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Depressionen

Bluttest kann bei Diagnose helfen

Ist es eine Depression, oder sind es nur Stimmungsschwankungen? Bei Jugendlichen lässt sich der Unterschied schwer feststellen. US-Forscher haben nun einen Bluttest entwickelt, der Depressionen im Jugendalter nachweisen soll. Reif für die Praxis ist die Untersuchung noch nicht.

Corbis

Depression bei Jugendlichen: Ein neuer Bluttest soll die Störung nachweisen

Von Alexandra Jane Oliver
Dienstag, 17.04.2012   18:15 Uhr

Schlechte Laune ist in der Pubertät nichts Ungewöhnliches. Jugendliche haben oft Stimmungsschwankungen und fühlen sich niedergeschlagen. Zwischen Missmutigkeit und einer Depression zu unterscheiden, ist für Mediziner deshalb schwierig. Ein neuer Bluttest soll helfen, Depressionen erstmals objektiv nachzuweisen.

Die gängige Art der Diagnose sei subjektiv und nur von den Aussagen des Patienten und den Einschätzungen des Arztes abhängig, schreiben Wissenschaftler um die Psychiaterin Eva Redei im Fachmagazin "Translational Psychiatry" . Demnach sind viele Jugendliche bei solchen Gesprächen verschlossen, das erschwere die Arbeit der Psychiater enorm.

"Die Behandlung verläuft häufig suboptimal. Das ist, als würde man alle Infektionen pauschal mit einem einzigen Antibiotikum behandeln. Da gäbe es riesige Proteste, im Fall von Depressionen ist so etwas normal", sagt Redei SPIEGEL ONLINE. Wenn die Krankheit nicht erkannt und behandelt wird, kann sie bis ins Erwachsenenalter fortbestehen und chronisch werden. Eine frühe Diagnose könnte künftig eine bessere, individuellere Behandlung möglich machen.

Der Bluttest soll dabei helfen. Elf Biomarker ermöglichten einem Arzt zu entscheiden, ob ein Patient depressiv ist oder nur allgemeine Stimmungsschwankungen hat. 18 weitere Biomarker sollen darauf hindeuten, ob Jugendliche eine reine Depression oder zusätzlich noch eine Angststörung haben.

Forscher ermitteln Biomarker bei depressiven Ratten

Beim Bluttest sind nicht etwa Hormone, sondern die Informationsüberträger von Genen entscheidend. "Es handelt sich aber nicht um einen Gentest", betont Redei. Die Wissenschaftler analysierten nicht die Gene selbst, sondern die Ribonukleinsäure (RNA), also den Informationsüberträger von genetischen Informationen. "RNA nutzt Gene als eine Art Vorlage und wandelt diese im ganzen Körper in Proteine um. Wir haben RNA-Stränge, sogenannte Biomarker, im Blut untersucht."

Welche genetischen Informationen für Depressionen überhaupt relevant sind, haben die Wissenschaftler mit Hilfe von Ratten ermittelt. Sie züchteten jeweils eine depressive und eine gesunde Gruppe und verglichen die Blutwerte. "Die depressiven Ratten hatten kleinere Mengen bestimmter RNA in ihrem Blut", erklärt die Psychiaterin Redei.

Zusätzlich setzten sie die Tiere Stresssituationen aus, um Biomarker zu ermitteln, die auf chronischen Stress hindeuten. Anhand dieser Unterschiede konnten die Wissenschaftler insgesamt 26 genetische Informationsüberträger isolieren. Im Anschluss untersuchten die Forscher das Blut von 14 depressiven und 14 gesunden Jugendlichen auf die gleichen Biomarker.

"Die elf Biomarker, die wir für reine Depressionen gefunden haben, sind womöglich nur die Spitze des Eisbergs", sagt Studienleiterin Eva Redei. Reif für die Praxis sei der Test also nicht. "Wir müssen noch eine größere Studie machen."

Bluttest muss noch genauer werden

Auch der deutsche Experte Andreas Heinz weist darauf hin, dass die Entwicklung des Bluttests noch am Anfang steht: "Die Idee ist zwar spannend, aber es ist noch unklar, ob die Biomarker bei allen Jugendlichen angewandt werden können. Dazu müssten sie an einer größeren Gruppe getestet werden", sagt Heinz, der die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité leitet.

Das Biomarker-Modell könnte außerdem zu komplex sein. "Dann würden einige Patienten, die vielleicht nicht alle Marker aufweisen, durch das Raster fallen. Das müssen die Forscher ausschließen", erklärt Heinz. Ein weiteres Problem sei die Verbindung mit anderen Krankheiten.

Der Studie zufolge treten die Depressions-Biomarker zum Beispiel auch im Zusammenhang mit Alzheimer, Erkrankungen des Immunsystems und Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) auf. "Der Test nützt nur etwas, wenn er klar zwischen einer Depression und anderen Krankheiten unterscheiden kann", betont Heinz.

Die Studienleiterin Redei weist im Gegenzug darauf hin, dass der Bluttest nur eine Ergänzung und kein Ersatz bestehender Diagnostik sei: "Wenn jemand Alzheimer oder eine Immunerkrankung hat, können bestehende Diagnostikmethoden das feststellen. Unser Bluttest könnte zeigen, wenn die Person zusätzlich noch an einer Depression leidet." Trotzdem hofft die Psychiaterin, dass sie in einer größeren Studie Biomarker findet, die speziell auf Depressionen hinweisen.

Heinz sieht den Nutzen des Tests vor allem in der Behandlung. "Wenn er funktioniert, könnten Psychiater so viel besser entscheiden, ob ein Patient zum Beispiel nur eine Psychotherapie oder auch Medikamente gegen seine Depression braucht. Bis die Analyse der Biomarker einwandfrei ist, bleibt der Bluttest aber nur eine innovative Theorie."

Redei verspricht sich vom Test mehr Akzeptanz für Depression als Krankheit: "Viele Jugendliche und ihre Eltern scheuen sich vor einer Behandlung, weil Depressive leicht ausgegrenzt werden. Auch in unserer Studie haben viele Jugendliche die Behandlung verweigert. Mit dem Bluttest würde Depression zu einer Krankheit wie jede andere. Das negative Image könnte sich so auflösen."

Mit Material von dapd

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Krankheit und Verbreitung
Depressionen sind in der Bevölkerung weitverbreitet. Nach epidemiologischen Studien erkranken etwa 5 bis 12 Prozent der Männer sowie 10 bis 25 Prozent der Frauen im Laufe des Lebens an einer Depression. Gemeint sind damit nicht leichte Verstimmungen, sondern psychische Probleme, die behandelt werden müssen.

Geschieht dies nicht, können die Folgen dramatisch sein: Depressionen zählen in Deutschland zu den häufigsten Gründen für Berufsunfähigkeit und werden für einen Großteil der rund zehntausend jährlichen Suizide verantwortlich gemacht.
Ursachen
Die Ursachen der Depressionen sind vielfältig und bleiben bei vielen Patienten unbekannt. Auslöser kann ein Schicksalsschlag sein. Es gibt aber auch Depressionen, die von einem ungelösten, frühkindlichen Konflikt herrühren, der bis ins Erwachsenenalter hineingetragen wird. Auch Medikamente können mitunter eine Depression auslösen: Sie wird als Nebenwirkung bei zahlreichen Arzneien genannt.
Symptome
Der Depressive erlebt eine anhaltend gedrückte und traurige Stimmung, wobei die Symptome am Morgen oft schlimmer sind als abends. Ein wichtiges Symptom sind Schlafstörungen. Die Patienten ziehen sich zurück und verlieren das Interesse an gesellschaftlichen Kontakten und an vielen anderen Dingen des Lebens. Oft kommen Angst und unbegründete Schuldgefühle hinzu sowie das Gefühl völliger Wertlosigkeit.
Therapie
Depressionen gelten allgemein als gut behandelbar. Oft hilft eine Kombination aus modernen Psychopharmaka und Psychotherapie. In manchen Fällen ist auch gezielter Schlafentzug oder eine Lichttherapie sinnvoll. Nach Abklingen der Symptome muss die Behandlung meist für Monate fortgesetzt werden, da ein hohes Rückfallrisiko besteht.
Was können Betroffene tun?
Um aus einer Depression herauszufinden, ist das Wichtigste, sich beispielsweise Hilfe bei einem Arzt, Psychiater, Psychologen oder einer anderen Anlaufstelle zu suchen.

Vielen Patienten hilft es, ihren Tagesablauf zu strukturieren, sagt Angelika Schlarb von der Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Universität Bielefeld. "Es ist wichtig, morgens überhaupt aufzustehen und sich körperlich beziehungsweise sportlich zu engagieren. 30 Minuten schneller Spaziergang helfen dabei so gut wie ein Antidepressivum."

Zudem sollte man sich Aufgaben suchen, die zu bewältigen sind, und Negatives umgehen. Angehörige sollten negative Äußerungen des Depressiven ignorieren und versuchen, auf mögliche positive Tagesereignisse zu sprechen zu kommen.

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe bietet auf ihrer Webseite weitere Informationen zur Krankheit. Um herauszufinden, ob man selbst zu einer Depression neigt, kann als erster Schritt der Selbsttest der Stiftung helfen.

Mit Material von dpa

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