Wirtschaft

Seit der Reform 1994

Bahn legte mehr als 5400 Kilometer Strecke still

Fast ein Sechstel der Strecken sind futsch: In den vergangenen 25 Jahren hat die Deutsche Bahn wegen mangelnder Auslastung in vielen Regionen ihr Netz verkleinert.

DPA

Zeitweise stillgelegte Bahngleise im thüringischen Schwarzatal nahe Sitzendorf

Samstag, 29.12.2018   14:10 Uhr

Die Deutsche Bahn hat seit der Bahnreform Anfang 1994 bundesweit mehr als 5400 Kilometer ihres Streckennetzes stillgelegt. Das geht aus einer Antwort von Verkehrsstaatssekretär Enak Ferlemann auf eine Anfrage der Grünen hervor, aus der die "Süddeutsche Zeitung" in ihrer Wochenendausgabe zitiert.

In Betrieb sind demnach heute noch gut 33.000 Kilometer. Damit habe der bundeseigene Konzern in den vergangenen 25 Jahren etwa 16 Prozent seines gesamten Netzes aufgegeben.

Die Bahn betonte, eine Streckenstilllegung werde nur in Betracht gezogen, wenn es zu wenig Fahrgäste oder Gütertransporte gebe. Das Aus für eine Trasse genehmige das zuständige Eisenbahnbundesamt zudem nur, wenn kein anderer Wettbewerber bereit sei, die Strecke weiterzubetreiben.

tausend Kilometer neu

Die Länder hätten als Besteller von Nahverkehrsleistungen entscheidenden Einfluss darauf, ob eine Strecke stillgelegt wird. Zudem habe der Konzern im gleichen Zeitraum mit neuen Schnelltrassen auf mehr als tausend Kilometern auch neue Angebote geschaffen.

Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock kritisierte, ländliche Regionen würden abgehängt. Statt in teure Prestigeprojekte und Logistikprojekte auf anderen Kontinenten müsse die Deutsche Bahn wieder stärker in ihr Kerngeschäft investieren, Menschen in Deutschland günstig und verlässlich zu transportieren, sagte Baerbock der Zeitung. Entscheidend für die Verkehrswende sei ein breitgefächertes Schienennetz in allen Regionen Deutschlands.


Anmerkung der Redaktion: Das Archivfoto zu diesem Artikel zeigt eine Bahnstrecke (Schwarzatalbahn) in Thüringen, die zeitweise stillgelegt war. Wie uns ein aufmerksamer Leser mitteilte, ist die Strecke aber wieder in Betrieb. Wir haben dies in der Bildunterschrift entsprechend ergänzt.

boj/dpa

insgesamt 77 Beiträge
Emso 29.12.2018
1. DIe Bahn lebt! Es lebe die Bahn!
Das Bild fehlerhaft insofern, als dass sich die Strecke Rottenbach-Katzhütte (im Bild sind Sitzendorfer Gleise) einer regen Nutzung erfreut, seit die Strecke 2002 wieder in Betrieb genommen wurde. Ich hoffe mal, Ihr Bild ist kein [...]
Das Bild fehlerhaft insofern, als dass sich die Strecke Rottenbach-Katzhütte (im Bild sind Sitzendorfer Gleise) einer regen Nutzung erfreut, seit die Strecke 2002 wieder in Betrieb genommen wurde. Ich hoffe mal, Ihr Bild ist kein schlechtes Omen. Totgesagte leben bekanntlich länger...
Dr.Gnaa 29.12.2018
2. Mangelnder Auslastung?
Doch wohl eher aufgrund mangelnder Angebote! Vor allem was den Güterverkehr angeht.
Doch wohl eher aufgrund mangelnder Angebote! Vor allem was den Güterverkehr angeht.
Marvin__ 29.12.2018
3. Mangelnde Auslastung?
Mit der Auslastung ist es bei der Bahn wie mit der Pünktlichkeit: Die Bahn schreibt sich die Regeln selber. So wird vor einer Stilllegung nicht geprüft, wie man die Fahrgastzahlen erhöhen könnte. Stattdessen wird stumpf [...]
Mit der Auslastung ist es bei der Bahn wie mit der Pünktlichkeit: Die Bahn schreibt sich die Regeln selber. So wird vor einer Stilllegung nicht geprüft, wie man die Fahrgastzahlen erhöhen könnte. Stattdessen wird stumpf gezählt, wie viele Fahrgäste einsteigen. Wenn etwa ein pfiffiger Busunternehmer vorübergehend Kampfpreise anbietet, und so Fahrgäste abwirbt, legt die Bahn die Strecke still. Woraufhin der Busunternehmer seine Preise wieder erhöht. Wobei die Bahnpreise ein Niveau erreicht haben, dass es selbst für Einzelfahrer ein Mietwagen (Miete+Benzin) günstiger ist als ein Bahnticket. Nicht zuletzt, weil wegen des verkleinerten Bahnnetzes immer mehr Anschlussfahrten zusätzlich bezahlt werden müssen. Ganz außer acht lassen sowohl der Artikel wie auch die Deutsche Bahn das Risikomanagement: Wenn von zwei parallelen Strecken eine stillgelegt wird, gibt es bei Bauarbeiten oder Unfällen keine Ausweichmöglichkeiten mehr. Was dann zu wochen-, gar monatelangen Ausfällen auf essentiellen Strecken wie etwa bei Rastatt vor einigen Monaten oder auf der Schnellstrecke zwischen Kassel und Hannover demnächst führt.
G111 29.12.2018
4. Nichts Neues
Die Bahn ist nicht besser oder schlechter als unsere Straßen, Schulen, Krankenhäuser. Sie ist nämlich genauso gut wie wir, die Wähler, den Staat befähigen, Geld in die Infrastruktur zu investieren. Helmut Schmidt sagte mal, [...]
Die Bahn ist nicht besser oder schlechter als unsere Straßen, Schulen, Krankenhäuser. Sie ist nämlich genauso gut wie wir, die Wähler, den Staat befähigen, Geld in die Infrastruktur zu investieren. Helmut Schmidt sagte mal, wir können uns nur eines leisten, die Bundesbahn oder die Bundeswehr. Man entschied sich für eine Privatisierung der Bahn und übergab den Ländern die Verantwortung für den Nahverkehr. Die Bahn sollte an die Börse, so der Auftrag der damaligen Regierung an Mehdorn. Dazu musste sie produktiv werden, unnötigen Ballast abwerfen. Eben auch unwirtschaftliche Nebenstrecken, die auch die Länder nicht betreiben wollten. Hinzu kamen von der Politik und vom Volk (S21) gewünschte Prestigeprojekte. Ja die Wähler in BaWü haben per Volksentscheid für S21 gestimmt. Sparprogramme in den 0er Jahren gaben dem Fläschennetz den Rest , parallel dazu ist die Verkehrsleistungen auf der Schiene gestiegen. Das führt dazu, dass kaum noch Puffer da sind, seit 3 bis 4 Jahren wieder deutlich mehr gebaut wird. Und es soll, es muss noch mehr gebaut werden, weil bis vor wenigen Jahren und über Jahrzehnte nicht gebaut bzw in den Erhalt der Infrastruktur gesteckt wurde. Die Folge: kleinere Störungen ziehen sich durchs gesamte Netz. Um das zu lösen, braucht es keine Schnellschüsse, sondern eine lang angelegte Strategie und gesellschaftlicher Konsens wo man mit dem System Schiene hin will UND wer es bezahlt.
Knossos 29.12.2018
5.
Gut zum einen, daß das jemand nach 24 Jahren einmal klarstellt, und klar zum anderen, daß sich derlei Entwicklung zu Privatisierungsintentionen und Speditionslobbyismus zu keiner Zeit absehen ließ. Nüwah? ;O/
Gut zum einen, daß das jemand nach 24 Jahren einmal klarstellt, und klar zum anderen, daß sich derlei Entwicklung zu Privatisierungsintentionen und Speditionslobbyismus zu keiner Zeit absehen ließ. Nüwah? ;O/
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