Wirtschaft

Chemiekonzern mit Wirtschaftssorgen

BASF-Chef fordert neue Agenda 2010

Bei BASF brechen die Erträge ein, Tausende Jobs fallen weg. Konzernchef Brudermüller drängt die Politik in einem Interview zu umfangreichen Reformen - und warnt vor Arbeitslosigkeit durch Klimaschutz.

Uwe Anspach/dpa

Martin Brudermüller: Klare Forderungen an die Politik

Montag, 19.08.2019   07:45 Uhr

Die abflauende Konjunktur und die anhaltenden Handelskonflikte weltweit belasten BASF. Der Chef des Ludwigshafener Chemiekonzerns, Martin Brudermüller, hat in dieser Lage nun mehr Einsatz von der Politik verlangt.

Zur Zukunftssicherung müssten Reformen in Bereichen wie Steuern, Regulierung und auch solche mit Blick auf die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes angegangen werden. "Die Bundesregierung sollte an eine neue Agenda 2010 denken", sagte Brudermüller dem "Handelsblatt".

Sein Konzern hatte seine Jahresprognose erst vergangenen Monat stark korrigieren müssen. BASF rechnet nun mit rückläufigen Umsätzen sowie rund 30 Prozent weniger Gewinn . Bereits Ende Juni hatte BASF Chart zeigen ein umfassendes Sparprogramm angekündigt. Demnach sollen bis Ende 2021 weltweit 6000 Stellen wegfallen, ungefähr die Hälfte davon in Deutschland. Betroffen sind insgesamt knapp fünf Prozent der 122.000 Arbeitsplätze.

Konzernchef Brudermüller, der die Führung des bedeutenden Dax-Konzerns vor gut einem Jahr übernahm, fordert von der Politik auch eine stärkere Forschungsförderung und einen neuen, umfassenderen Ansatz in der Klimapolitik: "Wir haben die Chance, das Thema ganz groß zu denken und dadurch Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit für Deutschland und Europa sinnvoll zu verknüpfen." Brudermüller sagte der Zeitung: "Was nicht funktioniert, ist, dass man einfach noch ein weiteres Instrument hinzufügt und eine CO2-Steuer auf die bestehenden Belastungen oben draufsetzt." Der BASF-Chef fordert stattdessen eine "gezielte Förderung für die Entwicklung CO2-armer Technologien".

CO2-Steuer nicht einfach draufsetzen

Ziel müsse es sein, erneuerbare Energien möglichst zu verbilligen, um Anreize zur CO2-Vermeidung zu schaffen, sagte Brudermüller in dem Interview. Die aktuelle politische Diskussion über einen verbesserten Klimaschutz verfolgt er aber offenbar mit Sorge. "Gesellschaftliche Unterstützung wird es nur geben, wenn Klimaschutz nicht in Arbeitslosigkeit mündet", sagte Brudermüller im Interview. Dazu gehöre auch ein klein wenig mehr Realismus. "Man muss den Bürgern schon sagen, dass sich dann manche Preise verändern und das ein oder andere Verhalten geändert werden muss. Wir brauchen da einen viel breiteren und offeneren Dialog."

Uwe Anspach/dpa

BASF-Anlagen in Ludwigshafen: Bürgern sagen, was durch Klimaschutz teurer wird

Entscheidend sei, dass man sich von der Idee verabschiede, erneuerbare Energie immer weiter zu verteuern. "Wir sollten sie vielmehr so billig machen wie möglich und damit den Verbrauchern den Anreiz geben, neue Verfahren einzusetzen, die auf sehr viel erneuerbare Energie angewiesen sind. Aber wenn dabei CO2 entsteht, dann muss es bepreist werden - wie das im Energie- und wesentlichen Teilen des Industriesektors schon der Fall ist. Das würde ganz andere Anreize schaffen, um CO2 zu vermeiden."

E-Mobilität: "Auf jeden Fall mehr Chemie im Auto"

Brudermüller will BASF, zu dem in Ludwigshafen das mit etwa zehn Quadratkilometer Fläche größte zusammenhängende Chemieareal der Welt gehört, mit einem Umbau der Organisation und einem neuem Fokus auf vernetzte Chemieproduktion aus der Krise führen. Negativ wirke sich derzeit unter anderem eine deutliche Verlangsamung des Wachstums in der Autoindustrie aus, der wichtigsten BASF-Kundenbranche, sagte er in dem Interview. Ungeachtet der erwarteten Gewinnrückgänge bekräftigt Brudermüller das Ziel der mittelfristigen Ertragssteigerung und das Versprechen, die Dividende stetig zu erhöhen.

Die Umbrüche in den Autokonzernen stellen für BASF aber auch eine Chance dar. Die Entwicklung in Richtung Elektromobilität bedeute "auf jeden Fall mehr Chemie im Auto als je zuvor", sagte Brudermüller, dessen Konzern 2018 noch fast 63 Milliarden Euro umsetzte, dem "Handelsblatt". Eine europäische Batterieproduktion hält er für notwendig, "aber es ist nicht zielführend, da von allen auch einen europäischen Pass zu fordern. Wir müssen auch Produzenten aus Asien einladen, hierherzukommen."

apr

insgesamt 131 Beiträge
fördeanwohnerin 19.08.2019
1. -
Jungs, hättet Ihr mal schon vorher Euren Job gut gemacht und nicht alles immer bis dahin aufgeschoben, bis es nicht mehr anders geht, dann müsstet Ihr Euch keine Sorgen machen. Das Wort "nachhaltig" scheint aber immer [...]
Jungs, hättet Ihr mal schon vorher Euren Job gut gemacht und nicht alles immer bis dahin aufgeschoben, bis es nicht mehr anders geht, dann müsstet Ihr Euch keine Sorgen machen. Das Wort "nachhaltig" scheint aber immer noch nicht in der Wirtschaft angekommen zu sein. Herr Brudermüller, Sie sind Teil des Problems.
Kiesch 19.08.2019
2. You've got me confused
---Zitat--- "Was nicht funktioniert, ist, dass man einfach noch ein weiteres Instrument hinzufügt und eine CO2-Steuer auf die bestehenden Belastungen oben draufsetzt." ---Zitatende--- ---Zitat--- Aber wenn dabei [...]
---Zitat--- "Was nicht funktioniert, ist, dass man einfach noch ein weiteres Instrument hinzufügt und eine CO2-Steuer auf die bestehenden Belastungen oben draufsetzt." ---Zitatende--- ---Zitat--- Aber wenn dabei CO2 entsteht, dann muss es bepreist werden - wie das im Energie- und wesentlichen Teilen des Industriesektors schon der Fall ist. ---Zitatende--- Beides Zitate von BASF Chef Brudermüller, etwa 4 Sätze auseinander. Er lehnt also eine CO2 Steuer ab um anschließend zu fordern, dass (neben der Förderung erneuerbarer Energien) CO2 bepreist wird. Wie man das wohl machen könnte? Vielleicht mit einer CO2 Steuer? Die könnte man sogar dafür benutzen die erneuerbaren zu fördern XD Also entweder war das ne Glanzleistung von Brudermüller in verschwurbelten Aussagen oder - was ich hier tatsächlich für wahrscheinlicher halte - SPON hätte einfach besser klarstellen können, dass der gute Mann meint, dass man neben der CO2 Steuer nicht vergessen sollte das Geld in erneuerbare zu reinvestieren (sicher nicht ohne Eigeninteresse fordert er dafür Forschungsförderung). Wo er vor der Arbeitslosigkeit durch Klimaschutz gewarnt haben soll ist mir ebenfalls unklar. Oder ging es darum, dass er genau das Gegenteil gesagt hat, nämlich das wir die Chance haben Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz zu verbinden? XD Oder darum das BASF sparen will indem man Personal abbaut?
marcus-manta 19.08.2019
3. Intelligenter Gedanke....
lieber CO2-Vermeidung fördern, als abermals neue Belastungen an Industrie und Bürger erheben. Die Bundeskanzlerin wird sich dieses Argument und noch 20 weitere in Ruhe anhören und vielleicht vor dem Jahr 2021 eine [...]
lieber CO2-Vermeidung fördern, als abermals neue Belastungen an Industrie und Bürger erheben. Die Bundeskanzlerin wird sich dieses Argument und noch 20 weitere in Ruhe anhören und vielleicht vor dem Jahr 2021 eine Entscheidung treffen. Oder auch nicht. Genau das ist das Problem in Deutschland.
burlei 19.08.2019
4. BASF muss Insolvenz anmelden!
Lieber Herr Brudermüller, das wäre der richtige Anfang gewesen. Es ist für den Finanzmarkt natürlich dramatisch, wenn die Gewinne nach Steuern für BASF von 5 Milliarden möglicherweise auf nur noch 3,5 Milliarden einbrechen. [...]
Lieber Herr Brudermüller, das wäre der richtige Anfang gewesen. Es ist für den Finanzmarkt natürlich dramatisch, wenn die Gewinne nach Steuern für BASF von 5 Milliarden möglicherweise auf nur noch 3,5 Milliarden einbrechen. Noch dramatischer ist allerdings die Situation für die 3.000 Arbeitnehmer in Deutschland, die demnächst auf der Straße stehen. Bekamen die auch Gehälter und Zulagen von jeweils 6 Millionen Euro? Aber Mitarbeiter tun nichts zur Sache. Bei einem zu erwartenden Gewinn von 3,5 Milliarden können Sie nicht erwarten, dass der Bundesbürger in Panik ausbricht. Warten Sie noch etwas. Bei etwas mehr als 2 Milliarden Gewinn im Jahr ist es dann an der Zeit, auf Steuersenkungen für Konzerne, den Wegfall von Beschränkungen wie Kündigungsschutz usw und vor allem - ordentliche Finanzspritzen für Konzerne nachzudenken. Es ist dem Bundesbürger schon klar, dass der Arbeitnehmer für jeden Blödsinn aus den Kreisen von Wirtschaft und Finanzen auf zu kommen hat, dass er verzichten muss, damit die Investoren und Aktionäre wie gewohnt ihre Millionen scheffeln können. Dann aber zur richtigen Zeit! Nicht schon jetzt! Das ist zu früh, das glaubt ihnen jetzt niemand.
pfranksen 19.08.2019
5. Ist das gelerntes Verhalten?
Kaum brechen der Wirtschaft die Umsätze weg, wird reflexartig nach dem Staat gerufen. Dass die aktuellen Probleme (a) auf der weltwirtschaftlichen Lage und (b) auf Fehlentscheidungen des Managements beruhen könnten, wird [...]
Kaum brechen der Wirtschaft die Umsätze weg, wird reflexartig nach dem Staat gerufen. Dass die aktuellen Probleme (a) auf der weltwirtschaftlichen Lage und (b) auf Fehlentscheidungen des Managements beruhen könnten, wird anscheinend nicht mitbedacht. Ob die Bürger/innen eine neue "Agenda 2010" mitmachen, wenn Deutschland schon einen der größten Niedriglohnsektoren hat, weiß sicherlich niemand zu sagen. Das aber die aktuelle Klimaschutzdebatte Schuld an der Misere der Wirtschaft sein soll, gehört wohl ins Reich der Märchen und Legenden. Greta Thunberg und FFF für die eigene Lage verantwortlich zu machen, zeugt eher von Ignoranz und Unwissenheit. Es ist derzeit immer noch eine Debatte, Entscheidungen sind noch überhaupt nicht gefallen.

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