Wirtschaft

Breitbandinternet für alle

Labour will britische Telekom teilweise verstaatlichen

Nur jeder zehnte Brite hat einen Glasfaseranschluss vor seiner Tür. Oppositionschef Jeremy Corbyn will das ändern und dafür die British Telecom teilverstaatlichen. Die Tories sprechen von einem "Fantasie-Plan".

Russell Cheyne / REUTERS

Labour-Chef Jeremy Corbyn: "Das Internet ist zu so einem zentralen Teil unseres Lebens geworden"

Freitag, 15.11.2019   14:17 Uhr

Knapp einen Monat vor der vorgezogenen Parlamentswahl in Großbritannien hat die oppositionelle Labour-Partei kostenloses Breitbandinternet für jeden Haushalt versprochen.

Es sei an der Zeit, dass es "in jedem Haus in diesem Land" einen kostenlosen Glasfaser-Breitbandanschluss gebe, sagte Parteichef Jeremy Corbyn. Um das Vorhaben umzusetzen, will Labour einen Teil der britischen Telekom BT verstaatlichen.

"Das Internet ist zu so einem zentralen Teil unseres Lebens geworden", sagte Corbyn. "Was einst ein Luxus war, ist jetzt eine wesentliche Notwendigkeit." Internet per Glasfaser müsse deshalb zur "öffentlichen Dienstleistung" werden, sagte der Oppositionsführer. Bislang haben weniger als zehn Prozent der Briten Glasfaseranschlüsse direkt vor ihrem Haus.

Kostenloses und schnelles Internet für alle würde das "Land verändern, die Rechnungen der Menschen senken, unsere Wirtschaft voranbringen und die Lebensqualität der Menschen verbessern", sagte Corbyn. Die Einsparungen durch den kostenlosen Dienst für eine Person würden laut Labour durchschnittlich 30,30 Pfund (rund 35 Euro) im Monat betragen.

Branchenverband spricht von "Katastrophe"

Die regierenden Tories und Wirtschaftsverbände kritisierten die Idee scharf. Die Konservativen von Premierminister Boris Johnson bezeichneten das Wahlversprechen als "Fantasie-Plan". Digitalminister Nicky Morgan warnte, eine "faktische Verstaatlichung" der Breitbanddienste der BT würde Milliardenkosten bei "hart arbeitenden Steuerzahlern" verursachen.

Der Branchenverband TechUK nannte die Idee "grundlegend fehlgeleitet". Eine Teilverstaatlichung der Telekom wäre dem Lobbyverband zufolge eine "Katastrophe" für die Branche und würde die schnell wachsende Digitalwirtschaft im Vereinigten Königreich empfindlich treffen.

Labour will auch Bahn und Post verstaatlichen

Laut Labour würde der Breitbandausbau einmalig 20,3 Milliarden Pfund (23,7 Milliarden Euro) kosten. Die jährlichen Kosten würden sich demnach auf 230 Millionen Pfund belaufen.

Labour hat im Wahlkampf bereits die Verstaatlichung zahlreicher Betriebe gefordert, darunter die Eisenbahn und die Post. Zudem fordert die Partei eine Verringerung der Arbeitszeit auf 32 Stunden. Im Gegenzug will sie die Steuern für Reiche anheben.

Umfragen sehen allerdings die konservativen Tories vorn. In einer am Dienstag veröffentlichten YouGov-Umfrage kam Johnsons Partei auf 42 Prozent Zustimmung, Labour nur auf 28 Prozent.

jki/AFP/Reuters

insgesamt 3 Beiträge
Lerggenthal 15.11.2019
1. Terroristenfreund
Mal ganz davon abgesehen, dass man darüber diskutieren kann, welche Leistungen vom "Staat" erbracht werden können: Wird die Partei des Herrn Corbyn gewählt, ist das natürlich zu akzeptieren, aber es wäre höchst [...]
Mal ganz davon abgesehen, dass man darüber diskutieren kann, welche Leistungen vom "Staat" erbracht werden können: Wird die Partei des Herrn Corbyn gewählt, ist das natürlich zu akzeptieren, aber es wäre höchst befremdlich und bedauerlich. Herr Corbyn bezeichnet die Mörder von Hamas als "Freunde". Hinzu kommen klar antisemitische Haltungen. Ja, ich weiß zu unterscheiden zwischen antiisraelisch und antisemitisch. Ich meine antisemitisch.
whitewisent 15.11.2019
2.
Warum müssen Politiker immer eine solch große Fresse haben? Es wäre schon ein Kraftakt, jede britische Gemeinde anzuschließen. Mal davon abgesehen, dass dies auf den kleinen Inseln nicht wirklich Sinn macht, ist es doch gerade [...]
Warum müssen Politiker immer eine solch große Fresse haben? Es wäre schon ein Kraftakt, jede britische Gemeinde anzuschließen. Mal davon abgesehen, dass dies auf den kleinen Inseln nicht wirklich Sinn macht, ist es doch gerade einer der typischen Eigenschaften der britischen Landschaft, das es überall einzelne Häuser gibt, egal ob dies nun Schlösser, Bauernhöfe oder Reste von ehemaligen Siedlungen sind. Wer das Ziel ausgibt, für wenige Tausend solchen Aufwand zu betreiben, hat die Probleme in den Ballungszentren nicht verstanden. Was nützt "ein" Kabel, wenn daran Abends zur selben Zeit 120 Nutzer mit bester Geschwindigkeit online sein wollen. Allein durch Dienste wie Amazon und Netflix braucht man dort Leistung, wo auch die Nachfrage besteht. Was auch für Deutschlands Pläne gilt. Denn Gebiete ohne 4G fühlen sich von der Politik verarscht, wenn man meint, dass demnächst überall 5G kommt.
spiegerlguckerl 15.11.2019
3. Gute Idee, leider hilft der Name Corbyn nicht
In der Sache hat Corbzn recht - nur ist er bei weitem nicht die Person die das glaubhaft und überzeugend wird umsetzen können. Ich halte es für geboten, dass schnelle Internetverbindung sowie Nah- und Fernverkehrsinfrastruktur [...]
In der Sache hat Corbzn recht - nur ist er bei weitem nicht die Person die das glaubhaft und überzeugend wird umsetzen können. Ich halte es für geboten, dass schnelle Internetverbindung sowie Nah- und Fernverkehrsinfrastruktur vom Staat bzw. Regional- bzw. Gemeinderegierung betrieben werden. Dasselbe gilt für Wasser- und Energieversorgung. Damit rede ich keinem Staatssozialismus oder Kommunismus das Wort, sondern der Tatsache, dass im 21. Jahrundert Bildung, Internetzugang (vor allem für Bildung, nicht nur für Netflix usw.), nachhaltiger öffentlicher Verkehr (es bringt nichts im eigenen E-Auto im Stau zu stehen), Wasser und Elektrizität allen und jedem im gleichen Mass zur Verfügung stehen, d.h. ein Menschenrecht ist. Es ist glasklar, dass dies unter dem heutigen Real Existierenden Kapitalismus niemals geschehen kann und wird; es braucht in der Tat eine Art Green New Deal, einen New Deal so tiefgreifend und radikal wie er vor fast einem Jahrhundert für das 20. Jahrhundert von Franklin Delano Roosevelt praktiziert wurde (gegen den Hass der Oligarchen, die sofort nach FDR's Tod damit begannen, die New Deal-Politik Stück um Stück zu zerlegen - was unter Ronald Reagan und Bill Clinton in Massnahmen gipfelte, deren Ergebnis heute Donald Trump ist).

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP