Wirtschaft

Private Bereicherung

Vermögende benutzen Genossenschaften zum Steuersparen

Von wegen sozial: Das Genossenschaftsmodell wird nach SPIEGEL-Informationen zunehmend für die private Bereicherung genutzt. Die Bundesregierung will das Steuerschlupfloch schließen.

Bernd von Jutrczenka/ DPA

Luxusimmobilie in Berlin: "Mit dem Genossenschaftsrecht nicht vereinbar"

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Samstag, 02.11.2019   11:17 Uhr

Das Genossenschaftsmodell, das eigentlich Menschen ohne viel Kapital kündigungssichere Wohnungen zu geringen Mieten ermöglichen soll, wird nach SPIEGEL-Informationen zunehmend für die private Bereicherung genutzt. Vermögensverwalter und Steuerberater bieten ihren Kunden an, "Familiengenossenschaften" für sie maßzuschneidern. Vermögende Privatpersonen erwerben dabei Gebäude und Grundstücke nicht mehr selbst oder über eine Firma, sondern über eine steuerbegünstigte Genossenschaft.

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Heft 45/2019
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So wirbt etwa ein Berater aus Baden-Württemberg bei Privatanlegern für die Familiengenossenschaft zum "Vermögensaufbau" und um "mal so richtig Steuern zu sparen". Die Finanzbranche bedient sich dabei der Steuervergünstigungen, die der Gesetzgeber für Wohnungsbaugenossenschaften geschaffen hat. So werden weder Grunderwerbsteuern beim Einbringen von Immobilien in die Genossenschaft fällig, noch müssen Mieteinnahmen komplett versteuert werden.

Für Privatanleger hat das Modell zusätzlichen Charme. Da die Immobilien ihnen nicht privat gehören, sondern der von ihnen gegründeten Genossenschaft, fallen sie auch nicht unter die Erbschaftsteuer.

Dem Fiskus entgehen Millionenbeträge

"Dieses Konstrukt ist aus unserer Sicht mit dem Genossenschaftsrecht nicht vereinbar", sagt Ingeborg Esser, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen. Lisa Paus, finanzpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, fordert: "Der Missbrauch der Genossenschaft zur Steuervermeidung gehört schleunigst beendet."

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Schließlich ist die Zweckentfremdung von Genossenschaften nur ein weiteres Indiz für ein grundsätzliches Problem. Finanzberater und Anwälte machen immer neue Gesetzeslücken ausfindig, um für ihre Klientel renditeträchtige Immobiliengeschäfte legal zu verpacken - bei möglichst geringer Steuerbelastung. Dem Fiskus entgehen dabei jährlich Millionenbeträge in dreistelliger Höhe. Dazu werden Häuser und Grundstücke in Firmenmäntel gesteckt, als Fonds oder eben Genossenschaften verkleidet.

Finanzminister Olaf Scholz (SPD) will nun einige der Schlupflöcher schließen. So sollen zum Beispiel sogenannte Share Deals, mit denen bei Grundstücksgeschäften die Grunderwerbssteuer weitgehend umgangen werden kann, deutlich erschwert werden. Auch den Missbrauch der Steuerprivilegien für Genossenschaften will Scholz nun eindämmen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, Lisa Paus sei die wohnungspolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag. Tatsächlich ist sie nun finanzpolitische Sprecherin. Wir haben die Stelle korrigiert.

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insgesamt 90 Beiträge
rumburg 01.11.2019
1. Politik ist schuld
Den Grossteil der Konstrukte würden obsolet, wenn die Transaktionkosten nicht so unvetschämt hoch wären. 6,5 % Grunderwerbssteuer und 1,5% Notar stehen keine Gegenleistung gegenüber und verbauen kleinen Leuten den [...]
Den Grossteil der Konstrukte würden obsolet, wenn die Transaktionkosten nicht so unvetschämt hoch wären. 6,5 % Grunderwerbssteuer und 1,5% Notar stehen keine Gegenleistung gegenüber und verbauen kleinen Leuten den Immobilienkauf. Einfach runter auf 1-2% und schon lohnen sich die Ungehungslösungen nicht mehr.
Benjowi 01.11.2019
2.
Das ganze umständliche Getue insbesondere bei der Grunderwerbssteuer ist einfach nur albern und wäre leicht zu vermeiden, wenn man der geneigten Klientel nicht dauernd Steuergeschenke zukommen lassen wollte. Wenn eine Immobilie [...]
Das ganze umständliche Getue insbesondere bei der Grunderwerbssteuer ist einfach nur albern und wäre leicht zu vermeiden, wenn man der geneigten Klientel nicht dauernd Steuergeschenke zukommen lassen wollte. Wenn eine Immobilie oder Anteile daran den Eigentümer wechseln, ist Grunderwersbsteuer fällig. Ohne Ausnahme. Damit wäre diese Steuerschneiderei von vornherein unterbunden.
sunguru 01.11.2019
3. Ein paar Fragen
Wie kann denn jemand die Genossenschaft vererben ohne dass der Besitz der Genossenschaft versteuert wird? Und wenn das so einfach ist, warum macht das nicht einfach jeder so? Etwas komplizierter scheint es ja doch zu sein.
Wie kann denn jemand die Genossenschaft vererben ohne dass der Besitz der Genossenschaft versteuert wird? Und wenn das so einfach ist, warum macht das nicht einfach jeder so? Etwas komplizierter scheint es ja doch zu sein.
Patrik74 01.11.2019
4. Wie lächerlich
---Zitat--- Schließlich ist die Zweckentfremdung von Genossenschaften nur ein weiteres Indiz für ein grundsätzliches Problem. Finanzberater und Anwälte machen immer neue Gesetzeslücken ausfindig, um für ihre Klientel [...]
---Zitat--- Schließlich ist die Zweckentfremdung von Genossenschaften nur ein weiteres Indiz für ein grundsätzliches Problem. Finanzberater und Anwälte machen immer neue Gesetzeslücken ausfindig, um für ihre Klientel renditeträchtige Immobiliengeschäfte legal zu verpacken - bei möglichst geringer Steuerbelastung. ---Zitatende--- Diese sog. "Gesetzeslücken" aka "Schlupflöcher" (niedlich, isn't it?) werden doch in die Gesetze bewusst reinkonstruiert - selbstredend so versteckt, dass sie nur von jenen ausgenutzt werden können, die sich teure Steuerberater leisten können... Es wäre vielleicht sinnvoll, wenn unsere Volksvertreter wieder dazu übergingen, das Ausmaß der externen "Beratung" wieder zurückzufahren, und Gesetzestexte wieder selbst zu schreiben, anstatt Lobbyisten-Entwürfe durchzuwinken. Dabei sollten sie im Hinterkopf behalten, für die Wahrnehmung wessen Interesses sie gewählt worden sind und nicht die aussichtsreichste Anschlussverwendung. Aber meine Ansprüche an eine Demokratie sind wohl zu hoch...
Andi_sagt 01.11.2019
5. Meldepflicht?!
Ich schlage vor, eine Meldepflicht für Steuerschlupflöcher einzuführen. Liegt im Trend und wäre hier eine sehr nette Lösung mit guter Wirkung für die Zukunft. Ferner würde ein Gesetz wohl gehen, das die Ausnutzung [...]
Ich schlage vor, eine Meldepflicht für Steuerschlupflöcher einzuführen. Liegt im Trend und wäre hier eine sehr nette Lösung mit guter Wirkung für die Zukunft. Ferner würde ein Gesetz wohl gehen, das die Ausnutzung gemeldeter und z.B. im Bundesanzeiger veröffentlichter Steuerschlupflöcher verbietet. Will wahrscheinlich niemand haben, oder?

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