Wirtschaft

Nachfolgesuche für EZB-Chef

Das hässliche Erbe des Mario Draghi

Die Amtszeit des EZB-Präsidenten nähert sich ihrem Ende - und noch einmal lässt sich Mario Draghi für seine Verdienste feiern. Doch seinem Nachfolger hinterlässt er eine kaum lösbare Aufgabe.

Andreas Arnold/ Bloomberg via Getty Images

Mario Draghi: Lässt sich zum Abschied feiern

Aus Sintra berichtet  
Mittwoch, 19.06.2019   11:45 Uhr

Seit Jahrhunderten ist Sintra die Sommerfrische der portugiesischen Oberschicht. Könige, Industrielle und Großbürger des Landes haben sich Paläste und Villen in die hügelige Waldlandschaft westlich von Lissabon gebaut. Im Sommer bietet das milde Klima einen angenehm-kühlen Kontrast zu überhitzten Badeorten wie Estoril und Cascais.

Dieses mondäne Ambiente zieht seit Jahren jeden Frühsommer aktuelle und frühere Entscheidungsträger der Europäischen Zentralbank (EZB), Ökonomen und Journalisten an. Drei Tage lang wird dann in einem Luxushotel und der angrenzenden Klosteranlage so leidenschaftlich über Konjunktur und Geldpolitik debattiert, wie es den Gepflogenheiten von Zentralbankern entspricht: beeindruckend dröge, aber auf höchstem akademischen Niveau.

In diesem Jahr überstrahlen zwei Themen das Sintra-Forum: der 20. Geburtstag des Euro und das nahe Ende der Amtszeit von EZB-Präsident Mario Draghi, auf dessen Initiative das Sintra-Forum zurückgeht.

Weidmanns Chancen sind besser denn je

Wie bei Jubiläen üblich werden die Schattenseiten weitgehend ausgeblendet, dabei sind sie eigentlich unübersehbar: Die politischen und ökonomischen Fliehkräfte im Euro-Währungsraum sind gewaltig, ebenso wie die Verschuldung öffentlicher und privater Haushalte. Allerorten versuchen Rechtspopulisten, das gemeinsame Haus zu schleifen. Italiens Regierung denkt über die Ausgabe von Mini-Staatsanleihen ohne Laufzeit und Verzinsung nach - was der Einführung einer Art Parallelwährung zum Euro gleichkäme. Facebook ist mit seinen Plänen für eine eigene Kryptowährung schon einen Schritt weiter.

Hinzu kommt: Draghi scheidet im Oktober nach acht krisengeprägten Jahren ohne eine einzige Zinserhöhung als EZB-Präsident aus - und ein Nachfolger ist immer noch nicht gefunden. Was auch bedeutet, dass Bundesbankpräsident Jens Weidmanns Chancen auf den Topjob besser denn je sind.

Markus Schreiber/AP

Jens Weidmann

Der Deutsche und seine härtesten Konkurrenten um den EZB-Topjob weilen dieser Tage natürlich ebenfalls in Sintra und dürfen miterleben, wie die versammelte geldpolitische Elite Draghi huldigt wie einem Duodezfürsten. Über die vielen Krisenherde wird allenfalls am Rande geredet, was die Veranstaltung tendenziell gespenstisch macht. So schickte Olivier Blanchard, der frühere Chef-Ökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF), als Dinner-Speaker eine Ergebenheitsadresse an den großen Vorsitzenden.

Es sei ihm "ein immenses persönliches Vergnügen", zu Draghi bei dessen letztem Sintra-Auftritt sprechen zu dürfen, flötete Blanchard. Der scheidende EZB-Präsident habe pragmatisch und kreativ gehandelt und außergewöhnlichen politischen Instinkt bewiesen. Für seinen Einsatz zur Rettung des Euro gehöre Draghi ins "Pantheon der Väter Europas".

Draghi ist mit sich im Reinen

Blanchards Begeisterung für Draghi und dessen geldpolitischen Ansatz, Krisen mit viel billigem Geld zu bekämpfen, ist nicht gespielt: Seit Langem zieht er mit der Parole durch die Länder, angesichts rekordniedriger Zinsen endlich mehr Staatsschulden und Inflation zuzulassen. Das entspricht dem Zeitgeist. Viele Ökonomen plädieren dafür, schuldenfinanzierte Programme aufzulegen, um in Infrastruktur oder Bildung zu investieren. Die in Deutschland populäre Fixierung auf ausgeglichene Haushalte und Schuldenabbau hatte andernorts ohnehin nie viele Fans.

Auch Draghi selbst lobte sich ausgiebig. Seine insbesondere in Deutschland umstrittene Aussage aus dem Jahr 2012, den Euro um jeden Preis zu retten ("whatever it takes"), habe die Staatsschuldenkrise beendet. Die Geschäftsbanken seien dank verschärfter Aufsicht durch die EZB in guter Verfassung. Und der Europäische Gerichtshof habe die EZB - und damit vor allem ihn selbst - darin bestärkt, dass Sondermaßnahmen wie der Ankauf von Staats- und Unternehmensanleihen unzweifelhaft zum Instrumentenkasten einer Zentralbank gehören.

Kurzum, der Mann ist mit sich im Reinen. Und tatsächlich hat er ja sein übergeordnetes Ziel erreicht: den Zusammenhalt der Eurozone in schwierigster Zeit. Doch er hinterlässt seinem Nachfolger einen Höllenjob. Denn insbesondere der Ausgang des italienischen Dramas ist extrem ungewiss; es hat allemal die Kraft, die Eurozone zu sprengen.

Die Aufgaben werden größer

Dass die Zeiten wieder düsterer werden, hat Draghi schon Anfang Juni klargestellt, als er überraschend darüber sinnierte, den Strafzins zu erhöhen, den Banken seit einiger Zeit zahlen, wenn sie über Nacht Geld bei der EZB parken. So will die Notenbank die Kreditvergabe für Europas Wirtschaft ankurbeln. In Sintra machte Draghi erneut deutlich, dass er dazu bereit ist - und provozierte damit umgehend einen erbosten Tweet des US-Präsidenten.

Donald Trump fürchtet um die Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen Wirtschaft und setzt seinen eigenen Zentralbankchef unter Druck, die Zinsen zu senken. Die Notenbank und deren Unabhängigkeit anzugreifen, gehört heute schließlich zum Standardrepertoire etlicher Regierungschefs, nicht nur in autokratischen Staaten.

Bis zum Wochenende könnte sich klären, wer Draghi im Herbst folgen soll. Und klar ist: Wer immer es ist, wird beinahe Wunder vollbringen müssen. Der nächste EZB-Chef muss die mit 20 Jahren immer noch junge Institution gegen Angriffe von außen verteidigen, Europas Wirtschaft vor dem Sturz in die Rezession bewahren, die Währungszone zusammenhalten, den Ausstieg aus dem Dauerkrisenmodus finden und dabei geschickt kommunizieren.

Draghi hat vieles davon geschafft und lässt sich zum Abschied dafür feiern. Sein Nachfolger aber wird mindestens genauso gut sein müssen. Denn die Aufgaben werden größer, nicht kleiner.

insgesamt 80 Beiträge
Deeds447 19.06.2019
1. Warum immer so dramatisch?
Sein Job war es, die Währungsstabilität nicht nur zu garantieren, sondern auch praktisch zu gewährleisten und ein erneutes Zusammenbrechen des EU-Bankensystems wie 2010/2011 nach dem großen Lehmancrash 2008 zu verhindern. Das [...]
Sein Job war es, die Währungsstabilität nicht nur zu garantieren, sondern auch praktisch zu gewährleisten und ein erneutes Zusammenbrechen des EU-Bankensystems wie 2010/2011 nach dem großen Lehmancrash 2008 zu verhindern. Das hat er geschafft und dabei sollte man es mit der Bilanzierung auch belassen. Denn nichts ist einfacher, aber auch verantwortungsloser als ein System crashen zu lassen, nur weil einem die Alternativen ausgehen. Das hätte aber vermutlich ein deutscher EZB-Chef getan, wobei das der deutschen Wirtschaft sehr schlecht bekommen wäre....
haarer.15 19.06.2019
2. Kein Grund, sich selbst zu feiern
Abgehoben. Es wird wohl kaum was besser werden - mit dieser Billig-Zins-Politik und die Geldflut. Aber schlimmer kann es auch kaum noch werden. Italien ist ein riesiges Sorgenkind. Jens Weidmann - ja, der hat in der Tat sehr gute [...]
Abgehoben. Es wird wohl kaum was besser werden - mit dieser Billig-Zins-Politik und die Geldflut. Aber schlimmer kann es auch kaum noch werden. Italien ist ein riesiges Sorgenkind. Jens Weidmann - ja, der hat in der Tat sehr gute Chancen, den Draghi zu beerben. Vielleicht ein winziger Lichtblick.
muellerthomas 19.06.2019
3.
"Die politischen und ökonomischen Fliehkräfte im Euro-Währungsraum sind gewaltig, ebenso wie die Verschuldung öffentlicher und privater Haushalte. Allerorten versuchen Rechtspopulisten, das gemeinsame Haus zu [...]
"Die politischen und ökonomischen Fliehkräfte im Euro-Währungsraum sind gewaltig, ebenso wie die Verschuldung öffentlicher und privater Haushalte. Allerorten versuchen Rechtspopulisten, das gemeinsame Haus zu schleifen." Und das ist das Ergebnis einer expansiven Geldpolitik? Zudem ist die private Schuldenquote etwa in Spanien oder auch Deutschland in den letzten Jahren massiv gesunken und nicht gestiegen wie hier behauptet wird.
mördjundgander 19.06.2019
4. Kreislauf
Wenn ich mir immer wieder zu null Prozent Kredit gebe ,kann ich dieses Spiel doch ewig treiben? Global sehe ich auch keine alternativen Finanzmärkte oder Währungsräume die sich positiv von der Eurozone abheben.
Wenn ich mir immer wieder zu null Prozent Kredit gebe ,kann ich dieses Spiel doch ewig treiben? Global sehe ich auch keine alternativen Finanzmärkte oder Währungsräume die sich positiv von der Eurozone abheben.
Haref 19.06.2019
5. Draghi kann froh sein,
daß er den Posten bald los ist. Innerhalb der €-Zone sind dringende wirtschaftspolitische Entscheidungen der einzelnen Regierungen (z.B. Italien) immer weiter vor sich hergeschoben und nicht in Angriff genommen worden. Das wird [...]
daß er den Posten bald los ist. Innerhalb der €-Zone sind dringende wirtschaftspolitische Entscheidungen der einzelnen Regierungen (z.B. Italien) immer weiter vor sich hergeschoben und nicht in Angriff genommen worden. Das wird uns irgendwann vor die Füße fallen. Einfach die Gelddruckmaschinen anzuschmeißen und Staatsanleihen und Aktien aufzukaufen, hätte wohl jeder hinbekommen. Den Turnaround hinzubekommen, ist eine echte Aufgabe.
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