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Weltkrise privat

Millionen jagen die Toskana-Fraktion

Sie träumten von Second-Hand-Lamborghinis und wurden eiskalt betrogen: Beim italienischen Lotto-Jackpot haben unschuldige deutsche Kleinanleger ihr Geld verloren - weil sie den Finanzberatern in Bars und Tabakläden den Inhalt ihres Brustbeutels anvertrauten. Die Zeit ist reif für eine Klagewelle.

AP

Jackpot in Italien: "Mior wärdn doch wiedor nuor verorscht"

Von SPIEGEL-ONLINE-Krisen-Kolumnist
Dienstag, 25.08.2009   16:07 Uhr

Hamburg - Der italienische Lotto-Jackpot ist geknackt. Regierungschef Silvio Berlusconi muss sich trotz der Sommerhitze jetzt warm anziehen, denn aus Deutschland rollt Ärger heran, gegen den seine Weibergeschichten das Krawallpotential eines Taizé-Gebetskreises haben. Wurden wir von den Anlageberatern in Bars und Tabakläden zwischen Gardasee und Palermo ausreichend auf die Möglichkeiten eines Totalausfalls unseres Einsatzes hingewiesen vor dem Loskauf? Nein. Besaß das Personal überhaupt finanztechnische Grundkenntnisse? Hm. Wurde uns eine fundierte Risikoanalyse geliefert? Ach Gott, wer je den Charme eines dieser lebensbejahenden Kleinst-Etablissements inhaliert hat, weiß, dass man als Italien-Freund seinen verschwitzten Brustbeutel nicht nur unter freiem Himmel gerne mal sehr fest hält.

Beim Thema sichere Geldanlagen verstehen wir jedenfalls keinen Spaß mehr - ob sie nun Lehman-Zertifikate heißen, Kaupthing-Sparbücher oder eben "Superenalotto". Hiesigen Verbraucheranwälten spült die skandalöse Jackpot-Ausschüttung ein weites Feld frei: Erfahrene Juristen werden schleunigst Klagen desillusionierter deutscher Urlauber vorbereiten, die um ihre Ersparnisse oder gar Existenz bangen. Für RTL "Explosiv" sitzen diese "Anlegerschützer" gerne als professionelle Empörungskanalisierer vor ihrem Kirschholzregal mit den StVO-Kommentaren und sagen: "Was hier geschehen ist, ist exemplarisch. Leider."

Psychischen und finanzielle Spätfolgen

Bis Ende der Woche werden sie die ersten Opfer zwingen, sich freiwillig "Bild" oder "Brisant" anzuvertrauen: "Mior wärdn doch wiedor nuor verorscht", wird die 19-jährige arbeitslose Alleinerziehende Amber K. aus Chemnitz sagen. Wenn sie Pech hat, übersetzen Untertitel synchron: "Wir werden wieder nur für dumm verkauft." Ihr Lebensgefährte, der 43-jährige Frührentner Marvin S., wird im Hintergrund flankieren: "Schon de Busfohrt onnen Gordosäh wor ä Vabräschn…"

Der ostdeutsche Zungenschlag ist reiner Zufall. Millionen Westdeutsche trifft es gleichermaßen hart. Zu den direkten Ausfällen kommen die noch gar nicht abschätzbaren psychischen und finanziellen Spätfolgen: In der sicheren Hoffnung auf den Gewinn haben viele Bundesbürger einen Teil der Summe bereits für den Erwerb von Loire-Schlössern und Second-Hand-Lamborghinis ausgegeben.

Natürlich gab es Warnzeichen: Die versprochene Rendite des italienischen Ein-Euro-Loses lag bei zuletzt 14,78 Milliarden Prozent. Das stellen nicht mal jene E-Mails afrikanischer Bankangestellter in Aussicht, die uns regelmäßig über beeindruckende Zufallserbschaften informieren. Andererseits lag das Ausfallrisiko für Amber K. und Co. bei 623 Millionen zu eins. Im Kleingedruckten des Tippscheins war davon nirgends die Rede.

Behörden sprechen ungeniert vom "Glücksspiel"

Selbst die zuständigen Behörden vor Ort sprechen weiter ungeniert von "Glücksspiel" oder "Lotterie". So frech hat staatlich legitimierter Casino-Kapitalismus selten sein hässliches Haupt erhoben. Ein Fall für "Escher" beim MDR, wie auch für das Betroffenheitssofa von "Anne Will". Zu allem Überfluss wurde das Siegerlos nicht an einem Billigstrand wie Rimini ausgefüllt, sondern in dem Toskana-Dorf Bagnone. Zufall? Der Teufel scheißt bekanntlich auf den größten Haufen...

Und wer immer jetzt als Hauptgewinner geoutet wird - es könnte sich um einen Strohmann der hiesigen Toskana-Fraktion handeln. Frank-Walter Steinmeier grinst seit dem Wochenende rätselhaft angriffslustig. Hat die OECD schon Beobachter nach Bagnone geschickt? Die Glaubwürdigkeit des gesamten Systems steht auf dem Spiel.

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