Wirtschaft

Initiative gegen das Pub-Sterben

Last order

In Großbritannien machen reihenweise kleine Pubs dicht. Für das Aus der Kultkneipen gibt es viele Gründe. Unter Druck gerät nun aber die Regierung - wegen der hohen Abgaben auf Bier.

EPA/FACUNDO ARRIZABALAGA

Fußballfans vor einem Pub in London (Archivbild): 100.000 Beschäftigte in britischen Pubs

Samstag, 17.08.2019   19:01 Uhr

Premier Boris Johnson wird nicht müde zu versprechen, nach dem Brexit werde Großbritannien das Land "mit der besten Lebensqualität der Welt" sein. Doch die Briten verlieren gerade einen kulturellen Schatz, der für viele unbedingt zur Lebensqualität gehört: die Pubs.

Binnen zehn Jahren machten 11.000 der gemütlichen Kneipen dicht. Laut Statistikamt ONS bestehen nur noch weniger als 39.000.

Der Chef einer der führenden Brauereigruppen Großbritanniens, Ralph Findlay, hat für den Pub-Schwund die Politik mitverantwortlich gemacht. In einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters beklagte der Leiter des Konzerns Marston, die Abgaben auf Alkohol seien viel zu hoch - und forderte Premierminister Boris Johnson zu einer Senkung auf. "Die durchschnittliche Kneipe zahlt der Regierung 140.000 Pfund pro Jahr und ein großer Teil davon ist Biersteuer", sagte Findlay, dessen Unternehmen selbst rund 1600 Pubs betreibt.

Und an diesem Einwand könnte tatsächlich etwas dran sein: Im Schnitt fließen je verkauftem Pint 54 Pence an das Finanzministerium. Das soll den Alkoholmissbrauch eindämmen, ist aber rund zwölfmal so viel wie in Deutschland. Die Einnahmen aus der Biersteuer stiegen in Großbritannien 2018 gegenüber 2017 um fünf Prozent auf 3,6 Milliarden Pfund an, wie die Steuerbehörde HMRC einräumte.

Petition für niedrigere Steuern

Für eine Senkung der Abgaben - und zur Rettung der Pubs - läuft derzeit eine Petition unter dem Namen "Long live the local". Initiiert haben sie Brauer, Gastronomen und die Industrie. Mehr als 130.000 Menschen haben sie bereits gezeichnet.

Dass im Oktober 2018 der damalige Schatzkanzler Philip Hammond die Abgaben auf Bier einfror, um den Freunden des "großartigen britischen Pubs" entgegenzukommen, reicht Findlay nicht. Die Wirte seien gezwungen, die Preise zu erhöhen. Das führe jedoch dazu, dass mehr Menschen ihr Bier lieber zu Hause tränken als in die Kneipe zu gehen. Ein Teufelskreis.

Aber dafür kann der Staat kaum allein verantwortlich gemacht werden. Denn bei Preisen von inzwischen häufig mehr als drei, vier oder gar fünf Pfund pro Pint in der Kneipe machen selbst Abgaben von 54 Pence nur einen Teil aus.

Mögliche weitere Gründe, warum Pubs schließen, gibt es dagegen reichlich:

Auch Brauereigruppen-Chef Findlay räumt ein, dass es ein breites Spektrum an Gründen geben könne, die Gaststätten belasten. Er argumentiert jedoch: "Für Pubs und die vor Ort bedeutsamen, gemeinschaftlich getragenen Pubs macht Bier rund 70 Prozent des Geschäfts aus." Die Abgaben seien daher einer der größten Kostenfaktoren - und für die Regierung die einfachste Möglichkeit zu handeln.

Premier Johnson solle die Bierbranche mit fast einer Million Beschäftigten in Großbritannien stützen, indem er die Steuern senke, findet Findlay. Andernfalls könnten noch mehr Pubs schließen - und die Summe der Einnahmen sinken.

Eine Kürzung wiederum könnte aber die ganze Branche stützen und nicht nur die aktuell noch etwa 100.000 Beschäftigten in britischen Pubs. Profitieren würden wohl auch die größeren Gaststätten, in denen die Beschäftigung laut Statistikamt ONS sogar zunimmt - und deren Umsätze wachsen.

Viel wichtiger als die niedrigeren Steuern sollte den Briten also vielleicht sein: einfach mal wieder öfter kleine Pubs besuchen.

apr/Reuters/dpa

insgesamt 56 Beiträge
fahrgast07 17.08.2019
1. Alkohol-Exzess fördern?
Seien wir ehrlich, Pubs sind Orte der Alkohol-Sucht, in denen ganze Familien armgesoffen werden. Man muss nur Freitag abend durch eine englische Stadt gehen. Diese Exzesse als "Kultur" zu verklären und gar zu fördern [...]
Seien wir ehrlich, Pubs sind Orte der Alkohol-Sucht, in denen ganze Familien armgesoffen werden. Man muss nur Freitag abend durch eine englische Stadt gehen. Diese Exzesse als "Kultur" zu verklären und gar zu fördern ist arg einseitig. Der Alkoholkonsum sinkt, das ist eine gute Nachricht! Vielleicht kommt manches einst versoffene Pfund jetzt wieder bei der Familie an?
browserhead 17.08.2019
2. Lösung in Sicht
Wenn BJ den Hard Breit durchbringt, dann haben die Briten wieder jeden Grund in den Pub zu gehen. Und die Biersteuer zahlt die EU!
Wenn BJ den Hard Breit durchbringt, dann haben die Briten wieder jeden Grund in den Pub zu gehen. Und die Biersteuer zahlt die EU!
scoopx 17.08.2019
3. Jolliness
There is no reason for jolliness anymore. Das Leben ist halt in jeder Hinsicht härter geworden. Das gilt nicht nur für England. Da könnten Pubs eigentlich Linderung verschaffen. Jedoch, auch das Trinken als Geselligkeitsform [...]
There is no reason for jolliness anymore. Das Leben ist halt in jeder Hinsicht härter geworden. Das gilt nicht nur für England. Da könnten Pubs eigentlich Linderung verschaffen. Jedoch, auch das Trinken als Geselligkeitsform steckt in einer Krise. Ein paar Bier trinken und mit Kumpels ein paar Stunden locker und lustig schwätzen, das sollte man sich eigentlich nicht entgehen lassen. Aber es scheint so zu sein, daß die Leute das nicht mehr wollen und auch nicht mehr können. Warum? Es ist mir ein Rätsel. Irgendwas ist passiert mit den Menschen in den letzten 20-25 Jahren. Sie scheinen ihre Sorgen nicht mehr vergessen zu können und die Angst, in dem allgegenwärtigen Wettbewerb zu unterliegen. Noch dazu wird alles schlecht gemacht. Rauchen und Trinken ist ungesund, und es wird nur noch über Krisen geredet. Am schlimmsten ist dieses verdammte Klimagezeter, das sich eigentlich von dem gegen Rauchen und Trinken kaum unterscheidet. Da hilft auch keine Senkung der Biersteuer.
wauz 17.08.2019
4. Früher
sind die Leute auch bei uns in Eckkneipen gegangen. weil ihnen langweilig war und es kein besseres Angebot gab. Heute gibt es bessere Angebote. Also, was soll da noch die Kneipe? Ich kann drauf verzichten und ich verzichte. [...]
sind die Leute auch bei uns in Eckkneipen gegangen. weil ihnen langweilig war und es kein besseres Angebot gab. Heute gibt es bessere Angebote. Also, was soll da noch die Kneipe? Ich kann drauf verzichten und ich verzichte. Einmal in zwei Monaten gehen wir als Paar einen Kaffee trinken, samt einem Stück Kuchen. Das war es dann in Sachen Gastronomie...
karlo1952 17.08.2019
5. Wenn man gegen erhöhten
Alkoholkonsum vorgehen will, muss darauf gegen die Pubs gehen. Wasch mich aber mach mich nicht nass, geht nicht.
Alkoholkonsum vorgehen will, muss darauf gegen die Pubs gehen. Wasch mich aber mach mich nicht nass, geht nicht.

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