Wirtschaft

Thomas-Cook-Pleite

Condor braucht Millionen - dringend

Nach der Thomas-Cook-Pleite bahnt sich ein zweiter Fall Air Berlin an: Condor braucht viel Geld vom Bund, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Dabei sind die Perspektiven schlecht.

Arnulf Hettrich / imago images

Condor-Maschine auf dem Flughafen Frankfurt (Archivbild): Ein zweiter Fall Air Berlin

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Montag, 23.09.2019   12:25 Uhr

Die Insolvenz des britischen Reiseveranstalters Thomas Cook bringt auch die Bundesregierung unter Zugzwang. Denn nach dem Zusammenbruch des Touristikkonzerns beteuert die deutsche Tochterfirma Condor, man werde den Betrieb aufrechterhalten.

Doch ist es realistisch, dass die 1955 gegründete Ferienfluggesellschaft einfach weiterfliegen kann? Condor braucht Geld, dringend. Dafür soll der Bund einspringen. Nach SPIEGEL-Informationen ist im Wirtschaftsministerium eine Anfrage für einen Kredit gestellt worden.

Es bahnt sich rund um das Thomas-Cook-Debakel ein zweiter Fall Air Berlin an. Air Berlin benötigte zur Insolvenz ebenfalls dringend Geld und bekam einen Rettungskredit des Bundes in Höhe von 150 Millionen Euro. So konnte die Gesellschaft zunächst weiterfliegen. Die Rückzahlung der Zinsen in Höhe von 27 Millionen Euro steht zwar noch aus, ist allerdings avisiert.

Gut möglich, dass die Bundesregierung auch der Condor finanziell hilft, nach dem Motto: Man kann nicht in einem Fall zahlen und im anderen nicht. Nach der Gesetzeslage darf die Bundesregierung dem Ferienflieger helfen, wenn es volkswirtschaftlich sinnvoll erscheint und eine Chance zur Fortführung des Unternehmens gibt. Ob das zutrifft, wird von der Berliner Regierung gerade geprüft. Eine Entscheidung soll noch im Laufe des Tages fallen.

Video: "Das war's dann mit Urlaub"

Foto: Michael Probst / AP

Steuerzahler müssen so oder so aufkommen

In Branchenkreisen heißt es, die Lufthansa bereite sich zwar darauf vor, deutsche Urlauber zurückzuholen. Doch ihre eigenen Maschinen sind gut gebucht. Ein Kredit für Condor könnte dabei helfen, die Airline zumindest so lange zu erhalten, bis alle Touristen wieder zu Hause sind. Denn für die Rückholaktion müsste der Steuerzahler so oder so gerade stehen - er würde wohl auch für eine alternative Rückholaktion, etwa durch die Bundeswehr, zahlen.

Die Flugbegleitergewerkschaft Ufo schlägt schon Alarm. Man bitte die Politik "um ein offenes Ohr", wenn Condor Unterstützung auf Bundes- oder Landesebene benötige. Es wäre aus verschiedenen Gründen nicht gut für den Wirtschaftsstandort Deutschland, wenn die Condor mit in die Insolvenz gerissen werden würde. "Vor allem wäre es nicht notwendig, da die Condor aus sich selbst heraus gut bestehen kann und der Lufthansa-Konzern spätestens seit der Insolvenz der Air Berlin in einer nahezu marktbeherrschenden Stellung in Deutschland ist", heißt es in einer Ufo-Stellungnahme, die dem SPIEGEL vorab vorliegt. Auch Ver.di fordert die Gewährung eines Überbrückungskredits.

Video: Thomas Cook stellt alle Geschäfte ein

Foto: Luke MacGregor/ REUTERS

Tatsächlich stand die Condor, anders als der britische Mutterkonzern, nicht schlecht da. Sie erwirtschaftet Gewinne, konnte sogar Darlehen an Thomas Cook vergeben. Doch jetzt wird eine neue Zeitrechnung für das Unternehmen beginnen. Mehr als die Hälfte des Geschäfts der Condor machen Flüge für Reiseveranstalter aus. Thomas Cook fällt als Auftraggeber aus, andere Veranstalter könnten ebenfalls zurückhaltend sein, Sitzplätze bei der Condor zu kaufen.

Teils veraltete Flotte

Am Montag teilte Condor mit, man dürfe aus rechtlichen Gründen Urlauber, die mit Thomas-Cook-Veranstaltern gebucht haben, nicht mehr an ihr Reiseziel bringen. Das restliche Geschäft neben dem mit Veranstaltern besteht aus Individualreisenden, die einzelne Tickets buchen. Auch hier wird die Buchungslage wohl schlechter werden, wenn Passagiere kalkulieren müssen, dass ihr Flug nicht mehr stattfinden könnte.

Hat die Condor über ihre Rolle als Urlauber-Rückholdienst hinaus überhaupt noch eine langfristige Perspektive? Schon in den vergangenen Monaten hatte die Thomas-Cook-Führung versucht, die Ferienflieger zu verkaufen. Auch die Lufthansa hatte einen Blick in die Bücher geworfen, sich aber mit Grausen abgewendet. Die in Teilen veraltete Flotte, bestehend unter anderem aus Maschinen vom Typ Boeing 757 und Boeing 767 ist wartungsintensiv und müsste dringend ausgetauscht werden. Doch dafür fehlte der Mutter das Geld.

Wer die Condor kauft, müsste also kräftig investieren und das Unternehmen mit zusätzlichen Millionen in der Luft halten wie das die Lufthansa bei der Air-Berlin-Pleite mit deren Tochter Niki tat. Die landete am Ende nach einer Intervention aus Brüssel dann allerdings bei Ryanair. Unwahrscheinlich, dass die Lufthansa sich so etwas ein zweites Mal antut.

Schlechte Aussichten für Flugkunden

Wahrscheinlicher ist ein anderes Szenario: Bei einer Pleite der Condor würden die Slots, also die Start- und Landezeitfenster, - darunter attraktive Langstreckenverbindungen zu touristischen Zielen - auf alle Wettbewerber verteilt. Die Lufthansa könnte hier in Teilen zum Zug kommen. Um die Altlasten, darunter die veraltete Flotte, müsste sich der Insolvenzverwalter kümmern.

Für die Kunden würde das eine abermalige Verknappung des Angebots mit höheren Preisen wie auch schon nach der Pleite von Air Berlin bedeuten. Condor fliegt zudem Ziele an, die andere Airlines nicht bedienen. Ein Teil davon könnte im Fall einer Insolvenz wegfallen, und es bliebe fraglich, ob andere Gesellschaften diese Lücke schließen. Die Vorherrschaft der Billigflieger Ryanair, Easyjet und vor allem der Lufthansa-Tochter Eurowings dürfte so weiter zementiert werden.

Der Lufthansa kommt für die Zukunft der Condor überhaupt eine Schlüsselrolle zu. Ihre Tochter Lufthansa Technik wartet die Maschinen der Condor, die bis 2009 zumindest in Teilen zum Konzern gehörte. Sie repariert und überholt die teils angejahrten Jets des kleinen Konkurrenten nur noch gegen Vorkasse, was in solchen Fällen üblich ist. Damit könnte sie womöglich den letzten Sargnagel zum Ende der Condor liefern.

Wie fragil die Situation des Ferienfliegers schon seit Längerem war, trotz der erwirtschafteten Gewinne, zeigt ein Tarifvertrag, den die Lufthansa bereits 2016 mit der Kabinengewerkschaft Ufo abschloss. Darin verpflichtet sich die Ex-Mutter, bevorzugt Condor-Mitarbeiter als Kabinenkräfte einzustellen, falls es bei der Firma zu Massenentlassungen kommen sollte; ein extrem seltenes Beispiel von Fürsorge für einen Konkurrenten. Das Abkommen dürfte die Ufo der Lufthansa nun präsentieren, wenn es bei der Condor zum Äußersten kommen sollte.

insgesamt 391 Beiträge
daniel_schmeer 23.09.2019
1. Eigenverantwortung
Ich weiß, ich weiß, Arbeitsplätze und so. Aber, wie es die FDP so gerne sagt Eigenverantwortung. Oder einfach zugeben, dass diese Aussage Schwachsinn ist und nur dazu dient dem Geringverdiener zu erzählen er habe keinen [...]
Ich weiß, ich weiß, Arbeitsplätze und so. Aber, wie es die FDP so gerne sagt Eigenverantwortung. Oder einfach zugeben, dass diese Aussage Schwachsinn ist und nur dazu dient dem Geringverdiener zu erzählen er habe keinen Anspruch auf staatliche Hilfe. Sondern nur Konzerne.
max-mustermann 23.09.2019
2.
Wieso sollte der Steuerzahler daür zahlen Urlauber nach hause zu fliegen oder die Bundeswehr eingesetzt werden ? Jeder Urlauber kann im Urlaubsland am entsprechenden Flughafen ein Ticket für die Heimreise bei einer anderen [...]
Wieso sollte der Steuerzahler daür zahlen Urlauber nach hause zu fliegen oder die Bundeswehr eingesetzt werden ? Jeder Urlauber kann im Urlaubsland am entsprechenden Flughafen ein Ticket für die Heimreise bei einer anderen Airline kaufen.
Waahrer 23.09.2019
3. Es hat keinen Zweck
auf Kosten der Zukunft der Bürger in anderen prosperierenden Bereichen, ein offensichtlich sehr schlecht geführtes Unternehmen zu retten, dass schon seit Jahren nur noch auf Rasierklingen reitet. Und nicht fliegt. :-) [...]
auf Kosten der Zukunft der Bürger in anderen prosperierenden Bereichen, ein offensichtlich sehr schlecht geführtes Unternehmen zu retten, dass schon seit Jahren nur noch auf Rasierklingen reitet. Und nicht fliegt. :-) Ausserdem wäre es sehr nützlich für die Umwelt, wenn dieser Unsinn mit den touristischen Sonnenbadflügen eingestellt wird. Macht nur die Natur kaputt, auch in den Zielländern.
sabratha 23.09.2019
4. endloser geldbedarf ständig
Kein Geld fuer die Condor. Versteh wirklich nicht Das diese Firmen immer steuer Kohle brauchen wenns eng wird. Haushalten können die anscheinend nicht. Reserven null. Cashflow wohl immer negativ. Aber Hauptsache billig und bei [...]
Kein Geld fuer die Condor. Versteh wirklich nicht Das diese Firmen immer steuer Kohle brauchen wenns eng wird. Haushalten können die anscheinend nicht. Reserven null. Cashflow wohl immer negativ. Aber Hauptsache billig und bei den Marktanteilen glänzen damit jeder Hinz und Kunz auch wirklich überall als consumer mega billig hinfliegen kann und sein Dreck hinterlassen, um sich dann über schlechten Service und quali beschwert. Aber Hauptsache die CEOs haben ihre Millionen in den Taschen und die Flugzeug Crews arbeiten am Zeit und Geld limit. Toll.
Emuopa 23.09.2019
5.
Ich schätze, Condor wird für die jetzige Herbstferien-Saison noch am Leben gehalten, aber für 2020 wäre ich vorsichtig.
Ich schätze, Condor wird für die jetzige Herbstferien-Saison noch am Leben gehalten, aber für 2020 wäre ich vorsichtig.

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