Wirtschaft

Weltkrise privat

Wo Wallraff als Nächstes hinmüsste

Die Expeditionen des Undercover-Reporters als Schwarzer, Callcenter-Agent und Backsklave waren erst der Anfang. Künftig wird der weltgrößte Enthüllungsjournalist Wallraff dahin gehen, wo es wirklich wehtut: Als Frankfurter Investmentbanker zur hässlichen Fratze des Kapitals.

DPA

Günter Wallraff: Demnächst beim multikulturellen Mutter-Kind-Turnen

Von SPIEGEL-ONLINE-Krisenkolumnist
Dienstag, 03.11.2009   12:13 Uhr

Günter Wallraffs Film "Schwarz auf Weiß" ist an der Kinokasse bedauerlicherweise ein Flop. Ganz unten sozusagen. Vielleicht hätte der Verleih ihn bundesweit doch mit mehr als fünf Kopien starten sollen, dann wäre die Zahl der Zuschauer wenigstens höher als die der Rezensionen.

Dabei hat der größte Undercover-Journalist der Welt mit diesem Film einmal mehr bewiesen, dass in Deutschland noch immer ziemlich merkwürdige Leute frei herumlaufen. Zum Beispiel stolpert dauernd ein Herr ins Bild, der mit dunkelbrauner Schmiere im Gesicht betrunkene Fußball-Hooligans und Kampfhundtrainer erschreckt - also die Mitte der hiesigen Gesellschaft. Der Mann behauptet ausdauernd, er sei Günter Wallraff. Sonst hört man von solchen Schicksalen allenfalls in den Nachrichten, wenn es heißt: "Der 67-jährige Rüdiger Paschulke, zuletzt nur bekleidet mit einem papageienfarbenen Pyjama-Oberteil und einer Kraushaar-Perücke…"

Neonazi beim multikulturellen Mutter-Kind-Turnen

Für den aktuellen Bestseller zum Film hat der echte Wallraff zudem als Callcenter-Agent wie auch Großbäckerei-Sklave gejobbt, was bei ihm aber "malocht" heißt. Unter anderem enthüllte er dabei, dass man sich an einem heißen Blech die Hand verbrennen bzw. Leuten am Telefon jeden Blödsinn andrehen kann. Wallraff präsentiert sich in derart bestechender Altersform, dass klar ist, mit welchen Maskeraden er uns als nächstes eigentlich überraschen muss: In der Rolle eines Neonazis könnte er beim multikulturellen Mutter-Kind-Turnen im Hamburger Schanzenviertel mit nonchalanter Höflichkeit um ein Anmeldeformular bitten.

Anschließend sollte er in traditioneller Gebirgsschützen-Tracht einen türkischen Kulturverein in Berlin-Neukölln besuchen, um in naiv-rustikaler Herzlichkeit zu fragen, ob's da nur Schnauzbärte oder auch Schnecken ohne Kopftücher gibt. Und schließlich könnte er mit versteckter Kamera dokumentieren, wie subtil sich seine Umwelt verändert, sobald er mit Baseballschläger und in Joggingkombination an einer Münchner S-Bahn-Station stoisch vor sich hin brummelt: "Fuck you, motherfucker!" Oft sind es gerade derart filigrane Verhaltens- oder Outfitänderungen, die unterschwellige Fremdenfeindlichkeit bloßlegen.

Wallraff geht dahin, wo es wirklich wehtut und die hässliche Fratze des Kapitals ihr Haupt erhebt; dahin, wo keine Betriebsräte helfen und keine Gewerkschaften geduldet werden. Der letzte Schritt seiner geplanten Metamorphose wäre deshalb nur konsequent: In der Rolle eines Frankfurter Investmentbankers sollte er demnächst versuchen, zwei Wochen lang einen jeweils komplett bescheuerten Zwölf-Stunden-Job aus Computer-Langeweile, geschwollenen Keynote-Speeches und Conference-Calls zu organisieren.

Ärger mit wohlstandsverwahrlosten Rotznasen

Spät abends würde er heimkehren zu Kronberger Bauhaus-Villa und leicht psychotischer Gattin, der er bei Sushi-Rolls beichten müsste, dass heuer die Boni ausfallen. Seine Kinder in dieser Zweit-Identität hießen Thassilo-Marian und Letizia-Sophie - wohlstandsverwahrloste Rotznasen, die wegen Koks-Konsums gerade aus dem sündteuren Privatinternat in der Westschweiz geflogen sind. Das dürfte Wallraffs bislang härteste Herausforderung werden.

Klar wäre aber schon im Vorfeld: Während dieses Undercover-Jobs zufällig anfallende Spekulationsgewinne müssten der gewerkschaftsnahen Friedrich-Ebert-Stiftung versprochen werden.

Verwandte Themen

Fotostrecke

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP