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In diesen Städten hat die Armut zugenommen

Viele Menschen in Deutschland beziehen Hartz IV oder Sozialhilfe, vor allem in den Großstädten. Im Osten hat sich die Lage verbessert - ein westliches Bundesland ist hingegen besonders betroffen.

Andres Benedicto / DPA

Armut in Berlin (Symbolbild)

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Dienstag, 02.04.2019   16:08 Uhr

Armut wird in Deutschland als Problem wahrgenommen - vor allem in den Großstädten. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Studie der Bertelsmann Stiftung. Demnach hält mehr als die Hälfte der Befragten in Großstädten, nämlich 51 Prozent, Armut am eigenen Wohnort für ein "großes" oder "sehr großes Problem". In Deutschland insgesamt sagen das nur 27 Prozent der Befragten, also etwa jeder Vierte.

Auch die amtlichen Daten haben die Forscher untersucht. Als arm gilt für sie, wer Grundsicherung bezieht - also Hartz IV oder Sozialhilfe sowie Grundsicherung im Alter. Das Ergebnis der Auswertung: In Großstädten erhalten tatsächlich mehr Menschen diese Art von Sozialleistungen als im Rest des Landes. 2016 waren es in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern 14 Prozent der Bevölkerung, deutschlandweit lag der Anteil bei 10,1 Prozent.

In den einzelnen Städten hat sich die Situation von 2007 bis 2016 jedoch sehr unterschiedlich entwickelt: Besonders in den Großstädten Nordrhein-Westfalens beziehen inzwischen mehr Menschen Grundsicherung, etwa in allen 13 Großstädten des Ruhrgebiets. Das sei auf den noch nicht vollständig bewältigten Strukturwandel zurückzuführen, schreiben die Forscher.

Bei den Schlusslichtern der Studie - Gelsenkirchen, Herne und Mülheim an der Ruhr - ist der Anteil der Grundsicherungsempfänger an der Bevölkerung um rund vier Prozentpunkte gestiegen. In Gelsenkirchen bezog 2016 mehr als jede oder jeder Vierte, nämlich 26 Prozent der Menschen, Hartz IV oder Sozialhilfe.

In diesen Großstädten hat die Armut deutlich zu- oder abgenommen

Änderung der Armutsquote* in ausgewählten deutschen Städten zwischen 2007 und 2016

Armut hat zugenommen
Keine Veränderung
Armut hat abgenommen
*Anteil der Leistungsberechtigten nach SGB II und SGB XII an der Bevölkerung in Prozent, gerundet auf ganze Zahlen.
Quelle: Monitor Nachhaltige Kommune, Bertelsmann Stiftung

Im Osten hat sich die Lage laut Studie hingegen verbessert. So bezogen in Chemnitz und Leipzig 2016 fünf Prozent der Bevölkerung weniger Grundsicherung als noch 2007, in Erfurt waren es sogar sechs Prozent weniger. Mit einem Anteil von 14 beziehungsweise 15 Prozent Grundsicherungsempfänger liegen diese Städte nun deutschlandweit im Mittelfeld.

Deutschlandweit hat sich die Zahl der Hartz-IV- und Sozialhilfeempfänger in den zehn Jahren bis 2016 jedoch kaum verändert: Etwa zehn Prozent der Bevölkerung beziehen diese Leistungen. Da die Studie nur Daten bis einschließlich 2016 berücksichtigt, wirkt sich die Zuwanderung von Asylsuchenden zwar bereits auf die Ergebnisse aus - allerdings wird sich dieser Effekt erst in den Zahlen für die Folgejahre vollständig zeigen.

In der Umfrage fanden zwei Drittel der Befragten, dass die Politik vor Ort mehr gegen Armut tun sollte. "Der subjektive Blick zeigt, dass die Bürger dennoch deutlichen Handlungsbedarf sehen. Von der Politik erwarten sie größere Anstrengungen beim Kampf gegen Armut in einem so reichen Land wie Deutschland", sagte Henrik Riedel von der Bertelsmann Stiftung.

So hat sich die Armut in Deutschlands Großstädten entwickelt

Ort Armutsquote 2007 Armutsquote 2016 Veränderung Armutsquote 2007-2016
Deutsch­land gesamt 10,5 10,1 -0,4
Aachen 12 13 1
Augsburg 10 8 -2
Bergisch Glad­bach 10 11 1
Berlin 21 20 -1
Biele­feld 14 15 1
Bochum 13 16 3
Bonn 10 12 2
Bott­rop 12 14 1
Braun­schweig 13 10 -3
Bremen 17 19 2
Bremer­haven 25 25 1
Chem­nitz 18 14 -5
Cott­bus 19 18 -1
Darm­stadt 11 12 1
Dort­mund 18 20 2
Dres­den 15 11 -4
Duis­burg 18 20 2
Düssel­dorf 13 13 0
Erfurt 19 14 -6
Erlangen 6 6 0
Essen 18 21 3
Frank­furt am Main 13 13 0
Frei­burg im Breis­gau 9 9 0
Fürth 10 10 0
Gelsen­kirchen 21 26 4
Göttingen 12 11 -1
Hagen 16 19 3
Halle 22 20 -2
Ham­burg 14 14 0
Hamm 15 16 2
Hannover 17 17 0
Heidel­berg 6 5 -1
Heil­bronn 9 9 0
Herne 16 20 4
Hildes­heim 16 18 2
Ingol­stadt 7 5 -1
Jena 13 9 -4
Karls­ruhe 9 8 -1
Kassel 18 16 -2
Kiel 18 18 0
Koblenz 13 12 -1
Köln 14 14 -1
Kre­feld 15 17 2
Leip­zig 21 15 -5
Lever­kusen 12 14 3
Lü­beck 19 18 -1
Lud­wigs­hafen am Rhein 13 16 3
Magde­burg 21 18 -3
Mainz 9 10 1
Mann­heim 12 12 0
Moers 11 13 2
Mön­chen­glad­bach 18 20 2
Mül­heim an der Ruhr 13 17 4
Mün­chen 7 7 0
Münster 9 9 0
Neuss 12 14 1
Nürn­berg 13 12 -1
Ober­hausen 15 18 2
Offen­bach am Main 20 19 -1
Olden­burg 14 14 0
Osna­brück 12 14 2
Pader­born 12 12 0
Pforz­heim 11 13 2
Pots­dam 13 11 -3
Reckling­hausen 16 19 3
Regens­burg 9 7 -2
Rem­scheid 12 15 3
Reut­lingen 7 8 1
Rostock 21 16 -4
Saar­brücken 19 22 2
Salz­gitter 15 17 2
Siegen 11 12 2
So­lingen 12 13 2
Stutt­gart 8 9 0
Trier 9 8 -1
Ulm 7 6 -1
Wies­baden 13 15 2
Wolfs­burg 10 8 -2
Wupper­tal 16 19 2
Würz­burg 8 8 0

Anteil bzw. Änderung des Anteils der Leistungsberechtigten nach SGB II und SGB XII an der Bevölkerung in Prozent, gerundet auf ganze Zahlen, zwischen 2007 und 2016;
Quelle: Monitor Nachhaltige Kommune, Bertelsmann Stiftung

Die Definition nach dem Motto "Arm ist, wer Sozialhilfe bekommt" ist nicht unproblematisch. So beinhaltet sie Fehlanreize für die Politik: Sollte sich eine Regierung beispielsweise dazu entschließen, den Hartz-IV-Regelsatz großzügiger zu berechnen und damit deutlich zu steigern, hätte sie zwar unbestritten den Alltag bedürftiger Menschen verbessert - weil aber bei einem höheren Regelsatz zwingend auch mehr Menschen Anspruch auf Hartz IV haben als zuvor, wäre die Armut statistisch dennoch gestiegen.

Den Bertelsmann-Experten ist das Problem bewusst. In der Studie schreiben sie selbst, dass die Armutsforschung inzwischen Definitionen skeptisch sieht, die nur ein einziges Kriterium vorsehen - ob es der Bezug von Sozialleistungen ist oder die Höhe des Einkommens. Stattdessen setze sich eine "mehrdimensionale Sichtweise" durch - dahinter steht die Idee, viele Kriterien aus verschiedenen Lebensbereichen wie Gesundheit, Wohnen, Bildung, Geld oder Arbeit zu berücksichtigen. (Eine ausführliche Beschreibung des Konzepts finden Sie hier.)

Mit Material der dpa

insgesamt 86 Beiträge
brutus#9 02.04.2019
1. Gute Nachricht
Man muss es auch einmal positiv sehen: zumindest hier war ein deutlicher Rückgang des Ost-West-Gefälles zu verzeichnen!
Man muss es auch einmal positiv sehen: zumindest hier war ein deutlicher Rückgang des Ost-West-Gefälles zu verzeichnen!
rainerwäscher 02.04.2019
2. Hurra!
Bremerhaven hat nun nicht mehr die rote Laterne. Es ist zwar mit 25% H4-Beziehern an zweitletzter Stelle, allerdings galt diese Zahl bereits seit 10 Jahren. Armutszuwachs also null. Gut, dass es so unbedeutend ist, dass es gar [...]
Bremerhaven hat nun nicht mehr die rote Laterne. Es ist zwar mit 25% H4-Beziehern an zweitletzter Stelle, allerdings galt diese Zahl bereits seit 10 Jahren. Armutszuwachs also null. Gut, dass es so unbedeutend ist, dass es gar nicht erst erwähnt wird. Eine Großstadt ohne IC-Anschluss kann sich halt gut verstecken.
kayakclc 02.04.2019
3. Problem: Armutsbegriff
Der Armutsbegriff, der hier immer wieder zugrunde liegt, ist ein relativer. Daher kann sich prinzipell nichts ändern. Da, wer 60% des Medianeinkommens zur verfügung hat, als "arm" gilt, würde die Verdopplung alle [...]
Der Armutsbegriff, der hier immer wieder zugrunde liegt, ist ein relativer. Daher kann sich prinzipell nichts ändern. Da, wer 60% des Medianeinkommens zur verfügung hat, als "arm" gilt, würde die Verdopplung alle Einkommen und Hartz IV Sätze zwar absolut mehr Geld in die Tasche spülen aber, keine Änderung am Status erfahren. Daher ist der Informationsgehalt solche Aussagen auch begrenzt und dient in der Regel als politische Argumentationshilfe. Der Wissenschaftlche Dienst des Bundestages schlüsselt die verschiedenen Armutsbegriffe schön auf (relative, absolut, absolut Weltweit - z.B durch die Weltbank) Wir lesen dort auch "Der Schwellenwert für Armutsgefährdung gibt keine Information über den Grad individueller Bedürftigkeit, also des soziokulturellen Existenzminimums." Aber gerade das wird oft von Leute, die den Begriff entweder nicht verstehen oder missbrauchen immer wieder behauptet.
playintime 02.04.2019
4.
"Im Osten hat sich die Lage verbessert " Auf welchem Niveau aber. Im Schnitt ist die Armut im Osten immer noch viel höher.
"Im Osten hat sich die Lage verbessert " Auf welchem Niveau aber. Im Schnitt ist die Armut im Osten immer noch viel höher.
rosenblum64 02.04.2019
5. Rutger Bregman
Kann nur allen die Lektüre "Utopia für Realisten" ans Herz legen. Würden endlich mal alle ihre Scheuklappen ablegen, hätte dieses stinkreiche und rückständige Land vielleicht doch noch eine Chance. Wir verplempern [...]
Kann nur allen die Lektüre "Utopia für Realisten" ans Herz legen. Würden endlich mal alle ihre Scheuklappen ablegen, hätte dieses stinkreiche und rückständige Land vielleicht doch noch eine Chance. Wir verplempern unser Geld für höhere Renten und ein Heer von Sozialarbeitern und Beamten, anstatt den Armen endlich das zu geben, was man braucht, wenn man arm ist: Geld.

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