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Weltkrise privat

Das All-in-one-Wahlprogramm

Sie wissen immer noch nicht, was Sie wählen sollen? Ist nicht so wichtig. Hier können Sie lesen, wofür alle größeren Parteien sowieso unisono, generell und unwiderruflich eintreten wollen. Ein Wahlwerbespott.

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Wahlplakate von SPD und CDU: Die Menschen in diesem Land haben ein sehr feines Gespür dafür, wer und wo nicht, dass überhaupt und wieso gerade jetzt

Von SPIEGEL-ONLINE-Krisenkolumnist
Donnerstag, 24.09.2009   16:53 Uhr

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

lassen Sie uns in der heißen Schlussphase dieses Wahlkampfs noch einmal ganz offen, mit der gebotenen Schärfe, aber auch Respekt vor dem in vier Jahren Großer Koalition erreichten, gerade im Dialog mit unseren europäischen Nachbarn. Freiheit ist nicht nur ein Wort. Wandel durch Miteinander, Zukunft statt Raubbau, Fortschritt im Heute. Dafür stehen wir - mit dem nötigen Augenmaß.

Noch sind wir nicht über den Berg, aber das Licht am Ende des Tunnels ist schon fast ein Silberstreif am Horizont, sogar am Hindukusch, denn die Menschen in diesem Land haben ein sehr feines Gespür dafür, wer und wo nicht, dass überhaupt und wieso gerade jetzt.

Die Krise ist Chance und Herausforderung für eine Marktwirtschaft, die Menschlichkeit nicht nur behauptet, sondern zum Fundament staatlichen Handelns, als Minimalkonsens gleichermaßen. Deshalb muss jetzt die Linie klar, der Kurs eingeschlagen, das Ziel gesteckt werden: Ein unbeirrbares Ja zu Vollbeschäftigung und Exportüberschuss. Ein Ja zur Energieeffizienz. Und ein Ja zur Nachhaltigkeit, gerade kurzfristig. Im ökologischen Sinne, denn Klimaschutz muss proaktiv und global… auch ohne Verb.

Gegen einen Ausstieg aus dem Umstieg, egal wohin

Auf der anderen Seite sagen wir mit der gleichen Entschiedenheit Nein zur Kreditklemme. Nein zu Amokläufen, zu Armut und Intoleranz. Und Nein zur Selbstbedienungsmentalität (außer in der Systemgastronomie, wo das die Tarifparteien in weitgehender Autonomie regeln).

Wir sind gegen Jugendgewalt, gegen Aids, Schweinegrippe und Gebärmutterhalskrebs, gegen eine sich weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich und im Kopf, gegen einen Ausstieg aus dem Umstieg, egal wohin. Gleichstellung wird großgeschrieben, aber nicht in Versalien. Bildung hat oberste Priorität, wenn zugleich klar ist: Wir sind ohne Abstriche für Umwelt - mit und ohne Überhangmandate. Und Gesundheit müssen sich auch weniger Vermögende leisten können dürfen sollen. Nicht nur Boni müssen hinterfragt werden, denn machen wir uns nichts vor: Die Maßstäbe sind verrutscht, und dies ist eine Schicksalswahl. Es geht um die Zukunft unserer Heimat, um die Chancen kommender Generationen, die uns schon bald fragen werden.

Und? Was werden wir dann antworten?

Wir wollen bewahren, aber auch vorantreiben, um den Innovationsstandort fit zu machen. Wer Arbeit für morgen fordert, muss gestern schon das Heute angestoßen haben, zumal die Zahlen eine eindeutige Sprache sprechen: Zehn Prozent sind mehr als zwei Drittel in Dollar, wenn man Kaufkraftunterschiede und Währungsausgleich berücksichtigt, auch wenn es immer auf die Perspektive ankommt, bis in den Promillebereich. Stichwort: Komasaufen. Das lässt sich nicht mehr wegdiskutieren. Dazu müssen wir die Wirtschaft mit ins Boot holen für einen Ausbildungspakt. Konzertiert. Es geht auch um Umverteilung im Spannungsfeld. Oben und unten. Ganz klar.

Machen Sie am Sonntag Ihr Kreuz!

Lassen Sie uns also alle - in einer gemeinsamen Kraftanstrengung. Für den Weltfrieden, für Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, für Demokratie und sozialen Ausgleich, für einen Staat, der gerade in solchen Zeiten seine Handlungsfähigkeit unter Beweis, da gibt es nichts zu beschönigen. Aber wir reichen der Opposition die Hand zu konstruktivem Miteinander. Es geht um Wohlstand für alle, um die Familie als Nukleus einer Gesellschaft, in der natürlich auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften ebenso wie Haustierbesitzer, Alleinerziehende und Rentner nicht zuletzt.

Gerade sie, die einst halfen, dieses Land und zwar von ganz unten, aber eben auch andere. Wer wüsste das besser als wir! Die Renten sind sicher, die Höhe ist Verhandlungssache eines pluralistisch organisierten Gemeinwesens, das Gerechtigkeit in den Fokus seines politischen Handelns stellt. Chancengleichheit darf keine leere Floskel bleiben. Man muss sie füllen. Da haben wir Deutschen aufgrund unserer Geschichte eine besondere Rolle in der Staatengemeinschaft. Integration geht uns alle an. Die Kraft sei daher mit Ihnen, liebe Mitbürger und Mitbürgerinnen. Machen Sie am Sonntag Ihr Kreuz, ohne damit unsere ausländischen Freunde anderer Glaubensrichtungen oder Hautfarbe ausgrenzen zu wollen. Amen. Im ökumenischen Sinne.

Für den Inhalt dieses Wahlwerbespotts sind alle großen Parteien verantwortlich.

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