Wirtschaft

VW, BMW und Daimler und die Elektromobilität

Viel Spannung, wenig Strom

Offiziell haben die deutschen Autohersteller ihren Streit über die Mobilität der Zukunft beigelegt. Doch das ist nur vorübergehend. Denn welche Technologie und welcher Konzern siegen werden, ist unklar.

Uli Deck / DPA

VW-Chef Herbert Diess in einem elektrischen ID. Buggy

Von
Samstag, 23.03.2019   15:55 Uhr

War wohl alles nur ein Missverständnis. Nach tagelangem öffentlichem Schlagabtausch genügte den Bossen der drei großen Autohersteller eine kurze Konferenzschaltung am Telefon, um gemeinsam mit Verbandschef Bernhard Mattes wieder Frieden herzustellen. Herbert Diess (VW), Harald Krüger (BMW) und Dieter Zetsche (Daimler) seien sich schnell einig geworden, sagte ein VDA-Sprecher. Es sei eher ein Austausch gewesen als eine kontroverse Diskussion.

Das ist bemerkenswert, weil die Positionen zuvor doch recht weit auseinanderlagen - und in Wahrheit wohl noch immer liegen.

Den Streit vom Zaun gebrochen hatte VW-Chef Diess, der mit einem Strategiepapier "Zur besseren Förderung der Elektromobilität", vorsichtig ausgedrückt, recht einseitig Position bezogen hatte. So zumindest werten es Branchenexperten. Kern seines Anliegens: Die Politik solle sich allein auf den Elektroantrieb konzentrieren, die Ladeinfrastruktur ausbauen und alle zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel einsetzen, um die Stromer auch für weniger kaufkräftige Kunden erschwinglich zu machen - auf Kosten der milliardenschweren Subventionen für den Diesel und auf Kosten von Forschungsmitteln für andere alternative Antriebe wie Brennstoffzelle oder Hybrid.

Einzelkämpfer nicht gefragt

In der Diskussion mit seinen Kollegen, so heißt es, sei Diess ein Stück zurückgerudert und wolle zumindest die Hybridtechnik nun wieder in die Förderung miteinbeziehen. Details der Einigung würden aber erst im Laufe der kommenden Tage bekannt gegeben.

Der wesentliche Grund für den neuen Konsens dürfte allerdings eher in der Einsicht liegen, dass Einzelkämpfertum in der aktuellen Gemengelage keine gute Idee ist. Nach Skandalen um Abgasbetrug und unerlaubte Kartelle hat die Autoindustrie in der Öffentlichkeit einen denkbar schweren Stand. In dieser Situation lassen sich Gesellschaft und Politik nur noch für Konzepte gewinnen, die glaubwürdig und stimmig sind und nicht schon im eigenen Lager umstritten.

Das Problem ist nur, dass im Grunde noch niemand seriös voraussagen kann, welche Antriebstechnologie in der Zukunft die Mobilitätsansprüche der Gesellschaft erfüllen kann, ohne der Umwelt allzu sehr zu schaden.

Jedes Konzept hat dabei seine Vorzüge, aber auch massive Nachteile. Hinzu kommt, dass die Menschen in den verschiedenen Teilen der Welt auch noch ganz unterschiedliche Vorstellungen davon haben, welcher Antrieb der beste sei.

DPA

Daimler-Chef Dieter Zetsche (l.) und BMW-Boss Harald Krüger

Aus Sicht von BMW-Chef Krüger kann es sich ein Konzern, der überall in der Welt Autos verkaufen will, deshalb gar nicht leisten, eine Antriebsvariante zu vernachlässigen. Außerdem hat der Münchner Konzern schon Erfahrung mit den wirtschaftlichen Herausforderungen, die Elektroautos für ihre Anbieter bereithalten. Die zukunftsweisenden Modelle i3 und i8 haben Milliarden gekostet, die wohl niemals wieder hereingespielt werden können.

Unterschiedliche Interessen

Das gleiche Kalkül müsste eigentlich auch für VW-Chef Diess gelten, meint Stefan Bratzel von der Fachhochschule für Wirtschaft in Bergisch Gladbach. Schließlich sei der Wolfsburger Konzern ebenfalls in sehr vielen Ländern aktiv und habe überdies noch die Marke Audi, die ähnlich aufgestellt sei wie Mercedes und BMW.

Trotzdem macht es aus Diess' Sicht durchaus Sinn, zumindest in Deutschland allein auf den Elektroantrieb zu setzen. Denn anders als die Konkurrenten aus Stuttgart und München verdient der VW-Konzern sein Geld hauptsächlich mit Autos, die eher im Kurz- und Mittelstreckenverkehr unterwegs sind. Distanzen, auf denen der Elektromotor seine ganze Stärke zur Geltung bringen kann. Auf der langen Etappe hingegen sind die großen Limousinen von BMW und Mercedes besser mit einem Hybridantrieb oder auch mit einem modernen Diesel unterwegs.

Natürlich taugt dafür auch ein Golf, doch die Statistiken zeigen, dass die höheren Laufleistungen in den größeren Wagenklassen absolviert werden. BMW und Mercedes würden also empfindlich getroffen, wenn Steuervergünstigungen für Diesel wegfielen, was ihre Gewinnbringer im Unterhalt spürbar verteuern würde. Vor allem die großen Geländewagen und Limousinen werden noch auf Jahre hinaus auf den Diesel angewiesen sein - schon weil sie die von der EU festgelegten Flottengrenzwerte für Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) erreichen müssen.

Komplizierte Gemengelage

Der Konflikt zwischen Massenherstellern wie VW auf der einen und den sogenannten Premiumherstellern auf der anderen Seite bleibt im Kern also bestehen. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann er wieder offen ausbricht.

Denn in der Branche hat inzwischen niemand mehr etwas zu verschenken - trotz der hohen Milliardengewinne, die Daimler und Co. Jahr für Jahr melden. Dafür sind die Kosten für die Vorbereitung auf die Mobilität der Zukunft einfach zu hoch. Der Antrieb macht dabei nur einen Teil aus - die Autos der Zukunft sollen auch noch autonom fahren und die Basis für ganz neue, bisher unbekannte Geschäftsmodelle bieten.

Es fehlt aber nicht nur an Geld und Ideen dafür, wie sich der enorme Aufwand für den Strukturwandel bewerkstelligen ließe. Es fehlt auch an Zeit. Denn die Bundesregierung ist nach einer langen Phase des Laissez-faire gegenüber der Autoindustrie massiv ins Hintertreffen geraten, was ihre Klimaverpflichtungen gegenüber der EU betrifft. Die vom Bundesverkehrsministerium eingesetzte "Plattform Zukunft der Mobilität" hat ausgerechnet, dass die deutschen CO2-Emissionen bis 2030 um mehr als 40 Prozent reduziert werden müssen, um die Vorgaben des Pariser Klimaabkommens zu erfüllen. Experten sind überzeugt, dass dies nur möglich sein wird, wenn bis dahin sieben bis zehn Millionen Elektroautos emissionsfrei auf deutschen Straßen unterwegs sind und die Zahl der Neuzulassungen solcher Fahrzeuge dramatisch ansteigt.

Diese Gemengelage macht es nicht gerade einfach, widerstreitende Interessen immer wieder aufeinander abzustimmen und gegebenenfalls schmerzhafte Kompromisse zu schließen. Zumal Verbandspräsident Mattes nicht gerade als starker Moderator gilt, der die Beteiligten notfalls zu Zugeständnissen zwingen kann.

Und jemand wie Diess wird garantiert auch in der Zukunft zu denen gehören, die zur Not auch mal andere beiseitestoßen.

insgesamt 252 Beiträge
cwa.silvestrin 23.03.2019
1. Diess hat völlig recht!
Herzlichen Glückwunsch an den Autor. Zum hundertsten male die altbackenen deutschen Vorurteile gegenüber der Elektromobilität ausgepackt. "Das Problem ist nur, dass im Grunde noch niemand seriös voraussagen kann, welche [...]
Herzlichen Glückwunsch an den Autor. Zum hundertsten male die altbackenen deutschen Vorurteile gegenüber der Elektromobilität ausgepackt. "Das Problem ist nur, dass im Grunde noch niemand seriös voraussagen kann, welche Antriebstechnologie in der Zukunft die Mobilitätsansprüche der Gesellschaft erfüllen kann, ohne der Umwelt allzu sehr zu schaden." Diese Diskussion ist doch schon lange entschieden! Wenn man die Umwelt schützen will kommen eben nur Elektroautos in Frage. Und dann im Artikel zu argumentieren, dass auf langen Strecken und in großen Autos der Diesel besser sei.... Peinlich sowas noch zu schreiben. Tesla und inzwischen auch Audi e-Tron zeigen doch, dass auch elektrische SUVs wunderbar funktionieren. Für Langstrecke braucht man schlicht und einfach Schnellladeinfrastruktur, etwas das Tesla schon lange hat und ständig ausbaut. Wenn man das Auto in einer halben Stunde aufladen kann, braucht man keinen Diesel mehr! Diess hat das verstanden, deswegen ist seine Forderung völlig gerechtfertigt.
halfbrain 23.03.2019
2. Das war von VW doch etwas zu ...
... offensichtlich 'pro domo', und es war daher zumindest nicht klug. Denn ob die sog. Elektromobilität tatsächlich der Weisheit letzter Schluß ist, ist noch lange nicht ausgemacht: >Aus Sicht von BMW-Chef Krüger kann es [...]
... offensichtlich 'pro domo', und es war daher zumindest nicht klug. Denn ob die sog. Elektromobilität tatsächlich der Weisheit letzter Schluß ist, ist noch lange nicht ausgemacht: >Aus Sicht von BMW-Chef Krüger kann es sich ein Konzern, der überall in der Welt Autos verkaufen will, deshalb gar nicht leisten, eine Antriebsvariante zu vernachlässigen. < Als Übergangsvariante ist zumindest die Hybridtechnik (von der Reichweite) nicht von der Hand zu weisen . Längerfristig ist aus ökologischer Sicht sicher das Thema 'Wasserstoff' außerordentlich aktuell, weill bei anstelle der Speicherung von elektr. Energie aus Wind und Sonne unmittelbar eine Erzeugung von Wasserstoff erfolgen könnte, ohne die überschüssige 'Öko-Energie' in teueren und verlustreichen (Groß-)Batteriespeichern 'zwischenlagern' zu müssen. Unabhänig bzw. ergänzend bin ich allerdings (als Diesel-Fahrer!) der Ansicht, daß die steuerliche Bevorzugung des Dieselkraftstoffes mit sofortiger Wirkung entfallen sollte. Dabei unterstreicht das angeführte Argument, Diesel würde überwiegend als Antrieb von Großfahrzeugen' verwendet, zusätzlich meine Überzeugung: > ... die Statistiken zeigen, dass die höheren Laufleistungen in den größeren Wagenklassen absolviert werden. BMW und Mercedes würden also empfindlich getroffen, wenn Steuervergünstigungen für Diesel wegfielen, was ihre Gewinnbringer im Unterhalt spürbar verteuern würde. Vor allem die großen Geländewagen und Limousinen werden noch auf Jahre hinaus auf den Diesel angewiesen sein - schon weil sie die von der EU festgelegten Flottengrenzwerte für Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) erreichen müssen.
flyte 23.03.2019
3. Ohne hohe Subventionen wird es nicht gehen
Offensichtlich glaubt Herr Diess ja selbst nicht an den Erfolg seiner Strategie, sonst müsste er nicht jetzt schon bei der Politik um Subventionen betteln. Am Ende entscheiden die Kunden. Aktuell ist deren Interesse an E-Autos [...]
Offensichtlich glaubt Herr Diess ja selbst nicht an den Erfolg seiner Strategie, sonst müsste er nicht jetzt schon bei der Politik um Subventionen betteln. Am Ende entscheiden die Kunden. Aktuell ist deren Interesse an E-Autos (unter 2% der Zulassungen) äußerst begrenzt. Ob sich das ändert, ist bei den vielen Nachteilen der batteriegetriebenen E-Autos ziemlich fraglich. Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang übrigens die Äußerungen aus dem gleichen Konzern: Audis Entwicklungschef Hans-Joachim Rothenpieler stellte kürzlich fest, dass erst die Brennstoffzelle die Ablösung vom Verbrennungsmotor ist. Die batteriegetriebenen Autos sieht er offenbar als Übergangslösung.
Haarfoen 23.03.2019
4. ID-Buggy
Man kann nur inständig hoffen, dass die Herren Manager nicht so dümmlich denken, wie dieser Buggy dämlich aussieht. Man muss sich doch schämen, in so einem so sinn- befreiten Mobil abgelichtet zu werden. Daher fürchte ich [...]
Man kann nur inständig hoffen, dass die Herren Manager nicht so dümmlich denken, wie dieser Buggy dämlich aussieht. Man muss sich doch schämen, in so einem so sinn- befreiten Mobil abgelichtet zu werden. Daher fürchte ich Schlimmeres. Weitere Nonsens- Produkte und Protzschleudern, diesmal halt nur mit einem Elektromotor. Wenn BMW Milliarden braucht, um 2 Autos zu entwickeln, dann fragt man sich, wie die Post ihren Lieferwagen mit wesentlich kleinerem Aufwand zusammennageln konnte. Ich glaube nicht, dass die aktuelle Management- Besetzung in der Automobilindustrie in irgendeiner Form zukunftsfähig ist: Der Gesellschaft maximal sparsame, innovative und nachhaltig fahrbare Untersätze zu liefern. Insoweit "Crowd-Funding", die Bürger müssen sich in Zukunft ihre Fahrzeuge selber bauen (lassen), denn diesen Quatsch kann man einfach nicht mehr unterstützen (kaufen),
guru_meditation 23.03.2019
5.
Teslas Autos werden das Klima nicht retten. Sie sind viel zu schwer, um resourceeffzient zu sein. Ich kann mir trotzdem vorstellen, dass sie Spass machen. Die eigentliche Alternative wären super leichte Autos mit Hybridantrieb. [...]
Teslas Autos werden das Klima nicht retten. Sie sind viel zu schwer, um resourceeffzient zu sein. Ich kann mir trotzdem vorstellen, dass sie Spass machen. Die eigentliche Alternative wären super leichte Autos mit Hybridantrieb. An einem elektrischen Motor kommt man dabei nicht vorbei, weil sich nur so die Bremsenergie sinnvoll speichern kann. Akkus sind allerdings viel zu schwer. Daher benötigt man einen weiteren (kleinen Motor, der die Batterie aufläd. So bekommt man aus beiden Welten das Beste. Es ist dann allerdings kein Tonnenschweres Spassmobil, wie Tesla sie baut.

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