Wissenschaft

Studie

So zerstören sich Krebszellen selbst

Krebszellen dürfte es eigentlich gar nicht geben, doch sie entfliehen den Sicherheitsmechanismen des Körpers. Nun haben Forscher Tumorgewebe von Mäusen in den Selbstmord getrieben.

Science Photo Library/ Getty Images

Blutzellen attackieren eine Krebszelle: Zum Selbstmord angeregt

Von
Donnerstag, 11.07.2019   18:25 Uhr

Das Problem liegt in den Genen. Sie steuern, wie stark sich Zellen im Körper vermehren. Nimmt das überhand, entsteht Krebs.

Mit einer Chemotherapie können Mediziner die entarteten Zellen aufhalten. Die Therapie verhindert, dass sich die Krebszellen teilen und der Tumor wächst. Weil die Medikamente die Zellteilung im gesamten Körper einschränken, kann die Therapie allerdings starke Nebenwirkungen haben. Der Wirkmechanismus ist auch dafür verantwortlich, dass Patienten die Haare ausfallen.

Forscher arbeiten seit Jahren daran, Alternativen zur Chemotherapie zu finden. Ein Ansatz ist es, Krebszellen so zu manipulieren, dass sie sich selbst zerstören. In Experimenten mit menschlichen Krebszellen und in Mäusen ist das nun gelungen, berichten Forscher um Feven Tameire von der University of Pennsylvania im Fachmagazin "Nature Cell Biology".

Ziel der Wissenschaftler war das Gen MYC. Es reguliert, in welchem Tempo Zellen wachsen und sich vermehren. Mutiert es, führt das zu einer Kettenreaktion, die Zellen unkontrolliert wuchern lässt, sodass bösartige Tumore entstehen können. Kontrollmechanismen, die eigentlich dafür sorgen, dass solche entartete Zellen absterben, funktionieren dann nicht.

Übertragbarkeit auf den Menschen unklar

Um die Krebszellen in den Selbstmord zu treiben, blockierten die Forscher MYC über einen Umweg. Statt das Gen direkt abzuschalten, was bisher nicht möglich war, hemmten sie das Protein ATF4. Dieses ermöglicht es den Zellen erst, MYC abzulesen und somit das Wachstum der Zelle zu steuern. Fehlt ATF4, kann MYC die Zellen nicht weiter zum Wachsen und zur Teilung anregen. Stattdessen produziert die Zelle aber große Mengen eines Proteins - bis sie daran zugrunde geht.

MEHR ZUM THEMA

Die Forscher testeten den Mechanismus an einem Dutzend von Mäusen mit Dickdarm- und Lymphknotenkrebs. Konnten die Tiere kein ATF4 herstellen, entwickelte sich ihr Krebs nicht weiter. Das Verfahren wurde in isolierten, menschlichen Brust-, Darm- und Blutkrebszellen erfolgreich getestet. Ob es in einem vollständigen menschlichen Organismus genauso funktioniert, wissen die Forscher allerdings noch nicht.

Hoffnung macht ihnen, dass Medikamente, die die Produktion von ATF4 hemmen, bereits zugelassen sind. "Wir untersuchen aber noch, welche Nebenwirkungen es hat, ATF4 in Krebszellen zu blockieren", sagt Forscherin Tameire, die den Sachverhalt für ihre Doktorarbeit untersucht hat.

In Tierstudien und Zellkulturen finden Forscher immer wieder Ansätze, Krebserkrankungen zu behandeln. Bis die Erkenntnisse im Menschen angewendet werden können, dauert es in der Regel aber viele Jahre. Zunächst muss sichergestellt werden, dass die Therapie wirklich funktioniert und keine unkalkulierbaren Gefahren birgt. Einige Ansätze stellen sich auch als unbrauchbar heraus, wenn sie genauer geprüft werden.

Hinzu kommt, dass sich Krebserkrankungen stark unterscheiden. So funktioniert der nun entdeckte Mechanismus auch nur in Zellen, deren übermäßiges Wachstum auf MYC zurückzuführen ist.

Mehr im Internet

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP