Wirtschaft

Harmlose US-Sanktionen

Trumps stumpfe Waffe gegen Erdogan

Donald Trump prahlt, er könne die Wirtschaft der Türkei "vollständig zerstören" - so wie er es schon einmal getan habe. Tatsächlich lassen die US-Sanktionen die Türkei diesmal bislang aber weitgehend kalt. Woran liegt das?

Presidential Press Service / AP

Sieht so eine Politik der klaren Kante aus? Recep Tayyip Erdogan und Donald Trump beim G20-Gipfel in Japan. Kurz darauf lieferte Russland die ersten S-400-Raketen an die Türkei

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Dienstag, 15.10.2019   14:52 Uhr

Kaum waren die Nachrichten aus Washington in der Türkei bekannt geworden, brach sich dort Panik Bahn: Die türkische Währung Lira verlor gegenüber dem Dollar binnen Stunden bis zu 23 Prozent an Wert, der türkische Präsident flüchtete sich in hilflose Appelle, die Bürger sollten ihr Erspartes hergeben für Stützungskäufe der Lira, die Währungskrise stürzte das Land in eine Rezession, Analysten warnten vor der Möglichkeit einer Staatspleite.

Das war im August 2018, die US-Regierung hatte da gerade Strafmaßnahmen erlassen, um die Freilassung eines US-Pastors aus türkischer Haft zu erreichen. Türkische Regierungsbeamte wurden damals mit Sanktionen belegt und türkische Stahlexporte in die USA mit Strafzöllen von 50 Prozent.

Vor wenigen Tagen nun hat US-Präsident Donald Trump in schrillem Ton angekündigt, dieses Manöver wiederholen zu können, wegen des türkischen Einmarschs in Nordsyrien - für den Trump zuvor den Weg erst frei gemacht hatte.

Anfang der Woche haben die USA nun tatsächlich erneut mehrere hochrangige türkische Regierungsmitglieder mit Sanktionen belegt und Stahleinfuhren aus der Türkei mit Strafzöllen von 50 Prozent.

Die Wirkung fällt allerdings ganz anders aus als im Sommer 2018. Die türkische Lira wackelte ein bisschen, legte am Dienstag aber zwischenzeitlich sogar an Wert zu gegenüber dem Dollar.

Das hat mehrere Gründe:

Die Lage der türkischen Wirtschaft lässt sich heute nicht mehr mit der vor einem Jahr vergleichen. Das Land war, noch bevor die USA die Sanktionen verhängten, bereits in eine tiefgreifende Krise geschlittert: Um Wahlen zu gewinnen, hatte die türkische Führung um jeden Preis hohe Wachstumsraten erzielen wollen. Die Folge war eine Überhitzung der Wirtschaft und ein dramatischer Absturz. Dieser wurde noch verschärft durch Recep Tayyip Erdogans ständige Attacken auf die eigene Zentralbank. Das verschreckte Investoren, die Lira geriet seit Jahresbeginn immer wieder unter Druck. Die US-Sanktionen waren dann der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Mehr zum Lira-Absturz 2018 lesen Sie hier: Wer für die Türkei-Krise verantwortlich ist

Seitdem hat sich die türkische Wirtschaft aber in durchaus erstaunlichem Umfang stabilisiert. Die 2018 galoppierende Inflation ist von rund 25 Prozent gesunken auf zuletzt 12 Prozent, die Wirtschaft wächst wieder. Der Wertverlust der Lira hat dabei sogar etwas geholfen: Türkische Waren sind damit im internationalen Vergleich günstiger geworden. Die Ausfuhren sind sogar so stark gestiegen, dass das Land zuletzt mehr exportierte als importierte - zum ersten Mal seit 17 Jahren, wie die "Financial Times" neulich meldete.

Die Stahlverkäufe in die USA hingegen sind deutlich zurückgegangen. Die Türkei zählt zwar zu den globalen Schwergewichten bei der Stahlproduktion und ist unter den größten Stahlexporteuren die Nummer acht. Und auch die Stahlexporte haben ebenfalls enorm vom Wertverfall der Lira profitiert. Die Stahlausfuhren nach Belgien sind so etwa binnen einem Jahr um mehr als 200 Prozent gestiegen.

Ganz anders sieht es aber im Handel mit den USA aus. Die 2018 eingeführten Stahlzölle haben zu einem Rückgang der Einfuhren von türkischem Stahl in die USA von mehr als 80 Prozent geführt. Deshalb fallen die jetzt verhängten Sanktionen - obwohl technisch fast identisch mit denen von 2018 - de facto wesentlich milder aus.

Denn obwohl Washington die im vergangenen Jahr verhängten Zölle bereits im Mai wieder auf 25 Prozent senkte, hat sich der Stahlhandel zwischen beiden Ländern davon nicht erholt. Im August etwa verschifften türkische Produzenten laut der Nachrichtenagentur "Bloomberg" so gerade einmal 12.000 Tonnen Stahl Richtung USA. Andere Abnehmer sind für die Stahlwerke in der Türkei inzwischen deutlich wichtiger, allen voran Israel, Spanien und Italien. Insgesamt liefert das Land an etwa 200 Nationen.

Den vielleicht wichtigsten Faktor spielt Donald Trump allerdings selbst: Die US-Sanktionen von 2018 entwickelten auch deshalb verheerende Wirkung, weil die Akteure an den Finanzmärkten davon ausgehen mussten, dass sie womöglich nur den Beginn einer US-Politik der klaren Kante gegenüber der Erdogans markierten.

Inzwischen sind Analysten und Investoren schlauer: Sie konnten sich in den vergangenen Monaten ein Bild machen von dem Eiertanz, den Präsident Trump in den Beziehungen zur Türkei aufführt. Selbst dann, wenn Erdogan das politische Washington über Parteigrenzen hinweg gegen sich aufbringt, lässt Trump ihn irritierend glimpflich davonkommen.

Als etwa bekannt wurde, dass der Nato-Partner Türkei ausgerechnet in Russland moderne Luftabwehrraketen des Typs S-400 kaufen wollte, blieb das Weiße Haus eigentümlich passiv. Hoffnungen, Trump werde Erdogan beim G20-Gipfel in Japan die Pläne ausreden können, wurden enttäuscht. Stattdessen ließ der türkische Staatschef wissen, er habe Trump so verstanden, dass dieser keine Einwände gegen das Geschäft habe. Das Weiße Haus ließ daraufhin wissen, man sei "frustriert", weil man kaum Optionen für eine Reaktion auf das Verhalten der Türkei habe. Angedacht wurden Sanktionen wegen des Raketendeals. Umgesetzt wurden sie aber nie.

Stattdessen signalisierten die USA der Türkei zuletzt sogar wieder ein Entgegenkommen: Der Trump-freundliche Senator Lindsey Graham warb noch Ende September dafür, Ankara wieder in das Rüstungsprogramm für den neuen F-35-Kampfjet aufzunehmen. Aus dem waren die Türken wegen der russischen Raketen herausgeworfen worden, unter anderem wegen Bedenken, Russland könnte mithilfe der Radareinheiten der S-400 überfliegende F-35 ausspionieren.

Tatsächlich stellt die Türkei nicht nur Trump vor ein schwer zu lösendes strategisches Dilemma. Wie sollen Nato und EU angemessen auf Erdogan reagieren? Zu harte Maßnahmen könnten den Verbündeten Türkei noch weiter in die Arme Russlands treiben.

Allerdings: Warum Trump Washington - wie im Falle des US-Abzugs aus Syrien - mit Volldampf in Sackgassen manövriert, aus denen er dann keinen Ausweg mehr findet, erklärt das auch nicht.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die Türkei liefere Stahl an etwa 200 Nationen. Es gibt allerdings nur 193 Staaten, die Mitglied der Uno sind. Die Zahl 200 stammt aus einer Analyse der US-Handelsbehörde ITA. Dort heißt es, die Türkei liefere Stahl in "mehr als 200 Länder und Territorien" (Quelle: https://www.trade.gov/steel/countries/pdfs/exports-Turkey.pdf). Wir haben die Passage im Text deshalb präzisiert.

insgesamt 71 Beiträge
p-touch 15.10.2019
1. Eine Antwort auf denn letzten Satz
wäre vielleicht das Trump evtl. Ahnung von Immobilien hat, aber keine von Außenpolitik und er nicht auf seine Berater hört. Wenn die überhaupt noch Wiederworte wagen.
wäre vielleicht das Trump evtl. Ahnung von Immobilien hat, aber keine von Außenpolitik und er nicht auf seine Berater hört. Wenn die überhaupt noch Wiederworte wagen.
christoph.bohr 15.10.2019
2. stumpf ? nur wenn die EU weiterhin Waffen Geld und Munition liefert
seit längerer Zeit sollen die EU Staaten ihre IS Kämpfer zurückholen - machen sie aber nicht ! extrem gewalttätige Fanatiker, in Europa radikalisiert. Die EU macht nix - obwohl sie könnten - aber bis zum bitteren Ende werden [...]
seit längerer Zeit sollen die EU Staaten ihre IS Kämpfer zurückholen - machen sie aber nicht ! extrem gewalttätige Fanatiker, in Europa radikalisiert. Die EU macht nix - obwohl sie könnten - aber bis zum bitteren Ende werden Waffen geliefert mit Hermesbürgschaften etc. etc. Erdogan erpresst die EU ziemlich dreist.
hm2013_3 15.10.2019
3. was kostet denn so ein militärischer Eingriff ?
Trump sagt, es hat den USA Billionen $ gekostet, was auch der Grund ist, weswegen er seine Truppen zurückzieht. Die Türkei hat hunderttausende Soldaten zur syrischen Grenze geschickt, ebenfalls hunderte Panzer, tausende [...]
Trump sagt, es hat den USA Billionen $ gekostet, was auch der Grund ist, weswegen er seine Truppen zurückzieht. Die Türkei hat hunderttausende Soldaten zur syrischen Grenze geschickt, ebenfalls hunderte Panzer, tausende Fahrzeuge, usw. Da ist eine ganze Menge Logistik mit darin und es kostet Unmengen. Wahrscheinlich hat die Türkei mit diesem Einmarsch selbst ihre Wirtschaft zerstört.
Ruhrsteiner 15.10.2019
4. Sicher,....
nachvollziehbare Argumentationen. Nur gibt die EU kein besseres Bild ab , und wenn A.M. diesen türkischen Militärexzess in Syrien nur anprangert, daraus keine effektiven Konsequenzen für den sofortigen Rückzug türkischer [...]
nachvollziehbare Argumentationen. Nur gibt die EU kein besseres Bild ab , und wenn A.M. diesen türkischen Militärexzess in Syrien nur anprangert, daraus keine effektiven Konsequenzen für den sofortigen Rückzug türkischer Streitkräfte aus Syrien gezogen werden, ist auch das nur Symbolpolitik, die Ankara in keinster Weise beeindrucken wird.
archi47 15.10.2019
5. nicht nur irritierend
ist sein sprunhaftes Verhalten. Das Zusammenspiel mit Rußland und der Türkei, würde bei allen anderen Natobündnispartnern eine abgrundtiefen Verdacht von Landes- und Bündnisverrat zur Folge haben. Denn Zufälligkeit, bzw. [...]
ist sein sprunhaftes Verhalten. Das Zusammenspiel mit Rußland und der Türkei, würde bei allen anderen Natobündnispartnern eine abgrundtiefen Verdacht von Landes- und Bündnisverrat zur Folge haben. Denn Zufälligkeit, bzw. Dummheit darf in diesem Amte nicht unterstellt werden, bzw. ist sofort abzustellen. Wir dürfen gespannt sein, was da noch alles zum Vorschein kommt ...

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