zu erschließenden Gebieten wie der Arktis. Hinzu kommt die CO2-Problematik: Wenn Öl verbrannt wird, entsteht das Klimagas Kohlendioxid .
Erdgas
Plus: Erdgas ist der klimafreundlichste fossile Energieträger - bei der Verbrennung entsteht weniger CO2 als bei Kohle oder Öl. Außerdem halten die Vorräte noch eine Weile: Die Reichweite der Gasvorkommen wird auf rund 60 Jahre geschätzt, bei Öl sind es nur 40 Jahre. Verfeinerte Fördertechniken machen zudem den Zugriff auf große neue Gas-Reservoirs möglich. Ein weiterer Vorteil: Gas kann einen wichtigen Beitrag zur Stromerzeugung leisten. Denn Gaskraftwerke lassen sich schnell hoch- und runterfahren - diese Flexibilität hilft, die Schwankungen beim Windstrom auszugleichen.

Minus: Weltweit verfügen nur wenige Länder über Gasvorkommen. Entsprechend groß sind die Abhängigkeiten - Deutschland bezieht rund 40 Prozent seines Erdgases aus Russland. Problematisch ist außerdem die noch immer weit verbreitete Bindung an den Ölpreis: Je teurer Erdöl wird, desto teurer wird auch Gas. Stromkonzerne klagen bereits, dass sich Gaskraftwerke kaum mehr rentieren. Private Haushalte kennen dasselbe Problem beim Heizen - Gas ist kaum günstiger als Öl. Auch beim Autofahren stellt Erdgas keine Alternative dar: Der aktuelle Preisvorteil gegenüber Benzin und Diesel liegt nur an der steuerlichen Begünstigung.
Kohle
Plus: Kohle gibt es fast überall auf der Welt - einseitige Importabhängigkeiten wie beim Gas sind deshalb nicht zu befürchten. Auch Deutschland verfügt über nennenswerte Ressourcen: Braunkohle lässt sich ohne Subventionen fördern, für Steinkohle ist dies bei weiter steigenden Preisen zumindest denkbar. Außerdem reichen die Vorräte so lange wie bei keinem anderen fossilen Energieträger: Schätzungen gehen von rund 200 Jahren aus. Kohle eignet sich vor allem zur Stromerzeugung in der Grundlast - rund 50 Prozent des deutschen Stroms stammen aus Kohlekraftwerken .

Minus: Kein Energieträger ist so klimaschädlich wie Kohle. Bei der Verbrennung entsteht rund doppelt so viel CO2 wie bei Gas. Problematisch könnte dies vor allem dann werden, wenn man bestehende Atomkraftwerke durch neue Kohlekraftwerke ersetzt - oder wenn Elektroautos künftig in großem Stil Kohlestrom tanken. Bedenklich sind außerdem die Arbeitsbedingungen, unter denen Kohle gefördert wird : Zu den größten Produzenten zählen China, Russland und Südafrika - Länder, in denen immer wieder Bergleute ums Leben kommen.
Atomenergie
Plus: Kernkraftwerke produzieren - wenn sie einmal gebaut sind - günstigen Strom. Der Rohstoff Uran wird nur in geringen Mengen verbraucht, so dass die laufenden Betriebskosten gering sind. Atomstrom kann in der Grundlast eingesetzt werden, also unabhängig von kurzfristigen Wetterschwankungen. In Frankreich wird Atomstrom auch zum Heizen verwendet, langfristig könnten so auch Elektroautos betrieben werden. Bei der Kernenergie wird kaum CO2 freigesetzt. Sie ist damit klimafreundlicher als Kohle oder Gas.

Minus: Der größte Nachteil der Atomenergie ist das Risiko eines GAUs. Selbst wenn man dafür eine geringe Wahrscheinlichkeit unterstellt - der Schaden wäre enorm. Die Katastrophe in Tschernobyl war nur ein Vorgeschmack dessen, was im dicht besiedelten Mitteleuropa passieren würde: Tausende Opfer, auf ewig verseuchte Landstriche, Vermögensverluste in zigfacher Milliardenhöhe. Hinzu kommt die ungelöste Frage der Endlagerung : Obwohl die Kernenergie seit rund 50 Jahren genutzt wird, gibt es bis heute keine dauerhafte Deponie für die verstrahlten Abfälle. Ob es überhaupt ein sicheres Endlager geben kann, ist umstritten: Der Atommüll strahlt zum Teil mehr als 100.000 Jahre lang - was in dieser Zeit alles passiert, kann niemand vorhersagen. In jüngster Zeit wird ein weiteres Problem immer häufiger diskutiert: Was geschieht, wenn Terroristen einen Anschlag auf ein Kernkraftwerk verüben? Oder wenn sie in den Besitz von spaltbarem Material gelangen? Sicherheitsexperten haben auf diese Fragen keine abschließende Antwort.
Wasser
Plus: Die Wasserkraft ist sehr umweltfreundlich - mit geringem Eingriff in die Natur lässt sich günstig Energie gewinnen. Rund fünf Prozent des deutschen Stroms stammen aus Wasserkraftwerken. Außerdem lässt sich in Stauseen sehr gut Energie speichern: Bei einem Überangebot an Strom wird Wasser nach oben gepumpt. Bei Bedarf wird es dann abgelassen, um die Turbinen anzutreiben.

Minus: In Deutschland ist das Potential der Wasserkraft so gut wie ausgeschöpft. Fast jeder Fluss hat ein Kraftwerk, ebenso fast jeder See. Im Ausland wiederum ist die Wasserkraft zum Teil in Verruf geraten: Riesenprojekte wie der Jangtse-Staudamm in China zerstören die Natur in großem Stil.
Wind
Plus: Von allen erneuerbaren Energien ist die Windkraft in den vergangenen Jahren am stärksten gewachsen. Mittlerweile beziehen die Deutschen deutlich mehr Strom aus Windrädern als aus Wasserkraftwerken. Auch in Zukunft hat die Branche großes Wachstumspotential - vor allem offshore, also in Windparks auf dem Meer . Ein weiterer Vorteil: Die Windkraft ist verhältnismäßig günstig. Die Betreiber der Anlagen bekommen über das Erneuerbare-Energien-Gesetz nur wenig mehr Förderung als der Preis für konventionellen Strom an der Energiebörse hoch ist. Zum Vergleich: Solarstrom wird weit höher vergütet.

Minus: Kritiker halten Windräder für eine Verschandelung der Landschaft. Außerdem weht der Wind sehr unzuverlässig: Bei einer starken Brise wird das deutsche Stromnetz überlastet, bei Flaute muss Strom aus dem Ausland hinzugekauft werden. Praktikable Speicher für Windenergie gibt es bisher nicht. Ein weiterer Nachteil: Starker Wind bläst vor allem in Norddeutschland, die großen Verbrauchszentren liegen aber im Süden und Westen. Um den Strom abzutransportieren, sind zahlreiche neue Leitungen nötig .
Sonne
Plus: Die Sonne ist nach menschlichen Maßstäben eine ewige Energiequelle , und sie scheint für jeden umsonst. Hätten alle Dächer Deutschlands eine Solaranlage, könnte so ein großer Teil des hiesigen Strombedarfs gedeckt werden - klimaschonend und unabhängig von Importen. Darüber hinaus lässt sich das Sonnenlicht auch zur Warmwasserbereitung nutzen: Mit Solarkollektoren kann man herkömmliche Heizungen ergänzen und so die Energiekosten drücken.

Minus: Die Sonne hat den gleichen Nachteil wie der Wind - ihre Energie lässt sich nicht zu jeder Uhrzeit nutzen. Das größte Problem ist jedoch der Preis: Solarstrom kostet viel mehr als konventioneller Strom. Und trotz milliardenschwerer Subventionen leistet Sonnenenergie bislang nur einen geringen Beitrag zur deutschen Stromversorgung: Schätzungen schwanken zwischen einem um zwei Prozent. Damit die Photovoltaik in Mitteleuropa wettbewerbsfähig wird, müsste es eine technische Revolution geben - oder die Preise für konventionelle Energie müssten dramatisch steigen.
Biomasse
Plus: Holz, Stroh, Mais - beim Verbrennen dieser Stoffe wird nur so viel CO2 freigesetzt, wie die Pflanzen vorher der Atmosphäre entzogen haben. Biomasse lässt sich in vielen Bereichen einsetzen: zum Heizen (beispielsweise mit Holzpellets), zum Autofahren (mit Biodiesel oder Bioethanol ) oder zur Stromerzeugung (mit Biogas). Der große Vorteil: Biomasse ist gespeicherte Energie. Man kann also frei entscheiden, wann man sie nutzen möchte - anders als bei Wind- oder Solarkraft. Ein weiterer Pluspunkt: Energiepflanzen, die in Deutschland wachsen, reduzieren die Abhängigkeit von Importen.

Minus: In jüngster Zeit gerät die Bioenergie massiv in die Kritik. Denn die Pflanzen benötigen enorme Anbauflächen - und treten damit in direkte Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Gerade bei Biotreibstoffen wird das zum Problem: Lässt es sich moralisch rechtfertigen, dass die Reichen Mais tanken - während die Armen hungern? Hinzu kommt ein gigantisches Mengenproblem: Wollte Deutschland seinen gesamten Benzin- und Dieselbedarf mit Biokraftstoffen decken, wäre dafür eine Fläche nötig, die größer ist als die gesamte Bundesrepublik. Das Gleiche gilt fürs Heizen: Sollten alle Bundesbürger auf Holzpellets umsteigen, würde der deutsche Wald dafür nicht reichen - erneut wären Energie-Importe nötig.
Erdwärme
Plus: Die Wärme im Erdinneren steht rund um die Uhr zur Verfügung. Sie lässt sich sowohl zum Heizen als auch zur Stromerzeugung nutzen. Gäbe es keine Probleme mit der Bohrtechnik, könnte die Geothermie den gesamten deutschen Energiebedarf decken.

Minus: In Deutschland muss man Hunderte oder gar Tausende Meter tief bohren, um ein ausreichendes Temperaturniveau zu erreichen. Die Kosten der Geothermie sind deshalb sehr hoch. Mancherorts gibt es außerdem Probleme mit dem Grundwasser. Andere Länder sind hier aus geologischen Gründen in einer besseren Position: Island zum Beispiel deckt seinen Energiebedarf zum Großteil mit der Wärme aus dem Erdinneren.

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