Wirtschaft

Vor Bundestagswahl

Gewerkschaften starten Kampagne für Rentenerhöhung

Ein Jahr vor der Bundestagswahl startet der DGB eine groß angelegte Kampagne für höhere Renten. Die Arbeitgeber warnen, die Gewerkschaften würden "Ängste schüren".

DPA

Rentnerpaar vor dem Reichstag in Berlin

Dienstag, 06.09.2016   16:04 Uhr

Die Gewerkschaften forcieren - ein Jahr vor der Bundestagswahl - ihren Einsatz für höhere Renten. In Berlin stellte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) eine groß angelegte Kampagne zu dem Thema vor.

"Unsere zentrale Forderung für den Kurswechsel in der Rentenpolitik ist eine Stabilisierung des gesetzlichen Rentenniveaus", sagte DGB-Chef Reiner Hoffmann zum Start der Kampagne. Langfristig müsse das Sicherungsniveau der Rente sogar wieder erhöht werden. Ohne diese Anpassung seien ab 2040 "Millionen der heute noch jungen Menschen von sozialem Abstieg oder gar Altersarmut betroffen."

Die Finanzen der gesetzlichen Rentenversicherung stehen wegen des demografischen Wandels unter Druck: Weil die Geburtenzahlen gesunken sind, stehen immer weniger erwerbstätige Beitragszahler immer mehr Rentnern gegenüber. Da zudem die Lebenswertung steigt, beziehen viele Rentner länger Rente.

Mehr Steuergelder für die Rente?

Die Politik hat sich verpflichtet, das Rentenniveau bis 2030 nicht unter die Marke von 43 Prozent sinken zu lassen. Zugleich sollen die Rentenbeiträge nicht über 22 Prozent steigen, derzeit liegen sie bei 18,7 Prozent.

Der DGB plädiert für eine "maßvolle" Anhebung "in kleinen Schritten" auf 22 Prozent. Zugleich sollen bisherige Zusatzleistungen der Rentenversicherung - im Fachjargon "versicherungsfremde Leistungen" genannt - in Zukunft direkt aus der Steuerkasse finanziert werden, allen voran die rund sieben Milliarden Euro jährlich für die Mütterrente.

Der DGB rechnet vor: Ohne Umsteuern würde ein Beschäftigter des Jahrgangs 1963 mit einem Einkommen von 2500 Euro brutto 2030 nur eine Rente von 800 Euro bekommen. "Das würde bei Weitem nicht reichen, um seinen bisherigen Lebensstandard zu halten." Private Vorsorge könne die Lücke nicht schließen.

Mit zahlreichen Veranstaltungen wollen der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften die Politik bis zur Bundestagswahl zu Reformen drängen. "Die Talfahrt des gesetzlichen Rentenniveaus muss gestoppt werden", forderte der Chef der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di, Frank Bsirske. Die drohende Altersarmut sei "eine tickende soziale Zeitbombe." Die IG Metall war bereits im Juli mit einem Konzept für ein höheres Rentenniveau, höhere Beiträge sowie Betriebsrenten für alle Arbeitnehmer vorgeprescht.

Widerstand von Unternehmen und Experten

Die Arbeitgeber dagegen warnen vor den Plänen der Gewerkschaften. "An den richtigen rentenpolitischen Grundsatzentscheidungen zum Rentenniveau, zum Beitragssatz und zur Altersgrenze muss mit Blick auf die Generationengerechtigkeit festgehalten werden", sagte Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer. "Die Gewerkschaften schüren unnötig Ängste." Die Linke und die SPD äußerten sich positiv zur DGB-Kampagne.

Experten der Bundesbank sowie Ökonomen plädieren dagegen für eine Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 69 Jahre bis zum Jahr 2060. Sie halten die unter anderem vom DGB geforderte Erhöhung des Rentenniveaus für einen Fehler. Sie begünstige einseitig die Rentner zulasten der Beitragszahler.

beb/dpa

insgesamt 31 Beiträge
rkinfo 06.09.2016
1. Weniger gesetzliche Leistungen bei den Jungrentner würde helfen
Die Jungrentner kosten die RV richtig Geld, obwohl hier simpler Kapitalverzehr angesparte 'Rentenrücklagen' möglich wäre. Streng genommen füllen wir für Jungrentner bis ca. 75/80 letztlich nur das Geld, denn die meisten [...]
Die Jungrentner kosten die RV richtig Geld, obwohl hier simpler Kapitalverzehr angesparte 'Rentenrücklagen' möglich wäre. Streng genommen füllen wir für Jungrentner bis ca. 75/80 letztlich nur das Geld, denn die meisten erleben ja noch (virtuell) die Auszahlung 'ihrer Beiträge'. Eine Rente nach 45 Beitragsjahren oder spätestens mit 70, wobei bei gesundheitlichen Problemen oder Arbeitslosigkeit eine staatliche Mindestrente ab 65/67 Ergänzung wäre, könnte viele Probleme minimieren. Die 22% statt 18/19% Rentenbeitrag sollte man als freiwillige Lösung anbieten, was wohl dann die älteren Jahrgänge nutzen würden. Um 20 Jahre / 250 Monate Rente aus einem privaten Topf zu erhalten müsste man mit Rentenbeginn Rücklagen um 250-500.000€ aufbauen. Bei 80 Mill. Bürger also 20 Billion € - wo sollen die angelegt werden ? Die Privatrente ist ein Gag der Versicherungsbranche und in der Masse schlicht unseriös.
pinguin1966 06.09.2016
2. Tolle Argumente (Ironie)
Wir quetschen also jetzt die öffentlichen Kassen aus, damit nicht 2040 heute junge Menschen von Armut bedroht sind. So ein Blödsinn. Aber eine für 2040 versprochene Rentenerhöhung gibt halt 2017 keine Wählerstimmen. Und wieso [...]
Wir quetschen also jetzt die öffentlichen Kassen aus, damit nicht 2040 heute junge Menschen von Armut bedroht sind. So ein Blödsinn. Aber eine für 2040 versprochene Rentenerhöhung gibt halt 2017 keine Wählerstimmen. Und wieso man alle Renten anheben muss, wenn man Altersarmut bekämpfen will, verstehe ich auch nicht. Wir haben eine demografische Entwicklung oder klarer: ein demografisches Problem, d.h. die junge Generation wird (relativ und absolut) immer weniger und die alte Generation (relativ) immer mehr. Daran ist immer die alte Generation schuld. Die junge kann sich ja schlecht selber klonen. Und dann muss die alte Generation eben auch die Folgen ihrer Lebenseinstellung mittragen. Nur durch Beitragszahlungen Leistungsansprüche aufbauen reicht eben nicht. Es muss im umlagefinanzierten Rentensystem auch jemand da sein, der die Leistungsansprüche bedient. Und nein, es ist kein Problem der Einkommensverteilung zwischen Arbeit und Kapital. Die Rentenversicherung ist ein umlagefinanziertes Versicherungssystem. Dabei sind die gezahlten Sozialbeiträge in den letzten 10 Jahren um rund ein Drittel gestiegen. D.h. der Rentenkasse geht es zurzeit sogar recht gut. Das weckt aber auch Begehrlichkeiten. Nur leider schlägt die demografische Entwicklung ab 2025 böse zu und die Steigerungen werden geringer oder hören sogar auf. Kann man alles ausrechnen. Und nein, die Aufhebung der Beitragsbemessungsgrenze löst das Problem nicht sondern schiebt es nur nach hinten. Zwar brauchen Gutverdiener oberhalb der Beitragsbemessungsgrenze keine Beiträge zu zahlen. Dafür ist deren Rente aber auch gedeckelt. Schafft man die Beitragsbemessungsgrenze ab, steigen zuerst die Beiträge und dann später eben auch die Renten und wir sind so weit wie vorher. Und nein, die Einbeziehung der Beamten löst das Problem auch nicht. Die werden zwar tatsächlich besser behandelt (empört Euch!), es sind aber einfach zu wenige, um das Rentensystem zu sanieren. Und vor allem: Bei den beamtenhaushalten herrscht die gleiche demografische Entwicklung wie bei den sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmerhaushalten - es werden auch immer weniger.
L!nk 06.09.2016
3. Was sind für Sie Jungrentner mit Leistungen?
Meinen Sie Frührentner, die neben der Rente von ein paar Hundert Euro noch per Grundsicherung aufstocken müssen? Ich bitte um Erklärung! Neu berentete Menschen, deren Bezüge über der geltenden Armutsschwelle liegen, [...]
Zitat von rkinfoDie Jungrentner kosten die RV richtig Geld, obwohl hier simpler Kapitalverzehr angesparte 'Rentenrücklagen' möglich wäre. Streng genommen füllen wir für Jungrentner bis ca. 75/80 letztlich nur das Geld, denn die meisten erleben ja noch (virtuell) die Auszahlung 'ihrer Beiträge'. Eine Rente nach 45 Beitragsjahren oder spätestens mit 70, wobei bei gesundheitlichen Problemen oder Arbeitslosigkeit eine staatliche Mindestrente ab 65/67 Ergänzung wäre, könnte viele Probleme minimieren. Die 22% statt 18/19% Rentenbeitrag sollte man als freiwillige Lösung anbieten, was wohl dann die älteren Jahrgänge nutzen würden. Um 20 Jahre / 250 Monate Rente aus einem privaten Topf zu erhalten müsste man mit Rentenbeginn Rücklagen um 250-500.000€ aufbauen. Bei 80 Mill. Bürger also 20 Billion € - wo sollen die angelegt werden ? Die Privatrente ist ein Gag der Versicherungsbranche und in der Masse schlicht unseriös.
Meinen Sie Frührentner, die neben der Rente von ein paar Hundert Euro noch per Grundsicherung aufstocken müssen? Ich bitte um Erklärung! Neu berentete Menschen, deren Bezüge über der geltenden Armutsschwelle liegen, kenne ich jetzt schon keine mehr, und diejenigen, die noch richtig von ihrer Rente leben können, sind langsam alle ausgestorben. Ihre behördenmäßig aufgeführte Zahlenakrobat halte ich für mehr als zynisch - und letztendlich haben die Bürger auch nichts davon, wenn die Ruheständler Sozialhilfe statt Rente ausgezahlt bekommen. Die haben nur mehr Stress - und sterben vielecht deshalb früher, sind Sie vielleicht darauf aus?
smartphone 06.09.2016
4. Grundrente == Grundeinkommen
sollte dringend in Angriff genommen werden, also - analog der Mindestpension dann 1500€ + KV allerdings . Wer nun aufjault zuteueretc , sollet mal überlegen , daß man genug Geld "beizaubern" kann , wenn man endlich [...]
sollte dringend in Angriff genommen werden, also - analog der Mindestpension dann 1500€ + KV allerdings . Wer nun aufjault zuteueretc , sollet mal überlegen , daß man genug Geld "beizaubern" kann , wenn man endlich die 100% Auszahlung der Pensionen ( also nie gekürzt und in den Nullerjahren rund 7% jährlich gestiegen , Bildungszeiten angerechnet usw )... rückwirkend(!!!! also 10 jahre ) auf Rentnerniveau zieht , also schon mal unter 50%... Es macht wneig Sinn nur bei den 20 Mio Rentnern zu kürzen usw , aber bei 800000 Pensionären , bei denen derzeit die Summe von 40 Mio Rentnern ausgeschüttet wird, komplett zu vergessen . Solche "lammert" Pensionen a 20000 pro Monat sind sowieso auf 2500 zu deckeln.... Da ist keine Kommunismusdenke, sondern genau das , was komplett aussprechbar sein muß - oder wollen Die die Bundeswehr zur Bewachuneg der Flaschencontainer bereitstellen ... ?
Nordstadtbewohner 06.09.2016
5. Glück gehabt.
Ich habe das Glück, meine Art der Altersvorsorge selbst bestimmen zu und habe mich entschieden, meine Rücklagen für den Ruhestand selbst zu managen. Die gesetzliche Rentenversicherung in dieser Form ist für alle unter 40 [...]
Ich habe das Glück, meine Art der Altersvorsorge selbst bestimmen zu und habe mich entschieden, meine Rücklagen für den Ruhestand selbst zu managen. Die gesetzliche Rentenversicherung in dieser Form ist für alle unter 40 ein massives Verlustgeschäft und ein direkter Weg in die Altersarmut, denn die heutige Rentnergeneration lebt auf Kosten der jungen Menschen. Eine Erhöhung der gesetzlichen Renten, so wie es die Gewerkschaften fordern, ist ein weiterer Griff in die Geldbörse der Jungen. Das verschlimmert nur noch die Lage.

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