Wirtschaft

360.000 Bürger ausgewandert

Griechenland laufen die hochqualifizierten jungen Menschen davon

Wegen der Wirtschaftskrise sind im laufenden Jahrzehnt insgesamt rund 360.000 Griechen ausgewandert - darunter viele Ärzte, Krankenpfleger, Ingenieure. Die Folgen für das Land sind erheblich.

AFP

Straßenszene in Athen (Archivbild)

Montag, 31.12.2018   08:53 Uhr

Die allerschwerste Finanzkrise scheint in Griechenland vorerst überstanden. Doch die mittel- und langfristigen Auswirkungen werden noch lange spürbar sein. So haben seit 2010 gut 360.000 Griechen ihr Heimatland verlassen. Als Hauptgründe nannte das größte griechische Wirtschaftsinstitut KEPE Perspektivlosigkeit, niedrige Löhne und hohe Arbeitslosigkeit. Die KEPE-Studie wurde am Sonntag in der Athener Zeitung "Kathimerini" veröffentlicht.

Auch die Geburtenrate sei derart gefallen, dass die griechische Bevölkerung - sollte dieser Trend anhalten - in den kommenden fünf Jahrzehnten um die Hälfte schrumpfen werde. Die Folgen wären drastisch. So müsste das Rentenalter von heute 67 Jahre auf 73 Jahre erhöht werden, hieß es in der Studie weiter. Aktuell hat das Land etwa 10,8 Millionen Einwohner.

Nach Angaben des Athener Ärzteverbands sind seit 2010 geschätzt etwa 18.000 junge griechische Ärzte sowie Tausende Krankenpfleger ausgewandert. Auch Ingenieure und andere hochqualifizierte junge Menschen sind gegangen. Die Mehrheit von ihnen arbeitet heute in Großbritannien, Deutschland und den arabischen Golfstaaten.

Nach acht Jahren Spar- und Hilfsprogrammen war Griechenland am 20. August aus den Finanz-Hilfsprogrammen entlassen worden. Das Land muss sich in den kommenden Jahren nun wieder aus eigener Kraft finanzieren, wird aber von den Euro-Partnern überwacht. Bis 2022 muss der Haushalt einen jährlichen Primärüberschuss (ohne Zahlungen für den Schuldendienst) von 3,5 Prozent erreichen. Daran sind weitere Schuldenerleichterungen geknüpft.

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Kurz vor Weihnachten hatte das Parlament in Athen den Haushalt für das Jahr 2019 gebilligt. Dieser basiert auf der Annahme eines Wirtschaftswachstums von 2,5 Prozent; für dieses Jahr werden 2,1 Prozent erwartet. Das Bruttoinlandsprodukt soll auf 190 Milliarden Euro steigen; von rund 183 Milliarden Euro im Jahr 2018. Zudem soll die Arbeitslosigkeit auf 16,7 Prozent sinken.

jok/dpa

insgesamt 92 Beiträge
Einhorn 31.12.2018
1. Hilfsprogramm ist ein böser Euphemismus
Man hat das Land ausgepresst und mit dem Resultat die Banken gefüttert. Und jetzt so zu tun als ob "ausgerechnet" die qualifizierten Menschen auswandern ist unterirdisch. Wohin sollen die Bauern denn gehen? Wer von uns [...]
Man hat das Land ausgepresst und mit dem Resultat die Banken gefüttert. Und jetzt so zu tun als ob "ausgerechnet" die qualifizierten Menschen auswandern ist unterirdisch. Wohin sollen die Bauern denn gehen? Wer von uns würde in einem Land leben wollen, in dem große Teile der Menschen ohne Strom, ohne Krankenversicherung und ohne Hoffnung sind? Wer, der eine gute Ausbildung und die nötigen Sprachkenntnisse hat, würde nicht gehen und sein Glück andersow versuchen? Griechenland verdankt den aktuellen Zustand der sogenannten Troika und ihrer Weitsicht. Entweder wusste auch unser Herr Schäuble, womit er es zu tun hatte als Griechenland EU-Mitglied wurde - oder er war nicht annähernd kompetent für solch eine Wirtschaftsbetrachtung. Und dann auch nicht für die sogenannte "Rettung".
j.soergel 31.12.2018
2. Ist schon komisch...
genau vor diesen realen Anpassungsmechanismen wurde schon mit der Einführung des Euro gewarnt und sind auch schon seit 150 Jahren die Grundlage des Mezzogiorno-Problems in Italien... die Binnenmigration von gut Qualifizierten in [...]
genau vor diesen realen Anpassungsmechanismen wurde schon mit der Einführung des Euro gewarnt und sind auch schon seit 150 Jahren die Grundlage des Mezzogiorno-Problems in Italien... die Binnenmigration von gut Qualifizierten in der Eurozone in Richtung z.B. Deutschland ist weiterhin enorm, so dass das Leitbild der ökonomischen Konvergenz eine politische Illusion bleibt... unser Arbeitsmarkt ist regional z.T. leergefegt, während in den Südländern trotz Abwanderung die Rate stabil hoch bleibt bzw. wächst... so fliegt der Laden auseinander...
chjuma 31.12.2018
3. Uuips....
... Dieser Artikel sagt genau was aus?? Durch die ausländische Abwerbung, so auch aus Deutschland, geht Griechenland das Humankapital verloren, das einzig in der Lage wäre, den Standort Griechenland zu festigen und [...]
... Dieser Artikel sagt genau was aus?? Durch die ausländische Abwerbung, so auch aus Deutschland, geht Griechenland das Humankapital verloren, das einzig in der Lage wäre, den Standort Griechenland zu festigen und wettbewerbsfähig zu machen. Das ist eigentlich ein Verbrechen. Was erreicht man dadurch? Das griechische Gemeinwesen wird immer weiter unterminiert und ausgehöhlt. Kurzfristig hält sich das Ausland so griechische Konkurrenz vom Halse. Langfristig ist dieser Zustand tödlich, für alle Beteiligten. Aber langfristiges Denken ist heute nicht mehr in.
viceman 31.12.2018
4. ein Teufelskreis,
es ist natürlich vollkommener Wahnsinn einen Renteneintritt mit 73 zu fordern.genauso, wie eine Rückzahlung der Schulden. ohne einen radikalen Schuldenschnitt kann es gar nichts werden.... Profiteur ist mal wieder Deutschland, [...]
es ist natürlich vollkommener Wahnsinn einen Renteneintritt mit 73 zu fordern.genauso, wie eine Rückzahlung der Schulden. ohne einen radikalen Schuldenschnitt kann es gar nichts werden.... Profiteur ist mal wieder Deutschland, erst als Verkäufer von Waren und Dienstleistungen gegen Schulden, dann als Gläubiger, der prächtig an den Zinsen verdient und natürlich auch von den griechischen Fachkräften profitiert. Operation gelungen, Patient tot, so läuft es eben...
wasistlosnix 31.12.2018
5. Kaputtgespart
Griechenland ist für mich ein Beispiel wie man ein Land zwei mal nach unten gedrückt hat. Das erste mal indem man die Überschuldung zugelassen hatte und das zweite mal indem man die Finanzinstitute auf Kosten Griechenlands [...]
Griechenland ist für mich ein Beispiel wie man ein Land zwei mal nach unten gedrückt hat. Das erste mal indem man die Überschuldung zugelassen hatte und das zweite mal indem man die Finanzinstitute auf Kosten Griechenlands gerettet hat. Jetzt kommt die 3 Welle indem man die Fachkräfte abwirbt. Am Ende ist Griechenland produktiv ausgeblutet. Ohne junge Menschen wird keiner investieren.
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