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Weltkrise privat

Gottschalk in den Klauen der Wettmafia

Der Fußball-Wettskandal ist vielleicht möglicherweise unter Umständen viel größer als gedacht: Lässt Louis van Gaal seine Bayern absichtlich verlieren? War bereits die Schmach von Cordoba inszeniert? Existiert Günter Netzer überhaupt? Und was hat das alles mit Thomas Gottschalk zu tun?

REUTERS

Thomas Gottschalk: Sechs Richtige kann ja keiner haben

Von SPIEGEL-ONLINE-Krisenkolumnist
Donnerstag, 26.11.2009   11:05 Uhr

Nichts ist mehr sicher, seit 200 gerieten, von einer global operierenden Wettmafia manipuliert worden zu sein. War bereits die Schmach von Cordoba inszeniert? Lässt Bayern-Trainer Louis van Gaal seine Mannschaft seit Monaten absichtlich kaum noch gewinnen, damit Uli Hoeneß auf einer südkoreanischen Wettbüroseite einen zweistelligen Millionenbetrag für die nächsten Spielereinkäufe gewinnen kann? Hat es Günter Netzer jemals gegeben?

Alle sind erschüttert, speziell die Italiener, weil sie ursprünglich nicht auf der Liste der neun verdächtigen Länder standen. Anfang der Woche dann Entwarnung: Es hatten sich auch in Italien erste Verdachtsmomente gefunden. Nun wird südlich von Neapel zügig ein eigener Wettsumpf angelegt. Auch der Weltfußballverband Fifa ist erleichtert: Bislang galt er als die korrupteste Institution im globalen Sportgeschäft. Nun zeigt sich, dass die europäische Basis keinerlei Nachholbedarf hat.

Wahrscheinlich muss nicht nur die Fußballgeschichte umgeschrieben werden. Alle Lotto-Jackpot-Gewinner werden jetzt routinemäßig überprüft. So viel Glück kann ja niemand haben, einfach sechs Richtige zu tippen. "Wetten, dass ..?" ist als unschuldige Show-Idee erledigt. Und ging bei der Bundestagswahl alles korrekt zu? Der Absturz der SPD wirkt im Nachhinein ... noch sind es nur Gerüchte, obwohl die Ermittlungsbeamten landauf, landab umfangreiches Beweismaterial sichergestellt haben: Fußbälle, Sportbekleidung, Bargeld, Handys. Erstaunlich, was Millionen von Bundesbürgern offen daheim herumliegen lassen.

Und das ist erst die "Spitze eines schmutzigen Eisberges", schreibt "Bild". Die Fahnder stießen auf Hinweise, dass in rund 35 Millionen deutschen Haushalten Fernsehgeräte oder Computer stehen, die für Fußballübertragungen und Online-Wetten geeignet sind. Mein lieber Scholli, schmutziger geht der Eisberg kaum noch. Und es werden immer neue Fälle von Drittliga-Akteuren enthüllt, denen Unbekannte beim Training schlechte Tausend-Euro-Kopien zustecken wollten. Meist handelte es sich bei den vermeintlichen Wettmafiosi allerdings um scheinselbständige Aushilfskräfte von Harald Schmidt, Oliver Pocher oder "Titanic". Und Vorsicht: Nicht jeder schlechte Fußballer ist kriminell, manche sind einfach nur schlecht.

Man kann auf alles wetten

Das Frühwarnsystem hätte eben versagt, heißt es, wobei kaum jemand weiß, wie das genau aussah: Nach dem letzten Skandal hat DFB-Chef Theo Zwanziger neben der Wählscheibe seines Bakelit-Telefons eine rote Warnleuchte installieren lassen, die dann aber nie geleuchtet hat. Deswegen fand er die aktuelle Aufregung zunächst übertrieben. Mittlerweile hat man ihn davon überzeugt, dass er alles ganz schlimm finden muss.

"Es gibt einen Kopf, der das steuert", sagte ein Sprecher der Bochumer Polizei. Das ist die eigentliche Sensation. Selbst der DFB winkt ab: Zwanziger sei kein Kopf, eher ein Bauch.

Jetzt wird eine Arbeitsgruppe gegründet. Auch ein Runder Tisch ist im Gespräch. Ein internationaler Wettmafiagipfel könnte folgen, bevor die Zwischenergebnisse an neu geschaffene Unterausschüsse delegiert werden. Die drängendsten Fragen sind zurzeit: Ist die aktuelle Affäre der größte Fußballskandal seit Menschengedenken oder nur der gewaltigste Betrug der Neuzeit? Und auf was kann man sonst noch wetten? Offenbar auf alles, zum Beispiel die Zukunft von Erika Steinbach, die Kopenhagener Luftfeuchtigkeit am fünften Tag des Klimagipfels und Guttenbergs Anzugfarbe beim nächsten Kunduz-Fototermin.

Wer darauf gewettet hat, dass die Wettmafia noch vor Jahresende auffliegt, ist jetzt ein gemachter Mann.

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