Wirtschaft

Größtes US-Handelsdefizit seit zehn Jahren

Riskante deutsche Häme

Dass Amerikas Handelsdefizit weiter wächst, brachte dem US-Präsidenten viel Spott ein. Auch aus Deutschland. Dabei sollten gerade die Deutschen gewarnt sein, wie schnell der Zoll-Rosenkrieg die Wirtschaft treffen kann.

ALEX EDELMAN/POOL/EPA-EFE/REX

Eine Kolumne von
Freitag, 08.03.2019   12:44 Uhr

Seit mehr als einem Jahr müht sich Amerikas großer Staatslenker darum, dass Unternehmen aus anderen Länder nicht mehr so viele Waren in Amerika verkaufen, zumindest nicht mehr, als US-Firmen selbst im Rest der Welt. Damit endlich dieses Handelsdefizit kleiner wird, das die USA vor allem mit den fiesen Chinesen und den gemeinen Deutschen haben. Und weshalb Donald Trump vergangenes Frühjahr zur Abschreckung alle möglichen Zölle zumindest schon mal auf chinesische Importe nach Amerika verhängen ließ.

Umso größer war diese Woche der Spott, als die Statistiker brav meldeten, dass Amerikas besagtes Defizit 2018 nicht wirklich viel kleiner, sondern, na ja, in Wahrheit eigentlich größer geworden ist. Viel größer.

"Haben wir's Dir nicht gesagt?", twitterte daraufhin Gabriel Felbermayr, der neue Chef vom Kieler Institut für Weltwirtschaft und offenbar ein Duzfreund des US-Präsidenten. Bei einer größeren deutschen Wirtschaftszeitung war zu lesen, das sei jetzt "getrost" mal als Lehrgeld für Trump zu sehen. Bätsch.

Möglich. Ob nur Duz-Lehrsprüche aus Germany die angemessene Reaktion auf das sicher noch etwas ausbaufähige Ökonomieverständnis des US-Präsidenten sind? Nicht sicher. Bei näherem Hinsehen sollte das, was die US-Jahresabschlussdaten offenbaren, gerade die Deutschen eher schaudern lassen - angesichts des Tempos, mit dem seit Beginn des Zollstraf-Hakelns der US-Teil des Handels kollabiert ist. Das könnte auch hier bald dramatische Folgen haben.

Das war anders gedacht

Gewollt hatte Trump natürlich etwas anderes: Die Zölle auf chinesische Waren sollten dazu führen, dass die so teuer werden, dass kein Amerikaner den Ramsch noch kauft und dafür US-Produkte vorzieht. Und das sollte Jobs im Land sichern. Tolle Idee.

Dass das keinem hilft, hatten Ökonomen wie Donalds Duzfreund Gabriel in der Tat schon damals prophezeit. Was jetzt herausgekommen ist, ist nur noch verrückter. Nicht nur, dass das US-Handelsdefizit 2018 alles in allem so auf 621 Milliarden Dollar stieg - ein Zehn-Jahres-Hoch.

Noch spektakulärer ist, was aus den Details der Statistik zum Export zu lesen ist: Was die Amerikaner nach China verkaufen, begann mit Einsetzen des Zoll-Catchens im Frühjahr zu kollabieren. Ende des Jahres lagen die US-Exporte ins Reich des Handelsbösen um sage und schreibe 34 Prozent niedriger als noch ein Jahr zuvor - während Chinas Verkäufe in die USA das Niveau in etwa halten konnten. Trotz der Trump-Strafen.

Will heißen: Der Zollstreit hat Amerikas Exportindustrie weit dramatischer getroffen als die Chinesen. Das dürfte auch ein wenig daran liegen, dass zugleich der Dollar aufgewertet hat - und US-Produkte im Ausland automatisch zusätzlich teurer wurden.

Doch stärker verflochten, als manche vielleicht dachten

Wichtiger könnte als Erklärung sein, dass die Chinesen einfach effizienter im Handelskrieg sind. Und vor allem, dass die Amerikaner gerade zu spüren bekommen, wie stark selbst ihre Wirtschaft heute international verflochten ist - und wie schnell Handelskämpfe daher ganze Lieferketten auseinanderbrechen lassen. Womit wir wieder bei den Lehren für uns Deutsche sind.

Deutschlands Exportwirtschaft mag in der einen oder anderen Hinsicht solider aufgestellt sein - besser spezialisiert und daher weniger abhängig von Preis und Kosten. Und die eine oder andere hiesige Firma dürfte derzeit sogar davon profitieren, dass die Chinesen das eine oder andere Produkt jetzt von uns, statt von den Amerikanern kaufen.

AFP

Damit wäre es allerdings vorbei, wenn es doch noch zur Eskalation zwischen Europäern und Trump kommt. Und dann könnte für die Deutschen rasch umso gravierender wirken, dass die Industrie noch viel stärker global verflochten ist - und ein viel höherer Teil der Wirtschaftsleistung am Export hängt. Deutschlands Autokonzerne machen heute mehr als ein Drittel ihres Gesamtabsatzes in China.

Die Polit-Turbulenzen in Europa wie in Amerika haben schon gereicht, um die deutsche Industrieproduktion seit Monaten schrumpfen zu lassen. Ein Warnsignal.

Wie schnell ein eskalierender Handelsstreit zum Kollaps der Geschäfte führen kann, lassen die jüngsten US-Exporteinbrüche erahnen. Und: Die USA und China sind heute Deutschlands wichtigste Handelspartner.

Möglich, dass Trump den einen oder anderen Berater noch um sich hat, dem auch aufgefallen ist, wie viel dramatischer die Rumtata-Strategie des Präsidenten auf die eigenen Exportfirmen wirkt - statt auf die chinesischen. Dann könnte es vielleicht doch bald zur Entspannung im Handelsstreit mit China kommen.

Könnte aber auch sein, dass es genau das Gegenteil bewirkt. Zumal seit Kurzem Trumps Drohung im Raum steht, als Nächstes doch die europäische und vor allem deutsche Industrie zum (Handels-)Kriegsgebiet zu erklären. Gut möglich, dass das bisherige Desaster für den US-Export nur dazu führt, dass Trump bald noch mehr gegen das Böse bei uns kämpft.

Sagen wir so: Gerade weil es nach aller Erfahrung nicht so ganz einfach ist, die Gedankengänge des derzeitigen US-Präsidenten zu verfolgen, wäre es fahrlässig, es drauf ankommen zu lassen.

Die wohl bessere Strategie

Die Ökonomen des Industrieländerclubs OECD haben angesichts international abstürzender Konjunkturdaten diese Woche gefordert, dass in Europa jene Länder zu einem Investitionsprogramm ansetzen, die es sich dank überschüssiger Etats leisten können. Also wir zum Beispiel.

Gut möglich, dass das für uns ohnehin die bessere Strategie ist: Wenn es dank solcher Hilfen konjunkturell wieder besser läuft, werden die Europäer ganz automatisch auch mehr aus dem Land des in besagter Handelsbilanzsache bislang etwas, sagen wir, unglücklich agierenden Präsidenten kaufen.

Und dann muss auch keiner mehr darüber spotten, wie der Donald seine Ziele verfehlt. So viel Lehrmeisterei kommt ohnehin aus einem Land nicht so gut, in dem es immer noch als Ausweis ökonomischer Kompetenz gilt, es gut zu finden, den Rest der Welt mit Waren "Made in Germany" zu fluten - ohne dort nur ansatzweise so viel Geld auszugeben. Angela, wir haben's Dir gesagt!

insgesamt 140 Beiträge
hannesmann 08.03.2019
1.
Vielleicht wäre es auch mal eine Idee wert, darüber nachzudenken aus dem Euro wieder eine Hartwährung zu machen. Bei einem Dollarkurs von 1,40 bis 1,50 würde die Kaufkraft in der Eurozone, und insbesondere auch in Deutschland, [...]
Vielleicht wäre es auch mal eine Idee wert, darüber nachzudenken aus dem Euro wieder eine Hartwährung zu machen. Bei einem Dollarkurs von 1,40 bis 1,50 würde die Kaufkraft in der Eurozone, und insbesondere auch in Deutschland, erheblich steigen. Dann bräuchten die Privathaushalte z.B. für Benzin, Heizung u.a. nicht so viel Geld auszugeben und könnten mehr in anderen Gütern konsumieren. Dann braucht man auch keine staatlichen Investitionsprogramme, die in vielen Bereichen ohnehin nur durch Preiserhöhungen aufgefressen würden. Da man aber in Europa lieber die "Weichwährungstour" fährt braucht man sich nicht zu wundern das Trump etwas entgegen setzt.
hefe21 08.03.2019
2. Bilanzfälscher
Man nennt es wohl Eulenspiegelei, wenn die Kapitalgeber eines Landes vor ca. 40 Jahren beschlossen haben, die "Arbeit" auszulagern und nun der nicht eingeweihte Stammeshäuptling der USanier auf diesem Teilbereich der [...]
Man nennt es wohl Eulenspiegelei, wenn die Kapitalgeber eines Landes vor ca. 40 Jahren beschlossen haben, die "Arbeit" auszulagern und nun der nicht eingeweihte Stammeshäuptling der USanier auf diesem Teilbereich der Zahlungsbilanz herumreitet. Der ja saldenmässig gar nicht anders sein kann. So schnell zumindest nicht. Zum Ausgleich haben dieselben Kapitalgeber ja massiv in ihre ausländischen Lieferketten investiert und damit statt Exporterlöse Dividenenerlöse lukriert. Sie haben statt interner Produktion einst auch mitbeschlossen, sich am Binnenmarkt vorrangig mit gegenseitiger Immobilienschacherei zu beschäftigen und die Schundkredite, die die dortigen "Gewinne" ermöglicht haben, verpackt zu exportieren. Ein bis heute ungesühntes Kapitalverbrechen, ganz nach dem Geschmack des Potus. Sie verlangen über Ihre entwicklungsgehätschelten Monopolkonzerne aktuell nur für die Top 20 an die 10 Billionen Dollare an den Börsen als "Preisaushang" und sie können mit ihrer militär- und geheimdienstgestärkten Justiz unglaubliche "Entschädigungszahlungen" weltweit (na, ja fast) eintreiben. Und statt dort, wo sich diese Gewinne in der US-Oligarchie angesammelt haben, einen Ersatzausgleich für die "abgehängten" Gebiete vorzunehmen, hat er sie auch noch mit einer Steuerreform bonifiziert. Immerhin kann man der US-Oligarchie nicht nachsagen, dass sie sich nicht um das selbstgeschaffene Prekariat gekümmert haben. Es wurden ihm Opiate und Drogen aller Art zur Bewältigung seiner Krisen verschafft. Oh holy Land of Sickness.
curiosus_ 08.03.2019
3. Wo..
---Zitat von Thomas Fricke--- ..dass in Europa jene Länder zu einem Investitionsprogramm ansetzen, die es sich dank überschüssiger Etats leisten können. Also wir zum Beispiel. ---Zitatende--- ..soll denn investiert werden? [...]
---Zitat von Thomas Fricke--- ..dass in Europa jene Länder zu einem Investitionsprogramm ansetzen, die es sich dank überschüssiger Etats leisten können. Also wir zum Beispiel. ---Zitatende--- ..soll denn investiert werden? In der Bauwirtschaft? Die ist doch jetzt schon am Kapazitäts-Anschlag.
Pfaffenwinkel 08.03.2019
4. Schadenfreude
ist die schönste Freude, sagt der Volksmund. Zumal sich Trump ja selber als "Genie" bezeichnet.
ist die schönste Freude, sagt der Volksmund. Zumal sich Trump ja selber als "Genie" bezeichnet.
Europa Ja 08.03.2019
5. Europa nicht Deutschland
Wir sollten aufhören von einzelnen Staaten zu reden und bilaterale Abkommen machen, sondern von Europa reden und Europa als ganzes gegen ausländische Staaten (USA, CN) Handels/Wirtschaftspolitik betreiben lassen. Dann können [...]
Wir sollten aufhören von einzelnen Staaten zu reden und bilaterale Abkommen machen, sondern von Europa reden und Europa als ganzes gegen ausländische Staaten (USA, CN) Handels/Wirtschaftspolitik betreiben lassen. Dann können wir uns mit breiter Brust hinstellen und auf Augenhöhe verhandeln und nicht nach der vermeintlich besseren duckmäuserischen Alternative suchen.
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