Wirtschaft

Wirtschaftskraft, Arbeitslosigkeit, Schulden

So ungleich ist Europa

In 28 EU-Staaten wird gemeinsam gewählt, wirtschaftlich liegen zwischen diesen Ländern oft Welten. Ob Wachstum, Staatsschulden oder Exportstärke - eine Grafik zeigt, wie es Europa wirklich geht.

ARMANDO BABANI/EPA-EFE/REX

Pro-EU-Demonstration (in Frankfurt)

Von und (Grafik)
Samstag, 25.05.2019   16:23 Uhr

Rund 400 Millionen Bürger der EU sind in diesen Tagen dazu aufgerufen, zusammen das neue Europaparlament zu wählen. Und sieht man von knapp der Hälfte der Briten ab, will nur ein Bruchteil der Menschen raus aus dieser Europäischen Union.

Die europäische Einigkeit wird dieser Tage oft beschworen - zum einen wegen des bevorstehenden Brexits. Aber auch weil sie wirtschaftlich so zwingend ist. Im internationalen Handel etwa wären die meisten europäischen Staaten allein zu klein, um den großen Blöcken USA und China etwas entgegenzusetzen. Der gemeinsame Binnenmarkt macht innerhalb der EU den freien Warenaustausch ohne Zollkontrollen sowie den grenzüberschreitenden Dienstleistungs- und Kapitalverkehr möglich. Davon profitieren alle Mitgliedstaaten - wenn auch unterschiedlich stark.

Das liegt auch daran, dass von einer gemeinsamen Wirtschaftspolitik keine Rede sein kann im vereinten Europa. Und die Lebensverhältnisse in Nord und Süd, Ost und West sind denkbar ungleich. Eine Übersicht zeigt, wie dramatisch die Unterschiede zwischen den einzelnen EU-Volkswirtschaften sind. Klicken Sie auf die Felder mit den einzelnen Kriterien, um zu erfahren, welches Land wo vorn liegt.

Wer in Europa wirtschaftlich vorne liegt

Quelle: Eurostat

Vor sieben Jahre befand sich Europa in höchster wirtschaftlicher Not. Die Eurozone, in der sich 19 der 28 EU-Staaten zu einer Währungsunion zusammengeschlossen haben, drohte durch die wirtschaftlichen Ungleichgewichte auseinanderzubrechen. Erst der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, dämmte die Krise ein mit dem Versprechen, um jeden Preis den Euro zu retten.

Mittlerweile scheint die Eurokrise überstanden. Aber wie wirtschaftskrisenfest ist das vereinte Europa wirklich?

Die Schuldenlast einiger Nationen ist stark gestiegen: vor allem durch die Rettungsmaßnahmen für marode Banken. In Griechenland etwa ist das Verhältnis von Staatsschulden zur Wirtschaftsleistung fast dreimal so hoch, in Italien und Portugal gut doppelt so hoch und in Spanien eineinhalb mal so hoch wie in Deutschland. In einer nächsten vergleichbaren Krise könnten sich diese Regierungen wohl kaum noch einmal solche milliardenschweren Notmaßnahmen leisten.

Dass sie nicht schon jetzt in Finanzprobleme geraten, liegt auch an den günstigen Zinsen auf den Kapitalmärkten - die unter anderem durch das Anleihenkaufprogramm der Europäische Zentralbank niedrig gehalten wurden. Das Programm ist zum Jahresanfang ausgelaufen. Und es ist ungewiss, wie die Märkte auf eine neue Krise reagieren werden - etwa auf neue Verschuldungspläne der populistischen Regierung in Rom.

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Die Krisenländer von einst, die sogenannten PIIGS (Portugal, Italien, Irland, Griechenland, Spanien), haben in den vergangenen Jahre eine völlig unterschiedliche Wirtschaftsentwicklung hingelegt.

Während Irland, wo viele Tech-Konzerne ihre Europa-Zentrale haben, Wachstumsraten von mehr als sechs Prozent meldet oder Spanien an die drei Prozent plus erreicht, schaffte das dauerstagnierende Italien zuletzt nicht einmal ein Prozent. Aber auch Deutschland und Frankreich zeigen zurzeit kaum noch Dynamik.

Mag Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik heute kaum noch ein Thema sein, so ist in Griechenland die Quote der Menschen ohne Job fast sechsmal so hoch wie bei uns.

Auch die Unterschiede zwischen EU-Altmitgliedern sowie den mittel- und osteuropäischen Beitrittsstaaten sind teils gewaltig. So weist das kleine Luxemburg mit seinen rund 600.000 Einwohnern ein höheres Bruttoinlandsprodukt aus als der 7-Millionen-Staat Bulgarien. Solange das Ost-West-Gefälle so extrem bleibt, wird die Binnenmigration innerhalb der EU ebenso ein Thema bleiben wie die Ausbeutung von Billiglohnarbeitern.

Die 20 kleinsten Volkswirtschaften der Europäischen Union haben zusammen eine geringere Wirtschaftsleistung als Deutschland. An dem Tag, an dem Großbritannien die EU verlässt, werden die Bundesrepublik und Frankreich zusammen mehr als 40 Prozent des gesamten EU-Bruttoinlandsprodukts auf sich vereinen.

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Kaum verschiedener sein könnten auch die Leistungsbilanzen, also die Gegenüberstellung von Exporten und Importen - obwohl Ökonomen, die EU-Kommission und der Internationale Währungsfonds diese Ungleichgewichte innerhalb der Eurozone seit Langem als Quelle der Instabilität anprangern.

Während Staaten wie die Niederlande oder Deutschland Überschüsse von mehr als zehn beziehungsweise sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaften, schreiben Nationen wie Frankreich, Portugal oder Griechenland Defizite. Das heißt: Diese Volkswirtschaften geben für Waren und Dienstleistungen mehr aus als sie einnehmen. Und als Euromitglieder können sie auch nicht mehr wie früher ihre Landeswährungen abwerten, um Exporte entsprechend zu verbilligen. Umso schwerer wird für sie, dieses Minus abzubauen.

Die EU-Staaten müssen nicht alle gleich sein. Doch wie die Zahlen zeigen, ist die Ungleichheit innerhalb der Union extrem - trotz der Abermilliarden, die Brüssels Regional-, Sozial- oder Kohäsionsfonds für die Annäherung der Lebensverhältnisse bereitgestellt haben. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron schlägt ein gemeinsames Sozialsystem vor, das allen EU-Bürgern Anspruch auf eine soziale Grundsicherung, gleiche Bezahlung am gleichen Arbeitsplatz und einen an jedes Land angepassten Mindestlohn gibt. Deutsche Spitzenpolitiker reagieren darauf bisher, gelinde gesagt, zurückhaltend.

Man muss kein Pessimist sein, um vorherzusagen: Spätestens bei der nächsten größeren Wirtschaftskrise werden wieder Konflikte über das Geld ausbrechen. Zwischen Nord- und Südeuropa, zwischen West- und Osteuropa. Deutschland wird mittendrin sein.


Anmerkung der Redaktion: : In einer früheren Fassung fehlten in der Grafik die Daten zu Malta. Wir haben diesen Fehler korrigiert.

insgesamt 98 Beiträge
bMüller 25.05.2019
1. Leider gibt es auch eine Ungleichheit bezüglich
Der Gewichtung der einzelnen Wählerstimmen innerhalb der EU . So benötigt ein Mandatsträger der aus Deutschland ins EU Parlament entsandt wird deutlich mehr Wählerstimmen als ein Mandatsträger beispielsweise aus den [...]
Der Gewichtung der einzelnen Wählerstimmen innerhalb der EU . So benötigt ein Mandatsträger der aus Deutschland ins EU Parlament entsandt wird deutlich mehr Wählerstimmen als ein Mandatsträger beispielsweise aus den Niederlanden. Dadurch ist eine deutsche Stimme im Endeffekt weniger wert. Bei einer überfälligen Reform der EU sollte man das mal bedenken.
freizeitverkaeufer 25.05.2019
2. Privatvermögen pro Einwohner?
...die nationalen Leistungszahlen sind eher uninteressant. Steueraufkommen pro Kopf?
...die nationalen Leistungszahlen sind eher uninteressant. Steueraufkommen pro Kopf?
legeips62 25.05.2019
3. Schon in Deutschland liegen
doch Welten zwischen den einzelnen Bundesländern. Morgen wird im Stadtstaat Bremen gewählt. Wann wird denn dieses "Bundesland" endlich eingemeindet? Ebenso wie Hamburg, Berlin, Rheinland-Pfalz, Thüringen und das [...]
doch Welten zwischen den einzelnen Bundesländern. Morgen wird im Stadtstaat Bremen gewählt. Wann wird denn dieses "Bundesland" endlich eingemeindet? Ebenso wie Hamburg, Berlin, Rheinland-Pfalz, Thüringen und das Saarland...
ArneHouben 25.05.2019
4. Vergessen?
Wo bleibt Eu-Mitglied und Euro-Land Malta?
Wo bleibt Eu-Mitglied und Euro-Land Malta?
rrippler 25.05.2019
5. Die für die Menschen einzig wirklich relevante Zahl ....
... wird hier wieder einmal verschwiegen. Und das ist das Vermögen (Geld+Besitz) des mittleren Einwohners, also der Median-Wert. Er liegt (siehe wikipedia "Liste der Länder nach Vermögen pro Kopf") in Luxemburg bei [...]
... wird hier wieder einmal verschwiegen. Und das ist das Vermögen (Geld+Besitz) des mittleren Einwohners, also der Median-Wert. Er liegt (siehe wikipedia "Liste der Länder nach Vermögen pro Kopf") in Luxemburg bei 167Tsd Eur Frankreich bei 119Tsd EUR, in Italien 124Tsd EUR, in Griechenland bei 54Tsd Eur, und in Deutschland bei 47Tsd Eur. Deutschland ist reich, aber seine Bürger sind im europäischen Vergleich arm, es rangiert im westeuropäischen Vergleich an letzter Stelle. Warum wird das immer wieder vertuscht, was für eine Absicht steckt dahinter ?

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