Wirtschaft

Immobilienboom als Gefahr für die Gesellschaft

Billionengewinner - und Millionen Verlierer

In Deutschland wird bisher spektakulär unterschätzt, wie sehr hochschnellende Hauspreise das Land spalten. Diesen Schluss legen neue Berechnungen nahe. Wie lange ist die Ungleichheit noch auszuhalten?

Jan Woitas/ DPA

Graffiti gegen Wohnungsnot (in Leipzig)

Eine Kolumne von
Freitag, 21.06.2019   14:19 Uhr

Es sind bizarre Zeiten. Da beteuern führende Denker des Landes, wie gut es uns doch gehe - mit mehr Wachstum, weniger Arbeitslosigkeit und weniger Ungleichheit, wie der Chef des Ifo-Instituts, Clemens Fuest, jüngst in einer Talkshow vortrug. Während wir das Gefühl nicht loswerden, dass dann doch nicht jeder die Einschätzung so ganz teilen mag.

Jetzt kann das natürlich daran liegen, dass die Leute einfach undankbar sind - oder wie Kevin Kühnert Kommunisten.

Möglich allerdings auch, dass in Deutschland über Jahre hinweg mangels hinreichender Statistiken dramatisch unterschätzt wurde, wie enorm reale Einkommen und Vermögen in jüngster Zeit auseinanderdriften. Und wie stark das mit dem Hochschnellen von Hauspreisen und Mieten zu tun hat - mehr als anderswo sogar.

Darauf lassen die spektakulären Ergebnisse einer gerade veröffentlichten Studie von drei Köln-Bonner Ökonomen schließen. Kein gutes Omen für Deutschlands nähere Zukunft.

Die Forscher um den Wirtschaftshistoriker Moritz Schularick schätzten erstmals, wie sehr die seit knapp einem Jahrzehnt hochschnellenden Preise für Immobilien dazu beitragen, die Vermögen im Land wundersam zu vermehren - und wer davon in welchem Ausmaß profitiert. Oder verliert.

Drei Billionen Euro mehr Vermögen

Nach den Schätzungen haben allein die rasant steigenden Immobilienwerte dazu geführt, dass diejenigen, die hierzulande Häuser besitzen, seit 2011 um sage und schreibe mehr als drei Billionen Euro an Vermögen gewonnen haben. Anders gesagt: Die Häuser sind heute über drei Billionen Euro mehr wert als damals.

Schon das wirkt komplett irre. Zumal so ein Haus ja seither nicht produktiver geworden ist. Und die Besitzer nicht mehr dafür tun als vorher. Außer zufrieden die Preisentwicklung zu verfolgen.

Um so viel Geld mit richtiger Arbeit statt mit Beobachtung zu erwirtschaften, muss der Rest des Landes ein ganzes Jahr lang malochen. Für Hobby-Ökonomen: Da ist so viel Vermögenswert dazugekommen wie ein jährliches Bruttoinlandsprodukt. Selbst wenn man einrechne, dass auch für Hauseigentümer die Lebenshaltung insgesamt in der Zeit teuer geworden sei, bleibe noch ein Gesamtgewinn von 2,5 Billionen Euro, so die Forscher.

Man kann zur Veranschaulichung noch eins drauflegen: Würden die Häuslepreisgewinner zwei Drittel des Nominalgewinns an, sagen wir, den netten Herrn Bundesfinanzminister abgeben, hätte Deutschland auf einen Schlag keine Staatsschulden mehr. (Was wir natürlich auch nicht wollen, weil dann ja keiner mehr Staatspapiere als Altersvorsorge halten kann.)

Die Nicht-Gewinner müssen für Glanz und Gloria der Betuchten zahlen

Spektakulärer noch ist, bei wem die Gewinne gelandet sind - oder anders gesagt: bei wie wenigen Menschen im Land. Wie Schularick und Kollegen auf Basis diverser Schätzungen erstmals errechneten, landete etwa die Hälfte des (allein) preisbedingten Vermögenszuwachses bei den (ohnehin schon) reichsten zehn Prozent der Deutschen. Die Top-20-Prozent konnten ihr Vermögen nur durch die wundersam-wunderbaren Wertsteigerungen um die Hälfte vergrößern.

Ein Drama wird daraus, wenn man auf die - vermögensmäßig - untere Hälfte der Bevölkerung blickt. Das halbe Land hat gar kein Haus - und kann deshalb auch nicht von den schönen Preisen profitieren. Hier liegen die geschätzten Immosausen-Vermögensgewinne der vergangenen Jahre nahe Null.

Schlimmer noch: Die Nicht-Gewinner müssen, wenn wir es auf den Punkt zu bringen versuchen, im Grunde für Glanz und Gloria der Betuchten zahlen - über die derzeit gelegentlich thematisierten monatlichen Mietzahlungen. Die wiederum im Sog der Hauspreise hochschnellen. Nur, dass der Mieter - anders als der Eigentümer - davon nicht so richtig reich werden will.

40 Prozent des Einkommens fürs Wohnen

Wie Forscher um den Ökonomen Christian Dustmann herausfanden, ist der Trend hier fatal umgekehrt. Die ärmsten 20 Prozent der deutschen Haushalte müssen wegen der immobiliensausebedingten Mietaufschläge mittlerweile 40 Prozent ihres Einkommens fürs Wohnen ausgeben. Anfang der Neunzigerjahre waren es gerade einmal 25 Prozent des Einkommens.

Das Ergebnis ist atemberaubend: Kein Teil der Gesellschaft ist durch den Immobilienboom so unfassbar viel reicher geworden als die, die ohnehin schon zu den Reichsten zählten. Und keine Gruppe hat durch denselben Boom so viel an verfügbarem Einkommen verloren als die, die ohnehin schon am wenigsten Einkommen haben.

Noch Fragen? Das ist komplett irre.

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Dieses Auseinanderdriften sei auch krasser als anderswo, so Schularick. Schon weil bei uns einfach weniger Leute in den eigenen vier Wänden leben als etwa in den USA - und Eigenheime bei den oberen Zigtausend konzentriert vorkommen. In den Vereinigten Staaten profitiert auch die Mittelschicht stärker von höheren Preisen auf die (eigenen) Häuser, wie Rechnungen von Schularick ergaben.

Das wird auf Dauer nicht gut gehen. Kevin hin oder her. Das hält eine Gesellschaft nicht lange aus.

Da hilft auch das Gebrabbel meist eher gut situierter Kommentatoren im Land wenig, wonach doch seit Jahren (angeblich) die laufenden Einkommen nicht mehr weiter auseinanderdriften. Toll. Das stimmt erstens nicht so ganz. Und es spiegelt zum anderen eben auch nur einen Teil der Wirklichkeit.

Was hilft es, wenn die Gehälter wieder etwas mehr steigen - wenn wegen hochgeschnellter Mieten am Ende des Monats trotzdem weniger übrig bleibt als vorher? Während andere im Schlaf reicher werden - nur weil sie zufällig im richtigen Moment ein Haus gekauft haben.

Höchste Zeit, sich sehr viel grundlegender damit zu befassen, wie der Wahn zu stoppen ist.

insgesamt 264 Beiträge
bartnelke 21.06.2019
1. höchste Zeit
sich grundlegend mit seinen Grundbedürfnissen zu befassen. Wie wahr. Man kann mit 18 einen Bausparvertrag abschließen und sich mit 40 im Nirgendwo als schuldenfreier Grundbesitzer erschöpft zur Ruhe setzen oder seine besten [...]
sich grundlegend mit seinen Grundbedürfnissen zu befassen. Wie wahr. Man kann mit 18 einen Bausparvertrag abschließen und sich mit 40 im Nirgendwo als schuldenfreier Grundbesitzer erschöpft zur Ruhe setzen oder seine besten Jahre völlig ortsungebunden durch die Welt ziehen. Leider ist letztere Gruppe so verwöhnt dass sie nicht dort wohnen möchte wo sie es sich leisten kann, sondern nach dem schönsten Ort schielt. Die zu nichts verpflichtende Freiheit des Mietens findet in den Mietwucherdiskussionen leider keinen angemessenen Faktor.
o.schork 21.06.2019
2. wo ist das Geld?
Dieser Wertzuwachs ist für den Immobilienbesitzer nicht spürbar. Er ist nur für den Immobilienverkäufer und -käufer spürbar. Das Transaktionsvolumen mit Immobilien liegt aber nicht bei 3 Billionen sondern bei 240 [...]
Dieser Wertzuwachs ist für den Immobilienbesitzer nicht spürbar. Er ist nur für den Immobilienverkäufer und -käufer spürbar. Das Transaktionsvolumen mit Immobilien liegt aber nicht bei 3 Billionen sondern bei 240 Milliarden. Gewinnmitnahme vielleicht 1/3. Also 80 Milliarden. Das sind 2.7% der erwähnten 3 Billionen.
sportinlife 21.06.2019
3.
Schön polemisch gegen die bösen Hausbesitzer. Wir wollen aber mal nicht vergessen, dass es auch der Spiegel ist, der in seinen Geschichten immer wieder erklärt und vorrechnet, dass mieten besser sei als kaufen. Wer das glaubt, [...]
Schön polemisch gegen die bösen Hausbesitzer. Wir wollen aber mal nicht vergessen, dass es auch der Spiegel ist, der in seinen Geschichten immer wieder erklärt und vorrechnet, dass mieten besser sei als kaufen. Wer das glaubt, guckt in die Röhre. Wir haben zum Glück nicht darauf gehört und wohnen heute in einem (abbezahlten) Haus, das seinen Wert in zwölf Jahren fast verdreifacht hat, und das wir uns als Mieter schon lange nicht mehr leisten könnten. Hätten das noch viel mehr Leute so gemacht, wäre der Immobilien-Wohlstand heute gerechneter verteilt.
dickidoro 21.06.2019
4. Immobilienboom
Das ist kein rein deutsches Phänomen. Meine Tochter und ihr Mann, beides Akademikerm arbeiten in Genf, Leben aber in einer französischen Nachbargemeinde nahe der Grenze, weil das Leben in Genf mit 2 Kindern unbezahlbar ist. [...]
Das ist kein rein deutsches Phänomen. Meine Tochter und ihr Mann, beides Akademikerm arbeiten in Genf, Leben aber in einer französischen Nachbargemeinde nahe der Grenze, weil das Leben in Genf mit 2 Kindern unbezahlbar ist. Eine andere Tochter lebt mit Ihrer Familie ( beides erfahrene Ärzte ) in Kiel und auch dort gibt es Dasselbe Bild. nur die sehr wohlhabenden Menschen können es sich leisten, z.B. In der Nähe der Kliniken zu Wohnen. Über 75 % selbst der Gutverdiener wohnen aber in Ortsteilen am Stadtrand oder sogar in Dörfern außerhalb der Stadt. all das kann man aber auch in anderen Ländern beobachten, insbesondere rund um Grossstädte. Selbst in Riga sind die Immobilienpreise in den letzten Jahren durch die Decke geschossen. dito in Stockholm. Die Immobilienbesitz stecken sich die Taschen voll und kaufen immer mehr dazu und die ganz große Mehrheit ist ade so über die Runden zu kommen.
zeichenkette 21.06.2019
5. Das hat mehr als eine Seite
Von Immobilienbesitz wird man nicht reich, höchstens vom Verkauf, wenn man billig gekauft hat. Die meisten kaufen heute aber teuer, dank des Booms. Mit den Mieten kann man diese Preise nie wieder reinholen. Sie können nur [...]
Von Immobilienbesitz wird man nicht reich, höchstens vom Verkauf, wenn man billig gekauft hat. Die meisten kaufen heute aber teuer, dank des Booms. Mit den Mieten kann man diese Preise nie wieder reinholen. Sie können nur hoffen, einen Dummen zu finden, der ihnen noch mehr bezahlt.
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