Wirtschaft

Moskauer Start-up

Diese Russen wollen Deutschland erobern - mit Pizza

Russland hat nur Gas und Öl? Nein: Auch die IT-Branche boomt. Das Start-up Dodo Pizza aus Moskau will bald nach Deutschland kommen. Wenn das raue politische Klima in der Heimat das zulässt.

Dodo Pizza

Dodo Pizza

Aus Moskau berichtet
Montag, 28.01.2019   11:40 Uhr

Was vereint einen Ex-Investmentbanker von Merrill Lynch, einige früher bei Intel beschäftigte russische Topprogrammierer sowie einen Marketingexperten aus Polen?

Sie haben die Köpfe am Rand der Moskauer Innenstadt in einem Start-up-Büro zusammengesteckt - und machen jetzt Pizza. Sehr viel Pizza.

In einem Backsteingebäude auf dem Areal einer früheren sowjetischen Dampfkesselfabrik arbeitet das Team des Start-ups Dodo Pizza: 130 Mitarbeiter, darunter junge Marketing- und Finanzexperten, vor allem aber - für eine Fast-Food-Kette etwas ungewohnt - mehr als 70 Programmierer.

Dodo Pizza

Dodo-Gründer Fjodor Owtschinnikow

Von Moskau aus stößt die Firma auf neue Märkte vor. Wenn die Lautsprecher in den Büros mal wieder knistern, wissen alle Angestellten: Aljona vom Empfang wird gleich die Eröffnung einer weiteren Dodo-Pizzeria verkünden. Die Lautsprecher knistern häufig, seit 2012 ist die Zahl der Filialen von acht auf inzwischen 442 gestiegen, mehr als hundert sind in den vergangenen zwölf Monaten dazu gekommen.

Zwischen Sachsen und California Dreaming

Wenn der neue Ableger im Ausland liegt, spielt Aljona vor der Durchsage einen Song aus dem Land. Mal ist es ein Lied aus Rumänien (sechs Filialen), mal ein weißrussisches (zehn Restaurants). Im Februar will Dodo in Los Angeles die Arbeit aufnehmen, Aljona hat sich überlegt, dann "California Dreaming" zu spielen.

Russland ist für Dodo Pizza der wichtigste Markt, doch inzwischen gibt es Filialnetze in elf weiteren Ländern, in China, Kasachstan und Estland sowie einige Brückenköpfe für den Sprung nach Westen: einen einsamen Standort im britischen Strandbad Brighton sowie drei in den USA, entstanden im Umland der Großstadt Memphis.

Der Markteintritt in Deutschland steht ebenfalls bevor: Die deutsche Kette Uno Pizza - bislang 14 Filialen in Sachsen und Sachsen-Anhalt - schlüpft als Franchisepartner unter das Dodo-Dach und will nach Aussage der Eigentümer Thomas und Michael Kochmann innerhalb von fünf Jahren 25 weitere Restaurants eröffnen. Aus den Lautsprechern in den Moskauer Büros wird bis Jahresende 2019 deshalb auch wenigstens einmal deutsche Musik tönen. "Vielleicht Rammstein", sagt Firmengründer Fjodor Owtschinnikow. Rammstein ist in Russland die bekannteste deutsche Band, vor Modern Talking.

Das Herzstück der Firma ist die IT: das Betriebssystem Dodo IS, an das alle neuen Filialen angeschlossen werden. Alle Bestellungen wandelt das Programm in Sekundenschnelle in die nächsten Arbeitsschritte um. In den Küchen der Restaurants leuchten auf iPad-Bildschirmen dann die passenden Rezepte und Anweisungen für die Pizzabäcker auf, ob nun in Sibirien oder in Tennessee. Ist die Pizza rechtzeitig fertig, schallt eine Fanfare durch die Küche. Dauert es zu lange, macht sich auf den Bildschirmen ein gefräßiges Packman-Monster über die Pizzen her. Das Programm Dodo IS soll den Betrieb und die Kontrolle eines Pizza-Imbisses leicht und intuitiv machen, fast wie ein Computerspiel, das ist die Idee.

dodopizza.ee

Küchen-Kamera einer Filiale in Tallin, Estland

Dazu kommt ein fast schon verstörend radikaler Hang zu Transparenz. In sämtlichen Restaurantküchen sind Videokameras installiert, die rund um die Uhr ins Internet übertragen. Kunden können sich so jederzeit von der Sauberkeit überzeugen. Dodo Pizza veröffentlicht auch die Umsätze jeder einzelnen Filiale im Netz, als Anreiz zu mehr Wettbewerb. Präsentationen neuer Projekte und Ideen stellt die Firma umgehend auf YouTube. Dass da die Konkurrenz von den internationalen Ketten Papa John's und Domino's mitschaut, ist gewollt. Es soll die Teams anspornen, Neues schneller umzusetzen.

dodopizzastory.com

Umsatz-Anzeige der Filiale "East Memphis-1"

Firmengründer Fjodor Owtschinnikow, 37, will so Wettbewerbsvorteile generieren. "Tiefe Digitalisierung" von Unternehmensprozessen nennt er das Konzept.

Eine neue russische Unternehmergeneration?

Der Ansporn für seine Firma - Jahresumsatz der mehr als 400 Filialen zuletzt: 220 Millionen Dollar - war eigentlich eine Pleite. Owtschinnikow hat in Syktywkar Archäologie studiert, einer Provinzstadt in Russlands hohem Norden, gut 1000 Kilometer nördlich von Moskau gelegen. Er hat dort eine Buchhandelskette aufgebaut, die rutschte aber in der Finanzkrise in die Insolvenz.

Wie kam er von Büchern auf Pizza? Er habe von einer globalen Firma geträumt und einer Branche, die er mit Russlands IT-Stärke aufrollen könnte. "Pizza ist perfekt, ein Massenmarkt, für ein überall auf der Welt bereits eingeführtes und weitgehend standardisiertes Produkt. Ob in Indien, Brasilien oder den USA, jeder mag Pizza", sagt Owtschinnikow. Die hohen Investitionen in das Betriebssystem würden sich aber nur dann rechnen, "wenn wir eine globale Rolle spielen".

Eine Milliarde Rubel hat Dodo bislang allein in die Entwicklung der Webplattform gesteckt, umgerechnet sind das 15 Millionen Euro. An diesen Summen wäre das Projekt beinahe gescheitert. Owtschinnikow war bei Banken und bei Risikokapitalgebern, "aber von denen glaubt niemand daran, dass eine russische Firma weltweit Erfolg haben kann, wenn sie nicht Öl oder Waffen exportiert".

Hinzu kommt: Investoren denken in Russland traditionell in kurzen Zeitspannen. Sie erwarten, dass Firmen Investments innerhalb von zwei oder drei Jahren schon wieder eingespielt haben müssen - weil sie beständig fürchten, dass sich die Rahmenbedingungen in Russland verändern. "Hier glaubt niemand an langfristige Projekte", sagt Owtschinnikow.

Dodo Pizza

Dodo-Team in Russland

Zumindest: keiner der professionellen Geldgeber. Owtschinnikow hat deshalb über seinen Blog eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. So hat er private Investoren gefunden, die mit Beiträgen zwischen 5000 und 200.000 Dollar die Anschubfinanzierung aufgebracht haben. Aus dieser Blog-Community rekrutieren sich auch viele der neuen Franchise-Subunternehmer, die in Russland Dodo-Filialen eröffnen. Ihre Lebensläufe sind für Pizzabäcker ungewöhnlich: Darunter sind Hochschulabsolventen, Webdesigner und sogar ein ehemaliger professioneller Pokerspieler.

Die eigene Firma zu gründen, sei für viele junge Leute in Russland heute einer der wenigen funktionierenden "sozialen Lifte", sagt Owtschinnikow, eine Aufstiegsmöglichkeit, die den Beweis erbringe, dass man es in Russland auch abseits der staatlichen Industriekonglomerate und der Geheimdienste zu etwas bringen könne. "Wir leben eine Art russischen Traum", sagt Owtschinnikow und spielt an auf "American Dream".

Im Visier dunkler Seilschaften

Wenn Fjodor Owtschinnikow gefragt wird, warum er seiner Pizzakette den Namen Dodo gegeben hat, erzählt er von "Alice im Wunderland", die Geschichte habe er in seiner Kindheit gern gelesen. "Wir sind genauso naiv, wie der Vogel Dodo in dem Buch: Wir vertrauen unseren Kunden, Lieferanten und Partnern", sagt er.

Naivität kann in Russland gefährlich sein. Der Aufstieg der Firma hat offenbar auch Begehrlichkeiten geweckt innerhalb von Moskauer Sicherheitsbehörden, in Kreisen, die sich mitunter Methoden der Mafia bedienen, die sie eigentlich bekämpfen sollen. So wurde einer Dodo-Filiale am Stadtrand der russischen Hauptstadt ein Paket mit Drogen untergeschoben. Vorgeladen wurde dann allerdings nicht nur der Franchisebetreiber des örtlichen Lokals, sondern vor allem Gründer Owtschinnikow.

Seine Kette sei ja nur Tarnung für einen schwunghaften Drogenhandel, so der Vorwurf. Dann erkundigten sich die Beamten nach Details des Geschäfts: Wer welche Tochtergesellschaft angemeldet habe, wie Dodo Pizza organisiert sei. Owtschinnikow hat es so verstanden, dass jemand ihm die Firma wegnehmen oder zumindest einen Anteil bekommen wollte - ein in Russland verbreitetes Problem.

Dodo Pizza ist mit dem Fall an die Öffentlichkeit gegangen. Owtschinnikow hat Interviews gegeben. Transparenz, sagt er, sei auch beste Verteidigung. Ob er sich nicht sicherheitshalber ins Ausland absetzen wolle, wurde er gefragt. Er verstehe, "dass es eine Schicht der Fäulnis in unserem Land gibt, aber es gibt in unserem Land auch viele korrekte Leute. Welches Signal sende ich den Investoren, den Unternehmern, allen die daran glauben, dass man ein ehrliches Geschäft aufbauen kann? Ich bin hier geboren, ich gehe hier nicht weg."

Man könne ihm die Firma auch nicht einfach wegnehmen. "Das ist ja kein Ölförderturm, sondern ein ziemlich komplexes Gebilde", sagt er. Seit ein paar Monaten hat er keine Briefe mehr von den Behörden bekommen. Sind die Probleme ausgestanden? Owtschinnikow hofft das.

"Aber in Russland", sagt er, "kann man nie genau sagen, ob es vorbei ist."

insgesamt 65 Beiträge
real_jester 28.01.2019
1. So läuft das heutzutage..
Es gibt nur noch Systemgastronomie, die von irgendwelchen IT und Marketing Typen gemacht wird. Das Produkt ist dabei völlig austauschbar. Es wird einfach marketingtechnisch entschieden wo sich etwas lohnt. Und dann noch eine [...]
Es gibt nur noch Systemgastronomie, die von irgendwelchen IT und Marketing Typen gemacht wird. Das Produkt ist dabei völlig austauschbar. Es wird einfach marketingtechnisch entschieden wo sich etwas lohnt. Und dann noch eine schöne Portion IT dazu und fertig ist die Laube. Ich esse den Kram sicher nicht.
Alternator 28.01.2019
2. Warum…
…benennt jemand sein Unternehmen nach einer Spezies, an die man sich vorwiegend wegen ihres aussterbens erinnert? Fatalismus?
…benennt jemand sein Unternehmen nach einer Spezies, an die man sich vorwiegend wegen ihres aussterbens erinnert? Fatalismus?
lomax3030 28.01.2019
3.
Typisch Russland halt. Da können die Putin Trolle noch so sehr alles schönreden. Solche Geschichten hört man oft und es wäre nicht ungewöhnlich wenn der Besitzer verschwindet oder über Umwege enteignet wird sobald er [...]
Typisch Russland halt. Da können die Putin Trolle noch so sehr alles schönreden. Solche Geschichten hört man oft und es wäre nicht ungewöhnlich wenn der Besitzer verschwindet oder über Umwege enteignet wird sobald er unbequem wird. Er scheint jedenfalls kein Putin-Vasall zu sein sonst würde er unter Schutz stehen.
shaboo 28.01.2019
4. Dodo IS ist kein ...
... Betriebssystem, wie im Artikel behauptet wird, sondern ein Cloud-basiertes Informationssystem (deswegen ja auch IS und nicht OS), letztlich also einfach nur eine Webapplikation.
... Betriebssystem, wie im Artikel behauptet wird, sondern ein Cloud-basiertes Informationssystem (deswegen ja auch IS und nicht OS), letztlich also einfach nur eine Webapplikation.
andreika123 28.01.2019
5. wie immer
ein Drittel des Textes wird über die Idee, Firma erzählt der Rest über den bösssen stattaparat . Es ist ein Wunder das Putin kein einziges mal erwähnt wurde. Russland liefert nicht nur Öl und Waffen. Es macht ein Teil aus [...]
ein Drittel des Textes wird über die Idee, Firma erzählt der Rest über den bösssen stattaparat . Es ist ein Wunder das Putin kein einziges mal erwähnt wurde. Russland liefert nicht nur Öl und Waffen. Es macht ein Teil aus aber ein kleines. Wikipedia ist hilfreich.

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