Wissenschaft

Germanwings-Absturz

"Als Prüfer ist man bis zu einem gewissen Grad machtlos"

Co-Pilot Andreas Lubitz flog offenbar absichtlich mit 149 Menschen an Bord gegen eine Felswand. Was hat ihn dazu getrieben? Luftfahrtpsychologe Reiner Kemmler geht von "hohen emotionalen Stressfaktoren" aus.

Laif/ Tim Wegner

Flugpsychologe Reiner Kemmler: Auch Kollegen sind traumatisiert

Ein Interview von SPIEGEL-TV-Autorin Gudrun Altrogge
Samstag, 28.03.2015   17:59 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Wie kann eine Tragödie wie diese passieren?

Kemmler: Das ist auch für uns ein Rätsel. Die Umstände deuten darauf hin, dass kaum eine andere Erklärung übrig bleibt, als dass der Copilot sich umbringen wollte. Aus meiner Sicht muss das krankheitsbedingt gewesen sein. Wobei noch die Frage ist: Ist das eine momentane Einschränkung aufgrund privater oder beruflicher Dinge gewesen oder eine Reaktion, die auf eine anlagebedingte Krankheit zurückzuführen ist.

SPIEGEL ONLINE: Hätte man eine psychische Erkrankung nicht beim Eignungstest feststellen müssen?

Kemmler: Es ist auch Piloten bekannt, dass Depressionen in der Familie ein Ausschlusskriterium für die Fliegerei sind. Deswegen werden alle, die unbedingt fliegen wollen, alles tun, damit das nicht bekannt wird. Jeder Bewerber muss unterschreiben, dass er keine psychische Erkrankung hat. Und wenn er das tut, was wollen Sie machen? Sie dürfen keine Ärzte abfragen. Dafür gibt es gesetzliche Regelungen. Und bei solchen Menschen handelt es sich meist um sehr intelligente Leute. Da sind Sie als Prüfer bis zu einem gewissen Grad machtlos. In diesem Fall gab es eine Pause in der Ausbildung durch eine gesundheitliche Einschränkung. Da wird man auf eine Aufklärung warten müssen.

SPIEGEL ONLINE: Dürfen Piloten nach einer psychischen Erkrankung weiter fliegen?

Kemmler: Bei einer Erkrankung, die heilbar ist, ist das möglich. Da wird einfach noch mal begutachtet, wie es in dem Fall ja auch geschehen ist, und dann darf der Pilot weiter fliegen. Natürlich hängt das Ergebnis davon ab, wie umfassend und tiefgehend die Begutachtung war. Und es hängt davon ab, wie stark die Motivation des Betreffenden war, unbedingt weiter fliegen zu wollen. Wenn das zu seinem Ego, zu seinem Selbstgefühl, zu seinem Narzissmus gehört, dann wird er versuchen, die Erkrankung herunterzuspielen. Das kann man in etwa vergleichen mit Straftätern, die bereitwillig eine Therapie machen, um nachher nicht mehr straffällig zu werden und kaum sind sie entlassen, werden sie rückfällig.

SPIEGEL ONLINE: Kann man denn eine psychische Erkrankung nicht erkennen?

Kemmler: Wenn jemand nicht will, ist das sehr schwer erkennbar, denn die Symptome sind nicht so offensichtlich wie bei einem Beinbruch, sondern sitzen zwischen den Ohren und da kann man nicht hineinsehen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Ziel eines erweiterten Suizids im Gegensatz zu einem selbstbestimmten Suizid?

Kemmler: Normalerweise ist bei einer Depression ein selbstbezogener Suizid zu erwarten. Wenn er erweitert ist, ist es noch dramatischer, weil hier der Verdacht besteht, dass eine akute psychische Krankheit vorliegt, die ganz selten ist, und die darauf hinweist, dass da ein Narzissmus vorlag, den er umwandelt in Aggression und in eine Botschaft: Ich will der Welt mitteilen, was das für mich bedeutet.

SPIEGEL ONLINE: Andreas Lubitz war sein Beruf offenbar sehr wichtig. Warum fliegt er dann ausgerechnet in den Tod?

Kemmler: Das Motiv zu leben ist nicht jedem Menschen gegeben. Es kann durch ein bestimmtes Erlebnis abgelöst werden wie: Ich brauche eine bestimmte Befriedigung. Oder: Das tut mir keiner mehr an, da mach ich Schluss und dann nehme ich noch jede Menge andere Menschen mit, damit deutlich wird, was ich denke und sich etwas verändert. Ich persönlich meine, dass in diesem Verhalten auch eine Art Botschaft steckt. Es hat für mich Ähnlichkeit mit einem Amoklauf, einer der schlimmsten kriminellen Taten.

SPIEGEL ONLINE: Was könnte der Auslöser gewesen sein?

Kemmler: Eine ungerechte Behandlung zum Beispiel. Vielleicht wurde eine Zielvorstellung nicht erfüllt, oder es gab eine Enttäuschung. Es lagen vermutlich hohe emotionale Stressfaktoren vor. Man kann in diesem Fall nicht zugrunde legen, was man allgemein über Stress weiß, weil das für Menschen sehr individuell ist. Es gibt drei große bekannte Fälle von erweitertem Suizid in der Luftfahrt. In allen drei Fällen war eine Psychose der Grund.

SPIEGEL ONLINE: In diesem Fall auch?

Kemmler: Um das zu bewerten, muss man noch weitere Ergebnisse abwarten. Gab es einen Abschiedsbrief? Wie ist die Familiengeschichte, gab es eine anlagebedingte Depression? Eine solche Depression kann man mit Medikamenten bekämpfen, aber durch die Nebenwirkungen wäre man nicht mehr flugtauglich. Das heißt, der Beruf ist weg. Und Fliegen bedeutete ja wohl alles für den jungen Mann. Eine extreme Motivation kann genauso gefährlich sein wie eine zu geringe.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Kemmler: Eine extreme Leistungsmotivation bedeutet, dass ich mich nicht zufrieden gebe mit dem Potenzial, das ich habe, sondern ich will immer mehr und mehr und mehr. Wenn Sie so wollen, ist das eine Art Gier nach mehr und besserer Leistung - des Erfolges wegen. Und wenn ich das nicht erreichen kann, bin ich ganz schnell frustriert. Und aus der Frustration wird Wut und Aggression, und die lasse ich dann auf eine destruktive Art und Weise heraus. Da ist natürlich auch ein Stück Verzweiflung dabei: Wenn ich das nicht kriege, was ich brauche, dann ist es mir auch wurscht, wenn ich nicht weiterlebe, und es ist mir auch wurscht, wenn andere dadurch zu Schaden kommen. Dann wird man wenigstens erkennen, wie wichtig das für mich war. Das ist das Narzisstische daran.

SPIEGEL ONLINE: Könnte der Absturz geplant gewesen sein?

Kemmler: Ich denke, der Ablauf zeigt - mir zumindest - dass es so geplant war. Es gab doch einige wichtige Schritte, die zu erledigen oder eben nicht zu machen waren, und er hat praktisch auf die Gelegenheit gewartet, dass solche Umstände eintreffen. Hier bot sich das Gebirge an. Unter anderen Bedingungen wäre es vielleicht die See gewesen. Ohne Planung geht es nicht. Da gibt es ja auch noch den Mechanismus mit der Tür, die man verriegeln muss. Und dass der andere Pilot auf Toilette muss, das kann man nicht planen. Wie lange im Voraus geplant wurde, kann man schwer sagen. Aber sicher einige Wochen.

SPIEGEL ONLINE: Welche psychischen Auswirkungen hat die Tat auf die Kollegen?

Kemmler: Viele sind jetzt sehr irritiert, wie ich gehört habe. Das geht bei einem so traumatischen Ereignis wie diesem soweit, dass sich die Kollegen schämen, dass so etwas passiert ist. Weil es dem Ansehen des Berufes schadet.

Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Hier finden Sie - auch anonyme - Hilfsangebote in vermeintlich ausweglosen Lebenslagen. Per Telefon, Chat, E-Mail oder im persönlichen Gespräch.

Sendehinweis: Mehr zum Thema im SPIEGEL-TV-Magazin, Sonntag 22.30 Uhr auf RTL.

Anmerkung der Redaktion:

Nachdem wir den Nachnamen des Co-Piloten zunächst abgekürzt haben, schreiben wir ihn nun, wie der SPIEGEL, aus. Die bisher veröffentlichten Ergebnisse der Ermittler lassen keine Zweifel zu: Andreas Lubitz führte diese Katastrophe herbei, aus welchen Gründen er auch immer handelte. Der Pressekodex fordert für eine identifizierende Berichterstattung, es müsse "eine außergewöhnlich schwere oder in ihrer Art und Dimension besondere Straftat" vorliegen. Diese Voraussetzung sehen wir erfüllt.

Was wir auf SPIEGEL ONLINE auch weiterhin nicht zeigen, sind Nahaufnahmen von Angehörigen der Opfer. Denn dafür gibt es, solange die Personen nicht von sich aus an die Öffentlichkeit gehen, keinen Grund. Wir respektieren ihre Privatsphäre.

insgesamt 161 Beiträge
_alexander_ 28.03.2015
1. Ein interessantes Interview und...
trotzdem irgendwie befremdlich, denn "US-Luftfahrtbehörde zeichnete Lubitz aus +++ Die US-Luftfahrtbehörde FAA hat den Germanwings-Copiloten Andreas Lubitz im September 2013 mit Auszeichnung in ihre Datenbank [...]
trotzdem irgendwie befremdlich, denn "US-Luftfahrtbehörde zeichnete Lubitz aus +++ Die US-Luftfahrtbehörde FAA hat den Germanwings-Copiloten Andreas Lubitz im September 2013 mit Auszeichnung in ihre Datenbank aufgenommen - als Beispiel für einen besonders tauglichen und gut ausgebildeten Piloten. Die Datenbank beinhaltet Piloten, die die Standards der FAA erreichen oder sogar übertreffen. Die Anforderungen gehören zu den höchsten der Welt."
mac4me 28.03.2015
2. Teufelskreis
Am wahrscheinlichsten erscheint mir, daß A.L. in einen Teufelskreis geriet: er wußte, daß die Depression seinen Zraum vom Fliegen gefährdete, daß er sogar seinen heißgeliebten Beruf gefährdete, und das drückte ihn um so [...]
Am wahrscheinlichsten erscheint mir, daß A.L. in einen Teufelskreis geriet: er wußte, daß die Depression seinen Zraum vom Fliegen gefährdete, daß er sogar seinen heißgeliebten Beruf gefährdete, und das drückte ihn um so tiefer in die Depression. Und irgendwann war ihm dann alles egal, für einen Narzisten zählen außer ihm selbst sowieso andere Menschen nicht - die sind Mittel zum Zweck. Und hier waren sie das auf eine ungeheuer schreckliche Weise ja auch.
londonpaule 28.03.2015
3. abwarten....
nachdem das allgemeine informationsbeduerfnis erst einmal befriedigt ist, sollte man sich vor voreiligen spekulationen nun sehr hueten!! fakt ist/scheint zu sein, dass nur ein pilot im cockpit war, der copilot noch am leben war [...]
nachdem das allgemeine informationsbeduerfnis erst einmal befriedigt ist, sollte man sich vor voreiligen spekulationen nun sehr hueten!! fakt ist/scheint zu sein, dass nur ein pilot im cockpit war, der copilot noch am leben war und die tuer -aus welchen gruenden oder unter welchen umstaenden auch immer- blockiert hat; ferner das flugzeug in einen sinkflug scheinbar auf autopilot umgeschaltet hat. bis dahin sollte man erstmal die weiteren fakten abwarten...dieser fall ist so extrem und a priori auch extrem unwahrscheinlich dass man eigentlich nur wenig ausschliessen kann, wie auch zb eine psychosomatische stoerung des co-piloten, anstelle eines suizids....
Konstruktor 28.03.2015
4.
Da sehe ich keinen notwendigen Widerspruch, denn dabei werden seine psychologischen Probleme nicht bekannt gewesen sein. Rein fliegerisch und vom Ehrgeiz her hatte er ja scheinbar keine Probleme, soweit bisher bekannt ist. [...]
Zitat von _alexander_trotzdem irgendwie befremdlich, denn "US-Luftfahrtbehörde zeichnete Lubitz aus +++ Die US-Luftfahrtbehörde FAA hat den Germanwings-Copiloten Andreas Lubitz im September 2013 mit Auszeichnung in ihre Datenbank aufgenommen - als Beispiel für einen besonders tauglichen und gut ausgebildeten Piloten. Die Datenbank beinhaltet Piloten, die die Standards der FAA erreichen oder sogar übertreffen. Die Anforderungen gehören zu den höchsten der Welt."
Da sehe ich keinen notwendigen Widerspruch, denn dabei werden seine psychologischen Probleme nicht bekannt gewesen sein. Rein fliegerisch und vom Ehrgeiz her hatte er ja scheinbar keine Probleme, soweit bisher bekannt ist. Er hat seine Probleme ja auch offenbar aktiv unter der Decke gehalten (u.a. seine Krankschreibungen zerrissen und weggeworfen, anstatt sie bei der Fluglinie einzureichen). Diese Auszeichnung unterstreicht letztlich ja auch nochmal die Schwierigkeit, die mentale und seelische Stabilität einer Person zuverlässig zu beurteilen. Wenn die Berichte über Aussagen seiner Ex-Freundin zutreffen, gab es im Privatbereich ja durchaus Warnzeichen. Aber es ist auch nicht so einfach, dann eben z.B. strafbewehrt zu verlangen, daß der Pilot denunziert werden muß, wenn irgendetwas auffallen sollte, denn dann sind ganz schnell auch Karrieren durch rachsüchtige oder mißgünstige Leute aus dem Privatbereich zerstört, oder durch mal eine unbedachte oder auch nur falsch interpretierte Äußerung des Betroffenen selbst. Rein theoretisch könnten diese jetzigen Aussagen durchaus auch nur nachträgliche Rufschädigung sein, auch wenn man das vielleicht eher für unwahrscheinlich halten kann. Aber das wirklich einzuschätzen ist eben die Crux mit privat-persönlichen Aussagen...
michael1971 28.03.2015
5. Gutes Interview..
daß so ein Fall nicht wirklich auszuschließen ist, da man nicht in den Kopf hineinsehen kann. Die unmittelbare Reaktion der Fluggesellschafen, daß jetzt immer mindestens zwei im Cockpit anwesend sein müssen, finde ich eine [...]
daß so ein Fall nicht wirklich auszuschließen ist, da man nicht in den Kopf hineinsehen kann. Die unmittelbare Reaktion der Fluggesellschafen, daß jetzt immer mindestens zwei im Cockpit anwesend sein müssen, finde ich eine gute Reaktion, und ich fühle mich sicherer, wenn das Leben als Passagier nicht nur von einer Person abhängt..
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Regel bestand vor Absturz bei indischen Fluglinien (Regel vorgeschrieben), Singapore Airlines
Ozeanien
Regel angekündigt/jetzt eingeführt Neuseeland, Australien

Die Liste ist nicht vollständig und gibt den derzeitigen Kenntnisstand wieder (27. März, 18.30 Uhr)

Notfallnummern Germanwings-Absturz

Auswärtiges Amt
030 / 50 00 30 00
Flughafen Düsseldorf
0800 / 77 66 350
Germanwings
0800 / 11 33 55 77
Flughafen Barcelona
0034 / 900 808 890

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