Wirtschaft

Handel 2019

Im Bann der Amazonisierung

Mode, Elektronik, Baumarktartikel: Onlineshopping ist in fast allen Branchen angekommen. Deutsche Händler müssen den Kampf gegen Amazon aufnehmen. Sonst wird es viele von ihnen bald nicht mehr geben.

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Amazon-Logo

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Donnerstag, 27.12.2018   10:30 Uhr

Selbst die Giganten im Handel trifft die Digitalisierung mit voller Wucht. Zum Beispiel H&M: Der schwedische Modekonzern hat nicht nur Modetrends verschlafen, sondern es schlicht verpasst, eine tragfähige Onlinestrategie zu entwickeln. Anfang 2018 brach der Umsatz ein, obwohl ständig neue Läden eröffnet wurden. Erst da startete H&M eine Onlineoffensive. Im Eilverfahren. Erfolgsaussichten: ungewiss.

Der Fall H&M zeigt: Der klassische Handel kommt mit stationären Läden nicht mehr gegen den Onlinehandel an. Nach Schätzungen des Branchenverbands HDE hat sich die Zahl der Ladenstandorte in den vergangenen fünf Jahren um 11.000 auf 450.000 verringert. Während der Gesamtumsatz im Einzelhandel in diesem Zeitraum preisbereinigt um rund zehn Prozent stieg.

Immer deutlicher werde die "Amazonisierung des Handels" sagt Gerrit Heinemann, Handels- und E-Commerce-Experte von der Hochschule Niederrhein. 2019 dürfte für kleine Firmen ein extrem schwieriges Jahr werden. "Bis auf Zalando & Co. treten die deutschen Unternehmen beim Onlinehandel auf der Stelle", sagt er. "Im kommenden Jahr geht es für die meisten von ihnen zur Sache."

Bereits 2017 entfielen auf Amazon inklusive seines Marketplace 46 Prozent des Onlineumsatzes in Deutschland. 2018 dürfte der US-Konzern seinen Anteil ausgebaut haben. 2019 dürfte er weiter steigen.

"Die Händler treiben die Kunden mit schlechten Onlineshops in die Arme von Amazon", sagt Branchenexperte Heinemann. "Sie müssen massiv in den Onlinehandel investieren und nicht versuchen, die Kunden umzuerziehen." Manche Händler wollen Kunden durch hohe Versandkosten dazu bringen, ihre Ware im Laden selbst abzuholen (Click & Collect). Dabei verlangen Amazon & Co. häufig gar keine Versandkosten.

Heinemann sieht "eine Kundenorientierung wie in den Fünfzigerjahren". Beim Service sei Amazon die Messlatte, an der sich deutsche Händler messen müssen. "Schritt eins muss ein exzellenter Onlineshop sein." Auf Beratung in den Läden zu setzen, sei überschätzt. "Die Kunden informieren sich selbst im Netz und wollen eine große Auswahl." Mithilfe von Kundendaten müssten sich die Unternehmen Potenziale erschließen, rät Heinemann.

Der Handelsverband HDE rechnet damit, dass bei den 300.000 Einzelhändlern die Schere zwischen großen und kleinen Unternehmen weiter auseinandergeht. "Der Einzelhandel entwickelt sich zu einer Technologiebranche", sagt HDE-Geschäftsführer Kai Falk. "Kleine Händler können sich die notwendigen Investitionen oft nicht leisten."

Letztlich könnten ausgerechnet die übermächtigen Riesen Amazon und Ebay für lokale Händler die Rettung sein. Denn weil sich kleine Läden den Aufbau und die Betreuung eines eigenen Onlineshops nicht leisten können, nutzen sie stattdessen zunehmend die Marktplätze der großen Plattformen. Das bringt den Händlern vor Ort zwar Umsatzzuwächse, lässt zugleich aber Amazon und Co. weiter wachsen.

Mit den großen Plattformen sehen sich lokale Händler dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt. Dazu brauche es aber auch faire Wettbewerbsbedingungen, fordert der HDE. Die Politik müsse die Händler bei der Gewerbesteuer entlasten und zügig die Steuerlücken bei Plattformen wie Amazon und Ebay schließen.

Immerhin: Vom kommenden Jahr an sollen Onlineplattformen für die Hinterziehung von Umsatzsteuern durch ihre Marktplatzhändler aus Drittstaaten haften. Und die Regulierungsbehörden achten genauer auf fairen Wettbewerb: So untersucht das Bundeskartellamt nach zahlreichen Beschwerden, ob Amazon seine Marktmacht gegenüber Händlern missbraucht.

Nun müssten die Plattformen noch bei den Verbraucherstandards in die Pflicht genommen werden, fordert der HDE. Über Amazon etwa werden massenweise Produkte angeboten, die europäische Vorschriften verletzen.

Neben der Digitalisierung könnte den Handel im kommenden Jahr noch ein ganz anderes Thema treffen: die Diesel-Fahrverbote. Der HDE fürchtet, dass dann noch weniger Kunden in die Städte fahren, sondern online einkaufen. Höchste Zeit für die Händler, sich endlich der Digitalisierung zu stellen.

insgesamt 8 Beiträge
Nordstadtbewohner 27.12.2018
1. Internationaler Wettbewerb ist gut für das Geschäft
""Mit den großen Plattformen sehen sich lokale Händler dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt. Dazu brauche es aber auch faire Wettbewerbsbedingungen, fordert der HDE. Die Politik müsse die Händler bei der [...]
""Mit den großen Plattformen sehen sich lokale Händler dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt. Dazu brauche es aber auch faire Wettbewerbsbedingungen, fordert der HDE. Die Politik müsse die Händler bei der Gewerbesteuer entlasten"" Die lokalen Händler in Deutschland müssen endlich begreifen, dass die Internationalisierung und Globalisierung auch nicht vor ihrem Geschäft halt macht. Das haben leider noch nicht viele begriffen und fordern stattdessen protektionistische Maßnahmen. Die Kunden wünschen sich verstärkt den Einkauf via Internet. Darauf müssen die hiesigen Händler reagieren und entsprechende Angebote machen. Tun sie dies nicht, sind sie konsequenterweise weg vom Markt und das ist auch gut so. Und zum Thema Gewerbesteuer: Auch Händler wie Amazon zahlen in Deutschland für jeden Standort Gewerbesteuer. Das kann im Bundesanzeiger nachgelesen werden. Ich halte es für falsch, lokalen Händlern die Gewerbesteuer zu senken, um veraltete Geschäftsmodelle am Leben zu erhalten. Dafür zahlt am Ende der Kunde.
photoshop.info 27.12.2018
2. München
und wohl auch viele andere Städte setzen ja alles daran, die Autos aus den Innenstädten fernzuhalten - glauben die Verantwortlichen wirklich, dass sich jmd wg. ein paar Elektronikartikeln mit den öffentl. Verkehrsmitteln [...]
und wohl auch viele andere Städte setzen ja alles daran, die Autos aus den Innenstädten fernzuhalten - glauben die Verantwortlichen wirklich, dass sich jmd wg. ein paar Elektronikartikeln mit den öffentl. Verkehrsmitteln herumschlägt, anstatt wie gewohnt ins Parkhaus zu fahren und einkaufen zu gehen? Wenn parken in der Stadt zum Tabuthema geworden ist, dann brauchen sich die Anrainer der großen Einkaufsmeilen nicht wundern, dass ihre Kunden ausbleiben, bzw. sich online mit dem Gewünschten eindecken. Dazu kommt - vor allem bei Elektronikshops - die oftmals groteske Unkenntnis des Personals über Funktionen ihrer Angebote. Mir wurde bei einem der großen Märkte ein 8k-TV angeboten, damit ich "eine völlig neue Dimension des Fernsehens" erleben könnte. Abgesehen davon, dass diese Hochauflösung von 4k so gut wie nicht zu unterscheiden ist, hängt der Erfolg auch davon ab, wie weit man vom Schirm entfernt sitzen muss, um in den vollen Sehgenuß zu kommen. Bei normalem Abstand von 2,5-3m müsste der Fernseher ungefähr 2m breit sein, um diese Auflösung auch wahrnehmen zu können. Also völliger Nonsens, einem "Normalo" so ein teures Gerät verkaufen zu wollen, ohne selbst nur den Hauch von Ahnung zu haben. Und es gibt kaum Sender, die geeignetes Bildmaterial zur Verfügung stellen. Wenn dann noch ein mürrischer, unterbezahlter Verkäufer gelangweilt nebendran steht und keine Antworten parat hat, wird man sich eben selbst informieren und dann online kaufen. Dann gibts den neuen Kasten frei Haus und wenn gewünscht, mit Installation. Onlineshopping ist nicht aufzuhalten.
charly05061945 27.12.2018
3. Service
Guter Service wäre eine Lösung! 2 Beispiele: 1.) Geschirrspüler (Miele) defekt (anscheinend Feinschluß, FI-Schalter löst aus. Den Händler unseres Vertrauens (bei dem der Geschirrspüler erworben und von dem dieser bereits [...]
Guter Service wäre eine Lösung! 2 Beispiele: 1.) Geschirrspüler (Miele) defekt (anscheinend Feinschluß, FI-Schalter löst aus. Den Händler unseres Vertrauens (bei dem der Geschirrspüler erworben und von dem dieser bereits zweimal instandgesetzt wurde) angerufen zwecks Überprüfung und ggf. Instandsetzung. Antwort: Der einzige Monteur (Betrieb mit ca. 30 Mitarbeitern) wäre in Ruhestand gegangen aber man wäre gerne bereit uns ein neues Gerät zu verkaufen und anzuschließen. Dieser Händler hat bei uns seit 20 Jahren sämtliche elektrischen Großgeräte geliefert und sämtliche Wartungen und Reparaturen durchgeführt! Mich ist er als Kunden los. Gerät im örtlichen Gerätegroßmarkt (Euronics XL, eigener Kundendienst) gekauft inkl. Lieferung, Anschluß und Entsorgung Altgerät. 2.) Wäschetrockner defekt (AEG-Ablufttrockner da entsprechender Aussenanschluß vorhanden), im Internet (Warentest) den besten herausgesucht. Fachhändler: Ablufttrockner führen wir nicht, können diesen aber für den gleichen Preis besorgen, wir rufen Sie innerhalb einer Stunde an. Auf diesen Anruf warte ich seit 4 Wochen vergeblich! Bestellt bei Amazon, Lieferung binnen 2 Tagen, direkt vor Ort gebracht und Verpackungsmaterial mitgenommen. Den Anschluß habe ich selbst vorgenommen (bei einem Wäschetrockner vergleichsweise lächerlich) und das Altgerät im Sperrmüll entsorgt. Da frage ich mich: Wozu benötige ich derartige "Fachhändler"?
gilbert_Warburg 27.12.2018
4. Weihnachtsgeschenk bei World of Music bestellt (WOM)
Ich gebe meinen Vorrednern recht! Ich habe etwa eine Woche vor Weihnachten zwei Weihnachtsgeschenke eben nicht bei Amazon bestellt, sondern direkt bei in Deutschland ansässigen Anbietern und beides mit Paypal bezahlt. Die eine [...]
Ich gebe meinen Vorrednern recht! Ich habe etwa eine Woche vor Weihnachten zwei Weihnachtsgeschenke eben nicht bei Amazon bestellt, sondern direkt bei in Deutschland ansässigen Anbietern und beides mit Paypal bezahlt. Die eine Sendung war nach 3 Tagen angekommen und die Informationen zu Kaufabwicklung bzw. Versand sind zeitnah mittels E-mail übermittelt worden. Bei der anderen Bestellung habe ich nur eine E-mail bekommen und seitdem nichts mehr von denen gehört (seit 9 Tagen). Der geneigte Leser wird vermutlich ahnen wie ich darauf reagiere: Ganz bestimmt werde ich bei denen nicht nochmal bestellen! Der Fachhandel in Deutschland heult und mault rum, dass sie Kunden an den Onlinehandel verliert und die Welt, ach, so schlecht und ungerecht ist! Wer es nicht schafft ein zu Amazon und Konsorten konkurrenzfähiges Produkt anzubieten, der verschwindet eben. So einfach ist das! Und das Produkt ist ja nicht nur der Artikel, den man bestellt, sondern außerdem der Bestellvorgang und der Versand. Wer das nicht versteht, sollte die Finger vom Onlinehandel lassen.
baghira1 27.12.2018
5. Mich erschreckt der Anteil von 46% von Amazon am Onlinehandel
Der Laden ist nicht besonders günstig, wenn ich mal den Laden in Betracht ziehe. Der Versand ist, wie bei allen anderen Ein Glücksspiel, wenn man nicht gewillt ist, eine Jahresgebühr zu zahlen. Vielfalt ist besser im Handel. [...]
Der Laden ist nicht besonders günstig, wenn ich mal den Laden in Betracht ziehe. Der Versand ist, wie bei allen anderen Ein Glücksspiel, wenn man nicht gewillt ist, eine Jahresgebühr zu zahlen. Vielfalt ist besser im Handel. Wenn dann Amazon der einzige Laden ist, wird er die Preise so gestalten,wie ers will Aus den Gründen nutze ich fast nur heimische Onlineshops, wo ich dann das Produkt abholen kann-Per Rad Spart auch den ganzen Kartonzores, wie auch das Warten auf den Paketboten.

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