Wirtschaft

Trotz US-Zolldrohung

Warum Auto-Deutschland keine Angst vor Trump haben muss

Die USA drohen mit Strafzöllen auf Autoimporte, Wirtschaft und Politik in Deutschland sind alarmiert. Neue Prognosen zeigen allerdings: Trumps Handelskrieg würde vor allem Amerika schwächen.

DPA

Donald Trump

Von
Freitag, 14.12.2018   08:56 Uhr

Deutschlands Wirtschaft ist besonders abhängig von seiner Autoindustrie - und gilt gerade deshalb als anfällig für Drohungen von US-Präsident Donald Trump, Zölle auf die Einfuhr deutscher Fahrzeuge in die USA zu erheben.

Trumps Wirtschaftsminister Wilbur Ross hat Zollaufschläge von 25 Prozent auf Pkw-Importe und Vorprodukte aus dem Ausland ins Gespräch gebracht. Das Bundeswirtschaftsministerium geht sogar davon aus, Deutschland werde davon "weltweit am stärksten betroffen" sein - noch vor US-Nachbarstaaten wie Mexiko und Kanada.

Nur moderate Auswirkungen auf Deutschland

Stimmt das wirklich? Das private Schweizer Wirtschaftsforschungs- und Beratungsinstitut Prognos hat umfangreiche Berechnungen vorgenommen, wie sich US-Zollschranken in den kommenden Jahren auswirken würden, sowohl auf wichtige Handelspartner wie Deutschland als auch auf Schlüsselindustrien wie den Autobau. Die Untersuchung, die dem SPIEGEL exklusiv vorliegt, gibt gleichwohl Entwarnung: Die deutsche Wirtschaft würde zwar unter einer Zolloffensive der USA leiden, insgesamt seien die zu erwartenden Folgen für Deutschland aber "relativ moderat".

Die Abschätzung der Folgen amerikanischer Autozölle ist Teil des "Deutschlandreports" (mehr dazu hier). Prognos nutzt für seine Kalkulationen ein globales Prognose- und Simulationsmodell namens "View". Für die Abschätzung der Zollfolgen haben die Forscher in das Modell zwei unterschiedliche Szenarien eingespeist:

Getty Images

Export in Bremerhaven

Massive Auswirkungen vor allem auf Kanada und Mexiko

Die Folgen würde vor allem der amerikanische Kontinent zu spüren bekommen. Die Zölle hätten erhebliche Auswirkungen auf die Verbraucher dort: Allein in den USA würden die Importpreise um 11 Prozent in die Höhe schnellen. Stark betroffen wären auch Kanada (plus 10,4 Prozent) und Mexiko (plus 8,7 Prozent).

Die Folge: Im Jahr 2025 steigen die Preise in Nordamerika für privaten Konsum insgesamt um 1,4 Prozent (USA) bis 3,2 Prozent (Kanada). Auch in Deutschland müssten die Verbraucher im Falle eines Handelskriegs für die gleichen Waren 1,3 Prozent mehr zahlen als ohne Zollkonflikt.

Die beiden US-Nachbarstaaten Mexiko und Kanada sind nicht nur die wichtigsten Handelspartner der USA. Von dort kommt bislang der Großteil der Import-Pkw, die in den USA verkauft werden. Es gibt zwar keine großen mexikanischen oder kanadischen Autobauer. Beide Länder sind aber als Mitglieder des Freihandelsabkommens Nafta eng in grenzüberschreitende Lieferketten eingebunden, die die großen globalen Autokonzerne und ihre Zulieferer in den vergangenen Jahrzehnten in der Region aufgebaut haben. Deutschland liegt bei Autoeinfuhren in die USA hingegen nur abgeschlagen auf Rang vier - dementsprechend überschaubar wären auch die Schäden, die Trumps Autozölle hierzulande verursachen würden.

Anders sähe das für die USA selbst aus. Bis 2025 würde ein Zollkrieg die US-Wirtschaftskraft um 1,2 Prozent senken, verglichen zum Szenario ohne Handelskrieg. Auch Mexiko (minus 0,7 Prozent) und Kanada (minus 1,6 Prozent) wären viel stärker betroffen als die US-Handelspartner in Übersee wie Deutschland, Japan und China.

Ein Grund dafür: der sogenannte "Drittmarkteffekt". So können chinesische Produzenten beispielsweise "Negativeffekte fast komplett kompensieren, indem sie auf andere Märkte ausweichen und vor allem in Schwellenländern Marktanteile zu Lasten der USA hinzugewinnen", heißt es in der Prognos-Studie.

Durch einen Handelskonflikt werde "die Wirtschaftsleistung in Deutschland im Jahr 2025 um 15 Milliarden Euro beziehungsweise 0,5 Prozent niedriger liegen als im Basisszenario ohne größere Handelskonflikte", heißt es in der Studie. Zur besseren Einordnung der Zahl: Allein der Volkswagen-Konzern erwirtschaftet pro Jahr einen Umsatz von mehr als 230 Milliarden Euro.

Auch auf dem Arbeitsmarkt wären die Folgen wohl beherrschbar: Bis 2025 könnten US-Zölle in Deutschland 50.000 Stellen im Vergleich zum Basisszenario kosten. Zur Einordnung: Allein im Jahr 2017 hat die deutsche Wirtschaft etwa 700.000 neue Jobs geschaffen.

insgesamt 35 Beiträge
Steve.Joe 14.12.2018
1. Ruhe bewahren
Bei Strafzöllen wird der Markt in den USA leiden, und damit auch deutsche PKW Hersteller. Die Studie mag zwar Recht haben in Bezug auf die Warenströme zwischen den Ländern, aber für die einzelnen PKW Hersteller sieht es [...]
Bei Strafzöllen wird der Markt in den USA leiden, und damit auch deutsche PKW Hersteller. Die Studie mag zwar Recht haben in Bezug auf die Warenströme zwischen den Ländern, aber für die einzelnen PKW Hersteller sieht es anders aus. Die deutsche Auto-Industrie hat Werke in Mexiko, die von Zöllen betroffen werden. Einige Modelle für den amerikanischen Markt werden in Mexiko gefertigt, andere in den USA. Das gilt aber vermutlich auch für die US Hersteller und japanischen Unternehmen ... insofern werden alle Hersteller betroffen sein. Am Ende würden durch Zölle in den USA durch die Anbieter die Marktpreise erhöht, sowohl bei im Ausland produzierten, als auch in den USA produzierten Modellen. Wenn einfache Basis-Modelle aus Mexiko um 25% verteuert werden, dann lassen sich vermutlich besser ausgestattete Autos aus US-Produktion im Markt auch teurer verkaufen. Aufgrund des Wettbewerbs nicht 25%, aber sicherlich signifikant. Das hat man bei den Stahl- und Aluminium Steuern gesehen. Da die Verbraucher aber in Summe nicht mehr konsumieren werden, wird einfach eine Zurückhaltung bei den Verbrauchern und damit ein schrumpfender Markt festzustellen sein. Zölle wirken am Ende genauso wie Steuererhöhungen, sie entziehen Kaufkraft. So wird mit einer Hand genommen, was mit anderer Hand gegeben wurde. Leider dürfte der einfache Konsument weniger bekommen, als ihm mit den Steuersenkungen gegeben wurde. Die Trump-Klientel im mittleren westen wird sich noch wundern, wenn auch der GM-Pickup teurer wird.
Vadomar 14.12.2018
2. kein großes Problem für die Autoindustrie
Wer in den USA deutsche Autos kauft und fährt, tut das nicht, weil diese so billig sind. Ob diese nun 10% oder 15% mehr kosten ist bei der angesprochenen Käuferschicht da eher nebensächlich. Zudem werden viele dieser Fahrzeuge [...]
Wer in den USA deutsche Autos kauft und fährt, tut das nicht, weil diese so billig sind. Ob diese nun 10% oder 15% mehr kosten ist bei der angesprochenen Käuferschicht da eher nebensächlich. Zudem werden viele dieser Fahrzeuge bereits in den USA gebaut. BMW erweitert im Moment sein Werk in Spartanburg, um dort pro Jahr 450.000 Fahrzeuge zu bauen, weit mehr als in jedem anderen Werk.
frenchie3 14.12.2018
3. @1 Die Mexiko gefertigten Autos
sind zwar von deutschen Herstellern aber mexikanische Produkte. Da Mexiko mit den US freihandelt sind die Auswirkungen null für die deutschen Hersteller. Da Mexiko aber keinen Zoll auf Stahl erhebt werden die Autos billiger als [...]
sind zwar von deutschen Herstellern aber mexikanische Produkte. Da Mexiko mit den US freihandelt sind die Auswirkungen null für die deutschen Hersteller. Da Mexiko aber keinen Zoll auf Stahl erhebt werden die Autos billiger als amerikanische
meinerlei 14.12.2018
4. Zahlen zählen, yes
Erfrischend, dass es statt Panikberichterstattung auch mal nüchterne Zahlen gibt. Bleibt noch hinzuzufügen, dass die Konzerne ihre Wertschöpfungsketten im Fall andauernder Zollkonflikte notgedrungen und dauerhaft um die USA [...]
Erfrischend, dass es statt Panikberichterstattung auch mal nüchterne Zahlen gibt. Bleibt noch hinzuzufügen, dass die Konzerne ihre Wertschöpfungsketten im Fall andauernder Zollkonflikte notgedrungen und dauerhaft um die USA herum aufbauen werden. BMW kann seine SUV auch direkt in einem chinesischen Werk zusammenbauen lassen, dann sind allerdings jede Menge Arbeitsplätze im US-amerikanischen Spartanburg weg, dauerhaft. Die für den Export gebauten Autos würden generell anderswo zusammengeschraubt. Das Motiv, die tatsächlich unfairen Handelspraktiken Chinas einzuhegen und Handelsbilanzungleichgewichte abzubauen, ist für sich genommen sogar gut. Unklar bleibt, ob die Brechstangenpolitik von Trump hier etwas bewirken wird. Derzeit sieht es nicht danach aus.
KlausSeibel 14.12.2018
5. Die Rechnung könnte anders aussehen
Vor Kurzem haben sich die USA mit Mexiko und Kanada auf ein neues Handelsabkommen geeinigt. Von daher sollte man annehmen, dass diese beiden Länder von Strafzöllen ausgeschlossen werden - und dann sieht die Rechnung anders aus. [...]
Vor Kurzem haben sich die USA mit Mexiko und Kanada auf ein neues Handelsabkommen geeinigt. Von daher sollte man annehmen, dass diese beiden Länder von Strafzöllen ausgeschlossen werden - und dann sieht die Rechnung anders aus. Schade, dass das in dieser Studie nicht berücksichtígt zu sein scheint.

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