Wirtschaft

Konjunktur

Industrie verzeichnet drastischen Rückgang der Neuaufträge

Lange Zeit schien die deutsche Industrie immun gegen die weltwirtschaftlichen Verwerfungen durch Handelskriege, Konjunkturflauten und Brexit-Unsicherheit. Doch jetzt brechen die Aufträge ein.

Hendrik Schmidt/DPA

Maschinenbauer an einem Gasbrennkessel: Wirtschaftsforscher sehen Ende des Aufschwungs in Deutschland

Donnerstag, 04.04.2019   12:33 Uhr

Seit zwei Jahren ist die Zahl der neuen Aufträge für die deutsche Industrie nicht mehr so stark eingebrochen wie im Februar. Das Neugeschäft schrumpfte vor allem wegen der schwachen Auslandsnachfrage um 4,2 Prozent im Vergleich zum Vormonat, wie das Bundeswirtschaftsministerium am Donnerstag mitteilte. Konjunktur-Experten reagierten beinahe entsetzt auf die Zahlen. Sie hatten hingegen mit einem Zuwachs von 0,3 Prozent gerechnet.

Im Einzelnen gingen die Aufträge aus dem Inland um 1,6 Prozent zurück, die Auslandsaufträge verringerten sich sogar um 6,0 Prozent. Dabei schrumpften die Bestellungen aus den Ländern außerhalb der Eurozone mit 7,9 Prozent besonders deutlich. Bereits im Januar war die Zahl der Aufträge um 2,1 Prozent niedriger ausgefallen.

Jens-Oliver Niklasch von der Landesbank Baden-Württemberg bezeichnete die Entwicklung als "erneuten herber Rückschlag". Die Industriekonjunktur sei schon fast im freien Fall. "Ein Gutteil davon dürfte auf die hohe Unsicherheit in Sachen Brexit zurückgehen, was den massiven Rückgang der Auslandsaufträge erklären würde."

Sein Kollege Thomas Gitzel von der DZ-Bank hält dagegen eher die Konjunkturflaute in China für den entscheidenden Faktor. "Wie lange der Abschwung anhält, hängt davon ab, wie lange es dauert, bis die von der chinesischen Regierung initiierten Konjunkturmaßnahmen auch auf dem hiesigen Kontinent ihre positive Wirkung entfalten." Stiege die Nachfrage aus Fernost rasch wieder an, käme die deutsche Volkswirtschaft mit einem blauen Auge davon.

"Im Februar waren in den meisten Wirtschaftsbereichen sowohl aus dem Inland als auch aus dem Ausland weniger Bestellungen zu verzeichnen", hieß es hingegen aus dem Wirtschaftsministerium. "In den kommenden Monaten ist insbesondere wegen fehlender Auslandsnachfrage weiterhin mit einer verhaltenen Industriekonjunktur zu rechnen."

Führende Wirtschaftsforscher sehen dagegen ein Ende des Aufschwungs der gesamten Wirtschaft in Deutschland. Wie die Forscher am Donnerstag mitteilte, erwarten sie nur noch eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts um 0,8 Prozent. Im Herbst hatten sie noch mit einer Zunahme um 1,9 Prozent gerechnet. Wegen politischer Risiken hätten sich die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen weiter eingetrübt.

Der langjährige Aufschwung der deutschen Wirtschaft sei zu Ende, sagte Oliver Holtemöller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle. Die Gefahr einer "ausgeprägten Rezession" halten die Konjunktur-Experten jedoch für gering. Der Aufbau der Beschäftigung werde aber voraussichtlich an Fahrt verlieren.

mik/Reuters/dpa-AFX

insgesamt 155 Beiträge
manni.baum 04.04.2019
1. "unselige" Entwicklung
-selig- ist ein Begriff aus der Religion, "von allen irdischen Übeln erlöst", die Verwendung im Zusammenhang mit Wirtschaft zeigt die Dominanz des Glaubens an das 1000-jährige Wachstum.
-selig- ist ein Begriff aus der Religion, "von allen irdischen Übeln erlöst", die Verwendung im Zusammenhang mit Wirtschaft zeigt die Dominanz des Glaubens an das 1000-jährige Wachstum.
MissMorgan 04.04.2019
2. Der Brexit muss jetzt herhalten?
Sorry, aber Auslandsbestellungen die aufgrund der Brexit-Unsicherheit nicht getätigt werden können, dürften ja maximal UK betreffen (Einfuhr-Zoll).
Sorry, aber Auslandsbestellungen die aufgrund der Brexit-Unsicherheit nicht getätigt werden können, dürften ja maximal UK betreffen (Einfuhr-Zoll).
mat_82 04.04.2019
3.
Zum Artikel: Ja, leider. Auch bei uns im Unternehmen spürbar. Die fetten Jahre sind vorbei.
Zum Artikel: Ja, leider. Auch bei uns im Unternehmen spürbar. Die fetten Jahre sind vorbei.
kp229 04.04.2019
4. Omg
Wir werden alle sterben! Geht es eigentlich noch dramatischer? Das blanke Entsetzen der Konjunktur-Experten ist wahrscheinlich eher darauf zurückzuführen, dass sie mit ihren Progosen mal wieder komplett daneben lagen. Dass [...]
Wir werden alle sterben! Geht es eigentlich noch dramatischer? Das blanke Entsetzen der Konjunktur-Experten ist wahrscheinlich eher darauf zurückzuführen, dass sie mit ihren Progosen mal wieder komplett daneben lagen. Dass die Politik Trumps, der Brexit und der generelle Verlauf der Konjunktur sich irgendwann auch hierzulande auswirken, sollte eigentlich niemand mehr überraschen.
go-west 04.04.2019
5. Zitat:
"Wie lange der Abschwung anhält, hängt davon ab, wie lange es dauert, bis die von der chinesischen Regierung initiierten Konjunkturmaßnahmen auch auf dem hiesigen Kontinent ihre positive Wirkung entfalten". Woran man [...]
"Wie lange der Abschwung anhält, hängt davon ab, wie lange es dauert, bis die von der chinesischen Regierung initiierten Konjunkturmaßnahmen auch auf dem hiesigen Kontinent ihre positive Wirkung entfalten". Woran man mal wieder sieht, wie sehr wir in der heutigen Welt alle voneinander abhängen. Nationale egoistische Alleingänge à la Trump können nur in die Sackgasse führen.

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