Wirtschaft

Rindfleisch, Soja, Holz

Die Milliardengeschäfte mit Brasiliens Ressourcen

In Brasilien steht der Regenwald in Flammen. Das Amazonasgebiet ist zum Spielfeld wirtschaftlicher Interessen geworden - seit dem Amtsantritt von Präsident Bolsonaro wird es noch rücksichtsloser ausgebeutet.

Felipe Werneck/Ibama / AP

Abholzung im Regenwald (Archivbild)

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Freitag, 23.08.2019   18:56 Uhr

Jair Bolsonaro hat noch große Pläne für Amazonien. "Zur ökonomischen Seele" Brasiliens wolle er das riesige Gebiet rund um den mächtigsten Fluss der Erde machen, kündigte der Staatspräsident kürzlich bei einem Besuch der Metropole Manaus an. "Unser Amazonien, die reichste Region des Planeten Erde", schwärmte Bolsonaro, könne zum Ausgangspunkt werden für einen neuen Wirtschaftsaufschwung im ganzen Land. Im Einklang mit dem Umweltschutz, natürlich.

Die drastisch gestiegene Abholzung seit Bolsonaros Amtsantritt im Januar war zu diesem Zeitpunkt noch ein regionales Thema in Amazonien. Nun aber gehen die Bilder von brennenden Regenwäldern, verkohlten Baumstümpfen, kahlgeschlagenen, steppenartigen Flächen und dem schwarzgrauen Himmel über São Paulo durch die Welt. Und die Statistiken des staatlichen Forschungsinstituts INPE scheinen all den Kritikern recht zu geben, die immer schon gewarnt hatten, dass Amazonien unter Bolsonaros Ägide rücksichtslos ausgebeutet werden würde.

Allein im Juli wurden demnach 2255 Quadratkilometer Wald abgeholzt - beinahe viermal so viel wie im Juli 2018. Der Kahlschlag eines Monats entspricht der siebenfachen Fläche des Staates Malta.

Andre Lucas/dpa

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Bolsonaro hatte angekündigt, Strafen für Umweltdelikte zu reduzieren, Kontrollen zu verringern und von Ureinwohnern bewohnte Reservate für den Bergbau freizugeben. Für ihn hat sich der Naturschutz den Interessen der Wirtschaft unterzuordnen. Und es gibt eine ganze Reihe von Unternehmen, Konzernen und Branchen, die viel Geld machen mit der Ausbeutung des Amazonas. Allen voran die mächtige Agrarindustrie.

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Ungefähr 700.000 Quadratkilometer Wald sind seit den Siebzigerjahren in Brasilien gerodet worden; die Bundesrepublik ist etwa halb so groß. Und mehr als die Hälfte aller abgeholzten Flächen im Amazonasgebiet dienen heute der Fleischwirtschaft als Weidegebiete. Oft ist die Ausweitung der Rinderzucht der Grund für illegale Abholzung. "Erst wird das Holz klein gemacht oder abgebrannt, dann werden mit Flugzeugen Samen ausgesät, damit die Tiere Futter haben", erzählt der Filmemacher Marcio Isensee e Sà. In seinem Dokumentarfilm "Sob a pata do boi" ("Unter dem Huf des Rinds") berichten Züchter, dass sich die Abholzung meist schon nach einem Jahr rentiere.

Zwar ist der Verkauf von Fleisch aus illegal abgeholzten Gebieten verboten, doch die Kontrollen reichen nicht aus. Gerade in den Bundesstaaten in und um die Amazonasregion boomt die Zucht. Seit einigen Jahren leben mehr Rinder als Menschen auf Brasiliens Staatsgebiet: Insgesamt sind es laut der nationalen Statistikbehörde ungefähr 215 Millionen Tiere; die Exporte haben sich seit der Jahrtausendwende mehr als vervierfacht. Vergangenes Jahr verkaufte Brasilien Rindfleisch im Wert von 6,5 Milliarden Dollar in die Welt. Bolsonaro wird eine große Nähe zur Branche nachgesagt. Einer seiner engsten Mitarbeiter flog auf, als er Geld vom Fleischkonzern JBS annahm.

Noch viel wichtiger für Brasilien ist die Sojaindustrie. Sie erwirtschaftete 2018 nur durch Auslandsgeschäfte Erlöse von fast 41 Milliarden Dollar. Das war mehr als ein Sechstel aller Exporteinnahmen Brasiliens. Soja ist für die brasilianische Handelsbilanz damit in etwa so wichtig wie die Automobilindustrie für die deutsche. Und dieses Jahr wird der Sektor wohl noch einmal wachsen. Denn die mit Abstand größten Kunden, die chinesischen Schweinezüchter, verfüttern angesichts des Handelskriegs mit den USA immer weniger nordamerikanische Sojabohnen an ihre Tiere. Brasilien ist kurz davor, die Vereinigten Staaten als weltgrößten Produzenten abzulösen.

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Brasilianisches Soja wurde früher kaum im Amazonasgebiet angebaut. Doch die Flächen wandern immer weiter gen Norden, mittlerweile finden sie sich auch schon nördlich des Flusses. Oft wird ein bestimmtes Areal erst gerodet, dann kommen die Rinder - und ein paar Jahre später dann die Sojafarmer. Häufig sind die Bohnen gentechnisch verändert, und auch Pestizide werden großzügig eingesetzt. Brasiliens bekanntester Sojabaron, der Großindustrielle Blairo Maggi, hatte vor der Stichwahl dazu aufgerufen, Bolsonaro zu wählen.

Auch die Holzindustrie hat mit der Rodung von Amazonaswäldern großes Geld verdient. Zwar ist der Verkauf von Tropenholz aus unkontrolliertem Kahlschlag offiziell schon seit Langem verboten. Dennoch gelangt es auf den Markt. Laut der Umweltbehörde des Bundesstaates São Paulo stammen vier Fünftel des Holzes aus Amazonien aus illegaler Quelle.

Foto: Vinicius Mendonza/Ibama/dpa

Seit einiger Zeit versucht die Holzbranche, Eukalyptusplantagen in Amazonien aufzubauen. Das so gewonnene Holz dient vor allem zur Herstellung von Zellulose, aus der zum Beispiel Taschentücher hergestellt werden. Mit Einnahmen von mehr als 7,5 Milliarden Dollar ist Brasilien laut dem Industrieministerium mittlerweile der weltgrößte Zellulose-Exporteur.

Für die Rohstoffbranche ist das Amazonasgebiet seit Jahrzehnten hochattraktiv. Die Bandbreite reicht von illegalen Goldgräbern, die auf eigene Faust irgendwo in der Wildnis schürfen bis zu großen Konzernen. Etwa 200.000 improvisierte Minen und Gruben soll es Medienberichten zufolge im grenzüberschreitenden Amazonasgebiet geben, das sich Brasilien mit Peru, Kolumbien und Ecuador teilt. Manche Glücksritter und Unternehmen lösen die Rohstoffe mit giftigen Chemikalien aus dem Gestein oder schlagen Schneisen in die Wälder, um Landebahnen für ihre Kleinflugzeuge zu bauen. Bolsonaro macht sich seit Jahren immer wieder für den kontrollierten Rohstoffabbau im Amazonasgebiet stark.

Auch die Energieindustrie wittert unter Bolsonaro neue Geschäfte. Erst vor wenigen Tagen hat der Staatspräsident angekündigt, den Bau neuer Wasserkraftwerke in der Region freizugeben. Konkret geht es um zwei Dammprojekte in den Bundesstaaten Roraima und Rondonia, deren Errichtung wegen massiver Umweltauswirkungen vorerst gestoppt worden war. Einer der beiden Dämme würde brasilianischen Medienberichten zufolge ein Gebiet von fast 100 Quadratkilometern unter Wasser setzen, der andere sogar ein Areal von mehr als 500 Quadratkilometern.

insgesamt 110 Beiträge
Johann Dumont 23.08.2019
1. in diesem Fall haben Verbraucher auch Macht !
NGOs könnten mal zum Boykott Brasiliens aufrufen - keine Waren aus Brasilien kaufen - nicht als Tourist nach Brasilien. Auch andere Staaten können mit Handelssanktionen und der Kündigung von Handelsverträgen Druck auf die [...]
NGOs könnten mal zum Boykott Brasiliens aufrufen - keine Waren aus Brasilien kaufen - nicht als Tourist nach Brasilien. Auch andere Staaten können mit Handelssanktionen und der Kündigung von Handelsverträgen Druck auf die brasilianische Regierung ausüben.
tomrobert 23.08.2019
2. Was für eine Fehlbesetzung und von Trump kein Wort-.
Wie lange es wohl geht bis die Herren mit den minimalen Fähigkeiten den maximalen Schaden anrichtend den Planeten für uns Menschen unbewohnbar gemacht haben ? Merkel unterstützt Macron zwar, aber sehr sehr leise. Von Trump [...]
Wie lange es wohl geht bis die Herren mit den minimalen Fähigkeiten den maximalen Schaden anrichtend den Planeten für uns Menschen unbewohnbar gemacht haben ? Merkel unterstützt Macron zwar, aber sehr sehr leise. Von Trump hört man gar nichts, scheinbar interessiert den nicht in welcher Welt seine Enkel mal leben werden, wenn sie überhaupt noch leben können? Irgendwie riecht alles nach globalem Suizid? Wird das das Ende der Menschheit werden?
nimby 23.08.2019
3. Sprachlosigkeit
macht sich bei mir breit. Ich verzichte auf Flugreisen und Fleisch und der Knabe kümmert sich einen Dreck um Mensch und Natur! Ein weiterer gewählter Despot. Wo bleiben die Avangers?
macht sich bei mir breit. Ich verzichte auf Flugreisen und Fleisch und der Knabe kümmert sich einen Dreck um Mensch und Natur! Ein weiterer gewählter Despot. Wo bleiben die Avangers?
Streifenhörnchen15 23.08.2019
4. Bolsonaro ist ja "unser" Mann...
Wir sollten nicht vergessen, wie kollektiv toll wir alle in den westlichen Demokratien den Bolsonaro fanden. Ist ja schließlich alles besser als die Sozialisten Lula und Roussef. Na da habt ihr euern Wolf im Schafspelz, den man [...]
Wir sollten nicht vergessen, wie kollektiv toll wir alle in den westlichen Demokratien den Bolsonaro fanden. Ist ja schließlich alles besser als die Sozialisten Lula und Roussef. Na da habt ihr euern Wolf im Schafspelz, den man schon irgendwie eingehegt kriegt. Oder eben nicht...
herwescher 23.08.2019
5. Wie nichtssagend, gar irreführend die Überschrift ist ...
... wird dann deutlich, wenn man "Brasilien" durch ein belibiges, anderes Land ersetzt: "Die Milliarden-Geschäfte mit Saudi-Arabiens Ressourcen" "Die Milliarden-Geschäfte mit Norwegens [...]
... wird dann deutlich, wenn man "Brasilien" durch ein belibiges, anderes Land ersetzt: "Die Milliarden-Geschäfte mit Saudi-Arabiens Ressourcen" "Die Milliarden-Geschäfte mit Norwegens Ressourcen" "Die Milliarden-Geschäfte mit Russlands Ressourcen" "Die Milliarden-Geschäfte mit Saudi-Arabiens Ressourcen"tc.pp.

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