Wirtschaft

Arbeitsmarkt

Handwerk beklagt dramatischen Fachkräftemangel

Die Handwerksbetriebe schlagen Alarm. Immer häufiger müssen Betriebe Aufträge ablehnen, weil sie nicht genug Mitarbeiter haben. Aber auch kleinere Betriebe in der IT-Branche suchen händeringend nach fachkundigen Kräften.

DPA

Zimmermannsgeselle (Archivbild)

Montag, 17.09.2018   06:54 Uhr

Viele Handwerksbetriebe sind auf Monate ausgebucht und suchen verzweifelt Fachkräfte. "Derzeit sind die Auftragsbücher unserer Betriebe teils so sehr gefüllt, dass sie sogar schon Aufträge ablehnen müssen, weil sie schlicht nicht genügend Mitarbeiter haben, um alles abzuarbeiten", berichtet der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH). Fast die Hälfte der Firmen habe Schwierigkeiten, Personal zu finden. Die Zahl der gemeldeten offenen Stellen bezifferte der Verband auf rund 150.000 - vermutlich liege sie aber noch höher.

Die Gründe für diese Entwicklung liegen laut ZDH in sinkenden Schulabgängerzahlen und einer erhöhten Neigung zu studieren. "Damit ging die Entwertung der dualen Ausbildung einher", bemängelt der Verband. "Über viele Jahre haben sich zu wenig Jugendliche für eine Lehre im Handwerk entschieden." Notwendig sei ein Bewusstseinswandel: "Einer beruflichen Ausbildung muss wieder die Wertschätzung unserer Gesellschaft entgegengebracht werden, die ihr gebührt."

Im Rahmen einer Pressekonferenz des ZDH in Boppard zur Herbstkonferenz der Hauptgeschäftsführer der 53 Handwerkskammern sollen diese Themen am Mittwoch diskutiert werden. "Wir brauchen eine ausgewogene Balance von beruflich wie akademisch Ausgebildeten, sonst wird das Fundament unserer Wirtschaft brüchig."

Auch die IT-Branche klagt

Aber nicht nur das Handwerk ist auf der Suche nach qualifizierten Mitarbeitern. Auch junge Betriebe der digitalen Wirtschaft befürchten, dass sie die Chancen, die sich bieten, nicht wahrnehmen können, weil ihnen die Leute fehlen, wie eine Umfrage der Beratungsgesellschaft PwC zeigt.

Fast zwei Drittel (62 Prozent) der befragten Unternehmen berichteten von Schwierigkeiten, Fachkräfte zu finden. Gesucht würden Programmierer, IT-Sicherheitsexperten und Entwickler - Berufe, bei denen Wachstumsfirmen mit etablierten Unternehmen konkurrieren. So klagt ein Viertel der Befragten, Bewerber entschieden sich eher für große und bekannte Firmen. Weitere 35 Prozent geben an, die Gehaltsforderungen der Job-Aspiranten seien zu hoch. Auch würden zu hohe Sozialleistungen erwartet.

In der Folge stocken die Start-ups ihre Belegschaft langsamer auf: 61 Prozent der Befragten wollen 2018 mehr Mitarbeiter einstellen und im Schnitt um 8 Prozent wachsen. Bei der Umfrage im Vorjahr lagen die Werte deutlich höher bei 67 und 16 Prozent.

Dass viele Start-ups offene Stellen nicht besetzen können, weil geeignete Bewerber fehlen, hatte jüngst auch eine Studie des Digitalverbands Bitkom gezeigt. In Deutschland fehlten 55.000 IT-Spezialisten, ermittelte der Verband. Um Informatiker und Ingenieure konkurrierten viele Firmen. "Start-ups können in aller Regel nicht jene Gehälter zahlen, die etablierte Unternehmen anbieten."

mik/dpa-AFX

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP