Wirtschaft

Deutschlands größter Vermieter

Wer steckt hinter Vonovia?

Eine Million Menschen leben in Wohnungen des umstrittenen Unternehmens Vonovia. Was ist das für ein Konzern, dem sie ihre Miete überweisen?

Ina Fassbender

Vonovia-Zentrale in Bochum

Montag, 19.11.2018   12:03 Uhr

Der Klang von Vonovia mag ans "Wohnen" erinnern, aber einen Sinn hat das Wort nicht. Die PR-Agentur, die den Namen geschaffen hat, hat die Bedeutungslosigkeit in vielen Sprachen extra geprüft. Erst seit drei Jahren firmiert der Konzern unter diesem Namen, der vielleicht auch einfach den schlechten Ruf vergessen machen sollte.

Denn den hatte sich das Unternehmen in vielen Jahren gründlich erarbeitet.

Finanzinvestoren gründeten das Unternehmen im Jahr 2001 als Deutsche Annington. Unter ihrer Führung begann das Unternehmen mit dem Aufkauf des deutschen Immobilienmarktes: Zuerst griff es nach etwa 65.000 der sogenannten Eisenbahnerwohnungen des Bundes. In den folgenden Jahren kaufte die Deutsche Annington, kurz DAIG, laufend weitere große Wohnungspakete, besonders häufig waren es Immobilien aus staatlichem Besitz oder frühere Werkswohnungen von ehemals großen Unternehmen.

Mehr zu Vonovia

In gut zehn Jahren und im Zuge immer weiterer Übernahmen entwickelte sich die Deutsche Annington zum Sinnbild großer Immobilienkonzerne - Vermieter, die sich weniger um die Zufriedenheit ihrer Kunden oder den Zustand ihrer Wohnungen kümmern als um die Rendite. Mieter klagten über Schimmel, ausbleibende Reparaturen, Mieterhöhungen und undurchsichtige Nebenkostenabrechnungen.

An Deutsche Wohnen gescheitert

2013 übernahm Rolf Buch die Führung des Unternehmens. Der frühere Bertelsmann-Manager brachte die DAIG an die Börse, die ursprünglichen Finanzinvestoren verkauften ihre Anteile. Fortan verfolgte Buch weiter eine aggressive, wenn auch nicht immer erfolgreiche Expansionsstrategie. 2015 übernahm die Deutsche Annington die Unternehmen Süddeutsche Wohnen von Patrizia Immobilien und vor allem den großen Konkurrenten Gagfah. Im selben Jahr änderte der Konzern seinen Namen in Vonovia - nichts schien das Wachstum mehr zu stoppen.

Kurze Zeit später scheiterte Vonovia-Chef Buch allerdings an der feindlichen Übernahme der Deutsche Wohnen - einer Konkurrentin, die mehr als 100.000 Wohnungen besitzt, vor allem in Berlin. Manager Buch und seine Vorstandskollegen müssen sich seither mit kleineren Projekten begnügen.

Expansion ins Ausland

Immerhin: Sie haben Vonovia zu einem der 30 größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland aufgebaut und als einzige Immobilienfirma in den deutschen Leitindex Dax geführt. Mit dem Gang an die Börse hat sich auch die Strategie gewandelt, Vonovia investiert heute deutlich mehr in seine Bestände, als die Deutsche Annington es früher tat.

Die Finanzzahlen sind beeindruckend: Die Aktien des Konzerns sind gut 20 Milliarden Euro wert, allein die Gebäude werden auf etwa 33,5 Milliarden taxiert. Der jährliche Umsatz liegt mittlerweile bei 3,6 Milliarden Euro, erwirtschaftet von fast 10.000 Mitarbeitern. Vonovia besitzt laut Geschäftsbericht 2017 gut 346.000 Wohnungen, die meisten davon im Ruhrgebiet, Berlin, Dresden und im Rheinland.

Seinen Sitz hat Vonovia in Bochum behalten, erst im Sommer weihte das Unternehmen seine neue Konzernzentrale ein. Seit Kurzem aber expandiert der Konzern auch im Ausland, etwa in Österreich, Schweden und Frankreich.

Und auf dem Heimatmarkt verlängert Vonovia seine Wertschöpfungskette: Etwa 350 Tochterunternehmen hat der Konzern, vor allem Grundstücks- und Holdinggesellschaften, aber immer häufiger auch Dienstleistungsunternehmen, die Handwerkerarbeiten, Winterdienst, TV-Kabelanschlüsse oder Ablesedienste anbieten.

SPIEGEL ONLINE; van Hove

Das Geld der Mieter schüttet Vonovia zumindest teilweise an seine Aktionäre aus, über die sogenannte Dividende - ein guter Teil davon geht an große Investoren: Die Fondsgesellschaft Blackrock besitzt 8,2 Prozent des Unternehmens, Lansdowne Partners 4,6 Prozent und Massachusetts Financial Services 2,8 Prozent. Die norwegische Zentralbank hält weitere 6,9 Prozent der Anteile, der Rest ist breit verteilt.

So gut es bei Vonovia mit Aktienkurs und Gewinn läuft - viele Mieter sind unzufrieden. Der neue Name mag dem Großkonzern kurzfristig einen besseren Ruf verschafft haben, doch mittlerweile erscheinen fast wöchentlich kritische Berichte.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es fälschlicherweise, die Deutsche Annington habe 2015 die Unternehmen Süddeutsche Wohnen, Patrizia Immobilien und Gagfah übernommen. Korrekt lautet der Satz: die Deutsche Annington "übernahm die Süddeutsche Wohnen von Patrizia Immobilien".

nck/sep

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP