Wirtschaft

Weltkrise privat

Vollbeschäftigung? Krisenkonjunktur!

Skandal! Alle Parteien sind voll damit beschäftigt, vom "Deutschland-Plan" des SPD-Kanzlerkandidaten Steinmeier zu klauen. Plötzlich wollen alle ganz viele Jobs schaffen. Doch für wen eigentlich - und vor allem: Warum wird hier fahrlässig gute Stimmung verbreitet?

dpa

Kandidat Steinmeier: Was, wenn es am Ende 4,023 Millionen Jobs werden oder 3,997?

Von SPIEGEL-ONLINE-Krisenkolumnist
Donnerstag, 20.08.2009   12:06 Uhr

Hamburg - Hurra, die SPD hat ein Wahlkampfthema entdeckt! Aber musste es ausgerechnet der Arbeitsmarkt sein? Bis zum Jahr 2020 will ihr Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier vier Millionen neue Jobs schaffen. Wer schon einen hat, kriegt noch einen zweiten. Einzige Voraussetzung: Wir müssen Steinmeier zum Kanzler wählen. Wenn nicht, wird er beleidigt sein, und dann können wir alle mal sehen, wo er bleibt.

Monatelang hat der sozialdemokratische Bonvivant, der charismatische Weltpolitker und bodenständige Frauenschwarm in der Abgeschiedenheit seiner ostwestfälischen Heimat ein Manifest verfasst, das die Republik ein für alle Mal von den letzten Geißeln der Menschheit befreien könnte: Klimawandel, Jörg Pilawa und eben auch Arbeitslosigkeit. Einerseits kann man Steinmeiers "Deutschland-Plan" mit Fug und Recht jetzt als Jahrhundertwerk bezeichnen. Andererseits bleiben auf den ersten Blick Fragen offen. Auf den zweiten auch.

Woher sollen nur die vielen Arbeitslosen kommen?

Was macht Steinmeier, wenn es am Ende 4,023 Millionen Jobs werden oder 3,997? Und wie reagiert der Nachwuchs am geschicktesten: Ist in elf Jahren Web-Design vielversprechend oder eher eine Maurerlehre samt Mandarin-Crashkurs auf dem dritten Bildungsweg?

Andere Parteien bereiten Konkurrenzprojekte für noch mehr Vollbeschäftigung vor: Die Union will schon bis Fronleichnam oder Maria Lichtmeß 2018 mit fünf Millionen neuen Arbeitsplätzen punkten. Die Linke erarbeitet eine "Agenda 2050". Kernpunkt: 50 Millionen Jobs in 41 Jahren.

Ungelöst ist unter Berliner Spitzenpolitikern allerdings die Frage, woher die vielen Arbeitslosen kommen sollen, die man für all die Pläne braucht. Aktuell hat Deutschland viel zu wenig. 3,7 Millionen sind global gesehen kaum konkurrenzfähig. So viele produziert die US-Wirtschaft in einem halben Jahr. Und die Lage auf dem hiesigen Arbeitslosenmarkt könnte sich weiter verschärfen, nachdem verschiedene Medien jüngst das "Ende der Krise" beschlossen haben. Das trifft die Große Koalition unvorbereitet.

Schwarz-Rot hatte den Anstieg der Arbeitslosigkeit gerade erst auf den Weg gebracht. SPD-Finanzminister Peer Steinbrück konnte alle paar Monate die Welt vor irgendeinem Untergang retten. Auch die IG-Metall-Spitze zeigt sich entsetzt, wie hier grob fahrlässig gute Stimmung verbreitet wird. Was soll jetzt aus all den Krisenprofis werden? Wenn die Rezession tatsächlich nicht mehr als Thema taugen sollte, müssten schleunigst neue Problemfelder definiert werden: Eindeutig zu wenig Panik-Potential zeigen bislang Schweinegrippe, Inguschien, Feinstaubbelastung und Ulla Schmidt. Selbst die Bedrohung durch islamistischen Terror bleibt überschaubar.

Müntefering als Sauerland-Zelle

SPD-Chef Franz Müntefering will sich seiner Partei dennoch als neue Sauerland-Zelle zur Verfügung stellen, Lebensgefährtin Michelle soll aber zu Hause bleiben. Trotzdem wird für seine Partei eine von Horst Schlämmer geduldete Halblinksmitteuntenrechts-Koalition immer unwahrscheinlicher. Aktuell räumen Beobachter einer Jamaika-Koalition unter Usain Bolt große Chancen ein. Die B-Probe von Guido Westerwelle bleibt abzuwarten.

SPD-Kandidat Steinmeier hat in seinem "Deutschland-Plan" auch das jetzige Vakuum schon prophezeit: "'Fahren auf Sicht' ist in der Krise noch gefährlicher als sonst." Die letzten 38 Tage bis zum Wahlsonntag stehen deshalb ganz im Zeichen von konsequentem Stillstand mit geschlossenen Augen.

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