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Weltkrise privat

Abwrackprämie für Bobby-Cars

Kleinwagen auf Eigenurin-Basis und Ingenieurinnen in eleganter Arbeitskleidung - auf der IAA stellen deutsche Autobauer sensationelle Projekte vor. Und die Vorstandschefs geben sich größte Mühe mit dem Klimaschutz: Sie trinken grünen Tee und arbeiten an der Insolvenz.

Von SPIEGEL-ONLINE-Krisenkolumnist
Dienstag, 22.09.2009   11:56 Uhr

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IAA: Bustiers und Lack-Minis
Debakel am Rande der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA): BMW und Daimler schaffen es nicht rechtzeitig zum Wahlsonntag, sich von der Bundesregierung retten zu lassen. Beide Konzerne sind einfach nicht pleite genug.

Dabei war in Berlin für heute alles vorbereitet: Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hatte für zwei nächtliche Sitzungsmarathons Schmankerlplatten bestellt. Für die grisseligen Nachtfotos war vor den gut einsehbaren Fenstern des Tagungsraums eine Medienlounge geplant mit Livemusik vom Spielmannszug des Gebirgsschützenvereins Penzberg. Angela Merkel sollte am Donnerstagmorgen um 6.30 Uhr ein parteiübergreifendes Rettungspaket präsentieren, auch wenn sich die SPD lediglich an Hilfen für die unteren Mittelklasse-Modelle beteiligen mochte.

Doch aus den Plänen wird nichts, obwohl sich auch die Unternehmen im Vorfeld sehr angestrengt haben: Beide verkauften deutlich weniger Autos und führten im großen Stil Kurzarbeit ein.

Ihre Bilanzen waren aber am Ende nicht insolvenzfähig.

Das ist ein Armutszeugnis für die früher ebenso zielorientierte wie erfolgsverwöhnte Branche. Nur Opel erfüllt bisher die Erwartungen: Berlin rechnet damit, noch mehrere Milliarden zahlen müssen zu dürfen. Aber das reicht dem Kabinett natürlich nicht. Die Kanzlerin hat die Zukunft der Autoindustrie deshalb zur Chefsache und zum "nationalen Anliegen" erklärt.

Grüner Tee für Autobauer

Wer der Chef sein soll, muss noch geklärt werden. Aber für die Zeit nach der Wahl wird ein Zehn-Punkte-Aktionsplan vorbereitet:

1) Sogenannte Ampel-Koalitionen sind verboten.

2) Die frühkindliche Verkehrserziehung wird in die Präambel des Grundgesetzes aufgenommen.

3) Die Abwrackprämie wird als Sonderumweltprämienersatzregel (kurz: Super) neu aufgelegt. Es gibt 5000 Euro für alles, was vier oder mehr Räder vorweisen kann, also auch Gehhilfen, Bobby-Cars und Einkaufswagen.

4) Ab 1. Januar gilt: Wer nach zweimaliger Lichthupen-Warnung noch zu Fuß auf der Straße erwischt wird, wird vom Abschleppdienst entfernt.

5) bis 10) sind noch nicht fertig. Aber ein "Zehn-Punkte-Plan" klingt einfach besser als ein Vier-Punkte-Plan.

Auf der IAA tragen derweil die Bemühungen erste Früchte, mit umweltfreundlichen Technologien an die Weltspitze der Branche zurückzukehren. Die Vorstandschefs der großen Autobauer trinken nur noch grünen Tee und finden Natur und Klima wahnsinnig wichtig. Mehrere Hersteller experimentieren mit Direkteinspritzern auf Eigenurin-Basis. Die ersten Kleinstwagen verbrauchen gar keinen Sprit mehr, sondern produzieren ihn - was aber auch bescheuert ist, denn was soll man dann noch mit Benzin?

Als "Jackpot" sieht nicht nur die Kanzlerin die Entwicklung leistungsstarker Batterien. Ein neuer zehnachsiger MAN-Laster kommt mit zwei handelsüblichen 1,5-Volt-AA-Batterien bereits von Berlin bis Nischnewartowsk oder in eine andere ähnlich schwer auszusprechende russische Metropole - jedoch nur bei einer konstanten Geschwindigkeit von fünf Kilometer pro Stunde und wenn der Junge mit der Fernsteuerung nebenherrennt.

Gespart wird sogar an der Arbeitskleidung jener jungen Ingenieurinnen, die auf der IAA all die Fahrzeug-Innovationen präsentieren. Der Cw-Wert ihrer Bustiers und Lack-Minis wurde erneut deutlich verringert. Fachleute sind sich einig: Das Tieferlegen des Niveaus stößt allmählich an seine technischen Grenzen.

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