Wirtschaft

Steuerpläne des Unions-Wirtschaftsflügels

Schön für alle, die gut verdienen

Den Mittelstand entlasten - so lauten die Pläne vom Wirtschaftsflügel der Union. Doch was ist, wenn nichts dabei rauskommt? Und was ist mit denen, die ohnehin nicht profitieren? Es gibt eine Lösung.

DPA

Steuererklärung

Eine Kolumne von
Samstag, 13.08.2016   09:20 Uhr

Die Mittelstandsvereinigung der Union (MIT) schlägt für die Jahre nach der kommenden Bundestagswahl eine Steuerreform in drei Stufen vor. Diese soll die Steuerzahler ab 2020 um mehr als 30 Milliarden Euro im Jahr entlasten.

Selbst wenn die Union auch die nächste Kanzlerin stellt: Die Aussichten dieser Steuerreformpläne sind ungewiss. So wollen die Unions-Mittelstandspolitiker 2018 die Werbungskostenpauschale von 1000 Euro auf 2000 Euro erhöhen. Das ist die Summe, die Sie als Arbeitnehmer ohne Belege absetzen können. Und zwar jeder.


Werbungskosten


Doch man kann schon heute - ganz ohne Steuerreform - auf 2000 Euro oder mehr absetzbare Werbungskosten kommen. Für viele stellt die Fahrt zur Arbeit den größten Batzen dar: Wenn Sie an jedem Ihrer 230 Arbeitstage im Jahr mehr als 15 Kilometer zur Arbeit fahren müssen - egal mit welchem Verkehrsmittel - dann haben Sie die heutige Pauschale für Arbeitnehmer bereits voll. Starten Sie deshalb mit einem Schuhkarton ihre persönliche Steuerreform, in dem Sie kontinuierlich alle Belege für ein Jahr sammeln.

Wenn die Werbungskostenpauschale durch Fahrtwege erschöpft ist, lassen sich jeder Bleistift, jede Briefmarke, jede Fachzeitschrift, aber auch die Sicherheitsschuhe, die Sie für Ihren Beruf benötigen, als Arbeitsmittel zusätzlich steuermindernd geltend machen. Teile der Kosten für Computer und Smartphone, falls beruflich genutzt, gehören auch dazu. Selbst das Buffet beim kleinen Fest mit Kollegen zu Ihrer Beförderung geht als Werbungskosten durch.

Wie viel Ersparnis das Ihnen bringt, hängt vom persönlichen Steuersatz ab: Geringverdiener etwa bekommen pro Euro Werbungskosten 15 Cent von der Steuer zurück, Besserverdiener mehr als 40 Cent.

Auch hier wollen die Unionspolitiker ran: Den Spitzensteuersatz von 42 Prozent muss bereits ein Lediger mit einem zu versteuerndem Einkommen von knapp 54.000 Euro zahlen. Laut den Steuerplänen soll diese Schwelle ab 2019 hochgesetzt werden auf 60.000 Euro im Jahr. Und die, die zum Beispiel 40.000 Euro verdienen, sollen künftig auch weniger Steuern zahlen.

Die Unions-Mittelstandslobbyisten sehen zudem einen großen Schritt für die Familien vor: Künftig soll für Kinder derselbe Grundfreibetrag angesetzt werden können wie für einen Erwachsenen. Bislang ist der viel niedriger. Eine vierköpfige Familie könnte aufgrund des dann faktisch für jeden geltenden Grundfreibetrags deshalb mehr als 34.000 Euro Erwerbseinkommen bekommen, ohne Steuern zu zahlen. Allerdings würden die Familien erst in der dritten Stufe der Reform ab 2020 profitieren.


Kosten für Kinderbetreuung und Haushaltshilfe


Was manche nicht wissen: Sie können schon längst weitere Kosten für Kinder absetzen. Von 6000 Euro, die Sie für Kinderbetreuung zahlen, können Sie bis zu 4000 Euro als Sonderausgaben geltend machen.

Und wenn beide Eltern berufstätig sind, dann ist oft eine Haushaltshilfe die letzte Rettung. Auch die können Sie absetzen: Über das Haushaltsscheckverfahren können Sie die Putzhilfe als Minijobberin mit wenig Aufwand legal anmelden - und erhalten bis zu 510 Euro Steuern zurück. Nehmen wir also auch das zu unserer gedanklich vorgezogenen Steuerreform hinzu.

Ein Haken ihres Reformplanes ist auch den Urhebern aus der Union aufgefallen: Eigentlich muss man mit dem Kinderfreibetrag auch das Kindergeld erhöhen, damit die Familien mit niedrigem Einkommen auch etwas von den Plänen haben. Das würde jedoch nochmal 7,7 Milliarden Euro im Jahr kosten. Der Rahmen der Entlastung würde auf rund 40 Milliarden Euro im Jahr wachsen.

Womit wir beim Pferdefuß einer solchen Steuerreform wären. Wer keine Einkommensteuer zahlt, profitiert abseits des zuletzt genannten Kindergeldes nicht. 95 Prozent der Einkommensteuer werden von Steuerzahlern bezahlt, die mehr als 28.000 Euro Einkommen haben. Die mit niedrigeren Einkünften zahlen kaum noch etwas, sie haben ja auch nicht viel.

Aber es sind viele. Mehr als 20 Prozent der Haushalte. Das gilt natürlich für Rentnerinnen und Rentner, deren Einkommen zu niedrig sind. Mehr als 15 Millionen Ältere zahlen aktuell keine Einkommensteuer.

Doch auch dies ändert sich und immer mehr müssen neben Sozialversicherungsbeiträgen zusätzlich Steuern auf ihre Rente bezahlen.

Und diese Rentner müssen mit dem verbliebenen Geld auskommen. Ebenso wie die Familien mit geringem Einkommen, vor allem aber Alleinerziehende mit Kindern und Empfänger von Sozialleistungen. Mehr als vier Millionen Menschen in Deutschland bekommen Hartz IV.

Steuern zahlen die alle schon, Mehrwertsteuer im Laden, Mineralölsteuer beim Tanken und Grundsteuer - selbst als Mieter. Hilfe hätten sie auch nötig. Aber sie sind ja nicht der Mittelstand.

Und statistisch gesehen gehen die Hilfsempfänger auch kaum wählen.


Haushaltsnahe Dienstleistungen


Deswegen sei hier noch ein kleiner Tipp für die Steuererklärung aufgeführt, von dem auch der kleine Steuerzahler profitiert: Haushaltsnahe Dienstleistungen lassen sich fast von jedem absetzen. Denn davon profitieren nicht nur wohlhabende Menschen, die sich einen Gärtner leisten. Jeder Mieter kann sich von der Hausverwaltung eine Nebenkostenabrechnung ausstellen lassen, in der die Arbeitskosten für Hausmeister, Gärtner und Kaminkehrer für die Hausgemeinschaft sauber aufgeschlüsselt sind. Ihren Anteil können Sie in der Steuererklärung geltend machen. Das bringt Ihnen 20 Prozent der Lohnkosten als Steuererstattung.

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insgesamt 173 Beiträge
ulrich_loose 13.08.2016
1. Schön für alle die Steuern zahlen...
Die die kaum oder keine Steuern zahlen können selbstverständlich auch nicht von geringeren Belastungen "Profitieren", die profitieren schon genügen von ihrer Nichtbelastung. Immer diese spzialistische Grundhaltung [...]
Die die kaum oder keine Steuern zahlen können selbstverständlich auch nicht von geringeren Belastungen "Profitieren", die profitieren schon genügen von ihrer Nichtbelastung. Immer diese spzialistische Grundhaltung des Spiegel der offenbar das Grundprinzip nicht verstehen will.
captain_chaos 13.08.2016
2. was soll denn das
Immer wenn was passieren soll kommt die Begründung dass es für Geringverdiener nicht mehr gibt! Immerhin bezahlen alle anderen die Mittel von denen auch Geringverdiener profitieren. Dann muss die Politik eben den Mindestlohn [...]
Immer wenn was passieren soll kommt die Begründung dass es für Geringverdiener nicht mehr gibt! Immerhin bezahlen alle anderen die Mittel von denen auch Geringverdiener profitieren. Dann muss die Politik eben den Mindestlohn erhöhen und Leiharbeit auf 6 Monate befristen danach Festanstellung! Alle anderen können doch nichts dafür, wenn die Geringverdiener mit ihrem Zustand zufrieden sind. Es gibt doch Gewerkschaften und Betriebsräte ansonsten der Gang auf die Strasse. Genauso ist es doch mit der Altersvorsorge nur weil die "Geringverdiener" keine abschliessen und lieber das Geld für Kippen oder Bier ausgeben , kann der Rest doch nichts dafür. Versuchen sie doch mal vernünftige Handwerker zu bekommen, die wollen viel Kohle für wenig Leistung. Wer was leistet bekommt auch sein verdientes Geld!
franz.v.trotta 13.08.2016
3. Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt
Die Mittelstandsvereinigung will Mittelständler entlasten. Was sonst?
Die Mittelstandsvereinigung will Mittelständler entlasten. Was sonst?
rumpel84 13.08.2016
4.
Was genau ist jetzt schlimm daran, dass Leute, die jeden Tag arbeiten gehen und dabei jedes Jahr in der Progression hoch rutschen, auch mal entlastet werden? Sie finanzieren schließlich alle anderen
Was genau ist jetzt schlimm daran, dass Leute, die jeden Tag arbeiten gehen und dabei jedes Jahr in der Progression hoch rutschen, auch mal entlastet werden? Sie finanzieren schließlich alle anderen
karljosef 13.08.2016
5. Huch!
Alle Jahre wieder! Fast! Vor jeder Wahl hört der gläubige Wähler, die Steuern werden gesenkt. Nach der Wahl erfährt er immer wieder, dass es dank des Koalitionspartners nicht funktioniert (oder ähnliche Schmarren). [...]
Alle Jahre wieder! Fast! Vor jeder Wahl hört der gläubige Wähler, die Steuern werden gesenkt. Nach der Wahl erfährt er immer wieder, dass es dank des Koalitionspartners nicht funktioniert (oder ähnliche Schmarren). (Auch wenn, wie jetzt, beide Parteien hübsche Versprechungen für die Kleinverdiener und den Mittelstand machen.) Das Ergebnis wird sein, die Schere zwischen reich und arm wird weiter geöffnet, die Nutznießer der Steueränderungen sind, wie immer die Reichen und Superreichen. Und man wundert sich, dass immer weniger Leute zur Wahlurne gehen?
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