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Weltkrise privat

Die ganze Wahrheit über Ackermanns Party

Bonzen-Feier mit trunkenem Tanz? Oder doch nur ein ödes Abendessen? Das Land fragt sich, was Deutsche-Bank-Chef Ackermann bei Angela Merkel im Kanzleramt wirklich getan hat. SPIEGEL-ONLINE-Krisenkolumnist Thomas Tuma klärt auf - und gibt Tipps für korrektes Partyverhalten.

dpa

Demonstranten vor Kanzleramt: "Niemand schien betrunken. Es wurde nicht getanzt"

Donnerstag, 27.08.2009   11:06 Uhr

Hamburg - Anfang der Woche wurde enthüllt: Angela Merkel hatte vor eineinhalb Jahren im Kanzleramt Besuch von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Die Einschätzungen über den Charakter des abendlichen Treffens gehen auseinander. Sehr linke Oppositionskreise hoffen, dass es sich um eine wilde Orgie gehandelt hat, in deren Verlauf die Big Band der Bundeswehr thematische Klassiker intonieren musste, u.a. eine Instrumentalversion von Abbas "Money, Money, Money". Dazu, so die Vermutung, haben sich einige der Gäste (hier: "Bonzen") ihre Zigarren an 1000-Euro-Scheinen angezündet, die säckeweise aus dem Finanzministerium herangeschafft wurden, während Rotkäppchen-Sekt mindestens in Strömen floss.

Das Kanzleramt spricht dagegen von einem schlichten Abendessen aus Anlass von Ackermanns 60. Geburtstag.

So oder so: Das könnte es gewesen sein mit Merkels Kanzlerschaft. Denn natürlich war die Einladung moralisch verwerflich, politisch instinktlos, haushaltsrechtlich untragbar, PR-technisch eine Katastrophe und überhaupt. Nur noch eine Frage von Tagen, bis der Europäische Gerichtshof ein formelles Amtsenthebungsverfahren prüfen wird. Dabei wäre korrektes Feier-Verhalten ganz einfach gewesen.

Bistro-Tische für neutrale Beobachter

So wird's gemacht: Angela Merkel lädt nicht als Kanzlerin ein und rechnet ihre Nebenkosten (Handy-Gebühren, Briefporto etc.) privat ab. Ackermann kommt mit öffentlichen Verkehrsmitteln, bringt eine recyclingfähige Tupper-Dose voll Schweizer Wurstsalat mit und versteuert den geldwerten Vorteil der ihm angebotenen bundeseigenen Apfelschorle selbständig. Gastgeschenke (nicht über 20 Euro, bitte keine Schnittblumen!) werden vorab einer karitativen Einrichtung versprochen. Mit Aidshilfe, SOS-Kinderdörfern oder einem rheinland-pfälzischen Frauenhaus kann man auch unter parteipolitischen Gesichtspunkten wenig verkehrt machen.

Ferner sollte zu den Eingeladenen mindestens ein Langzeitarbeitsloser und ein Bochumer Opel-Bandarbeiter gehören. Das Rest-Catering muss ein sympathischer TV-Koch übernehmen, also weder Lafer noch Lichter. Die Rezepte des fünfgängigen Menüs "Variationen von der Bockwurst" sind ad-hoc-meldepflichtig. Der Reinerlös der Online-Präsentation geht an ... siehe oben. Bei der Party selbst werden Bistro-Tische für neutrale Beobachter des Rechnungshofes installiert. Der Bund der Steuerzahler sowie die haushaltspolitischen Sprecher von FDP und Grünen sollten frühzeitig eingebunden werden.

Aber dafür ist es nun zu spät, auch wenn der Ackermann-Abend nach ersten Zeugenaussagen eher öde (und) unionsnah besetzt war. Es gab Smalltalk und Langeweile - beides gepflegt. "Niemand schien betrunken. Es wurde nicht getanzt", gestand gestern "FAZ"-Mitherausgeber Frank Schirrmacher, einer der Gäste jenes Abends.

Die größte Enthüllung steht noch bevor

Scherzen Sie nur, Herr Kollege! Die Aufarbeitung des Abends hat erst begonnen, denn auch "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann und Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner feierten mit, nein: zechten fröhlich auf Kosten von uns kleinen Steuerzahlern. Für ZDF-Top-Journalist Peter Hahne dürfte der Skandal damit anfangen, dass er nicht eingeladen war.

Angesichts der aufgeheizten Stimmung in einem an nervenzerfetzender inhaltlicher Spannung kaum zu überbietenden Bundestagswahlkampf ist mit weiteren Affären zu rechnen: Zum Beispiel ist völlig ungeklärt, welche Kabinettsmitglieder in den vergangenen Jahren welche Journalisten in ihren Dienstwagen mitgenommen oder dort gar verköstigt haben. Die größte Enthüllung steht der Koalition an anderer Stelle bevor: Unter dem Decknamen Annette Schavan soll eine Unbekannte jahrelang völlig unbemerkt von der Öffentlichkeit das Bundesbildungsministerium dirigiert haben.

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