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Pillen für die ewige Jugend

Mit neuen Wunderpillen versuchen Forscher, das Alter zu überlisten. Außerdem in den Forschungsnachrichten aus den USA: Das Wettrennen um den ersten Quantencomputer und der große, angesehene Dealer inmitten der schlimmsten Drogenkrise der USA.

Getty Images

Aus Boston berichtet
Montag, 30.10.2017   10:28 Uhr

+++ Schlimmste Drogenkrise in den USA +++

Seit Donnerstag herrscht hier in den USA offiziell der "nationale Gesundheitsnotstand". Ausnahmsweise wählte US-Präsident Donald Trump zu Recht einen Superlativ, als er den Grund dafür nannte: "Wir erleben die schlimmste Drogenkrise der amerikanischen Geschichte."

Mit der Drogensucht verhält es sich wie mit einer ansteckenden Krankheit: Seit Mitte der Neunzigerjahre breitet sie sich in Amerika epidemisch aus. Jahr für Jahr steigt die Zahl der Drogentoten, auf inzwischen mehr als 50.000 im Jahr.

Wer eine Seuche bekämpfen will, der muss nach den Erregern suchen. Diese Rolle spielen im Fall der amerikanischen Drogenkrise die ärztlichen Verschreibungen für Opiate. Ihre Zahl stieg in gespenstischem Gleichtakt mit derjenigen der Drogentoten.

Seuchenmediziner wissen: Stoppen lässt sich eine solche Epidemie nur, wenn es gelingt, die Infektionswege zu kappen. Das heißt: den Ärzten die fahrlässigen Verschreibungen und den Pharmafirmen die aggressive Vermarktung dieser hochgradig suchterzeugenden Mittel zu verbieten.

Leider sieht es nicht so aus, als wolle die US-Regierung dieser Logik folgen. Trump meint, es reiche, den jungen Menschen zu sagen, dass sie die Finger von den Drogen lassen sollen. Bombastisch wie immer kündigte er eine nie dagewesene Werbekampagne an: "Echt hart, echt groß, echt großartig." Trump offenbart damit vor allem eines: dass er von der Drogenkrise in den USA gar nichts verstanden hat.

+++ Amerikas größte Drogendealer-Dynastie +++

Und dann ist da noch ein Missverständnis: Trump glaubt, mit dem Bau einer Grenzmauer könne er den Nachschub von Drogen aus Mexiko verhindern. Er lässt dabei außer Acht, dass die eigentlichen Drogenbarone hochgeachtet diesseits der Grenze sitzen. Wer sich für ihre wahrhaft staunenswerte Geschichte interessiert, der kann sie in der jüngsten Ausgabe des "New Yorker" nachlesen.

Der Name der größten Drogendealer-Dynastie Amerikas ist auch deutschen Kulturbürgern wohl vertraut: Sackler, so wie die Sackler-Galerie in Washington oder der Sackler-Flügel des Metropolitan-Museums in New York. Die Familie zählt zu den reichsten Amerikas, in der Forbes-Liste steht sie noch vor den Rockefellers. Berühmt sind die Sacklers als großzügige Spender, die sich um Kunst, Medizin und Wissenschaft verdient gemacht haben.

Weniger bekannt ist, womit sie das märchenhafte Vermögen angehäuft haben, mit dem sie die Welt beglücken: Es stammt zum größten Teil aus dem Verkauf eben jener Opiate, die Amerika nun den "nationalen Gesundheitsnotstand" bescheren. Auf 35 Milliarden Dollar werden die Erträge geschätzt, die das Sackler-Unternehmen Purdue mit seinem Schmerzkiller Oxycontin gemacht hat. Von solchen Gewinnen können selbst mexikanische Drogenkartelle nur träumen.

+++ Wettrennen um den ersten Quantencomputer +++

In der Rangliste spookiger Zukunftsvisionen steht der Quantencomputer weit oben, gleich hinter dem Zeitreisenportal und dem Teletransporter. Doch anders als jene scheint es, als stehe er kurz davor, Wirklichkeit zu werden.

Vor zwölf Jahren habe ich in einer SPIEGEL-Titelgeschichte beschrieben, wie atomare Einheiten, sogenannte "qbits", gewaltige Rechenpower entfalten können, sofern es gelingt, sie miteinander zu verkoppeln. Es ist erstaunlich, wie sich seither die Tonlage verändert hat: Damals waren die ersten Bastler in den Physiklabors dabei, Atomen das Rechnen beizubringen. Heute haben sich die Großkonzerne der Sache angenommen.

Vor allem Google und IBM leisten sich ein Wettrennen um den ersten Quantenrechner, der herkömmlichen Computern zunächst bei der Lösung sehr spezieller Probleme überlegen ist. Erst schien es, als habe Google die Nase vorn. Die Techniker des Konzerns hatten angekündigt, das Ziel noch in diesem Jahr erreichen zu können. Nun haben die Konkurrenten von IBM ihnen einen Dämpfer versetzt - doch nur, indem sie die Leistung ihrer herkömmlichen Rechner noch gesteigert haben, sodass der Weg bis zur sogenannten "Quantenüberlegenheit" ein bisschen weiter geworden ist.

Für lange wird sich der Siegeszug der Quantencomputer so nicht aufhalten lassen. Bizarr allerdings: Niemand vermag abzuschätzen, was eigentlich passiert, wenn die Physiker die Rechenkraft der Atome entfesseln. Gut möglich, dass dann eine ganz neue Generation künstlicher Intelligenz die Bühne betritt. Möglich aber auch, dass außer ein paar Fachleuten niemand etwas merkt von der Verwirklichung des großen Physikertraums.

+++ Traum von der ewigen Jugend +++

Neuigkeiten gibt es noch einen zweiten Forschertraum betreffend: Wissenschaftler unternehmen einen weiteren Versuch, ein Jungbrunnenelixier zu finden. Sie bereiten erste klinische Versuche mit sogenannten Senelytica vor.

Das sind Substanzen, die gezielt gealterte Zellen im Körper ausmerzen. Vor zwei Jahren wurde der erste dieser Wirkstoffe entdeckt. Inzwischen sind schon 14 Senelytica beschrieben. Rund ein halbes Dutzend Biotech-Firmen, die meisten von ihnen in Kalifornien, haben sich daran gemacht, sie als Medikamente gegen Altersleiden nutzbar zu machen.

Im Mäuseversuch gibt es bereits Erfolge zu vermelden. Nach einer Behandlung mit Senelytica blieben Herz und Nieren der Versuchstiere länger jugendfrisch, und ihre Lebensspanne verlängerte sich um 25 Prozent. Was allerdings bei Mäusen funktioniert, muss beim Menschen noch lange nicht klappen.

Im April habe ich für den SPIEGEL eine Titelgeschichte zum Thema geschrieben. Bei der Recherche schien es mir, als sei ich auf eine Art Naturgesetz gestoßen: Nie wird die Unsterblichkeit Wirklichkeit werden, doch ebenso gewiss ist, dass die Menschen nie aufhören werden, von ihr zu träumen.

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