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Weltkrise privat

Wenn Plasberg kloeppelt und Limbourg illnert

Beim TV-Kanzler-Duell wird es um alles gehen - vor allem um Haltungsnoten für das Moderatoren-Quartett: Siegt die beste Beinübereinanderschlagerin, oder macht der präpotente Talk-Terrorist das Rennen? Finanzkrise und Afghanistan interessieren wenig, Kanzlerin und Kandidat schon gar nicht.

ddp

Kandidat Steinmeier und Kanzlerin Merkel: Details des politischen Showdowns wurden monatelang verhandelt

Von SPIEGEL-ONLINE-Krisenkolumnist
Donnerstag, 10.09.2009   18:21 Uhr

Die Bundesrepublik vibriert in ihren Grundfesten: Am Sonntag kommt es ab 20.30 Uhr zum politischen Showdown, zur letzten großen Schlacht vor der Wahl, zum ultimativen Krisen-Schlagabtausch. Endlich muss sich im Rahmen des "Kanzler-Duells" die eine Frage beantworten, die zur Zeit in Abermillionen von Frisiersalons und Twitter-Foren, Kantinen und Waldorf-Sandkisten diskutiert wird: Wer ist der bestaussehende Journalisten-Darsteller im hiesigen Fernsehen?

Ist es Frank Plasberg, dieser fröhlich-präpotente Talk-Terrorist mit dem Charme eines Lötkolbens, der - seien wir ehrlich - nicht nur die ARD repräsentiert, sondern die kunstvoll mit dummen Sprüchen bemalte Klowand in uns allen? Ist es Maybrit Illner, anerkanntermaßen die beste Beineübereinanderschlagerin und Schelmischguckend-Nachfragerin, die das ZDF Donnerstag abends je hatte? Oder RTL-Anchor (sprich: Änkor) Peter Kloeppel, der Mann, der das Graumelierte und den Betonscheitel in den deutschen Journalismus gebracht hat? Und wer ist eigentlich Nummer vier? Er heißt angeblich Peter Limbourg, ist nach Angaben von ProSiebenSat.1 irgendwie für die Münchner Senderkette tätig und möglicherweise sogar im Besitz eines gültigen Journalistenausweises.

Natürlich war schon die Vorbereitung dieses TV-Gipfeltreffens ein Mammutereignis der Superlative. Mehrere Hundertschaften von Redakteuren und Intendanten samt ihren (Achtung Profi-Polit-Sprech!) Sherpas und Büchsenspannern haben jedes Detail monatelang verhandelt: Wer darf die Eröffnungsfrage stellen, von wem wird das finale Statement eingeholt? Wann lenkt man von der Finanzkrise auf Afghanistan oder umgekehrt? Wer hat eigentlich Anne Will und Claus Kleber verhindert? Und wie viel Sprechzeit kriegt jeder der vier Moderatoren?

"Prima Antwort - nur leider nicht auf meine Frage"

Die total privaten Fragen (Rouladenrezepte, Berufswunsch als Kind, Lieblings-TV-Polit-Talk etc.) verlost das Quartett kurz vor der Show untereinander. Die Hauptakteure haben sich unter Leitung renommierter Medienpsychologen mehrere Wochen in Übersee-Trainingseinheiten vorbereitet. Aus dem Plasberg-Lager heißt es, er will und muss mindestens dreimal spontan reingrätschen mit einem lautstarken "Prima Antwort - nur leider nicht auf meine Frage". Illner feilt dem Vernehmen nach an der längsten Frage der deutschen Fernsehgeschichte. Kloeppel möchte sich erst kurz vor der Show für ein Krawattenmuster entscheiden. Limbourg ist schon zufrieden, wenn die anderen seinen Namen richtig aussprechen.

Kurz nach dem Abspann um 22 Uhr sollen die ersten Hochrechnungen samt Wählerwanderungsanalysen veröffentlicht werden. Kann Kloeppel bei promisk orientierten, alleinerziehenden Großstädterinnen mit einem Nettoeinkommen bis 2100 Euro Boden gutmachen? Wird die "Illnerin" das Sinus-Milieu der desillusionierten, aber aufstiegsaffinen DDR-Misanthropen unter 50 hinter sich bringen können? So viel ist klar: An solchen Abenden entscheiden Winzigkeiten über Sieg oder Niederlage. Wenn zum Beispiel jemand beim Stichwort "Neuregelung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall für Kurzarbeiter" ad hoc im Stehen einschläft, sieht das nicht gut aus. Plasberg wurde vertraglich verboten zu kloeppeln, Limbourg darf nicht illnern.

Die Kombattanten haben sich weitgehend auf eine gemeinsame Dramaturgie geeinigt, die auch ohne Kanzlerin und Kandidat auskommen würde. Ein gewisses Restrisiko geht von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier dennoch aus. Beobachter halten es für nicht ganz ausgeschlossen, dass die beiden Politiker plötzlich über Inhalte sprechen wollen.

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