Wirtschaft

Baden-Württemberg

Studie plädiert für langsamen Umstieg auf E-Autos

In der Autobranche tobt ein Streit über die beste Zukunftsstrategie: VW-Chef Diess will alle Kraft auf E-Autos richten. Eine Studie, gefördert vom Autoland Baden-Württemberg, kommt zu einem anderen Schluss.

DPA

Ladestation in Essen

Montag, 18.03.2019   15:32 Uhr

Im Vergleich zu Ländern wie Norwegen tut sich Deutschland bei der Umstellung auf Elektroantrieb schwer.

Eine neue Studie von e-mobil, einer Innovationsagentur des Landes Baden-Württemberg, kommt zu dem Schluss, dass dies nicht nur von Nachteil sein müsse. In Baden-Württemberg hängen besonders viele Jobs von der Autobranche ab. Die Autoren argumentieren, um in dieser Branche möglichst viele Arbeitsplätze zu sichern, müsste der Verbrennungsmotor noch länger als Brückentechnologie dienen.

Der Untersuchung liegen zwei Szenarien zugrunde: Dem ersten zufolge würde der Anteil reiner E-Autos an den Neuzulassungen in der EU bis zum Jahr 2030 auf 15 Prozent steigen. Im Szenario Nummer zwei sind es hingegen 51 Prozent. Dieser schnellere Wandel würde den Autoren zufolge bei den Autobauern und angrenzenden Branchen allerdings deutlich mehr Jobs kosten als eine langsame Umstellung.

Das lasse sich auch ganz konkret in Arbeitsplätzen beziffern, so die Studie: Eine schnelle Transformation würde 30.800 Jobs kosten. Die sukzessive Umstellung könnte dank des Wachstums der neuen Komponenten bei der Beibehaltung der Verbrennertechnologie sogar 8900 schaffen.

Anders als Tesla Chart zeigen oder Toyota Chart zeigen sind deutsche Konzerne heute noch kaum auf E-Mobilität ausgerichtet. Zugleich werden für die Produktion von E-Autos im Schnitt weniger Beschäftigte als bei herkömmlichen Fahrzeugen benötigt.

IG Metall will Kurzarbeitergeld

Erst zuletzt hatte etwa Volkswagen unter Berufung auf die Umstellung auf Elektroantrieb den Abbau Tausender Arbeitsplätze angekündigt. Ford stellte jüngst den Abbau von rund 5000 Arbeitsplätzen in Aussicht. In Stuttgart demonstrierten in der vergangenen Woche Tausende Bosch-Beschäftigte gegen einen möglichen Job-Abbau im Diesel-Bereich des Autozulieferers.

Der Chef der Gewerkschaft IG Metall, Jörg Hofmann, fordert deshalb schon Staatshilfen für den Umstieg: Nötig sei eine neue Form des vom Staat gezahlten Kurzarbeitergelds für die Beschäftigten. Es solle beim Umstieg von Unternehmen auf E-Mobilität Arbeitslosigkeit verhindern. "Ein Transformations-Kurzarbeitergeld könnte es Betrieben ermöglichen, bei Strukturumbrüchen ihre Mitarbeiter umzuschulen, ohne dass sie arbeitslos werden", sagte Hofmann der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung".

Hofmann erwartet durch den Umstieg bundesweit den Wegfall von 150.000 Stellen. Besonders betroffen könnten Regionen mit vielen Zulieferer-Betrieben sein. Daher seien Hilfen wie beim Kohleausstieg nötig. Einer Studie des Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zufolge gehen bei 23 Prozent Elektroauto-Quote bis 2035 knapp 114.000 Arbeitsplätze verloren - vor allem bei Qualifizierten.

Um E-Mobilität in Deutschland zu fördern, verlangt Hofmann von der Bundesregierung auch Subventionen für die Umrüstung öffentlicher Fahrzeugflotten und der Taxibetriebe. Der Staat müsse beim Ausbau der Ladesäulen "jetzt viel entschlossener handeln". Der Autoindustrie warf der Gewerkschafter "Bräsigkeit" beim Umstieg auf neue Antriebstechnologien vor - dafür sollte nicht allein die Belegschaft die Konsequenzen tragen.

Dabei könnte zumindest Baden-Württemberg beim Umstieg auf E-Autos insgesamt noch glimpflich davonkommen. "Für den gesamten baden-württembergischen Automobilstandort können diese Beschäftigungseffekte als moderat eingeschätzt werden", heißt es in der Studie. Im Südwesten hängen rund 470.000 Jobs direkt oder indirekt am Auto.

VW will Fokussierung auf E-Mobilität

Auch innerhalb der Branche gibt es Streit darüber, wie der Weg vom Verbrennungsmotor aussehen soll. Nachdem VW-Chef Herbert Diess am Wochenende für batteriebetriebene E-Autos geworben hatte, warf der Chef des Automobilzulieferers ZF Friedrichshafen, Wolf-Henning Scheider, dem Konzern eine zu starke Konzentration auf die reine Elektromobilität vor. Man darf nicht die Strategie eines einzelnen Unternehmens mit der gesamten Branche gleichsetzen", sagte er dem "Tagesspiegel".

Der Batterieantrieb sei "auf absehbare Zeit die beste und effizienteste Möglichkeit für weniger CO2 im Straßenverkehr", hatte Diess zuvor der "Welt am Sonntag" gesagt. Dem Bericht zufolge droht Volkswagen sogar, aus dem Verband der Deutschen Automobilindustrie (VDA) auszutreten. Im Konzern gebe es entsprechende Überlegungen, heißt es unter Berufung auf Unternehmenskreise.

Diess rief demnach alle deutschen Autobauer auf, bei der Umstellung auf umweltfreundliche Technologien einen gemeinsamen Schwerpunkt festzulegen. "Lassen Sie uns daher aufhören zu kritisieren und zu diskutieren. Lassen Sie uns den anstehenden Wandel gemeinsam angehen." Entwicklung und Förderung von Fahrzeugen mit Brennstoffzellen, Gasantrieben oder anderen umweltfreundlicheren Varianten müssten eingestellt werden.

In einem internen Strategiepapier ist von E-Auto-Förderung bis mindestens 2025 die Rede - besonders für Geringverdiener und Kleingewerbe. "Eine Umsetzung dieses Programms läuft klar auf Wettbewerbsverzerrung hinaus", kritisierte jedoch ein BMW-Manager laut "Welt". Vertreter der Bundesregierung sagten: "Volkswagen ist mit diesen Vorstellungen auf dem falschen Weg."

apr/dpa-AFX

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