Wirtschaft

Amazon, Zalando und Co.

Die Retourenrepublik

Die Grünen wollen Onlinehändlern verbieten, Retouren zu vernichten. Doch wie groß ist das Problem überhaupt? Der Überblick in Grafiken.

Julian Stratenschulte / DPA

Alles Retour: Amazon-Pakete in einem Logistikzentrum

Von und (Grafiken)
Mittwoch, 12.06.2019   16:39 Uhr

Der Gesetzgeber hatte es gut gemeint, als er im Jahr 2000 das Fernabsatzgesetz verabschiedete. Seitdem dürfen auch Onlineshopper Waren ausprobieren und sie zurückgeben, wenn sie ihnen nicht gefallen - so wie es auch im stationären Laden üblich ist. Ohne Begründung können Käufer die Waren innerhalb von 14 Tagen an den Händler zurücksenden. Dieser muss dann den Kaufpreis erstatten und die einfachen Lieferkosten übernehmen.

Knapp 20 Jahre später ist zu beobachten, wohin das geführt hat: Von Jahr zu Jahr schicken die Deutschen immer mehr Pakete zurück. Bestellen, ausprobieren, ein Teil auswählen - und der Rest geht retour. Das ist das Prinzip, nach dem viele Käufer verfahren.

Nach Ansicht der Grünen führt das auch dazu, dass im Onlinehandel zu viele Produkte weggeschmissen werden, die eigentlich noch gut verwendbar wären. Laut Grünenfraktionschefin Katrin Göring-Eckardt erleben wir "eine Perversion der Wegwerfgesellschaft". Sie forderte am Wochenende, Onlineversandhändlern wie Amazon zu verbieten, neuwertige Waren nach deren Rücksendung zu vernichten. "Der Staat ist gefordert."

Aber wie viele Rücksendungen erhalten Amazon und Co. tatsächlich? Landen all diese Retouren im Müll? Und welche Auswirkungen hat das für die Umwelt?

Sechs Grafiken zeigen die wichtigsten Zahlen zu den Retouren. Die Daten stammen alle von der Forschungsgruppe Retourenmanagement der Universität Bamberg, die seit Jahren den deutschen Onlinehandel untersucht.

Tatsächlich ist die Anzahl der Pakete, die von Verbrauchern zurückgeschickt werden, gewaltig: Den Forschern zufolge gingen im Jahr 2018 in Deutschland schätzungsweise 280 Millionen Retourenpakete auf die Reise.

SPIEGEL ONLINE

Damit wurden im Schnitt 16,3 Prozent der ausgelieferten Pakete zurückgeschickt.

SPIEGEL ONLINE

Die massenhaften Retouren werden nach Ansicht von Umweltschützern zu einem enormen Umweltproblem. "Unser Konsum vernichtet immer mehr Ressourcen und heizt die Klimakrise an", sagt Viola Wolgemuth, Konsumexpertin von Greenpeace. Verbraucher sollten sich bewusst sein, dass jedes einzelne zurückgeschickte Paket Folgen für die Umwelt habe.

SPIEGEL ONLINE

Gerade bei Onlinemodehändlern wie Zalando und About You gehören Retouren zum Geschäftsmodell. Denn durch möglichst bequeme Rücksendeoptionen (alles portofrei!) können Kunden shoppen wie in der Fußgängerzone, nur eben vom Sofa aus. Zalando ist dank dieser Geschäftsidee zur vielleicht erfolgreichsten deutschen Internetfirma überhaupt aufgestiegen. Seit dem Börsengang vor fünf Jahren hat sich der Zalando-Aktienkurs verdoppelt. Das Unternehmen beschäftigt inzwischen mehr als 15.000 Mitarbeiter und machte 2018 einen Umsatz von 5,4 Milliarden Euro.

Doch bei Kleidung und Schuhen liegt die Retourenquote besonders hoch, Branchenkenner schätzen sie auf mindestens 50 Prozent. Offizielle Zahlen veröffentlichen die Unternehmen dazu nicht. Sicher ist aber, dass die Quote deutlich höher liegt als im übrigen Onlinehandel.

SPIEGEL ONLINE

Lange äußerten Analysten deshalb Zweifel an den Geschäftsmodellen der Onlinehändler. Denn jedes Paket, das zurückkommt, verursacht Kosten: Je mehr Retouren, desto schmaler der Gewinn - die Formel ist relativ simpel.

So machte Zalando die "ineffiziente Aufbereitung retournierter Artikel" für seine roten Zahlen im dritten Quartal 2018 mitverantwortlich. Auch bei About You soll laut Brancheninsidern die Masse von Retouren der Grund sein, warum das Unternehmen noch keine Gewinne schreibt.

Einer der Bamberger Forscher bezeichnet Retouren als "Blinddarm des E-Commerce": Jeder hat sie, keiner spricht gern darüber, und manchmal tun sie den Händlern richtig weh.

SPIEGEL ONLINE

Wegen der hohen Kosten für die Retouren lohnt in vielen Fällen die Wiederaufbereitung wirtschaftlich nicht. Es ist dann aus Sicht des Händlers günstiger, die Waren zu vernichten. Bestimmte Artikel können aus hygienischen Gründen nicht wiederverkauft werden, etwa Matratzen.

Vor rund einem Jahr hatten die ZDF-Sendung "Frontal 21" und die "Wirtschaftswoche" berichtet, dass Amazon retournierte Waren in großem Stil vernichte. Interne Produktlisten, Fotos und Aussagen von Mitarbeitern belegten demnach, dass Güter aller Art in den deutschen Logistiklagern entsorgt würden. So soll es in Amazon-Logistikzentren eigene Bereiche für "Destroy-Paletten" geben - beladen mit Ware, die zur Entsorgung in der Schrottpresse markiert sei. Eine Amazon-Mitarbeiterin habe berichtet, dass sie jeden Tag Waren im Wert von mehreren Zehntausend Euro vernichtet habe. Dazu gehörten beispielsweise Kühlschränke, Wasch- und Spülmaschinen, Handys, Tablets, Matratzen und Möbel. Häufig seien die entsorgten Produkte einwandfrei gewesen.

Amazon bestritt damals nicht, Artikel zu entsorgen, erklärte aber, über mehrere Programme zu verfügen, um die "Entsorgung von Produkten" weiter zu reduzieren - etwa über Wiederverkäufe oder Spenden.

Das Bundesumweltministerium hat laut einem Sprecher jüngst Beamte losgeschickt, die bei den Versandhändlern schauen sollten, ob "Retourenvernichtung tatsächlich stattfindet". Es sei aber nicht so einfach, das Ausmaß festzustellen. Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) will noch im Juni eine Gesetzesänderung vorschlagen.

Die Daten der Bamberger Wissenschaftler widersprechen der Darstellung einer massenhaften Vernichtung von Retouren. Ihren Schätzungen zufolge werden nur 3,9 Prozent der zurückgeschickten Waren entsorgt oder verschrottet. Von den 280 Millionen zurückgesendeten Paketen würden also elf Millionen im Müll landen.

In einer Studie der Marktforschungsfirma EHI Retail Institute gaben die befragten Onlinehändler an, im Durchschnitt 70 Prozent der Retouren wieder in den regulären Verkauf zu geben. Zalando teilt mit, "etwa 0,05 Prozent aller Artikel" zu vernichten, etwa wenn dies aus gesundheitlichen Gründen notwendig sei.

SPIEGEL ONLINE

Viele Waren werden auch an "externe industrielle Verwerter" weiterverkauft. Das sind Restpostenhändler, die solche Bestände aufkaufen und diese wieder im Ausland anbieten oder auf Plattformen wie Ebay. Eine ganze Branche ist entstanden, die sich auf dieses Geschäft spezialisiert hat.

Rund ein Prozent der zurückgeschickten Waren spenden Händler laut Untersuchung der Bamberger Forscher, etwa an soziale Einrichtungen. Das deutsche Steuerrecht könnte Schuld daran sein, dass dieser Wert nicht höher liegt. Denn die Finanzbehörden bewerten Sachspenden häufig wie Umsatz, auf den damit auch Umsatzsteuer anfällt. Ein vernichtetes Produkt ist hingegen wertlos, damit ist Wegwerfen betriebswirtschaftlich günstiger.

insgesamt 174 Beiträge
Kapustka 12.06.2019
1. Grüne = Verbote
Als wenn Amazon völlig unsinniger Weise wertvolle Waren schreddern würde. Im Eigeninteresse wird das vermieden. Manchmal ist es einfach nicht sinnvoll, weil die Ware nix mehr wert ist.
Als wenn Amazon völlig unsinniger Weise wertvolle Waren schreddern würde. Im Eigeninteresse wird das vermieden. Manchmal ist es einfach nicht sinnvoll, weil die Ware nix mehr wert ist.
Newspeak 12.06.2019
2. ...
Funktionierende, einwandfreie Produkte zu vernichten, gehoert einfach verboten. Bei Kleidung und Schuhen liegt es aber daran, dass es keine wirklich genormten Groessen gibt. Dieselbe Groesse von einem oder anderen Haendler bezogen [...]
Funktionierende, einwandfreie Produkte zu vernichten, gehoert einfach verboten. Bei Kleidung und Schuhen liegt es aber daran, dass es keine wirklich genormten Groessen gibt. Dieselbe Groesse von einem oder anderen Haendler bezogen passt einmal und einmal nicht. Schliesslich ergibt sich oft genug auch ein anderes Bild von der Qualitaet eines Produktes, wenn man es zuhause unter Realbedingungen anschaut, statt unter perfekt inszenierten Marketingbedingungen. Beim Big Mac toleriert man den Unterschied, aber bei Kleidern eben nicht. Auch da muesste sich die Industrie veraendern.
kayakclc 12.06.2019
3. Was für eine Frage
Wenn die Politik sich mit solchem Klein-Klein der Online Händer beschäftigt, dann scheinen wir in einer gesättigten Republik zu leben, wo alle Grundsatzfragen gelößt sind. Rot/Grün sind auf der Suche nach noch Problem, die [...]
Wenn die Politik sich mit solchem Klein-Klein der Online Händer beschäftigt, dann scheinen wir in einer gesättigten Republik zu leben, wo alle Grundsatzfragen gelößt sind. Rot/Grün sind auf der Suche nach noch Problem, die gar nicht da wären, wenn man die Frage richtig stellten würde. Sommerloch, bin ich schon da? Wenn gierige Kapitalistenfirmen, die den Profit maximieren, Ware wegschmeisen, dann muss es da tiefere Gründe, wie hohe Lohnkosten, Gesetzslage etc geben. Freiwillig machen die das nicht! Auch die CO2 Diskussion ist zu kurz gegriffen. Der Vergleich muss der Umtausch im Einzelhandel sein, aber auch der Individualverkehr, wenn ich 3-4 mal zu einem Händer fahre, und ich nicht das richtige Angebot finde. Bei online Bestellungen fährt nur das Produkt (Fahrer und Transportergewicht werden auf viele Pakete umgelegt), in der analogen Welt muss der Mensch auch bewegt werden! Das kosten viel, viel CO2 egal ob Auto, Fahrrad oder OPNV und ist in der Analyse oben gar nicht eingegangen.
territrades 12.06.2019
4. Dann ist ja halb so wild.
Ein sechstel der Pakete geht Retour, und davon werden 4% vernichtet - das sind also effektiv weniger als ein Prozent aller Warensendungen. Da wird es wohl mehr Transportschäden geben als vernichtete Retouren. Zieht man jetzt noch [...]
Ein sechstel der Pakete geht Retour, und davon werden 4% vernichtet - das sind also effektiv weniger als ein Prozent aller Warensendungen. Da wird es wohl mehr Transportschäden geben als vernichtete Retouren. Zieht man jetzt noch den Anteil an Retouren ab die aus hygienischen Gründen vernichtet werden müssen und den an Produkten die schlicht irreparabel kaputt sind, dann fällt die Vernichtungsquote vermutlich unter die Promillemarke. Die Grünen haben ich mal wieder auf ein absolutes Randproblem eingeschossen und übersehen dabei die wesentlichen Faktoren.
oliver_st 12.06.2019
5. Erfahrungsschilderung
Ich arbeite in der Textilbranche viel mit Lehrlingen zusammen. In Gesprächen zeigten die Lehrlinge keinerlei Skrupel, auch bereits kurz getragene Kleidungsstücke und Schuhe zurückzusenden. "Wenn die die kostenlose [...]
Ich arbeite in der Textilbranche viel mit Lehrlingen zusammen. In Gesprächen zeigten die Lehrlinge keinerlei Skrupel, auch bereits kurz getragene Kleidungsstücke und Schuhe zurückzusenden. "Wenn die die kostenlose Rücksendung anbieten habe ich kein schlechtes Gewissen". Tatsache, bei fast allen! Auch eine Art "Bestellparty" gibt es: man bestellt sich alle möglichen Produkte, am besten noch mit der Freundin, und probiert sie dann durch, behalten wird oft gar nichts, man hat ja einen schönen Abend zusammen gehabt. Lösung: zahlt den Zustellern angemessene Löhne (Ende von Versandkostenfrei) und beendet die kostenlose Rücksendung! Die Folge wäre bewussteres, gezielteres bestellen und viel weniger Retouren......und am Ende hat der Einzelhandel einen Nachteil weniger!

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP