Wirtschaft

Krankenkassen

So profitieren Sie von den sinkenden Beiträgen

Ab diesem Jahr zahlt Ihr Arbeitgeber wieder wirklich die Hälfte des Kassenbeitrags. Was passt für Sie besser: das Geld zu sparen oder für Zusatzleistungen zu nutzen?

DPA

Eine Kolumne von
Samstag, 19.01.2019   19:32 Uhr

Im neuen Jahr starten die Krankenkassen in Deutschland in einen Wettbewerb mit veränderten Rahmenbedingungen. Denn die Arbeitgeber und auch die Rentenkassen zahlen künftig wieder wirklich die Hälfte der Zeche - auch vom Zusatzbeitrag, den jahrelang die Arbeitnehmer allein schultern mussten.

Liegt dieser Zusatzbeitrag wie bei den großen Krankenkassen DAK oder KKH bei teuren 1,5 Prozent und der gesamte Krankenkassenbeitrag damit bei 16,1 Prozent, zahlen ein Angestellter mit 3000 Euro Bruttoeinkommen wegen der Reform 22,50 Euro weniger, ohne selbst etwas tun zu müssen. Denn die Firma übernimmt die Hälfte Ihres Zusatzbeitrags von 45 Euro. Die tatsächliche Ersparnis fällt allerdings etwas geringer aus, denn wer Krankenkassenbeiträge spart, zahlt mehr Steuern.

Wenn Sie als Versicherte nun zu einer preiswerteren Kasse wechseln, zum Beispiel zur preiswertesten bundesweiten Krankenkasse HKK (die insgesamt nur 14,99 Prozent Beitrag verlangt), sinkt der Zusatzbeitrag auf knapp 0,4 Prozent, also bei 3.000 Euro brutto nur noch 12 Euro. Von denen zahlt der Arbeitgeber die Hälfte, also 6 Euro. Weshalb auch er sich über Ihren Kassenwechsel freuen würde.

Arbeitgeber rechnen so, denn für sie lohnt sich das wirklich. Bei einem großen Arbeitgeber mit 1000 Beschäftigten und einem Durchschnittsarbeitnehmer-Brutto von 3000 Euro, steigen die Lohnkosten nur um 6000 Euro im Monat statt um 22.500 Euro (für den Fall, dass alle Angestellten bei der teuren DAK wären).

Höheres Budget für die Kundschaft

Wie genau kluge Arbeitgeber rechnen, lässt sich schön am Beispiel von Schraubenkönig Würth zeigen. Der betreibt als einer von wenigen Arbeitgebern seit 1989 eine eigene gesetzliche Krankenkasse - inzwischen für fast 12.000 Mitarbeiter. Bei Würth kommt die Betriebskrankenkasse seit Jahren mit sehr niedrigem Zusatzbeitrag aus - 0,2 Prozent zur Zeit. Profitierten in den vergangenen Jahren ausschließlich die Arbeitnehmer des Konzerns, kommt die sparsame Politik jetzt auch bei der Firma an. Zusatzzahlungen vom Arbeitgeber werden auch weiterhin nur sehr spärlich fällig, drei Euro vom Angestellten und drei von Würth in unserem Beispiel.

Während die Arbeitgeber also 2019 wieder einen Blick auf die Zusatzbeiträge werfen werden, weil sich das konkret in der Kasse der Firma auswirkt, könnten die Versicherten mehr Wert auf Extra-Leistungen legen.

Das scheinen auch einige Krankenkassen zu denken. Die AOK Nordost wirbt in einer großen Plakataktion für ihr Berliner und Brandenburger Publikum mit einem höheren Jahresbudget, das ihre Kunden für Zusatzleistungen beanspruchen dürfen. 500 Euro, das ist doppelt so viel wie bei der AOK Bayern. Mehr Geld also für Schwangerschaftsvorsorge, Osteopathie und Zahnreinigung.

Die TK, der Markführer unter den Krankenkassen mit 7,8 Millionen Mitgliedern, hat sich für den anderen Weg entschieden. Sie hat ihre Beiträge um 0,2 Prozent gesenkt. Für das Mitglied mit 3000 Euro brutto bringt das gerade einmal 3 Euro, genauso viel für den Arbeitgeber. Aber wenn die Mitglieder im Schnitt drei Euro sparen sind das mehr als 23 Millionen Euro im Monat. Genauso viel bleibt in den Taschen der Arbeitgeber. Ähnlich hat sich die traditionell günstige HKK verhalten. Sie hat ihren Beitragssatz um 0,2 Prozent auf 14,99 Prozent abgesenkt und bietet damit die günstigsten Beiträge von allen bundesweit offenen Kassen.

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Wie sollten sich Mitglieder also 2019 entscheiden? 95 Prozent der Leistungen sind im Prinzip bei allen Kassen gleich, doch im Einzelnen können die Unterschiede bei Leistung und Preis gravierend sein. 38 Kassen haben die Beiträge gesenkt, nur sechs erhöht, darunter keine bundesweit geöffnete.

Die Antwort auf die Frage hängt davon ab, zu welcher Gruppe Sie sich zählen:

Wer genug Geld hat und zufrieden ist mit seiner Kasse, hat keinen Anlass zum Handeln, jedenfalls nicht zum Wechseln. Wenn die Kasse für Sie richtig gut funktioniert, macht es aber möglichweise Freude, mal zu prüfen, was die Kasse noch alles anbietet. Vielleicht gibt es Extra-Geld für eine Rückenschule, für die Hebammenrufbereitschaft oder für das gesamte Impfpaket vor der Reise an den Amazonas. Eine Liste möglicher Zusatzleistungen finden Sie hier.

Wer mit der Kasse zufrieden ist, beim Vergleich mit den preiswertesten Kassen im Bundesland aber feststellt, dass sie ganz schön teuer ist, und wem gleichzeitig das Geld an allen Ecken und Enden fehlt, der hat noch mehr Anlass zu prüfen, was im Leistungsspektrum der Kasse noch drin ist. Bonusleistungen für die Aktivitäten im Sportverein, eine kostenlose Zahnreinigung bei Vertragszahnärzten oder der Zuschuss für den Schwimmkurs der Kinder. Die preiswertesten Kassen für jedes Bundesland finden Sie hier.

Wer unzufrieden mit seiner Kasse ist, weiß warum. Vielleicht stimmt der Service nicht, die Mitarbeiter kümmern sich nicht um die Anliegen der Versicherten, reagieren barsch oder schreiben unverständliche Antworten. Oder die Kasse hat bei der Verordnung von Hilfsmitteln neue Anbieter gewählt und die neuen Verbände, Windeln oder Rollatoren funktionieren nicht gut. Vielleicht läuft auch das Programm für die chronische Erkrankung nicht rund. Prüfen Sie also, ob exakt die Leistungen, die sie vermissen, bei der Konkurrenz angeboten werden. Da, wie gesagt, die Kassenleistungen zu 95 Prozent gleich sind, müssen Sie sich keine Sorgen machen, plötzlich in Schwierigkeiten zu geraten, falls Sie eine neue Krankheit oder einen Unfall haben. Sofern Sie persönliche Beratung brauchen, kommen nur Kassen mit einem Außendienst in Ihrer Gemeinde oder Ihrem Stadtteil in Frage. Geht es um die Facharztvermittlung und Informationen für die geplante Weltreise, sind eine funktionierende Medizin-App, bezahlte Impfungen und ein gutes Infopaket vielleicht entscheidender.

Wer unzufrieden ist und auch noch knapp bei Kasse, muss nicht verzweifeln. Es ist nicht so, dass die teuersten Kassen auch die besten wären. Prüfen Sie bei den preiswertesten Anbietern im eigenen Bundesland, ob die anbieten können, was Ihnen bei Ihrer aktuellen Kasse fehlt. Je größer die Unzufriedenheit, je klarer de (empfundenen) Mängel, desto hartnäckiger sollten Sie suchen. Unsere Erfahrung zeigt: In der Regel finden Sie tatsächlich eine bessere Kasse. Also eine, die einen für Sie passenden Kompromiss zwischen gut und günstig verfolgt.

Der Wechsel selbst ist ganz einfach. Wenn Sie die neue Kasse noch im Januar finden, sollten Sie bis Ende des Monats kündigen und sich sofort anschließend bei der neuen Kasse melden. Sie können dann schon im April in der neuen Kasse sein. Schicken Sie die Kündigung am besten per Einschreiben. Eine Bestätigung sollte binnen zwei Wochen ankommen.

Und keine Angst: Falls irgendwas beim Wechsel nicht klappt, bleiben Sie automatisch in der alten Kasse - und können einfach einen zweiten Wechselanlauf machen.

insgesamt 36 Beiträge
Tusnelda 19.01.2019
1. Sinkende Beiträge? Blödsinn!
Der Staat rechnet sich das via Beitragsbemessungsgrenze schön - Menschen mit mittlerem Einkommen müssen die KK-Beiträge komplett selbst finanzieren und der Staat ist fein außen vor. Mal schlappe 800 und ein paar Zerquetschte. [...]
Der Staat rechnet sich das via Beitragsbemessungsgrenze schön - Menschen mit mittlerem Einkommen müssen die KK-Beiträge komplett selbst finanzieren und der Staat ist fein außen vor. Mal schlappe 800 und ein paar Zerquetschte. Ein wirkliches Vergnügen in den teuren Mietregionen dieses Landes - mit Miete sind hier 2/3 des Einkommens weg, Nebenkosten noch nicht erwähnt...
Nordstadtbewohner 19.01.2019
2. Schwächung der Wettbewerbsfähigkeit
Die Wiedereinführung der Parität der Krankenkassenbeiträge führt dazu, dass die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen in Zeiten der Globalisierung geschwächt wird. Der frühere Ausstieg aus der paritätischen [...]
Die Wiedereinführung der Parität der Krankenkassenbeiträge führt dazu, dass die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen in Zeiten der Globalisierung geschwächt wird. Der frühere Ausstieg aus der paritätischen Finanzierung hatte genau die Intension, die Unternehmen in Deutschland von den steigenden Kosten des demografischen Wandels (immer ältere Menschen, die medizinisch versorgt werden müssen) zu entlasten. Jetzt geht die Politik wieder einen Schritt zurück, was ich für völlig falsch halte. Dazu kommt, dass die Beiträge zur Pflegeversicherung zum Jahreswechsel erhöht worden sind. Was man laut Herrn Tenhagen bei der Krankenversicherung einspart, muss man für die Pflegeversicherung draufzahlen.
hpampel 19.01.2019
3. 2. Nordstadtbewohner
Genau richtig was sie sagen. Aus meiner Sicht gehört die Parität komplett abgeschafft. Es kann nicht sein das unsere Unternehmen völlig einseitig die Lasten der Gesellschaft tragen. Immerhin geben Sie Arbeit und zahlen [...]
Genau richtig was sie sagen. Aus meiner Sicht gehört die Parität komplett abgeschafft. Es kann nicht sein das unsere Unternehmen völlig einseitig die Lasten der Gesellschaft tragen. Immerhin geben Sie Arbeit und zahlen horrende Steuern, das sollte reichen. Außerdem würden die deutschen Unternehmen gerne im Inland investieren, aber der Staat nimmt ihnen damit die Luft zum Atmen. Ich kenne reichlich Unternehmer die nur noch arbeiten und ihre Firma am Leben halten um ihre Angestellten zu bezahlen. Soviel Selbstlosigkeit darf nicht auch noch bestraft werden.
shotaro_kaneda 19.01.2019
4. @ Nordstadtbewohner #2
Sie äußern immer wieder unternehmerfreundliche bzw. arbeitgeberfreundliche Kommentare und bringen mich oft zum schmunzeln damit :-) Aber das nur am Rande. Gehören deutsche Unternehmen und Unternehmer nicht zur deutschen [...]
Sie äußern immer wieder unternehmerfreundliche bzw. arbeitgeberfreundliche Kommentare und bringen mich oft zum schmunzeln damit :-) Aber das nur am Rande. Gehören deutsche Unternehmen und Unternehmer nicht zur deutschen Gesellschaft? Profitieren Unternehmer und Unternehmen etwa nicht von der Arbeit ihrer Angestellten, welche sich gegebenfalls durch ihre Arbeit ihre Gesundheit vermiesen? Tragen Unternehmer nicht zur Vergreisung unserer Gesellschaft bei? (Befristung, Leiharbeit, teilweise niedrige Löhne, Arbeitserledigung auch in der "Freizeit", Flexibilität des AN, Nachteil bei Karriereplanung von Frauen mit Kindern, keine Einstellung von Alleinerziehenden). Wenn also der AG zur Hälfte die Kosten der Beiträge übernimmt, ist das nur als fair und sollte eigentlich selbstverständlich sein. Es ist mir sowieso ein Rätsel, wie selbstverständlich die Aussetzung und anschließend die Einfrierung für AG in unserer Gesellschaft über die Bühne gingen. Arbeitgeber dürfen im übrigen selbst auch gern mehr gegen die Vergreisung unserer Gesellschaft tun, indem oben genannte Missstände beseitigt werden. Wie wärs mit einer Betriebskita oder Lohnerhöhung für jedes geborene Kind eines Angestellten? Arbeitgeber haben wahrscheinlich wohl mit den größten Einfluss auf die Geburtenrate in unserem Land. Stellen sie sich bitte ihrer Verantwortung.
egoneiermann 19.01.2019
5.
Jep, auch bei geringem Einkommen und ohne Arbeitgeber darf ich dieses Jahr 30 Euro mehr zahlen. Denn eins ist sicher, egal ob die Beiträge (Prozentual) sinken oder steigen, die Bemessungsgrundlage steigt jedesmal und damit [...]
Zitat von TusneldaDer Staat rechnet sich das via Beitragsbemessungsgrenze schön - Menschen mit mittlerem Einkommen müssen die KK-Beiträge komplett selbst finanzieren und der Staat ist fein außen vor. Mal schlappe 800 und ein paar Zerquetschte. Ein wirkliches Vergnügen in den teuren Mietregionen dieses Landes - mit Miete sind hier 2/3 des Einkommens weg, Nebenkosten noch nicht erwähnt...
Jep, auch bei geringem Einkommen und ohne Arbeitgeber darf ich dieses Jahr 30 Euro mehr zahlen. Denn eins ist sicher, egal ob die Beiträge (Prozentual) sinken oder steigen, die Bemessungsgrundlage steigt jedesmal und damit auch das was jeder, der darunter liegt zahlen darf. UNd als Selbständiger immer gleich doppelt.

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