Wirtschaft

Ungleichheit in Deutschland

Diese Regionen sind besonders strukturschwach

Schwache Wirtschaft, schlechte Infrastruktur, wachsende Überalterung: 19 deutsche Regionen haben laut einer Studie bedenkliche Strukturmängel - obwohl die Politik sie teils seit Jahrzehnten fördert.

imago images/wrongside pictures

Sanierungsbedürftige Häuser im Duisburger Stadtteil Bruckhausen (Archivbild)

Donnerstag, 08.08.2019   15:23 Uhr

Die Bundesrepublik Deutschland hat ein Gerechtigkeitsproblem: Die regionale Ungleichheit wächst, und zwar seit Langem - obwohl im Grundgesetz steht, dass die Regierung eigentlich überall in der Republik gleichwertige Lebensverhältnisse schaffen soll. Eine Studie, die das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Kooperation mit Wissenschaftlern vier deutscher Hochschulen erstellt hat, zeigt nun das ganze Ausmaß dieses Problems.

19 von insgesamt 96 deutschen Regionen haben demnach bedenkliche strukturelle Probleme. Längst nicht alle liegen in Ostdeutschland oder auf dem platten Land. Auch dicht besiedelte urbane Regionen wie das Ruhrgebiet und das Saarland geben demnach Anlass zur Sorge.

Die Datenbasis, auf die sich die Studie stützt, ist besonders umfassend. Während andere Erhebungen zu Strukturschwäche sich oft auf einzelne Teilbereiche fokussieren, bezieht das Team ums IW eine größere Bandbreite von Indikatoren in seine Analyse ein.

Die Indikatoren der IW-Studie

Wirtschaft
Im diesem Bereich hat das IW die Entwicklung folgender Indikatoren analysiert:
- die Arbeitslosenquote der Regionen,
- die Wirtschaftsleistung pro Einwohner,
- die Kaufkraft,
- die Überschuldung der privaten Haushalte.
Demografie
In diesem Sektor spielte die Entwicklung folgender Messgrößen eine Rolle:
- die Lebenserwartung der Regionen,
- das Durchschnittsalter,
- die Bevölkerungsentwicklung,
- die Fertilitätsrate, ein statistischer Wert, der angibt, wie viele Kinder eine Frau im Lauf ihrer fruchtbaren Lebensphase haben dürfte.
Infrastruktur
Dieser Teil der Analyse berücksichtigt die Entwicklung folgender Indikatoren:
- die Ausstattung der Regionen mit Breitbandinternet,
- die Versorgung mit Ärzten,
- die Höhe der kommunalen Schulden,
- die Entwicklung der Immobilienpreise.

Der Zeitraum, über den die Entwicklung der Regionen analysiert wird, ist zudem relativ lang. Ausgangsjahr ist bei allen Indikatoren das Jahr 2011, um Verzerrungen durch die Finanz- und Wirtschaftskrise zu umgehen. Je nach Datenverfügbarkeit wurde die Entwicklung der einzelnen Teilbereiche dann bis zu den Jahren 2015 bis 2017 betrachtet.

Die zentrale Erkenntnis der Studie ist besorgniserregend. Eine bei allen Indikatoren gleichermaßen abgehängte Region gibt es demnach zwar noch nicht, ebenso wenig das oft zitierte Stadt-Land-Gefälle.

Dafür gebe es umso mehr Regionen, die in einem oder gleich mehreren Teilbereichen erhebliche strukturelle Mängel aufweisen. Und das, obwohl die betroffenen Regionen zum Teil seit Jahrzehnten von der Regierung gefördert werden.

Diese Regionen drohen abgehängt zu werden

Die Autoren der Studie fordern, dass die Regionalpolitik grundsätzlich umgestellt wird, bislang werde sie allzu oft auf einfache Formeln heruntergebrochen. Dabei erweise sich das Prinzip Gießkanne nun schon seit Jahrzehnten als wenig wirksam.

Die Regionalpolitik habe es "mit einer differenzierten Situation zu tun, wo viele separate Prozesse gleichzeitig auftreten und wirtschaftspolitischen Handlungsbedarf auf verschiedenen Ebenen nach sich ziehen", heißt es im Fazit der Studie.

Reportage

Mögliche Maßnahmen einer zielgenaueren Regionalpolitik könnten, je nach Problemfeld, zum Beispiel Schuldenerlasse für die Kommunen sein. Oder eine bessere Unterstützung von bürgerschaftlichem Engagement. Oder eine Verbesserung der Bildungsangebote. Oder ein konsequenter Netzausbau - sowohl in Form von Schienen als auch von Breitbandinternet.

Keine dieser Maßnahmen ist wirklich neu. Das Problem der Regionalpolitik sei eher, dass sie nicht passgenau genug arbeite, monieren die Experten. Das müsse sich dringend ändern. "Sonst werden die gesellschaftlichen Spannungen zunehmen, und es kann zu gefährlichen Abwärtsspiralen kommen."

ssu

insgesamt 136 Beiträge
Freidenker10 08.08.2019
1.
Gut man muss ja nicht jedes aussterbende Kaff mit viel Geld künstlich am Leben halten. Lieber zukunftsfähige Regionen fördern als alle mit der Gießkanne! Aber zumindest der öffentliche Nahverkehr muss flächendeckend auch [...]
Gut man muss ja nicht jedes aussterbende Kaff mit viel Geld künstlich am Leben halten. Lieber zukunftsfähige Regionen fördern als alle mit der Gießkanne! Aber zumindest der öffentliche Nahverkehr muss flächendeckend auch defizitär gefördert werden, das ist eine der Grundvoraussetzungen für eine Wiederbelebung!
HansGluck 08.08.2019
2. Investieren
Investieren in Forschung und diese zur Marktreife führen. Endlich Bildung ernst nehmen und die wissenschaftlichen Fächer bevorzugen. Die Infrastruktur nicht in private Hände geben sondern Deutschlandweit vereinheitlichen. [...]
Investieren in Forschung und diese zur Marktreife führen. Endlich Bildung ernst nehmen und die wissenschaftlichen Fächer bevorzugen. Die Infrastruktur nicht in private Hände geben sondern Deutschlandweit vereinheitlichen. Kommunen entschulden und richtig fördern. Steuerbefreiung für Entwicklung und Forschung wenn danach die Produktion in Deutschland bleibt.
MarkusW77 08.08.2019
3.
man könnte mit sowas banalem anfangen wie Steuererleichterungen oder gar Steuerfreiheit für gesellschaftlich wichtige Einrichtungen wie Restaurants und Lebensmittelläden u.a. Dann eventuell einen erhöhten Satz für Wohngeld [...]
man könnte mit sowas banalem anfangen wie Steuererleichterungen oder gar Steuerfreiheit für gesellschaftlich wichtige Einrichtungen wie Restaurants und Lebensmittelläden u.a. Dann eventuell einen erhöhten Satz für Wohngeld / H IV vom Bund bezahlt, als Bonus für Menschen die aus Gebieten mit Wohnungsmangel dorthin ziehen. zB
boidsen 08.08.2019
4. Nicht nur Nachteile...
Es gibt auch Menschen, die möchten ohne Freizeitpark, Großstadtrummel, Autobahn- und Flugplatznähe, Gentrifizierung, ständige "Events" und "Shoppingerlebnisse" leben und stattdessen lieber saubere Luft [...]
Es gibt auch Menschen, die möchten ohne Freizeitpark, Großstadtrummel, Autobahn- und Flugplatznähe, Gentrifizierung, ständige "Events" und "Shoppingerlebnisse" leben und stattdessen lieber saubere Luft atmen, in Wäldern spazieren gehen, die diesen Namen noch verdienen, menschliches Miteinander erleben, nicht an jeder Ecke abgezockt werden und nachts die Sterne sehen können. Einfach ein bisschen langsamer und bescheidener leben - DAS nenne ich (und nicht nur ich) Lebensqualität!
legeips62 08.08.2019
5. Ja, habe ich schon gesehen..
Thüringen, Saarland, "MeckPom", Nordbayern, und die Regionen ohne Internet... die Dörfer werden "sterben" oder eventuell mit "Grundeinkommenempfängern" aufgestockt. Wenn nun die letzten [...]
Thüringen, Saarland, "MeckPom", Nordbayern, und die Regionen ohne Internet... die Dörfer werden "sterben" oder eventuell mit "Grundeinkommenempfängern" aufgestockt. Wenn nun die letzten "jungen" in die Städte ziehen, werden die Mieten auch hier nicht niedriger werden. Es kommt mir vor, wie in Sibiren, da lebt auch nur noch die letze Oma im Dorf..
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