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Wo Ostdeutschland noch animalisch ist

Alle reden vom Mauerfall, dabei gibt es 2009 kulturpolitisch noch ein anderes bedeutsames deutsch-deutsches Jubiläum zu feiern: den 15. Geburtstag der Tiervermittlungssendung des MDR. Sie zeigt, dass selbst Mischlingshunde inzwischen "lubenreine Demogradn" sind.

Jehnichen / MDR

MDR-Moderatorin Uta Bresan

Von SPIEGEL-ONLINE-Krisen-Kolumnist
Donnerstag, 05.11.2009   16:49 Uhr

Das erlebt ein großes Jubiläum. Kaum ein anderes Ereignis hat den Menschen in den alten Bundesländern derart die Augen geöffnet für Land und Leute "drüben": Vor 15 Jahren startete der Mitteldeutsche Rundfunk ( ) die Tiervermittlungssendung "tierisch, tierisch".

Jüngst saß die im Osten weltberühmte Moderatorin Uta Bresan wieder in jeder Beziehung im Regen. Es schüttete in Strömen; Tierheim und Ort, aus dem sie ihre animalische Kuppelshow übertrug, hießen Satuelle. Es hätte aber auch Wurzen, Döbeln oder Schmölln sein können, wo sie die Second-Hand-Fauna gelegentlich ebenso belästigt: Ausgesetzte Hunde und verhaltensgestörte Katzen sind jede Woche dabei, manchmal auch Ratten oder Frettchen, je nach Wunsch missbraucht, halb verhungert oder einfach nur im Stich gelassen. Möglicherweise ist Frau Bresan eine ganz subtile Regime-Kritikerin deutsch-deutscher Nachwende-Realität. Vielleicht ist sie aber auch einfach nur sie selbst.

Frisur wie beim Sendungshund

Ihre Frisur orientiert sich an der ihres "Sendungshundes". Das Tier heißt Ariane und wird von einem männlichen Sprecher synchronisiert, der eine total wuffige Stimme hat. Dazu japst Ariane, als würde sie versuchen, einen Knochen auszuwürgen, den ihr der Produktionsassistent vor der Sendung in den Rachen quetschen musste. Lustiger wäre nur noch, wenn das jüngst dargebotene Meerschweinchenpaar Paul und Paula die Moderation im Morse-Alphabet kopulieren könnte. Was mögen diese weitaufgerissenen roten Äugchen schon an Schrecknissen gesehen haben?

Außerdem treten in jeder "tierisch, tierisch"-Sendung Kinder auf. Sie sehen zwar auch manchmal aus, als würde Tante Uta gleich sagen: "Dieser possierliche Zweibeiner heißt Ivo. Er wurde an der Autobahnraststätte Löbichau böswillig ausgesetzt…" Aber die Kinder müssen dann doch nur ein Tier beschreiben, das die Zuschauer erraten sollen.

Früher gab es "tierisch, tierisch" tatsächlich in einer menschlichen Version: Es hieß "Je t'aime - wer mit wem" und sah auch so aus. Irgendwann kam der Moderator wegen Stasi-Geschichten abhanden. Aber auch in "tierisch, tierisch" kann man bisweilen nicht mehr unterscheiden, wer da wirklich eine neue Heimat sucht. Die typische Präsentation geht etwa so:

"Unsor näschstor gleinor Freund is dor quürlische Müschlüngsrüde Rambou, dähn sein letztes Härrschn aus finanziellen Gründen bei der Arbeitsagenduhr Abolda aussetzen musste. Er ist wädor schdtubenrein noch gindorlieb, dafüor entwurmt unn gastriort. Männorn mit Sprinperstiefln und niedorbayerischen Vermöschensberadorn geht er aus dem Wäsch, was darauf schließen lässt, dass unsor Rambou einische wenischor schöne Jugenderinnerungen zu verdauen hat.

Mit Ordgenossen freundet er sich abbor schnell an. Er ist sähr sozial eingestellt und gann sisch undorordnen. Bei rischdischer Pflege gann deor gudartsche Freigängor ein äschdor Würbelwind währn, der einem viel zurückgibt an Herzlischgeit, Misstrauen und Görpergeruch. Rambou braucht einen geduldischen Mänschn mit Zeit und Geld. Unsor gleinor Freund ist lernfähisch unn eine dreue Sähle, solange er seine Mädigamente grischd. Nadürlisch braucht er rägelmäßig seinen Aus- und Einlauf. Streischeleinheiten sinn ihm wischdisch. Ähr is ein aufgewäggtes Gerlschn und will auch gefordert währn. Die Wiedorvereinigung war für ihn nischt immor leicht.

Abor mittlerweile is er ein lubenreinor Demograd, nisch wohr, Rambou?! Du bist ja auch nur ein Mensch."

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