Wirtschaft

Monsanto

Kläger in Glyphosat-Prozess akzeptiert niedrigeren Schadensersatz

Die Richterin im Glyphosat-Prozess gegen Monsanto wollte die Strafzahlung für den krebskranken Dewayne Johnson deutlich reduzieren. Nun willigte er ein - um die Last eines neuen Verfahrens zu vermeiden.

AFP

Dewayne Johnson

Donnerstag, 01.11.2018   05:38 Uhr

Im Glyphosat-Prozess in den USA hat der krebskranke Kläger einer niedrigeren Schadensersatzzahlung gegen die Bayer-Tochter Monsanto zugestimmt. Dewayne Johnson willige in die Absenkung der Strafzahlung von 289 Millionen Dollar auf rund 78 Millionen Dollar ein, erklärten seine Anwälte in einem Schreiben an ein Gericht von San Francisco. Damit wolle er "die Last eines neuen Prozesses" vermeiden.

Monsanto war im August von einem Geschworenengericht in San Francisco zu einer Strafzahlung von 289 Millionen Dollar (251 Millionen Euro) verurteilt worden: 250 Millionen Dollar Schadensersatz und 39 Millionen Dollar Entschädigung.

Die Laienrichter sahen es als erwiesen an, dass Monsanto-Produkte mit dem Wirkstoff Glyphosat krebserregend sind und der Hersteller davor nicht ausreichend gewarnt und die Risiken verschleiert hat (mehr darüber, warum das Glyphosat-Urteil kein Beweis für ein Krebsrisiko ist, erfahren Sie hier). Johnson hatte als Platzwart einer Schule jahrelang mit Monsanto-Mitteln hantiert, er ist unheilbar an Lymphdrüsenkrebs erkrankt.

Der Monsanto-Konzern, den Bayer dieses Jahr für mehr als 60 Milliarden Dollar gekauft hatte, bestreitet einen Zusammenhang des Herbizids mit Krebsfällen. Bayer selbst führt Hunderte Studien sowie Einschätzungen von Regulierungsbehörden weltweit an, die Glyphosat bei sachgerechtem Einsatz für sicher erklärt hatten. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hatte die Chemikalie allerdings 2015 als "wahrscheinlich krebserregend für den Menschen" eingestuft.

Glyphosat - Das Wichtigste im Überblick

Krebserregend oder nicht krebserregend?
Behörden weltweit haben die Risiken von Glyphosat für die Bevölkerung bei sachgemäßer Anwendung geprüft. Zu einem Ergebnis, dass der Stoff nicht krebserregend sei, kommen unter anderem:
  • das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)
  • die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa)
  • die US-amerikanische Umweltbehörde EPA
  • die kanadische Bewertungsbehörde Pest Management Regulatory Agency (PMRA)
  • die australische Bewertungsbehörde Australian Pesticides and Veterinary Medicines Authority (APVMA)
  • die japanische Food Safety Commission
  • die neuseeländische Umweltbehörde EPA
  • das Joint Meeting on Pesticide Residues (JMPR) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und
  • die Europäische Chemikalienagentur (ECHA)
Die Krebsagentur IARC der WHO kam 2015 dagegen zu dem Schluss, dass Glyphosat "wahrscheinlich krebserregend" sei. Die Institution untersucht allerdings nur, ob ein Stoff grundsätzlich in der Lage ist, Krebs auszulösen. Sie bewertet nicht, wie groß diese Gefahr ist und ob ein konkretes Risiko für die Bevölkerung besteht. So stuft die IARC auch den Friseurberuf und den Konsum heißer Getränke als "wahrscheinlich krebserregend" ein, Sonnenstrahlen und Alkohol als "sicher krebserregend".
Manipulationsvorwürfe auf allen Seiten
Glyphosat-Befürworter und -Gegner versuchen in der Debatte, ihre Interessen mit allen Mitteln durchzusetzen und die Gegenseite zu schwächen. Der Überblick:

- Glyphosat-Hersteller Monsanto hat offenbar versucht, die Entscheidungsfindung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) zu beeinflussen. Inwiefern das erfolgreich war, ist unklar. Auch wird dem Unternehmen vorgeworfen, Forschern für positive Glyphosat-Berichte Geld gezahlt zu haben. Das Unternehmen bestreitet das.

- Dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) werfen Umweltaktivsten vor, Passagen aus dem Zulassungsantrag von Monsanto kopiert zu haben. In der Einleitung der entsprechenden Kapitel wird allerdings angekündigt, dass im Folgenden Ausschnitte aus dem Antrag wiedergegeben werden und die Behörde, wenn nötig, ihre eigene Einschätzung ergänzt habe.

- An der glyphosatkritischen Bewertung der IARC ("wahrscheinlich krebserregend") war ein Sachverständiger mit Interessenkonflikten beteiligt. Christopher Portier erhielt mindestens 160.000 Dollar von US-Anwälten, die Monsanto im Auftrag potenzieller Glyphosat-Opfer verklagen.

- In einem Kapitel des IARC-Berichts wurde laut der Nachrichtenagentur Reuters zudem im Entwurfsstadium in mehreren Fällen die Einschätzung von Studien von "nicht krebserregend" in neutral oder positiv ("krebserregend") umgeändert. Die IARC bestreitet das.
Glyphosat und Insekten
Im Zusammenhang mit dem Insektensterben wird Glyphosat immer wieder genannt. Forscher hatten im Oktober 2017 eine viel beachtete Studie zum Schwund der Insekten in Deutschland veröffentlicht. Einen Beleg dafür, dass Pestizide die Ursache sind, fanden sie nicht - zumal die Untersuchung in Naturschutzgebieten stattfand.

Dass die konventionelle Landwirtschaft mit Monokulturen und Pestiziden eine Rolle beim Insektensterben spielt, liegt jedoch nahe. Das Problem auf Glyphosat allein zu reduzieren, greift allerdings zu kurz.

Im September 2018 haben Forscher in einer Studie gezeigt, dass Glyphosat die Darmflora von Bienen verändern kann. In einer Untersuchung von 2015, in der die Wirkung von 42 verbreiteten Pestiziden auf Honigbienen untersucht wurde, listeten Wissenschaftler Glyphosat dagegen auf Platz 42 - als im Vergleich am wenigsten toxisch.
Glyphosat = Monsanto?
Im Zusammenhang mit Glyphosat wird meist Monsanto als Hersteller genannt. Die Firma hat den Stoff in den Siebzigerjahren erstmals auf den Markt gebracht. Das Patent ist allerdings im Jahr 2000 abgelaufen. Monsanto, das inzwischen von Bayer aufgekauft wurde, ist bis heute mit einem Anteil von ungefähr 40 Prozent Marktführer. Neben dem Unternehmen bieten aber auch mehrere Dutzend weitere Firmen weltweit glyphosathaltige Herbizide an.

In Deutschland sind laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) derzeit 37 Mittel mit Glyphosat zugelassen, die unter 105 Handelsnamen vertrieben werden.
Anwendung in Deutschland
Pflanzen nehmen Glyphosat vor allem über die Blätter auf. Von dort gelangt der Wirkstoff in den ganzen Organismus und blockiert die Produktion von Aminosäuren. Dadurch stirbt die Pflanze ab. In Deutschland kommt Glyphosat auf den Acker, bevor die Nutzpflanze ausgesät wird. Sonst würde nicht nur das Unkraut, sondern auch die gesäte Pflanze absterben. Nur in Ausnahmefällen darf Glyphosat vor der Ernte eingesetzt werden.

Vor anderthalb Wochen lehnte die Richterin Suzanne Ramos Bolanos in San Francisco die Forderung Monsantos nach einem neuen Prozess ab. Zugleich erklärte sie aber, die Strafzahlung solle von 289 Millionen auf 78 Millionen Dollar gesenkt werden. Johnson wurde bis zum 7. Dezember Zeit gegeben, dem zuzustimmen - andernfalls sollte der Schadensersatz in einem neuen Prozess festgelegt werden.

Nach der Entscheidung von Ramos Bolanos kündigte Bayer an, in Berufung zu gehen. Die Aktie des Dax-Konzerns brach zeitweise um acht Prozent ein. In den USA sind rund 8700 weitere Klagen anhängig.

aar/AFP/Reuters

insgesamt 9 Beiträge
mgmvip 01.11.2018
1. Wie bei der Automobilindustrie
Auch hier sehen wir schön wie der Landwirtschaft die Hand vor dem Mors gehalten wird. Und selbst wenn es Menschenleben kostet. Frau Klöckner erzählt wie gesund alles ist und Beweise werden durch ständig neue Gutachten [...]
Auch hier sehen wir schön wie der Landwirtschaft die Hand vor dem Mors gehalten wird. Und selbst wenn es Menschenleben kostet. Frau Klöckner erzählt wie gesund alles ist und Beweise werden durch ständig neue Gutachten zerredet. Die Ministerin spricht von Landwirten die in ihrer Existenz bedroht sind. Wie die Autobranche. Und der Chemie -Konzern hat Narrenfreiheit. Die Mentalität der Politiker ist wirklich das letzte. Volkspartei und christlich, Fehlanzeige .
Affenhirn 01.11.2018
2. Die Frage bleibt bestehen
Es ist bei sehr viel kleineren M&A. Deals Standard, diese als Asset Deal auszuführen. Dabei übernimmt man alles Assets, also alle Ausstattung des Unternehmens und seine Mitarbeiter, aber eben nicht die Altlasten. Kann es [...]
Es ist bei sehr viel kleineren M&A. Deals Standard, diese als Asset Deal auszuführen. Dabei übernimmt man alles Assets, also alle Ausstattung des Unternehmens und seine Mitarbeiter, aber eben nicht die Altlasten. Kann es wirklich sein, dass so etwas gerade bei einem Chemie-Unternehmen - und dann noch in den USA - für unnötig betrachtet wurde? Da müsste eigentlich zum einen die Berater-Vermögenschadenhaftpflicht, aber andererseits die D&O-Versicherung der entsprechenden Manager bei Bayer ordentlich belstet werden.
MisterD 01.11.2018
3. Mal ehrlich...
Selbst wenn das Zeug krebserregend ist... 79 Millionen Dollar? Wieso muss man solche Leute zu Multimillionären machen? Tun es nicht auch 10 Millionen? Soll eine Firma wie Bayer am Ende in den Konkurs gehen, weil einige naive [...]
Selbst wenn das Zeug krebserregend ist... 79 Millionen Dollar? Wieso muss man solche Leute zu Multimillionären machen? Tun es nicht auch 10 Millionen? Soll eine Firma wie Bayer am Ende in den Konkurs gehen, weil einige naive Amerikaner geglaubt haben sie versprühen Rosenduft und keine giftigen Chemikalien? Wenn man sowas sprüht hat man entsprechende Schutzkleidung zu tragen, verdammt nochmal... tut man es nicht... Pech gehabt... als Hausmeister war es ihm zu teuer 200 Dollar in Schutzkleidung zu investieren und jetzt soll Bayer 79 Millionen zahlen? Absurd...
forscher56 01.11.2018
4. Glyphosat soll Ernten schützen, nicht Grünanlagen
Es wird doch immer behauptet, Glyphosat sei in der Landwirtschaft unverzichtbar, schütze Getreide und andere Feldfrüchte und sichere die Existenz der Farmer. Der Einsatz in Grünanlagen und Ziergärten ist somit ein klarer [...]
Es wird doch immer behauptet, Glyphosat sei in der Landwirtschaft unverzichtbar, schütze Getreide und andere Feldfrüchte und sichere die Existenz der Farmer. Der Einsatz in Grünanlagen und Ziergärten ist somit ein klarer Missbrauch dieses Giftes. Ich hätte Mr. Johnson keinen Cent Entschädigung zugesprochen (und ich besitze keine Bayer-Aktien).
kumi-ori 01.11.2018
5.
Bayer macht gern die Bad Bank für die Branche. Bayer hat auch einige Jahre früher Schering übernommen, und hat jetzt den Duogynon-Skandal an der Backe (der von der Justiz runtergekocht wird; man hofft darauf, dass das [...]
Zitat von AffenhirnEs ist bei sehr viel kleineren M&A. Deals Standard, diese als Asset Deal auszuführen. Dabei übernimmt man alles Assets, also alle Ausstattung des Unternehmens und seine Mitarbeiter, aber eben nicht die Altlasten. Kann es wirklich sein, dass so etwas gerade bei einem Chemie-Unternehmen - und dann noch in den USA - für unnötig betrachtet wurde? Da müsste eigentlich zum einen die Berater-Vermögenschadenhaftpflicht, aber andererseits die D&O-Versicherung der entsprechenden Manager bei Bayer ordentlich belstet werden.
Bayer macht gern die Bad Bank für die Branche. Bayer hat auch einige Jahre früher Schering übernommen, und hat jetzt den Duogynon-Skandal an der Backe (der von der Justiz runtergekocht wird; man hofft darauf, dass das letzte Opfer bald verstorben sein wird). Jetzt eben Monsanto. Was Bayer bezweckt, ist allen ein Rätsel. Der Imageschaden ist gewaltig. Ich kenne mich ein wenig in der Brache aus. Die Bayer-Kollegen verlassen das Schiff wie die Ratten. Niemand hat mehr Lust, sich das anzutun.

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