Wirtschaft

Designierte EZB-Chefin Lagarde

Vielleicht doch die bessere Partie

Christine Lagarde soll die EZB leiten. Viele meinen, sie sei zu politisch für den Posten - man brauche einen neutralen Ökonomen, aus Deutschland. Ein typischer Fall von deutscher Selbstüberschätzung.

Balint Porneczi/Bloomberg via Getty Images

Christine Lagarde:

Eine Kolumne von
Freitag, 05.07.2019   14:01 Uhr

Manchmal könnte man meinen, unsere Kanzlerin macht das extra. Da wurde tagelang befunden, Frau Merkel fehle es mittlerweile an Gespür. Das sei jetzt wirklich das Ende. Keiner höre mehr auf sie. In ganz Europa nicht. Schlimmer noch: In 14 Jahren habe sie jetzt überhaupt gar keinen einzigen Deutschen zum Anführer einer Weltgroßinstitution gemacht. Armes Land.

Und was macht die Kanzlerin? Kommt mit der von der Leyen. Bringt sie als Chefin in der Weltgroßinstitution EU ins Spiel. Und lässt alle Europäer Ja dazu sagen. Schon heißt es, die Frau Kanzlerin müsse für diese Deutschleistung ins Geschichtsbuch. Für Ursula von der Leyen. Egal, Hauptsache deutsch. Während andere ätzen, das sei jetzt auch wieder nicht richtig.

Wir können davon ausgehen, dass die Frau Kanzlerin gerade amüsiert ist. Teile und herrsche. Mit Raute.

Nicht viele Deutsche, die infrage kommen

Klar hat das, was da in Brüssel in den vergangenen Tagen so verhandelt und entschieden wurde, einen Hauch von Gaga. Wie eine Satire auf Deutschtümelei liest sich nur auch das eine oder andere, was drumherum bei uns so kommentiert worden ist.

Auch zur zweiten Großpersonalie der Woche: den Vorschlag, Christine Lagarde zur Chefin der Europäischen Zentralbank zu machen - eine politisierte Nicht-Ökonomin. Und Französin.

Geht gar nicht? Eher Zeit, die Maßstäbe ein wenig zurechtzurücken.

Zu wehklagen, dass Deutschland in Europa mangels Topposten zu bemitleiden ist (oder war), ist schon originell. Und lässt ahnen, wie sehr die Deutschtümelei mit manchem durchzugehen scheint. Kaum ein Land hat ja seit der Eurokrise so viele wichtige Jobs in Europa besetzt wie Deutschland (siehe meine Kolumne von vergangener Woche). Und: als Kriterium zur Erlangung von Spitzenposten wirkt es eben auch ein bisschen mager, nur deutsch zu sein.

Stimmenfang #105 - Der EU-Postenpoker und Merkels Rolle hinter den Kulissen

Wenn es eine tagelange Brüsseler Irrung brauchte, um nach besagten 14 Jahren endlich eine deutsche Ursula von der Leyen zur Kandidatin für einen solchen Welt-Topposten zu machen, liegt das womöglich auch ein bisschen daran, dass es nicht so viele Deutsche gibt, die sich für solche Aufgaben aufdrängen. Was wiederum daran liegen könnte, dass in Deutschland vor allem ältere Politiker auf Topposten nach Europa geschickt werden, die im Inland jetzt nicht kurz davorstehen, Kanzlerin zu werden. Oder sonst was Wichtiges.

Dass nicht alle nach den Deutschen rufen, könnte dabei auch daran liegen, dass unsere Landsleute in Sachen Krisenmanagement in den vergangenen Jahren nicht immer so berauschend gut dastanden. Um es vorsichtig auszudrücken.

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Ursula von der Leyens Karriere: Von Niedersachsen über Berlin nach Brüssel

Der Hang früherer Finanz-Schäubles, der Welt Austerität zu empfehlen, gilt in Fachkreisen international heute als grober Fehler, weil zu viel Gespare mehr kaputt gemacht als geholfen hat. Als ziemlich dumm hat sich mittlerweile auch der Widerstand mancher hiesiger Ökonomiepäpste gegen Anleihekäufe durch Notenbanken in akuten Panikkrisen erwiesen.

Das heißt nicht, dass Minderheitspositionen per se falsch sind. Nur stehen die besagten Kritiker nicht richtig gut da, wenn so ziemlich alles dann doch darauf hindeutet, dass es richtig war, wie Draghi zu reagieren. Weil sein Vorgehen die Eskalation der Eurokrise gestoppt hat.

Es lässt einfach, sagen wir, die eine oder andere analytische Schwäche vermuten, wenn fast ein Jahrzehnt nach Ausbruch der Krise in Deutschland immer noch behauptet wird, dass der EZB-Chef die deutschen Sparer enteignet - was für ein Blödsinn. Oder dass es furchtbar ist, wie oft die Drei-Prozent-Regel des Stabilitätspakts gebrochen wurde.

Politisch sind die anderen auch

Die deutschen Sparer sollten froh sein, dass Draghi den Kollaps unserer Währung verhindert zu haben scheint. Zumal die Zinsen fast überall auf der Welt so niedrig sind: weil eine weltweit wirkende Krise herrscht - nicht, weil es Herrn Draghi gibt. (Was ja nicht heißt, dass der Mann alles richtig gemacht hat.)

Wir sollten auch froh sein, dass selbst die Bundesregierung irgendwann aufgehört hat, Defizitziele auf Teufel komm raus einzufordern. Weil es die Krise nur noch schlimmer gemacht hätte. So zu tun, als sei das alles ganz anders, ist natürlich ok. Nur braucht man dann verdammt gute Belege. Sonst darf man sich nicht wundern, dass man unter den Kollegen international nicht richtig ernst genommen wird - und von der Welt keinen Topjob geschenkt kriegt.

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Christine Lagarde: Die Spitzen-Frau

Womit wir bei Christine Lagarde sind. Sicher kann man kritisch anmerken, dass die Frau gar keine studierte Ökonomin ist, sondern Juristin. Und ja, sie hat viel Zeit in der Politik verbracht, einst als französische Finanzministerin und dann als Chefin des Internationalen Währungsfonds. Nur wirken beide Anmerkungen bizarr, wenn sie aus Deutschland kommen, wo durchgewunken wird, wenn sowohl der derzeitige Wirtschafts- als auch Finanzminister (wie sein Vorgänger) Juristen sind - und es einen Bundesbankchef gibt, der vorher über Jahre wichtigster Wirtschaftsberater der Kanzlerin war.

In Deutschland konnten einst Poltergeister wie Thilo Sarrazin Bundesbankvorstand werden. Oder Leute wie Jürgen Stark zum deutschen Chefökonom der Europäischen Zentralbank. Die zwar Ökonomie studiert haben, dann aber fast nur noch in der Politik beziehungsweise in Ministerien waren. Was selbst für hoch angesehene Bundesbanker wie Hans Tietmeyer galt. Gänzlich unpolitisch? Der Mann hat nach eigenem Bekunden dereinst maßgeblich am Wendepapier gearbeitet, das für 16 Jahre Schwarz-Gelb und Helmut Kohl sorgte - einer der gravierendsten politischen Momente der Nachkriegszeit.

Vielleicht ist Lagarde die bessere Partie

Dass Notenbanker gotthaft neutral über allem schweben und gelegentlich nur wichtige Reden über ordnungspolitische Grundsätze halten, ist eine Vorstellung von Geldpolitik, die aus Zeiten stammt, als die Welt der Finanzmärkte noch heil und weise und effizient schien. Da brauchte es Währungshüter in der Tat eigentlich nur, um hier und da mal ein bisschen den Zins anzupassen.

Thomas Fricke

Seit der großen Finanzkrise gilt für die Finanzwelt eher ein permanenter latenter Alarmzustand. Ein Zustand, in dem sich jederzeit neue Paniken entwickeln und Anleger in sichere Anlagen flüchten - was wiederum erklärt, warum Anleger mittlerweile draufzahlen, wenn sie deutsche Staatsanleihen halten.

Ein Zustand, in dem die Zinsen so niedrig sind, nicht weil es ein blöder Notenbanker so will oder es (nur) den Südeuropäern passt, sondern weil es zu viel Erspartes und zu viel Fluchtkapital gibt - und zu wenig Dinge, in die sich dank hinreichender Nachfrage real investieren ließe. Und in dem Bankenprobleme immer wieder zu Staatsschuldenkrisen führen. Mit Folgen für Menschen, die mit Finanzen wenig zu tun haben - weshalb es gar nicht anders geht, als Geldpolitik auch als Politik zu verstehen; auch wenn es grundsätzlich natürlich gut ist, wenn Politiker sich nicht in die Geldpolitik einmischen.

Da ist es im Grunde naiv zu glauben, dass Notenbanker völlig losgelöst von jedweder Politik leben. Und da ist es im Zweifel nicht schlecht, eine Zentralbankchefin zu haben, die weiß, wie sie mit Politikern umgehen kann; zumal die EZB mit dem Iren Philip Lane gerade einen (wirklichen) internationalen Topwissenschaftler als Chefökonom bekommen hat. Und die Erfahrung im Krisenmanagement hat. Und die als IWF-Chefin die Größe hatte, Fehler beim Verschreiben von Austerität einzugestehen - und das zu korrigieren. Mehr als es deutsche Kollegen tun und getan haben.

Gut möglich, dass es bessere Notenbankchefs gäbe als Frau Lagarde. Natürlich wäre toll, sie hätte jetzt auch noch so richtig viel über Geldpolitik und die nächsten Krisen geforscht. Nur hilft es auch nicht, Ökonomen in so einem Job zu haben, wenn die nicht das Richtige geforscht haben. Da könnte Frau Lagarde sogar die bessere Partie sein. Für die Europäer. Spätestens in der nächsten Krise.

Thomas Frickes nächste Kolumne erscheint nach der Sommerpause am 26. Juli.

insgesamt 190 Beiträge
TomTheViking 05.07.2019
1. Heidemann war als EZB Chef gesetzt und akzeptiert.
Der Kanzlerin hatte man das auf einem Silbertablett offeriert. In geistiger Umnachtung bestand diese Dame auf Herrn Weber und hat den "Deal" vermasselt. Jetzt hat diese Kanzlerin in Götterdämmerung einen [...]
Der Kanzlerin hatte man das auf einem Silbertablett offeriert. In geistiger Umnachtung bestand diese Dame auf Herrn Weber und hat den "Deal" vermasselt. Jetzt hat diese Kanzlerin in Götterdämmerung einen richtigen Schaden verursacht. Die Frau Kindergartenbundeswehr ist aber noch lange nicht durch. Die nächste Blamage unserer Kanzlerin ist vorprogrammiert. Ja und eine Französin als EZB Chefin ist natürlich das Allerletzte was Deutschland sich bieten lassen sollte. Zumal die vom IWF kommt und jetzt schön die EURO Schulden des IWF auf die EZB übertragen kann. Da fällt der schon noch was ein.
spon-facebook-10000228292 05.07.2019
2. Was fehlt,
ist der Hinweis, dass Frau Lagarde eine verurteilte Betrügerin ist und nur (Zitat SPON 2016): "wegen ihrer "Persönlichkeit" keine Strafe (erhält).". Wenn das eine Qulifikation für die EU ist, dann verstehe [...]
ist der Hinweis, dass Frau Lagarde eine verurteilte Betrügerin ist und nur (Zitat SPON 2016): "wegen ihrer "Persönlichkeit" keine Strafe (erhält).". Wenn das eine Qulifikation für die EU ist, dann verstehe ich auch warum Schäuble, diese Frau unterstützt
PeterMüller 05.07.2019
3. Fachlich fehlerhafter Artikel
Aber das ist man ja von Fricke mittlerweile gewohnt. Schade nur, dass der Spiegel keinen Fachmann für die Wirtschaftsseite hat. "Der Hang früherer Finanz-Schäubles, der Welt Austerität zu empfehlen, gilt in Fachkreisen [...]
Aber das ist man ja von Fricke mittlerweile gewohnt. Schade nur, dass der Spiegel keinen Fachmann für die Wirtschaftsseite hat. "Der Hang früherer Finanz-Schäubles, der Welt Austerität zu empfehlen, gilt in Fachkreisen international heute als grober Fehler". Die Fachkreise meint dann wohl sozialistisch-geprägte "Fachkräfte", die am liebsten immer auf Pump alles zahlen wollen. Dabei wären diese Länder überhaupt nicht in die Notlagen geraten, wenn sie nicht genau dieser Maxime gefolgt wären, sondern Austerität gelebt hätten.
MatthiasPetersbach 05.07.2019
4. Vielleicht doch die bessere Partie...
VIELLEICHT? Das ist eine der Gestalten, die in der EU noch was reißen könnten - und was drauf haben. Und "zu politisch"? Was die EZB macht, IST doch Politik. Für ganz viele Leute. Schon wegen den Auswirkungen. [...]
VIELLEICHT? Das ist eine der Gestalten, die in der EU noch was reißen könnten - und was drauf haben. Und "zu politisch"? Was die EZB macht, IST doch Politik. Für ganz viele Leute. Schon wegen den Auswirkungen. Z.B. hat die Finanz- und Lebensplanung von manch einem, der sich seine Altersversorgung selbst und ständig erarbeitet hat, jetzt nen Schluckauf, weil ein paar tausend eingeplante Öre im Jahr an Zinsen fehlen.
jk1! 05.07.2019
5. Qualität vor Nationalität
aber da gibt es bei Lagarde ähnliche Zweifel wie bei vdL. Mal angenommen die EZB Position wäre als Stelle ausgeschrieben: stünde da unter unabdingbaren Qualifikationen nicht ein abgeschlossenes Studium der [...]
aber da gibt es bei Lagarde ähnliche Zweifel wie bei vdL. Mal angenommen die EZB Position wäre als Stelle ausgeschrieben: stünde da unter unabdingbaren Qualifikationen nicht ein abgeschlossenes Studium der Wirtschaftswissenschaften? Nur in der Politik gibt es diese Voraussetzungen nie. Entscheidend sind Nationalität, Geschlecht, Proporz etc. Bezeichnend auch vdL. Eine Ärztin, die drei Ministerien vorstand aber selbstverständlich nicht dem Gesundheitsministerium...
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