Wirtschaft

Wirtschaftskrise in Argentinien

Topfschlagen gegen explodierende Preise

Eine Inflation von 47 Prozent, Rezession und Bürger in Krawallstimmung: Argentinien steckt in einer tiefen Wirtschaftskrise - mal wieder. Was läuft falsch in diesem Land, das einst zu den reichsten Nationen der Erde zählte?

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Demonstration in Buenos Aires am 11. Januar

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Samstag, 19.01.2019   21:02 Uhr

Als sie die Nase voll hatten, holten empörte Bürger ihre Kochtöpfe und Kochlöffel aus der Küche. Sie gingen hinaus auf die Straßen und Plätze von Buenos Aires. Und dann trommelten sie los: beim "Cacerolazo contra el Tarifazo", dem Topfschlagen gegen die Tariferhöhungen.

Das war am 28. Dezember: nach der Ankündigung von Argentiniens Regierung, dass die Preise für Erdgas, Wasser, U-Bahn, Bus und Strom um 35 bis 55 Prozent steigen würden. Seither hat der Cacerolazo von Buenos Aires Schule gemacht, im ganzen Land. Wieder und wieder versammeln sich wütende Argentinier in diesen Tagen zum Topfschlagen. Zum Protest gegen die neueste Teuerungswelle. Gegen die Wirtschaftskrise, die nicht enden will. Und gegen die Regierung unter dem konservativen Präsidenten Mauricio Macri, die trotz mancher Reformen den Abschwung nicht stoppt.

AFP

Straßenszene in Buenos Aires im September 2018

Argentiniens Wirtschaft steckt im Schlamassel, mal wieder. Manch einem deutschen Privatanleger wird noch der Bankrott von 2001 in böser Erinnerung sein: der weltgrößten Staatspleite, als Argentiniens Regierung ihren Gläubigern die Rückzahlung von rund 100 Milliarden Dollar verweigerte. Oder Inflationsraten von bis zu 3079 Prozent per annum in den Achtzigerjahren. Oder die Dollar-Schwarzmärkte, die noch unter Macris Vorgängerin Cristina Fernández de Kirchner blühten und gediehen.

"Argentinien könnte eines der wohlhabendsten Länder Südamerikas sein", sagt Mauro Toldo, Leiter Emerging Markets bei der Deka-Bank. "Die Bevölkerung ist vergleichsweise gut ausgebildet, es gibt eine passable Infrastruktur und große Rohstoffvorkommen, etwa Gas und Öl." Obendrauf bieten Teile des Landes ideale Bedingungen für die Agrarwirtschaft. Aber wirtschaftspolitisch ist in Argentinien vieles schiefgegangen, über Jahrzehnte hinweg.

"Reich wie ein Argentinier" - so lautete vor dem Ersten Weltkrieg eine geflügelte Redewendung in Europa. Die südamerikanische Nation hatte damals eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Erde, höher als etwa Deutschland. Argentinien war eine Kornkammer der Welt. Und nach dem Zweiten Weltkrieg das gelobte Land für Tausende Armutsflüchtlinge (wie auch für manche NS-Verbrecher). Bis Anfang der Sechzigerjahre war die Wirtschaftsleistung je Bürger größer als die von Japan. Dann zeichnete sich der Niedergang immer deutlicher ab.

Ständiges Hin und Her seit dem Zweiten Weltkrieg

Argentiniens Wirtschaftspolitik ist seit dem Zweiten Weltkrieg ein ständiges Hin und Her. Zunächst - und später immer mal wieder - regierten die Peronisten. Sie nationalisierten große Industriezweige und gaben die Parole aus, Argentinien solle lieber selbst wichtige Güter herstellen statt sie zu importieren. Bis heute gehen peronistische Politiker nach diesen Prinzipien vor, allen voran die 2015 abgewählte Präsidentin Cristina Kirchner.

In den Fünfziger-, Sechziger- und Siebzigerjahren putschten sich die Militärs mehrmals an die Macht. Sie setzten wirtschaftspolitisch zeitweise auf die Privatisierung öffentlicher Unternehmen und den Abbau von Zollschranken - also exakt das Gegenteil von dem, was die Peronisten machten.

So unterschiedlich die Vorstellungen der beiden mächtigen Gruppen waren, eins hatten sie gemeinsam: Wenn es nicht nach Plan lief, warfen sie gerne die Notenpresse an. Und so entwertete sich die heimische Währung zunehmend. In den Achtzigerjahren, nach dem Ende der bislang letzten Epoche der Militärdiktatur kulminierte dies in einer Hyperinflation.

Viele Argentinier legten sich, soweit es ihnen möglich war, Dollarkonten jenseits der Grenze an. Bis heute misstrauen sie dem argentinischen Peso. Und ausländische Investoren wurden von den ständigen Kurswechseln verunsichert. Der Aufbau einer modernen Volkswirtschaft kam nicht wie gewünscht in Gang.

Radikale Kurswechsel belasten

Noch immer entscheidet das Auf und Ab an den internationalen Rohstoffmärkten über den Zustand der Wirtschaft. "Wenn die Preise sinken und die Defizite wachsen, greifen die Regierungen immer zu zwei Mitteln: Entweder sie bauen Schulden auf oder bezahlen sie mit Hilfe der Inflation", sagt Mariana Llanos vom Giga-Institut für Lateinamerika-Studien in Hamburg,

Und die radikalen Kurswechsel prägen Argentinien bis heute. Die Peronistin Kirchner ließ 2012 den Öl und Gaskonzern YPF verstaatlichen, enteignete den spanischen Investor Repsol. Und sie verdonnerte ausländische Unternehmen, die Produkte ins Land brachten, dazu, argentinische Güter im gleichen Wert in die übrige Welt zu exportieren. Das führte dazu, dass BMW zeitweise einer der größten Reis-Exporteure Argentiniens wurde, Harley Davidson Wein verkaufte - und das iPhone zur Rarität im Lande wurde. Denn Hersteller Apple ließ sich gar nicht erst auf solche Gegengeschäfte ein.

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Mauricio Macri

Als 2015 Macri mit seinem Bündnis Cambiemos ("Verändern wir!") die Macht übernahm, wurde wieder alles radikal anders. War etwa Kirchner der Kauf von Devisen stark eingeschränkt, so gab der Neue den Wechselkurs des Peso frei. Hatte die alte Regierung den Energieversorgern zeitweise die Preise für Strom und Benzin diktiert (und damit klein gehalten), lässt Macri öfter Tariferhöhungen zu.

Das ist einerseits notwendig für die Versorgungssicherheit, da die Unternehmen in den mageren Jahren ihre Investitionen und Ausgaben für die Erhaltung ihrer Anlagen drastisch zurückgefahren hatten. Andererseits bedeutet es immer höhere Lebenshaltungskosten für die Menschen. "Macri arbeitet immer noch die Folgen des Populismus unter Kirchner ab. Wenn die Regierung nichts tut, kann Argentinien so enden wie Venezuela", sagt Mauro Toldo, Leiter Emerging Markets bei der Deka-Bank und gebürtiger Venezolaner.

27 Mal eilte der IWF zur Hilfe

Zu den strukturellen Problemen kommt Pech hinzu. Sojaprodukte machen normalerweise rund 30 Prozent aller Exporterlöse des Landes aus. Aber vergangenes Jahr ließ eine Dürrewelle die Ernteerträge dramatisch einbrechen. Zeitweise musste der einst weltgrößte Sojaöl-Exporteur sogar Soja aus den USA importieren. Ergebnis: ein Außendefizit von zuletzt mehr als sechs Prozent der Wirtschaftsleistung. Der Peso wertete im August um mehr als 40 Prozent ab. Die Leitzinsen stiegen zeitweise auf mehr als 50 Prozent. Und Macri verkündete in einer Fernsehansprache eine "Notlage".

27 Mal war der Internationale Währungsfonds (IWF) in den vergangenen sechs Jahrzehnten in Argentinien, berichtet die Zeitung "Clarín". Vergangenes Jahr hat der IWF seine Finanzhilfen für das Land auf 57,1 Milliarden Dollar ausgeweitet. Aber der Chef der Argentinien-Mission gibt sich optimistisch. "Das Tal der Rezession wird im ersten Quartal 2019 erreicht werden", prognostiziert Roberto Cardarelli, "und im zweiten Quartal werden wir eine Erholung sehen."

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Die könnte Macri dringend gebrauchen. Im Oktober muss er sich zur Wiederwahl stellen: womöglich gegen Kirchner, seine Erzrivalin. Und laut einer Umfrage der Zeitung "La Nación" vom Dezember lehnen ihn 59 Prozent der Argentinier ab. Kirchner allerdings kommt auf 64 Prozent Gegner. Die Bevölkerung ist gespalten. Wer immer gewinnt, sicher ist zweierlei: Der IWF wird Argentinien auch ein 28. Mal besuchen. Und das Topfschlagen wird weiter gehen.

insgesamt 34 Beiträge
derauf 19.01.2019
1. ich freue mich das zu lesen
Das ist das Ergebnis populistischer Sozialismus Experimente.... Präsidentin Kirchen erinnere ich noch mit ihrem Kampf gegen Investoren die sie Heuschrecken nannte
Das ist das Ergebnis populistischer Sozialismus Experimente.... Präsidentin Kirchen erinnere ich noch mit ihrem Kampf gegen Investoren die sie Heuschrecken nannte
mar.rio 19.01.2019
2. Bitte besser recherchieren
VW und nicht BMW war zeitweise der größte Reisexporteur und nicht Harley Davidson, sondern der Porscheimporteur als einer der größten Weinproduzenten des Landes, musste Wein exportieren, um die Porsche für die [...]
VW und nicht BMW war zeitweise der größte Reisexporteur und nicht Harley Davidson, sondern der Porscheimporteur als einer der größten Weinproduzenten des Landes, musste Wein exportieren, um die Porsche für die Besserverdienenden ins Land zu bekommen.
Lektorat Berlin 19.01.2019
3. So ein
schönes Land, so wunderbare Menschen. Ein Jammer.
schönes Land, so wunderbare Menschen. Ein Jammer.
capote 19.01.2019
4. Es ist wie bei uns.....
...gewählt wird nicht nach Programm, sondern Bauchgefühl und persönlicher Sympathie. Das Ergebnis ist nur schlimmer als bei uns, weil die Politiker noch viel verantwortungsloser sind. Es zeigt einmal mehr die Grenzen der [...]
...gewählt wird nicht nach Programm, sondern Bauchgefühl und persönlicher Sympathie. Das Ergebnis ist nur schlimmer als bei uns, weil die Politiker noch viel verantwortungsloser sind. Es zeigt einmal mehr die Grenzen der Demokratie, wenn das, was die Mehrheit gerne hat, ohne nachzudenken gemacht wird.
fatal.justice 19.01.2019
5. Was genau freut Sie nun?
Haben Sie jemals in Ihrem ganzen Leben jemals Handel mit argentinischen Partnern betrieben? Das Land wurde zuvor von Heuschrecken ausgenommen - bis die Währung ins negative Unendliche fiel. Die Kirchner´sche Übernahme der [...]
Zitat von deraufDas ist das Ergebnis populistischer Sozialismus Experimente.... Präsidentin Kirchen erinnere ich noch mit ihrem Kampf gegen Investoren die sie Heuschrecken nannte
Haben Sie jemals in Ihrem ganzen Leben jemals Handel mit argentinischen Partnern betrieben? Das Land wurde zuvor von Heuschrecken ausgenommen - bis die Währung ins negative Unendliche fiel. Die Kirchner´sche Übernahme der Regierungstätitigkeit konnte gar nicht so schnell reagieren. Ihre Übersetzungs-App hat einen Hänger.

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