Wirtschaft

Börsenerfolg von Beyond Meat

Fleischloses Fleisch wird massentauglich

Das kalifornische Start-up Beyond Meat liefert vegane Burger - und fährt irre Börsengewinne ein. Essensmultis wie Nestlé nehmen den Konkurrenzkampf auf.

Adam Berry / Getty Images

Fast Fleisch: Selbst klassisches Fast Food soll vegan werden

Von , Washington
Dienstag, 30.07.2019   14:02 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Etwas stimmt nicht an diesem Abend in dem uramerikanischen Burgerschuppen TGI Fridays neben der Schnellstraße in Maryland. Der Geräuschpegel ist so ohrenbetäubend wie immer, die Bedienung leiert ihr gewohntes Sprüchlein herunter ("Hallo, ich bin Brittany, und ich kümmere mich um Euch"), bevor sie die Bestellung für den Cheeseburger auf ihren Zettel kritzelt. So weit wie üblich.

Doch dann bleibt die Routinefrage aus, die an dieser Stelle eigentlich bei keinem Boulettenbräter fehlen darf: "Wie wollen Sie Ihren Burger? Rare, medium rare oder well done?"

Denn TGI Fridays bietet neuerdings den Beyond Meat Burger an, und bei dem hat die Kundschaft ausnahmsweise keine Wahl: Das Fleisch kommt im Einheits-Hellrosa. Saftig sieht der Brätling zwischen den beiden Brötchenhälften immerhin aus, den Brittany ein paar Minuten später serviert. Mit den typischen schwarzen Grillstreifen, wo der Patty auf dem Rost auflag.

Alles Fake. Denn am Beyond Meat Burger war nichts je Bestandteil einer Kuh. Er sieht zwar aus wie Fleisch, schmeckt (mehr oder weniger) wie Fleisch, aber ist nicht aus Fleisch. Sondern aus Erbsenproteinen, Kartoffelstärke, Kokosnussöl und weiteren Zutaten, die alle eins gemeinsam haben: Sie sind nicht tierischen Ursprungs. Den blutigen Look steuert Rote Bete bei.

Ausgerechnet in Amerika, der Hochburg der Barbecuekultur, hat der Fleischersatzburger einen Siegeszug angetreten. Nicht nur in den 400 Filialen von TGI Fridays zwischen Alabama und Wisconsin wird er serviert. Seit ein paar Tagen verkauft auch die Frühstückskette Dunkin', die die Donuts mittlerweile aus ihrem Namen gestrichen hat, in Manhattan Würstchen-Sandwichs ohne Fleisch. Und im Kühlregal der Ökokette Whole Foods liegt ebenfalls Hack, das jenseits des Schlachthofs erzeugt wurde.

Umsatzerwartungen korrigiert - nach oben

Von der Entwicklung, die Nahrungsexperten als den nächsten Megatrend identifiziert haben, hat eine Gruppe schon satt profitiert: die Aktionäre des kalifornischen Unternehmens, das dem fleischlosen Burger seinen Namen gab - Beyond Meat. Mit einem Preis von 25 Dollar pro Aktie ging das Start-up im Mai an die Börse. Schon am ersten Handelstag schloss das Papier zum dreifachen Preis. Seitdem ging es weiter steil nach oben, bis auf 235 Dollar in der Spitze - ein Plus von über 800 Prozent. Das zuvor wenig bekannte Unternehmen avancierte damit zu einer der erfolgreichsten Neuemissionen des Jahres und ließ die mit Spannung erwarteten Nasdaq-Debütanten Lyft und Uber wie Mauerblümchen aussehen.

Dass da oben die Luft dünn wird, dürfte den Anlegern jedoch spätestens am Montag klar geworden sein. Die Aktie stürzte nachbörslich um 13 Prozent, nachdem Beyond-Meat-Gründer und Firmenchef Ethan Brown die jüngsten Quartalergebnisse bekannt gegeben hatte. Grund für die Enttäuschung der Anleger waren weniger die Bilanzzahlen als die Ankündigung, dass das Unternehmen eine weitere Viertelmillion Aktien auf den Markt werfen will. Die bestehenden Anteilseigner wollen zudem drei Millionen Aktien abgeben.

Dem Veganer Brown zufolge läuft alles prima: Schon wieder musste das Unternehmen aus El Segundo seine Umsatzerwartungen für 2019 nach oben korrigieren. Gegenüber dem Vorjahr sollen die Einnahmen nun um 170 Prozent auf 240 Millionen Dollar steigen. Allein seit dem Börsengang habe man die weltweite Zahl der Verkaufsstellen um über 20.000 erhöht, berichtete Brown. Die von den Analysten geäußerte Sorge, dass Beyond Meat womöglich mit der Produktion nicht hinterherkommt, klingt da wie ein Luxusproblem.

Das Unternehmen scheint nicht zu stoppen zu sein. Als die Lieferkette Blue Apron kürzlich ankündigte, den Pflanzenburger in seine Kochboxen aufzunehmen, zahlte das nicht bei Beyond Meat, sondern bei dessen neuem Kunden ein. Die zuvor kränkelnde Aktie von Blue Apron schoss über 25 Prozent in die Höhe.

Kampf gegen die Hölle auf Tellern

Viele Investoren setzen darauf, dass dem Lebensmittelmarkt ein neuer Goldrausch bevorsteht, wenn Fleisch fleischlos und Fisch fischlos serviert wird. Beyond Meat zielt nicht auf das vergleichsweise kleine Segment der Vegetarier, sondern auf Esser, die den Tiergeschmack nicht missen mögen, aber der eigenen Gesundheit oder Umwelt zuliebe die Pflanzenalternative akzeptieren. Natürlich haben die Marketingexperten der Zielgruppe schon einen Namen verpasst: "Lessetarier" - also jemand, der bewusst weniger Fleisch isst - oder "Flexitarier".

"Fake-Fleisch wird uns retten", rief ein Kommentator der New York Times seiner Leserschaft zu: "Die industrielle Landwirtschaft ist die Kohlewirtschaft der Nahrungsmittelproduktion" - sprich: eine sterbende Branche. Nicht nur verschlinge die Produktion eines einzigen Rindfleisch-Burgers zweieinhalbtausend Liter Wasser. Ungesundes Essen sei lebensgefährlicher "als ungeschützter Sex, Alkohol, Drogen und Nikotinkonsum zusammen".

Die Hölle auf Tellern. Angesichts solcher Aussichten bleibt auch vielen Amerikanern das Steak im Halse stecken. Beyond-Meat-Chef Brown beruhigt sie damit, dass sie nicht auf Fleisch verzichten müssten. Man müsse nur die Definition ändern, was Fleisch eigentlich ist. Vielen Farmern in den USA gefällt das weniger. Sie drängen den Gesetzgeber, der neuen Konkurrenz den Gebrauch des Wortes Fleisch für ihre Ware zu verbieten. Bisher wenig erfolgreich.

Nach Einschätzung vieler Analysten werden die Rinderzüchter in den kommenden Jahren weiter Boden im globalen 1,4-Billionen-Dollar-Fleischmarkt verlieren. Nach Schätzung der Investmentbank UBS dürfte das Segment der pflanzenbasierten Fleischalternativen von 4,5 Milliarden Dollar 2018 auf 85 Milliarden Dollar in 2030 wachsen.

Nestlé und Tyson Foods steigen ein

Beyond Meat, zu dessen Investoren der Schauspieler Leonardo DiCaprio, Microsoft-Gründer Bill Gates und der Ex-CEO von McDonald's, Don Thompson, zählen, will davon profitieren. Im ersten Jahrzehnt seines Bestehens allerdings hat das Unternehmen, dessen Marktkapitalisierung bei rund 13 Milliarden Dollar liegt, noch keinen Gewinn erwirtschaftet.

Und der Wettbewerb gewinnt an Fahrt. Die Fast-Food-Kette Burger King hat sich mit dem Beyond-Konkurrenten Impossible Foods zusammengetan, McDonald's hat den "Big Vegan TS" ins Programm genommen, dessen Bratling auf Soja- und Weizenbasis basiert und der ebenfalls Rote Bete enthält.

Richtig heiß wird die Schlacht mit dem Einstieg der Giganten der Lebensmittelbranche, etwa Nestlé und Tyson Foods. So will der US-Konzern Tyson, der letztes Jahr fast zwei Milliarden Hühnchen verarbeitet hat, in diesem Sommer Nuggets aus Erbsen, Leinsamen und anderen pflanzlichen Produkten auf den Markt bringen. Seinen Anteil an Beyond Meat hat Tyson vor dem Börsengang des kleinen Konkurrenten abgestoßen - man sei nun in der Lage, eigene Fleischimitationen zu entwickeln, hieß es zur Begründung.

Nestlé hat mit Garden Gourmet eine eigene Tochterfirma, die sich Fleischimitaten widmet. Bisher bekanntestes Produkt: der Incredible Burger, den auch McDonald's beim "Big Vegan" zwischen die Brötchenhälften legt.

Wie viele der 50 Milliarden Burger, die die Amerikaner jährlich verspeisen, künftig fleischlos sein werden, wird sich zeigen. Den Kunden von TGI Fridays in Maryland schmecke das Ersatzprodukt jedenfalls, sagt Kellnerin Brittany. Sie selbst hat ihn allerdings noch nicht probiert.


Zusammengefasst: Der Markt für Fleischimitate wächst - der Erfolg der Firma Beyond Meat hat einen Hype ausgelöst. Zur Zielgruppe gehören Menschen, die gern Fleisch essen, aber gesundheitliche, ethische oder ökologische Bedenken haben. In der Lebensmittelindustrie herrscht deshalb Goldgräberstimmung. Die Abwehrreaktionen der Fleischproduzenten bewirken dagegen bislang nichts.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, McDonald's zögere noch bei der Einführung von Fleischimitat und Nestlé habe entsprechende Produkte angekündigt. Tatsächlich sind beide Konzerne bereits in den Markt eingestiegen und kooperieren dabei teils miteinander. Der Fehler wurde korrigiert.

insgesamt 238 Beiträge
Phleon 30.07.2019
1.
Ich würde es gerne mal ausprobieren. Falls es gut schmeckt, wäre es für mich eine willkommene Alternative.
Ich würde es gerne mal ausprobieren. Falls es gut schmeckt, wäre es für mich eine willkommene Alternative.
Supertramp 30.07.2019
2. da sollten so Träge Firmen wie Nestlé auch mal eine Nachhaltige Sparte gründen
bisher hat Nestlé sich eher mit Palmöl aus ehemaligen Tropischen Regenwald Gebieten identifiziert. Ausserdem pumpt uns die Industrie mit billigem Maiszucker immer mehr auf... supersize me
bisher hat Nestlé sich eher mit Palmöl aus ehemaligen Tropischen Regenwald Gebieten identifiziert. Ausserdem pumpt uns die Industrie mit billigem Maiszucker immer mehr auf... supersize me
iceyyo 30.07.2019
3. mir
schmecken die Fleischersatzprodukte bislang nicht - zumindest nicht solange man diese damit vergleicht. wenn man es als Alternative betrachtet, gibt es einige Produkte, die essbar sind. aber an ein richtiges burgerpatty kommt das [...]
schmecken die Fleischersatzprodukte bislang nicht - zumindest nicht solange man diese damit vergleicht. wenn man es als Alternative betrachtet, gibt es einige Produkte, die essbar sind. aber an ein richtiges burgerpatty kommt das nicht ran
swiss35 30.07.2019
4. Fleisch
Diese Pampe soll essen wer will, ich gehe da lieber zu meinem Nachbarn und beziehe das Fleisch von seinem Bauernhof. Dort kenne ich auch jedes einzelne Tier und weiss dass die Haltung tip top war.
Diese Pampe soll essen wer will, ich gehe da lieber zu meinem Nachbarn und beziehe das Fleisch von seinem Bauernhof. Dort kenne ich auch jedes einzelne Tier und weiss dass die Haltung tip top war.
Equalizer 30.07.2019
5. Der Trend ist nicht so groß wie man immer glaubt
Das ist wie in jedem abgeschlossen sozialen Milieu, jeder glaubt man man repräsentiere die Mehrheit.
Das ist wie in jedem abgeschlossen sozialen Milieu, jeder glaubt man man repräsentiere die Mehrheit.
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