Wirtschaft

Miete, Wegstrecke, Fahrtkosten

In diesen Städten lohnt sich das Pendeln aus dem Umland

Weil das Wohnen in Großstädten teurer wird, ziehen Menschen oft in die Peripherie und pendeln zur Arbeit. Aber ist das sinnvoll? Eine Auswertung für den SPIEGEL zeigt, in welchen Regionen sich Pendeln auszahlt - und wo nicht.

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Mittwoch, 02.01.2019   12:20 Uhr

Tagtäglich machen sich Millionen Menschen in Deutschland auf den Weg zur Arbeit. Sie warten am Gleis auf Bahnen, quetschen sich in Busse, stehen im Stau. Nicht selten liegen Dutzende Kilometer zwischen Arbeits- und Wohnort.

Deutschland ist Pendlerland. Über die vergangenen Jahrzehnte ist die Zahl der Pendler immer weiter gestiegen. Inzwischen pendeln hierzulande gut 18 Millionen Menschen. Und deren Wege werden immer länger: Laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat sich die mittlere Pendeldistanz seit dem Jahr 2000 um 21 Prozent erhöht.

Viele Menschen sind inzwischen zum Pendeln gezwungen. Denn neue Jobs entstehen vor allem in den boomenden Metropolen. Aber weil dort die Zahl der Wohnungen nicht entsprechend mitwächst, ziehen viele Menschen ins günstigere Umland.

Aber ist das Wegziehen finanziell sinnvoll? Das Immobilienforschungsinstitut F+B hat sich 24 deutsche Großstädte genauer angeschaut und für den SPIEGEL untersucht, inwieweit sich ein Umzug ins Umland lohnt.

Dafür haben die Experten die Wohnkosten im Umland mit denen in der Stadt verglichen. Anschließend haben sie Fahrtkosten und Zeitaufwand berechnet. "Die Datenauswertung kann als Entscheidungshilfe für Umziehende dienen und die Wahl des Wohnortes erleichtern", sagt Manfred Neuhöfer von F+B.

Herausgekommen sind etwa Umlandgemeinden, die sich gut zum Pendeln eignen, weil sie ein vergleichsweiße günstiges Wohnangebot bieten und über gute Verkehrsanbindungen verfügen (5 Sterne). Andererseits gibt es Städte und Landkreise, die schlecht angebunden sind und kaum oder gar keinen Mietkostenvorteil bieten (1 Stern).

Die Forscher untersuchten die Pendelstrecken zwischen einer Metropole und den angrenzenden Städten und Landkreisen. Weiter entfernte Städte und Landkreise, die nicht an eine Metropole angrenzen, wurden ebenso wenig berücksichtigt wie Orte mit weniger als 25.000 Einwohnern.

Auf den Karten ist zu sehen, was das Wohnen im Umland im Vergleich zum Stadtgebiet kostet, wie lange Pendler mit dem Auto oder dem Zug für den Weg in die Stadt benötigen und welche Kosten entstehen. Suchen Sie sich Ihre Großstadt aus und klicken Sie sich durch die unterschiedlichen Pendlerorte im Umland, um Vor- und Nachteile zu erkunden.

In Großstädten wie Düsseldorf, Frankfurt und Stuttgart zeigt sich etwa folgendes Bild: In den kleineren Städten im Umland sind Miet- und Kaufpreise in der Spitze bis zu 50 Prozent günstiger als in der Kernstadt, die Fahrzeiten sind dank guter Verkehrsanbindungen moderat. "Das Wohnen in diesen Großstädten ist häufig sehr teuer, deshalb ergibt es oftmals Sinn, ins günstigere Umland zu ziehen, das gut angebunden ist", sagt Manfred Neuhöfer Projektleiter von F+B.

Doch Gemeinden im Umland sind nicht immer günstiger als die Großstädte. Das zeigt sich im Ruhrgebiet: In Städten wie Essen, Duisburg und Bochum sind die Mietpreise im Umland etwa oftmals deutlich höher als in den Kernstädten. "Diese Großstädte gelten als strukturschwach, die arbeitende Elite zieht es dort eher vor, im Umland zu wohnen, das treibt die dortigen Haus- und Mietpreise in die Höhe", sagt Neuhöfer. Das sei typisch für schwerindustriell geprägte Regionen.

Hinzu kommt: Viele kleinere Städte außerhalb der Metropolregion, etwa im Münster- oder Sauerland, sind nur mit Bussen an das Ruhrgebiet angebunden. Pendler müssen lange Wege auf sich nehmen. Das Ruhrgebiet ist laut der Analyse von F+B deshalb nicht umsonst eine der am höchsten staubelasteten Regionen Deutschlands.

Kaufpreisvorteile im Umland lassen nach

In der deutschen Pendlerhauptstadt München lohnt sich das Umziehen zumindest immer weniger. Dort arbeiteten 2016 etwa 355.000 Menschen, die außerhalb der Stadtgrenze wohnten. "Die steigenden Mieten und Wohnungspreise in München haben in den vergangenen Jahren viele Menschen aus der Stadt getrieben, sodass inzwischen auch die Umlandregionen nicht mehr wirklich günstig sind", sagt Neuhöfer. Die Kaufpreisvorteile in den Umlandgebieten liegen im Schnitt bei nur 30 Prozent. Demgegenüber stehen aber verhältnismäßig kurze Fahrzeiten in die Stadt.

Die Pendelzeit ist ein Faktor, der oft zu wenig berücksichtigt wird. Viele Menschen ziehen ins Umland, weil sie sich dort eine größere Wohnung oder sogar ein Haus mit Garten leisten können. "Doch der große Nachteil ist dabei der Verlust an Lebenszeit", sagt Neuhöfer. Mehr als jeder vierte Erwerbstätige braucht heute länger als eine halbe Stunde zur Arbeit. Auf ein Arbeitsleben gerechnet macht das mehr als ein Jahr Pendelei.

Um die tatsächlichen Fahrzeiten zu ermitteln, haben die Forscher von F+B Stauzeiten des Kartenanbieters INRIX den Autofahrzeiten hinzuaddiert. Bei den Zugverbindungen griffen sie auf Verspätungsdaten von regionalen Verkehrsverbünden zurück. "Die Verspätungszuschläge fallen je nach Region sehr unterschiedlich aus", sagt Moritz Leutner von F+B. Einige Umlandgebiete schnitten wegen hoher Verspätungen schwächer in der Gesamtbewertung ab.

Bei den zurückgelegten Strecken gibt es innerhalb einer Metropolregion große Unterschiede. Das zeigt die Beispiele der beiden Städte Haan (etwa 30.000 Einwohner) und Heiligenhaus (etwa 27.000 Einwohner), beide nahe Düsseldorf: In beiden Städten ist es das Wohnen an sich deutlich günstiger als in Düsseldorf. Auch die Kosten für den Fahrweg mit dem Auto liegen wegen der ähnlich langen Strecken nah beieinander. Doch Haan ist wesentlich besser an den öffentlichen Nahverkehr angebunden, es gibt einen Bahnhof, von dem aus man in knapp einer halben Stunde zum Düsseldorfer Hauptbahnhof kommt. In Heiligenhaus gibt es keinen Bahnhof, man muss die Busverbindungen nutzen. "Unsere Analyse zeigt, dass Haan für Pendler deutlich besser geeignet ist als Heiligenhaus", sagt Neuhöfer. Städte, die über keine Zuganbindung verfügen, wurden in der Bewertung abgestraft, weil Busverbindungen in den meisten Fällen für Pendelstrecken ungeeignet sind, da sie häufig an der Stadtgrenze enden.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version der interaktiven Karte war der Ort Vaihingen an der Enz mit einer falschen Entfernung zu Stuttgart angegeben. Wir haben die Daten zu diesem Ort deshalb bis auf Weiteres aus der Karte entfernt.

Wer hat die Studie erstellt?

F+B Forschung und Beratung für Wohnen, Immobilien und Umwelt zählt seit mehr als 25 Jahren zu den großen, unabhängigen Forschungs- und Beratungsinstituten in der Wohnungs- und Immobilienmarktforschung, der Portfolioanalyse und -bewertung sowie der Stadt- und Regionalentwicklung.

Zum Kundenstamm zählen sowohl Wohnungs- und Immobilienunternehmen als auch Banken und Bausparkassen, Städte/Gemeinden sowie Bundes- und Landesbehörden. Mit bundesweiten Marktdaten, Analysen und Studien sorgt F+B für mehr Transparenz über die sich immer stärker ausdifferenzierenden Immobilienmärkte und gewährleistet so den Akteuren ein Mehr an Entscheidungssicherheit.

F+B gibt seit 1996 den F+B Mietspiegelindex heraus, die wichtigste empirische Grundlage über das Niveau der Mieten im Wohnungsbestand. Der F+B Wohn-Index als Kombination von Indizes für alle Objektarten wird seit 2011 vierteljährlich mit einer Datenreihe vorgelegt, die bis zum Jahre 2004 zurückreicht und alle deutschen Städte mit mehr als 25.000 Einwohnern erfasst.

www.f-und-b.de


Grafik: Dawood Ohdah, Chris Kurt, Frank Kalinowski, Patrick Stotz

insgesamt 187 Beiträge
Klospülung 02.01.2019
1. Dorfleben
Ob sich das Pendeln lohnt kann man ja nicht nur von pekuniär Gründen abhängig machen. Sobald man ins Umland zieht wird der Kontakt mit den Freunden in der Stadt schwieriger, man kann nicht mehr so leicht auf das kulturelle [...]
Ob sich das Pendeln lohnt kann man ja nicht nur von pekuniär Gründen abhängig machen. Sobald man ins Umland zieht wird der Kontakt mit den Freunden in der Stadt schwieriger, man kann nicht mehr so leicht auf das kulturelle Angebot zugreifen und Nachts nach Hause kommen wird auch schwierig.
fehleinschätzung 02.01.2019
2. Propaganda für noch mehr Verkehr
vielen Dank für den Artikel, es nimmt vorweg, was uns allen noch blüht...
vielen Dank für den Artikel, es nimmt vorweg, was uns allen noch blüht...
jujo 02.01.2019
3. ....
Die Preis- und Zeitvergleiche Auto zum ÖPNV z.B. Bernau nach Berlin sind eindeutig. Jeder der jetzt noch bei diesen Kriterien das Auto favorisiert dem ist nicht zu helfen. Da ist jegliche Diskussion Zeitverschwendung.
Die Preis- und Zeitvergleiche Auto zum ÖPNV z.B. Bernau nach Berlin sind eindeutig. Jeder der jetzt noch bei diesen Kriterien das Auto favorisiert dem ist nicht zu helfen. Da ist jegliche Diskussion Zeitverschwendung.
s.p.igel 02.01.2019
4. Wenn Pendeln kostengünstiger ist .....
.....wieso wird es dann steuerlich gefördert? Es wäre doch sinnvoller denjeniger steuerlich zu fördern, der bereit ist, in die Nähe seines Arbeitsplatzes zu ziehen, dafür höhere Kosten in Kauf nimmt und Umwelt und [...]
.....wieso wird es dann steuerlich gefördert? Es wäre doch sinnvoller denjeniger steuerlich zu fördern, der bereit ist, in die Nähe seines Arbeitsplatzes zu ziehen, dafür höhere Kosten in Kauf nimmt und Umwelt und Mitmenschen entlastet.
cptlars 02.01.2019
5. Da wurde ganz schlecht recherchiert
Die Kosten für den öffentlichen Nahverkehr von Brandenburg bis Berlin sind wesentlich günstiger als die hier aufgeführten 2000 Euro. Die Pendler holen sich hier eine Monatskarte im Abo. Die Kosten liegen hier bei 1416 Euro. [...]
Die Kosten für den öffentlichen Nahverkehr von Brandenburg bis Berlin sind wesentlich günstiger als die hier aufgeführten 2000 Euro. Die Pendler holen sich hier eine Monatskarte im Abo. Die Kosten liegen hier bei 1416 Euro. Bei den Kosten für die Fahrt mit dem Auto wurden leider keine Werkstatt und Abnutzungskosten einbezogen die auch als statistische Werte existieren.

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