Wirtschaft

Weltkrise privat

Berlin sagt Teilnahme am Weltuntergang ab

Der Erde droht die Apokalypse - doch Deutschland macht einfach nicht mit. In Roland Emmerichs Film "2012" spielen Gelsenkirchen, Gülcan und das Kamener Kreuz lediglich eine Nebenrolle. Dabei hätten diese heimischen Attraktionen durchaus ein bisschen Weltuntergang verdient.

Von SPIEGEL-ONLINE-Krisenkolumnist
Dienstag, 17.11.2009   14:23 Uhr

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"2012": Zivilisation? Weg damit!
Mit Besorgnis reagiert die Bundesregierung auf die Enthüllung, dass Ende 2012 die Welt untergeht. Manche Quellen prophezeien, dass uns dann der übel beleumundete Planet Nibiru die Vorfahrt nimmt. Andere sagen, die Erde werde bis dahin mittels solarer Mikrowellen weichgekocht bei etwa 220 Grad. Schuld hat nicht Johann Lafer, sondern der Maya-Kalender. Hinterfragen Sie jetzt nicht die Details, aber schlussendlich wird die gewaltig aufgedunsene Kugel vor sich hinglühen, bis sie platzt und alles Leben und Sein vernichtet. In Deutschland heißt die Apokalypse deshalb Uli Hoeneß.

Das kann aber nicht davon ablenken, dass der geplante Weltuntergang mit den westlichen Verbündeten so nicht abgesprochen war. Besonders betroffen zeigt sich Außenminister Guido Westerwelle. Er hat gerade erst seinen Dienst angetreten und schmiedet umfangreiche Reisepläne. Wo soll er künftig noch staatstragend aus dem Regierungs-Airbus klettern, wenn um uns herum alles ausgelöscht ist?

Die Bevölkerung bleibt gelassen: Man hat dieses Jahr die Finanzkrise überlebt und die Schweinegrippe, Gülcan und Rainer Brüderle. Da muss schon mehr passieren als ein Nibiru. Bis Weihnachten wird Schwarz-Gelb trotzdem ein "Weltuntergangsentschleunigungsgesetz" auf den Weg bringen. Es verbietet generell die Teilnahme der Bundesrepublik an der Abschlussveranstaltung zum Ende des Planeten, das für 21. Dezember 2012 avisiert ist. Der Termin liegt auch deshalb ungünstig, weil die nächsten Bundestagswahlen im Jahr darauf stattfinden.

Manche Attraktionen hätten eine Dem-Erdboden-Gleichmachung verdient

Angesichts der grundgesetzlich verankerten Schuldenbremse hätte Berlin zudem gar nicht mehr die finanziellen Mittel für einen Weltuntergang. Das kostet ja alles Unsummen, wenn man es ordentlich machen will und nicht so husch-husch. Wer soll die Gesamtkosten übernehmen, wenn es nicht mal mehr die Enkel gibt, von denen wir unseren Planeten bekanntlich nur geliehen haben?

200 Millionen Dollar verschlang allein das aktuelle Szenario "2012" des schwäbisch-kalifornischen Dokumentarfilmers Roland Emmerich. Und das war nur eine Simulation. In Emmerichs Film erwischt es wieder einmal überwiegend ausländische Touristenattraktionen wie den Petersdom, Las Vegas und den Himalaja - eine der klassischen Ungerechtigkeiten im Apokalypsen-Geschäft. Noch nie hat man einen Meteoriten in eine Gelsenkirchener Trinkhalle einschlagen sehen oder in eine oberschwäbische Stadtrandlage. Immer nur Weißes Haus, Eiffelturm oder Taj Mahal.

Dabei hätte Deutschland so viele Publikumsmagneten zu bieten: die "Roswithastadt" Bad Gandersheim, das Panzermuseum in Munster, den Maschsee in Hannover. Ganz zu schweigen vom Wattenmeer, das erst kürzlich in die Liste des Weltnaturerbes aufgenommen wurde und seine zurückhaltenden Reize gerade jetzt im Herbst entfaltet. Andere Attraktionen hätten eine zeitlich begrenzte Dem-Erdboden-Gleichmachung verdient: Kamener Kreuz, Mitteldeutscher Rundfunk, Frankfurter Flughafen. Auch der Brocken im Harz harrt noch seiner Erstzerstörung. Diese Chance bekam Deutschland gar nicht erst von der Staatengemeinschaft.

Deshalb wird die Nation am 21. Dezember 2012 tun, was sie an diesem Tag immer tut: Vergessen, die vorletzten Weihnachtsgeschenke einzukaufen. Davon geht die Welt auch nicht unter.

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