Wirtschaft

Strategiewechsel bei der Deutschen Bahn

Das Ende der Abriss-Ära

Gleise, Weichen, Kreuzungen - jahrzehntelang wurde im Schienennetz alles abgerissen, was nicht nötig war. Oft mussten die Kunden darunter leiden. Nun will Bahn-Vorstand Ronald Pofalla diesen Trend umkehren - auch mit Steuergeldern.

Roland Weihrauch/DPA

Baustelle zwischen Essen und Duisburg

Von
Mittwoch, 20.02.2019   11:33 Uhr

Es ist schon auffällig, wie oft Ronald Pofalla an diesem Montag im 26. Stock des Bahn-Towers in Berlin das Wort "klein" sagt. Normalerweise betonen Politiker und auch Bahn-Vorstände eher, wie groß und großartig ihre Projekte doch seien. Infrastrukturchef Pofalla aber, so bekommt man den Eindruck, kann es diesmal gar nicht klein genug sein.

"Das sind totale Kleinstmaßnahmen", sagt der 59-Jährige etwa über ein Bauprogramm in Nordrhein-Westfalen. "Aber die Auswirkungen sind beachtlich." Den Infarkt des deutschen Schienennetzes mit totalen Kleinstmaßnahmen verhindern zu wollen, das klingt irrwitzig. Und könnte doch funktionieren.

Es wäre die Umkehr einer Infrastrukturstrategie, die jahrzehntelang nur ein Dogma kannte: Ein günstiges Schienennetz ist ein gutes Schienennetz. Weichen wurden entfernt, Gleise stillgelegt. Was nicht da ist, verursacht schließlich keine Kosten. Die Entwicklung ist dramatisch (siehe Grafik).

Seit der Bahnreform im Jahr 1994 wurde jeder fünfte Meter Gleis stillgelegt. Im gesamten Netz der Bahn gibt es heute nur noch halb so viele Weichen und Kreuzungen wie vor 25 Jahren. "Folge ist, dass heute die Kapazität des Netzes an vielen Stellen deutlich verringert ist", heißt es dazu im Wettbewerber-Report, der von diversen Bahn-Verbänden herausgegeben wurde.

Das spüren auch die Fahrgäste. So kommt es zum Beispiel immer wieder vor, dass ICEs hinter langsamen Regionalzügen herzuckeln müssen, weil es keine Möglichkeit zum Überholen gibt. Oder dass eine Strecke zwar zweigleisig ausgebaut ist, zugleich aber die Signale fehlen, um auf beiden Seiten in beide Richtungen fahren zu können.

Totale Kleinstprobleme, könnte man sagen, um bei Pofalla zu bleiben. Doch weil die Fernzüge so lange Strecken zurücklegen, können Kunden das Kleinstproblem bei München eben auch in Hamburg noch spüren.

Praktiker wie Lokführer und Fahrdienstleiter beklagen diese Probleme schon lange. Glaubt man den Ankündigungen Pofallas, sind die Rufe nun auch ganz oben im Bahn-Tower angekommen. Erste Maßnahmen gab es bereits auf der Strecke von Köln nach Dortmund, der mit 140 Prozent am stärksten ausgelasteten Trasse im Netz. So wurden etwa in den Hauptbahnhöfen Essen, Düsseldorf und Köln Stellpulte und Kabelschränke ausgetauscht, als sie erste Störungen zeigten - statt zu warten, bis die Teile endgültig kaputtgehen.

Bahn-Baustellen 2019

Auch bessere Organisation soll helfen. So sollen zum Beispiel ICEs, die auf der linken Seite kaputte Türen haben, vorzugsweise mit der rechten Seite am Bahnsteig halten. Kleinigkeiten eben, wie Pofalla sagt.

All diese Kleinigkeiten für die Strecke Köln-Dortmund sollen zusammen rund neun Millionen Euro kosten - ein Klacks im Vergleich zu den Milliarden, die sowieso ins Schienennetz fließen. "Plankorridor West" heißt das neue Klein-Klein im schönsten Bahn-Deutsch. Und weitere Plankorridore sollen folgen, auf den Strecken Fulda nach Mannheim (Auslastung 135 Prozent), Würzburg-Nürnberg (125 Prozent) und im Zulauf zum Hamburger Hauptbahnhof (120 Prozent).

Bei den Bundesländern wirbt Pofalla nun um Geld. Nordrhein-Westfalen etwa soll 130 Millionen Euro für "50 bis 60 Kleinstmaßnahmen" bereitstellen, so der Ex-Kanzleramtschef. Denn die seien mit den derzeitigen finanziellen Vorgaben aus dem Bundeshaushalt nicht zu finanzieren - aber trotzdem sinnvoll. Also sollen die Länder aufstocken. Dazu muss man wissen: Bauvorhaben durchlaufen normalerweise ein komplexes Verfahren, in dem nachgewiesen werden muss, dass der volkswirtschaftliche Nutzen größer ist als ihre Kosten - was bei einer einzelnen Weiche oder einem neuen Signal schwierig ist.

Deshalb sollen die Länder in die Pflicht genommen werden. Das ist nicht ganz ohne Ironie, denn auf diesem Wege müssten die Steuerzahler wieder einbauen, was die Bahn auf Privatisierungskurs in den vergangenen Jahren herausgerissen hat. Pofalla aber sagt, er sei zuversichtlich, sich in den kommenden Monaten mit NRW einigen zu können. Dann will er mit Bayern und Baden-Württemberg sprechen und nach und nach durch alle 16 Bundesländer tingeln.

Das Projekt (Name "Robustes Netz NRW") zeigt, wie abhängig vom Staat die Deutsche Bahn mittlerweile ist. 130 Millionen Euro über fünf Jahre - das ist angesichts von Gesamtinvestitionen von 10,7 Milliarden Euro in das Schienennetz allein in 2019 geradezu lächerlich wenig. Doch der größte deutsche Staatskonzern hat kaum noch finanziellen Spielraum.

Die Milliarden für Neubau und Sanierung kommen zum großen Teil aus dem Bundeshaushalt. Die Schuldenobergrenze des Konzerns ist bald erreicht (siehe Grafik). Die Gütersparte DB Cargo macht seit Jahren Verluste, die Nahverkehrstochter DB Regio verliert Marktanteile, und im Fernverkehr fahren zwar immer mehr Fahrgäste - aber als Reaktion auf die Konkurrenz der Fernbusse hat die Bahn immer günstigere Sparpreise eingeführt. Auch die Auslandstöchter DB Arriva und Schenker haben dem Konzern laut einer Analyse des Bundesrechnungshofs bisher keinen nennenswerten Geldbetrag eingebracht.

Zugleich verliert die Politik die Geduld mit dem Konzern. Vorstandschef Richard Lutz musste seit Jahresbeginn mehrfach bei Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) zum Rapport antreten. Der Eigentümer will eine bessere Qualität sehen, und zwar schnell.

Damit aber steht auch Pofalla unter Druck. "Digitale Schiene Deutschland", "Plankorridor", "Robustes Netz NRW" - es hat wohl auch mit der Notlage zu tun, dass der 59-Jährige derzeit im Rekordtempo neue Programme vorstellt.

In der Branche begrüßt man den neuen Kurs - warnt aber vor zu hohen Erwartungen. Derzeit kämpfe man tagtäglich mit Störungen und Ausfällen, heißt es bei einer Privatbahn in Nordrhein-Westfalen. Eine funktionierende Infrastruktur würde den täglichen Betrieb definitiv verbessern. Ein bescheidener Anspruch.

Auch beim Bahnverband Netzwerk Europäischer Eisenbahnen hält man Pofallas Strategiewechsel für richtig. Er kehre das Ergebnis von jahrelangem finanziellem Druck um. Doch zu oft sei es bei DB Netz in der Vergangenheit bei Ankündigungen geblieben - und dann sei nichts mehr passiert.

Die Botschaft ist klar. Pofalla hat angekündigt. Nun soll er liefern.

insgesamt 79 Beiträge
sailor60 20.02.2019
1. Über so viel einseitiges Denken bin ich sprachlos.
Für den betrieb eines Netzes benötige ich gewisse Voraussetzungen. Kappe ich aus finanziellen Gründen auch nur einen von denen beschädige ich das ganze Netz. Für diese Entscheidungen sollten die Manager nicht nur gefeuert, [...]
Für den betrieb eines Netzes benötige ich gewisse Voraussetzungen. Kappe ich aus finanziellen Gründen auch nur einen von denen beschädige ich das ganze Netz. Für diese Entscheidungen sollten die Manager nicht nur gefeuert, sondern auch zur persönlichen Verantwortung gezogen werden!
shinobi42 20.02.2019
2. Bahnnetz endlich verstaatlichen, mehr Wettbewerb auf der Schiene
Es ist unerträglich, welch hohe Summen der Steuerzahler für eine privatwirtschaftliche Aktiengesellschaft aufwenden muss, auch wenn sie dem Bund zu 100 % gehört. Genau wie die Straßen und Bundesautobahnen könnte der Staat das [...]
Es ist unerträglich, welch hohe Summen der Steuerzahler für eine privatwirtschaftliche Aktiengesellschaft aufwenden muss, auch wenn sie dem Bund zu 100 % gehört. Genau wie die Straßen und Bundesautobahnen könnte der Staat das Schienennetz und die Bahnhöfe verwalten und die geeigneten Maßnahmen zum Ausbau und Betrieb ergreifen. Dann hätten wir auch endlich funktionierenden Wettbewerb der einzelnen Bahngesellschaften untereinander. Anders wird man kaum den Anforderungen der Zukunft an ein klimafreundliches Massentransportwesen gerecht werden können.
Nordstadtbewohner 20.02.2019
3. Richtige Herangehensweise - Falsche Finanzierung
Die Entscheidung, Schwachstellen bei der Bahn zu beheben, ist sicherlich richtig, aber sie wird falsch finanziert. Es ist nicht die Aufgabe des Steuerzahlers, die Bahn zu finanzieren und zu subventionieren. Wenn die Bahngäste [...]
Die Entscheidung, Schwachstellen bei der Bahn zu beheben, ist sicherlich richtig, aber sie wird falsch finanziert. Es ist nicht die Aufgabe des Steuerzahlers, die Bahn zu finanzieren und zu subventionieren. Wenn die Bahngäste einen besseren Service wollen, müssen sie auch entsprechend dafür bezahlen. Von daher sollten die Baumaßnahmen über höhere Ticketpreise finanziert werden und nicht über Steuergelder.
kleinsteminderheit 20.02.2019
4. Endlich mal etwas Zielführendes
Die Netzkapazität und auch die Resilienz gegenüber Störungen hängt ganz entscheidend von Weichen, Kreuzungspunkten, Überholgleisen und Ausweichstrecken ab. Gut, wenn da etwas passiert. Als nächster Schritt sollte die [...]
Die Netzkapazität und auch die Resilienz gegenüber Störungen hängt ganz entscheidend von Weichen, Kreuzungspunkten, Überholgleisen und Ausweichstrecken ab. Gut, wenn da etwas passiert. Als nächster Schritt sollte die Ausbildung zum Lokführer wieder aufgewertet werden. Mehr technische Ausbildung zur besseren Lösungskompetenz bei technischen Problemen. Mehr Baureihen- und Streckenschulungen, damit Lokführer besser für erkrankte Kollegen einspringen können und Schulungen im Notfallmanagement, damit der Lok- und Zugführer z.B. bei Unfällen wieder die Oberleitung erden dürfen und Rettungskräfte nicht mehr ewig auf den Notfallmanager warten müssen, bevor sie brennende Züge ablöschen dürfen.
Kritischer Geist III 20.02.2019
5. vergessene Info
Das ehemalige Nachrichtenmagazin hat noch vergessen zu erwaehnen das die Bahn Jahre lang Geld ins Ausland gebracht und dort investiert.. was heisst investiert.. Sie haben in ein Busunternehmen gepumpt, wo man wusste dass das ein [...]
Das ehemalige Nachrichtenmagazin hat noch vergessen zu erwaehnen das die Bahn Jahre lang Geld ins Ausland gebracht und dort investiert.. was heisst investiert.. Sie haben in ein Busunternehmen gepumpt, wo man wusste dass das ein Verlustgeschaeft ist..nehmen wir 'verbrannt', man hat's ins Ausland (England) gebracht und dort verbrannt und jetzt heulen Sie rum. Kein Mitleid.

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