Wissenschaft

Erste Nationale Krebskonferenz

Ulla Schmidt will umstrittene Früherkennung ausweiten

Krebs früh erkennen und Todesfälle vermeiden: Screenings auf Brust-, Darm oder Gebärmutterhalskrebs sollen Leben retten. Gesundheitsministerin Schmidt will in Zukunft noch mehr Gesunde untersuchen lassen. Doch Experten bezweifeln den Nutzen der Vorsorgeuntersuchungen.

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Dienstag, 23.06.2009   16:48 Uhr

Berlin - Es ist nicht nur die Krankheit der Gegenwart sondern vor allem der Zukunft: An Krebs werden nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO schon bald mehr Menschen sterben als an Herz-Kreislauf-Krankheiten. Mit mehr Früherkennungs-Untersuchungen und qualitätsgesicherter Therapie sollen Ärzte ihren Patienten in Deutschland in Zukunft besser helfen können - das ist zumindest der Wille von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD), die am Dienstag rund 300 Experten zu der ersten Nationalen Krebskonferenz versammelte.

In Deutschland erkranken jedes Jahr rund 436.000 Menschen neu an Krebs, etwa 211.000 sterben jährlich daran. Die meisten haben einen langen Leidensweg hinter oder vor sich - von der Diagnose bis zur Therapie. Die Angst vor dem Tod und die Hoffnung auf Heilung werden für sie zu ständigen Begleitern.

Doch nicht jedes Urteil des Arztes ist richtig, nicht jede Behandlung für einen Kranken die beste. Erst kürzlich hat etwa eine Untersuchung der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie ergeben, dass nur jede dritte Eierstockkrebs-Patientin im Frühstadium der Erkrankung und ungefähr jede zweite im Spätstadium die richtige Therapie bekommt.

Für den Krebskranken ist es schwierig, zwischen veralteter und neuer Therapie zu differenzieren oder den spezialisierten Arzt von einem nur mittelmäßigen Mediziner zu unterscheiden. Um die Überlebenschancen dennoch für alle Betroffenen zu verbessern, gibt es seit 2008 den Nationalen Krebsplan des Bundesgesundheitsministeriums, der Deutschen Krebshilfe, der Deutschen Krebsgesellschaft und der Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Tumorzentren. Der Plan sieht vor, die Qualität der onkologischen Versorgung, die Früherkennung und die Patientenorientierung zu stärken.

Aufklärung mit unverständlichen Zahlen

Eines der jetzt in Berlin erklärten wichtigsten Ziele ist, mehr Menschen zur Teilnahme an Früherkennungsuntersuchungen zu motivieren. Doch genau das ist unter Experten umstritten. "Das Ziel darf nicht sein, Teilnehmerzahlen zu erhöhen", meint Gerd Gigerenzer, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. "Man sollte den Menschen alle Informationen klar und in verständlicher Form zur Verfügung stellen, damit sie eine informierte Entscheidung treffen können und sie nicht bevormunden."

Bei der Mammographie handelt sich um eine flächendeckende Reihenuntersuchung von 50- bis 69-Jährigen, die alle zwei Jahre schriftlich eingeladen und dann mit Röntgenstrahlen auf Brustkrebs untersucht werden. Das Versprechen der Befürworter dieser Methode: Mit dem Screening sinkt die Sterblichkeit um 30 Prozent.

"Diese Zahl führt viele Frauen in die Irre", sagt Gigerenzer im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Viel verständlicher sei es zu erklären: Von 1000 Frauen, die zum Screening gehen, sterben vier Frauen an Brustkrebs, von 1000 Frauen, die nicht zum Screening gehen, sterben fünf. "Diese klare Aussage findet man in den meisten Aufklärungsbroschüren nicht", kritisiert der Psychologe. Dazu kommen die Fehlalarme und die darauf folgenden überflüssigen Operationen, Bestrahlungen oder sogar Brustamputationen. "Von zehn Frauen, die einen verdächtigen Befund in der Mammographie haben, ist nur eine an Brustkrebs erkrankt", erklärt Gigerenzer.

Ärzte halten Kritikern jedoch entgegen, dass jedes gerettete Menschenleben den Aufwand wert sei. Viele Frauen entscheiden sich für die Mammographie, weil sie die eine unter den 1000 Frauen sein könnten, die von der Vorsorge profitiert.

Und auch Ulla Schmidt ist von der Art und Weise der Brustkrebs-Untersuchung überzeugt. Sie sagte auf der Konferenz: "Wir haben in Deutschland erfolgreich ein flächendeckendes organisiertes Mammographie-Screening für über 10 Millionen Frauen eingeführt, das höchsten Qualitätsanforderungen genügt. Nach diesem Vorbild werden wir auch die bestehenden Früherkennungsprogramme für Gebärmutterhalskrebs und Darmkrebs organisatorisch weiterentwickeln."

Noch mehr Screening

Beim Darmkrebs allerdings zielt die Initiative unter anderem auf die Ausweitung der Darmspiegelungen ab, die in großen Werbekampagnen von Prominenten wie Michael Schumacher oder Wladimir Klitschko propagiert werden. Der Nutzen der Untersuchung ist jedoch nicht bewiesen, meint Gigerenzer: "Ob Koloskopie-Screening tatsächlich Menschenleben rettet, ist noch völlig unklar. Hingegen wissen wir, dass es schwerwiegende Komplikationen wie Blutungen oder sogar Todesfälle nach sich ziehen kann."

Auch die Internistin Ingrid Mühlhauser, die an der Universität Hamburg Gesundheitswissenschaften lehrt, wehrt sich gegen die übertriebenen Heilsversprechen mancher Kollegen. "Meine feste Überzeugung ist, dass der Schaden der Darmspiegelung den Nutzen bei weitem aufwiegt. Deshalb ist die Kampagne zur Darmspiegelung verantwortungslos", lautete Mühlhausers hartes Fazit im SPIEGEL.

Ebenso skeptisch betrachten Experten das Vorhaben, die Früherkennungs-Untersuchungen auf Gebärmutterhalskrebs auszubauen. Im Informationspapier zur Nationalen Krebskonferenz heißt es: "Maßgeblichen Einfluss auf die Effektivität eines Screeningprogramms hat die Teilnahmerate. Die Teilnahme an einem organisierten Screeningprogramm könnte durch ein persönliches Einladungsschreiben erhöht werden, da hierdurch auch bisherige Nicht-Teilnehmerinnen und Frauen, die unregelmäßig teilnehmen, besser erreicht würden."

Doch reicht es allein, bei immer mehr Frauen immer häufiger Abstriche zu machen und sie so auf Gebärmutterhalskrebs zu untersuchen? Angela Spelsberg, Leiterin des Tumorzentrums Aachen, meinte dazu im SPIEGEL: "Die Gynäkologen in Deutschland machen fünfmal so viele Abstriche wie im europäischen Durchschnitt, dennoch sterben bei uns mehr Frauen an Gebärmutterhalskrebs. Das ist eigentlich ein schlechter Witz."

Und die Liste ist noch länger: Mittlerweile gibt es Reihenuntersuchungen auf Hautkrebs ebenso wie das bereits seit langem umstrittene Prostatakrebs-Screening, bei dem der sogenannte PSA-Wert bestimmt wird. 2008 lagen die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für Früherkennungsuntersuchungen bei 1,21 Milliarden Euro. In Zukunft werden sie vermutlich deutlich höher liegen.

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