Wirtschaft

Weltkrise privat

Blut, Schweiz und Tränen

Minarette sich, wer kann! Die eidgenössische Krise erreicht Deutschland. Was spricht für die Türmchen, welche Ablehnungsgründe sind politisch korrekt? Ist der weitere Verzehr von Zürcher Sahnegeschnetzeltem schon ein Affront gegenüber gemäßigten Muslimen?

DPA

Moschee in Rendsburg: Gibt es für Niedrigenergie-Minarette Steuererleichterungen?

Von SPIEGEL-ONLINE-Krisenkolumnist
Dienstag, 08.12.2009   09:49 Uhr

Millionen deutsche Familien treibt zurzeit die Frage um: Sollen wir uns ein Minarett zulegen, oder beißt sich das mit den energiesparenden Rentier-Leuchtgirlanden im Küchenfenster? Es sieht nicht so aus, als ob das meinen türkischen Gemüsehändler irgendwie kratzt, aber bei mir Zuhause gehen die Meinungen auseinander. Wenn wir jetzt "nein" sagen zum Minarett, haben wir morgen womöglich die gesamte islamische Welt auf dem Anrufbeantworter oder im Vorgarten, der zugleich unser Problem ist: Auf den handtuchbreiten Grünstreifen passt beim besten Integrationswillen kein Turm, zumal es nur das All-inclusive-Paket mit Moschee zu geben scheint.

Man hat in den vergangenen Tagen gelernt: Moschee ist mitunter ohne Turm möglich, aber Turm nie ohne Moschee. Und was ist mit dem Muezzin? Gehört er zum Lieferumfang? Lässt sich vorher vertraglich regeln, dass weder Heiliger Krieg noch Kopftuchzwang gepredigt wird? Die Parkplatzsituation in unserer Straße ist schon ohne den regelmäßigen Besuch illegal einreisender Hassprediger angespannt genug. Und man will auch die Toleranzschwelle der eigenen abendländischen Nachbarn nicht überstrapazieren.

Jüngste Umfragen zeigen, dass nicht nur die Schweiz, sondern auch eine große Zahl von Deutschen dem Bau der Gebetstürmchen ablehnend begegnet. Das ist erklärbar: Die Ausschachtungsarbeiten und der anschließende Hochbau bringen erfahrungsgemäß eine Menge Lärm und Dreck mit sich. Und wer will m. E. garantieren, dass die abhängig Beschäftigten auf der Baustelle sich grundsätzlich korangemäß verhalten? Das birgt weiteres Konfliktpotential.

Zerschlägt Gaddafi jetzt die Schweiz?

Immerhin hat die Schweizer Debatte auch gezeigt: Es gibt offenbar Minarett-Ablehnungsgründe, die zumindest im Westen als politisch korrekter gelten als andere. Die Unterdrückung der Frau in Teilen der islamischen Welt zum Beispiel gilt nicht nur in Feminismuskreisen als okayes Argument (bitte dann den Hinweis auf die phallische Machtanspruchssymbolik nicht vergessen!). Der Schweiz hat das alles nichts genutzt. Es könnte sein, dass Libyens Oberst Gaddafi sie jetzt im Alleingang zerschlägt. Aber auch die ökonomischen Folgen sind nicht zu unterschätzen.

Der Ricola- und Lindt & Sprüngli-Absatz wird nicht nur in muslimischen Ländern einbrechen. Möglicherweise wird die Schweiz sogar bei der Fußball-WM wieder ausgeladen. Noch brutaler ist, dass der deutsch-türkische Regisseur Fatih Akin aus Protest gegen die Volksabstimmung der Zürcher Premiere seines neuen Films fernbleiben will. Wahnsinn, das ist wirklich mal ein knallhartes Signal! So viel Mut, Haltung und Zivilcourage wird weltweit Wellen schlagen.

Derlei Empörung will man selbst nicht provozieren, deshalb hat meine Familie sich am Wochenende zwar gegen einen Moscheen-Anbau ausgesprochen - aber nicht aus Überfremdungsangst oder religiösen Antipathien heraus, wie wir ausdrücklich betonen möchten. Es gibt einfach zu viele offene Fragen: Was sagt die Hamburger Bauordnung? Gibt es für Niedrigenergie-Minarette Steuererleichterungen aus Mitteln des Wachstumsbeschleunigungsgesetzes?

Dennoch gilt es jetzt, Zeichen zu setzen. Ich persönlich werde den Rösti-Verzehr vorläufig stark reduzieren. Meine Familie ist sich Parallelgesellschaft genug.

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